Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- Fragment Nr. 2 Einzelnummer = Pariser Ausgabe (17.3.1939)
- Date
- 1939-03-17
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2, 17. III. 1939 Seite 9 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU WARTEZEIT AUF CUBA Ein Brief aus. Habana Habana (Cuba), im Februar Mit grosser Freude haben wir hier erfahren, dass die „Jüd. Welt-Rundschau“ in Jerusalem als Verbindungsglied der in alle Welt verstreuten deutschen Juden wieder gegründet wurde. Viel Glück und guten Erfolg! Hier in Habana warten Hunderte sehnsüchtig auf das Erscheinen, erhoffen Nachrichten über ihre vermissten Verwandten und Freunde und Informationen über die Möglichkeiten, weiterzuwandern. Denn darüber muss sich jeder Ankömmling hier klar sein: Cuba bietet ihm gastfreundlich eine Zuflucht, aber keine Existenz. Denn wegen der schweren Wirtschaftskrise und der vielen Arbeitslosen hat seine Regierung die Beschäftigung aller Ausländer als Angestellte und Arbeiter verboten und nur ganz wenige Spezialisten konnten ausnahmsweise Arbeitsgenehmigung erhalten. Leider werden diese meist qualifizierten Arbeitskräfte manchmal von ihren (jüdischen) Arbeitgebern sehr ausgenutzt. Eine selbständige Existenz hat hier noch kaum jemand finden können, wenn man von kleinen Pensionen und dem Hausierhandel absieht. Aller Augen sind nach U.S.A. gerichtet, von dem man eine Verbesserung der Einwanderungsmöglichkeit erhofft und das tägliche, zermürbende Gesprächsthema ist die „Quote“ und der Stand der „Warteliste“. Wenn der Einwanderer bei der weltberühmten Einfahrt von Habana bewundernd seinen Blick umherschweifen lässt, weiss er in den seltensten Fällen, dass ihm trotz Erfüllung aller Einwanderungsformalitäten ein kurzer Aufenthalt auf Triscomia, dem hiesigen „Ellis Island“, erwartet. Aber nach kurzer Zeit — längstens einigen Tagen — ist dank der unermüdlichen Arbeit des Joint Relief Committee auch dies überwunden und er kann auf atmend als freier, aufrechter Mensch Habana betreten, das ihm früher als unerfüllbarer Traum schien. Wenn die Hetze der ersten Tage (Wohnungssuche, Meldung beim amerikanischen Konsulat und den jüdischen Organisationen) vorüber ist, wird er mit offenen Sinnen die Schönheiten Habanas, seine Flora, den wunderbaren Strand und das herrliche Klima seines tropischen Winters aufnehmen. Cuba hat heute etwa 4 Millionen Einwohner, von denen etwa eine Million in seiner Hauptstadt Habana leben. Etwa 12 000 Juden davon zirka 7000 in Habana. Der Rest lebt in den grösseren oder kleineren Städten der Insel, nur einige wenige wohnen auf dem Lande. Sie betätigen sich meist in Handel und Industrie, viele der Ärmeren als Handwerker, kaum in der Landwirtschaft, obwohl einige Zucker- oder Tabakplantagen besitzen. Unter den einheimischen Juden lassen sich deutlich drei Gruppen unterscheiden, die leider miteinander rivalisieren. Wirtschaftlich am stärksten die vor etwa 35 Jahren über Amerika eingewanderten Juden, deren Ursprungsland Rumänien, Polen und teilweise auch Portugal ist. Sie besitzen meistens noch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zahlenmässig am stärksten sind die nach dem Kriege aus Polen, Russland und auch der Türkei eingewanderten Juden, die sich meistens als Ladenbesitzer, Handwerker oder Hausierer schlecht und recht ernähren. Sie sind seinerzeit völlig mittellos hier angekommen, und die damals schon gesicherten amerikanischen Juden haben ihnen in bewunderungswürdiger Weise geholfen. Mittelpunkt der amerikanischen Juden ist die United Hebrew Congregation, mit dem kleinen Tempel im Villenvorort Vedado. (Amerikanischer fortgeschrittener Ritus.) Sammelpunkt der orthodoxen Juden ist das Centre Is~ raelito mit zwei streng orthodoxen Synagogen (Russischpolnischer Ritus) und einem türkischen Tempel. Es gibt zwei kleine jüdische Schulen, davon ist eine zionistisch. Einige kleinere Vereine, darunter ein zionistischer, stellen den Mittelpunkt des hiesigen( sehr dürftigen) jüdischen Lebens dar. Eine jiddische Zeitung erscheint zweimal wöchentlich. . Jetzt befinden sich schö^ fast 2000 Emigranten aus Deutschland hiervon denen etwa der vierte Teil eine wöchentliche. Unterstützung durch das „Joint Relief Committee“ erhält. Mehr als die Hälfte der für alle diese Unterstützungszweeke nötigen Mittel kommt aus U.S.A., da selbst bei bestem Willen diese riesige Last für die Hiesigen auf die Dauer zu gross wäre. Sprachkurse in Spanisch und Englisch, Aufenthaltsräume mit Zeitschriften, gelegentliche Abende mit musikalischen Darbietungen und auch kulinarischen Genüssen, versuchen den Emigranten über die Trostlosigkeit der erzwungenen Untätigkeit hinwegzuhelfen. Wenn der Ankömmling erfährt, dass er nach dem heutigen Stand der Dinge wahrscheinlich drei bis vier Jahre zu warten hat, bis er ein Visum für U.S.A. bekommen dürfte, meldet sich die Sorge für die Zukunft und er beginnt zu rechnen, ob er diese Wartezeit auf dem teuren Cuba aushalten will und kann. Wenn er hier keinen eigenen Haushalt führen will oder kann, muss er bei beschei- •m» denen europäischen Ansprüchen mit etwa 25—35 Dollar reinen Lebenskosten je Person rechnen. Dazu kommen noch etwa 10 Dollar für Wäsche, Fahrtkosten, Porti und Obst. Die kubanische Kost, die in den meisten billigeren Pensionen und Hotels gereicht wird, ist für Europäer höchst ungewohnt und es ist ein Glück, dass Früchte hier sehr billig sind. Der Emigrant, der meistens den grössten Teil seines Vermögens oder alles verloren hat, kann aber nicht auf die Dauer von seinem kleinen Kapital oder von Unterstützung leben. Und immer wieder entsteht die Frage: Was nun? Wird der amerikanische Kongress Hilfe bringen? Und wohin können wir sonst? Richard Färber (Aus einem Briefe an die „JWR“) Ein Leser aus Sidney (Australien) schreibt uns u. a.: Da die meisten jüdischen Einwanderer hier .Familienväter sind, gilt ihre erste Sorge der wirtschaftlichen Einordnung, um wieder Boden unter den Füssen, zu bekommen. . Da alle durch die Einwanderungsbestimmungen gezwungen sind, ein gewisses Kapital zu besitzen, so lassen sich die meisten Zeit, etwas ihrer bisherigen Beschäftigung Entsprechendes zu finden. Gewiss gibt es auch andere Fälle. So betätigt sich ein früherer .Berliner Rechtsanwalt als Fensterputzer und fährt mit seinen Leitern auf einem Motorrad herum. Fensterputzen ist hier aber eine schwierige Sache, da sie auch in den oberen Etagen nur von aussen gesäubert werden können. Dann hat ein früherer Bankmann aus Berlin die Instandhaltung von Gärten übernommen und fährt mit seiner Rasenmähmaschine im Auto zu seinen Abonnenten. Er war in Deutschland auf Haehscharah und bekam dann aus irgendwelchen mir nicht bekannten Gründen kein Zertifikat; nun hat er sich mit den dabei erworbenen Kenntnissen hier eine Existenz gegründet. , Auf religiösem Gebiet ist hier in letzter Zeit neben der sogenannten orthodoxen Gemeinde, die aber nach deutschen Vorstellungen eher liberal zu nennen ist, eine ausgesprochene Reformgemeinde gegründet worden, als deren Rabbiner Dr. Sänger aus Berlin fungiert. Die Gründung dieser Gemeinde ist nicht überall mit Zustimmung aufgenommen worden. Auf religiösem Gebiet gibt es hier überhaupt manche Dinge, die einem aus Europa kommenden Juden seltsam erscheinen, so z. B. die koscheren Geschäfte. Die sogenannten koscheren Fleischer haben meistens nur eine koschere Ecke. So hatte ich neulich den schönen Anblick eines Fleischerladens, auf dessen Schaufenster ganz gross in der Mitte das Köscherzeichen gemalt war, und aus der Ecke der Auslage dahinter lachte mich vergnügt ein Schweinekopf an. Gegen die jüdischen Einwanderer ist man hier im allgemeinen entgegenkommend und besonders seit dem 10. November ist eine ausgesprochene Sympathie mit den deutschen Juden zu bemerken. Es gibt aber auch Gegenströmungen. So ist jetzt z. B. eine Society gebürtiger Australier gegründet worden mit dem Zweck “to protect Australians against the unfair competition of immigrants“. Es ist naheliegend, dass sich diese Vereinigung vor allem antisemitisch betätigen wird, denn wenn sie z. Betwas gegen die eingewanderten Italiener sagen werden, wird die italienische Regierung sofort protestieren und drohen, keine Wolle und Weizen mehr von Australien zu kaufen. In der heutigen Stimmung wirkt auch unliebsam die Berichterstattung der Zeitungen über die Einwanderung, obwohl dem wahrscheinlich keine Absicht zugrunde liegt. Wenn ein Schiff aus Vancouver (Canada) abfährt, wird gemeldet, dass 120 Juden aus Deutschland und Oesterreich nach Australien an Bord sind, und diese Meldung wird aus Hawaii, Suva (Fischi) und Auckland wiederholt. Ebenso wird von den Schiffen, die zuerst Perth (West-Australien) anlaufen, aus Adelaide und Melbourne gemeldet, sodass man alle paar Tage solch eine Meldung liest, dabei handelt es sich immer um dieselben Einwanderer. Diese Art der Berichterstattung ist aber keine Neuigkeit, sondern sie wurde schon immer bei allen Einwanderern so gehandhabt; anscheinend um den Eindruck eines grossen Bevölkerungszuwachses hervorzurufen, an dem theoretisch alle interessiert sind. Neue Berichte aus Australien besagen, dass die Regierung einen Vorschlag, das Hochland in Neü-Guinea für eine jüdische Siedlung zur Verfügung zu stellen, abgelehnt hat, weil die Regierung der Meinung ist dass die Einwanderer nicht in eigener Siedlung zusammengefasst werden sollen, sondern als einzelne unter der Bevölkerung zu verteilen sind, sodass sie von der allgemeinen Volkswirtschaft aufgenommen werden, Australien hat jetzt einen eigenen Beamten nach London geschickt, der zur Abkürzung des Verfahrens bei der Auswahl der Einwanderer mitwirken soll. Das Hauptbüro des australischen jüdischen Hilfskomitees befindet sich in 8, Bondstreet, Sidney. Die „Aurore“ in Cairo bringt ein Interview mit einer Führerim der Frauenliga für Friede und Abrüstung, die berichtet, dass die Zahl der deutsch-jüdischen Flüchtlinge in Shanghai 3000 beträft und ihre Lage beklagenswert ist. Man solle, so sagt sie, vor weiterer Zuwanderung nach Shanghai warnen. n » u n n a b n : vt T —* TTK V'3 (2n^»a- ‘n vn1? ttf^p tot 3) Hif’il versammeln; 2) Nifal — passiv; 3) Ruhefeier. mppn -b# b$ "BNign ib mßpn o# bp — — .(3d^5] (2)i"i$ sb :n#ß^ «imjm luai TOto \ib nis« jh« laini» sjrin«) iva mis d*]« nfcro n'bp :||^ß} npg nm« npigj n&g; np« Tja? <6 pv# V.O “iß« ]n« fj|^ß (/TÜKn “ISD ^nß) V Wohnung (Stiftshütte); 2) ((Bundes-)Lade; 3) (Kult-) Geräte; 4) Objekt fehlt; *) Gewohnheit der Welt im allgemeinen; °) Hif’il hineinbringen, -stellen. tfln “VS D n«ß "rn^l nj# ^10 ö'ltsp “isp u'jsi» (i nsgrj 77 nasin) a n r) 5 « n « d ty Djfpyj (2y|ri bp niHT •»j# sß'^ian ]1ö^ $DiTT$ bti »T*n (4D^2fiP! ,r6|fcfrin wsfeq?v^n »ngton »(6QWn D'Tin) .Dwnpp* ra (8BW£ ,rn rippen] ,'Wp Tn$p ,rteiyn nßpte j'niDyis,, orsa jrn m — rippte .(10ns'|?B n'iisp ü entrollen; 2) Hintergrund; s) Fuhrleute; 4) hervortreten, deutlich werden; 5) Gemeinden; 6) Beauftragte; 7) Aufblühen; s) Beziehungen; 8) Sendlinge; 10) Hif’il (Stamm nakof), umfassend. Palästinensische V eranstaltungen DIZENGOFF-GEDENKFEIEK Anlässlich des 78. Geburtstages von Meir Dizengoff fand am Schuschan-Purim im Tel-Aviver Museum die seit Dizengoffs Tod traditionell gewordene Gedenkfeier statt. Bürgermeister R o k a c h betonte in seiner Eröffnungsansprache, wie schmerzlich gerade im gegenwärtigen Moment der gesamte Jischuw die überragende Persönlichkeit des Verstorbenen entbehre. Itamar B e n - A w i würdigte Dizengoff als Gründer und Stifter des Museums, als Förderer aller Kultur- und Kunstbestrebungen und als vorzüglichen hebräischen Stilisten. Einen Bericht über Tätigkeit und Entwicklung des Museums gab Dr. Duchan namens des Kuratoriums ab. Demnach hat sich der Gemälde-, Graphik- und Plastik-Bestand des Institutes erfreulich vergrössert. Auch die Bibliothek des Museums ist um viele hundert Bände angewachsen,' wobei insbesondere die Schenkungen einschlägiger Literatur seitens der palästinensischen, der belgischen Regierungen und der palästinensisch-französischen Gesellschaft erwähnt wurden. Die Kammermusik-Abende des Museums stehen in der vordersten Reihe der hochwertigen künstlerischen Veranstaltungen Tel- Aviys und weisen ebenso wie die Ausstellungen einen ausgezeichneten Besuch auf. Der Etat des Museums in Höhe von 1200 Pfund wurde balanciert. Man hofft jedoch, dass ein weiteres Anwachsen der Mitglied erzähl des „Freundeskreises“ in Zukunft erhöhte Einnahmen — und Ausgaben — ermöglichen wird. Der Redner dankte besonders den leitenden Herren Dr. Karl Schwarz und Mosche K a n i u k für ihre Tätigkeit. Manfred Geis ORCHESTERKONZERT Das erste der in diesem Jahr von Issay Dobrowen geleitete Tel Aviver Konzert des Palästina-Orchesters (das fünfte der Abonnement-Serie) wurde ein voller Erfolg für den Dirigenten, die Mitglieder des Orchesters und für die ausgezeichnete Pariser Pianistin Magda Tagliafero, die als Solistin von Schumann’s A-Moll-Klavierkonzert sich erstmalig unserem Publikum vorstellte. Das Programm, das mit der „Militär-Symphonie“ von Haydn eingeleitet wurde, erwies sich im ganzen als zu lang. In der Reihe der Kammermusik-Abende des Tel Aviver Museums gab es zwei genussreiche Konzerte. Das Bergmann- Quartett (Bergmann, Grünschlag, Galimir, Salsmann) interpretierte in vollendetem Zusammenspiel ein Quartett von Ditterdorf und Beethovens wunderbares A-Moll-Quartett dp. 132, Im Brahms-Quintett in B-Moll op, 115 wurden die Künstler durch den ausgezeichneten Klarinettisten^Gys Karten unterstützt. Billigste Sätze für Verzollung und Transport Ihres Umzugguts TEL-AViV, POe. 389, KUPAT AM BANK BIM, Tel. 4946 POB, 680, Kingsway, Tel, 1383 8