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Jüdische Weltrundschau · 1939-12-29 · 29 (29.12.1939) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
29 (29.12.1939)
Date
1939-12-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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29. Dezember 1939 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 5 Die Woche in Palästina itji DIE JUDEN IN FINNLAND In Finnland, das jetzt — gemäss der Bestätigung des Völkerbundes — als Opfer eines unprovozierten Angriffes in einen Krieg verwickelt wurde, lebt eine kleine jüdische Gemeinschaft von etwa 2000 Seelen (bei einer Gesamtbevölkerung von nicht ganz 4 Millionen). Die meisten dieser Juden sind russischen Ursprungs und erlangten nach der Gründung des finnischen Staates volle Gleichberechtigrung. Sie sind meist im Handel und in den freien Berufen tätig. Die Mehrzahl der finnischen Juden lebt in der Hauptstadt Helsinki (früher Helsingfors). Oberrabbiner von Helsinki ist Dr. Federbusch (aus Galizien), bekannt aus der jüngeren Generation des Misrachi und von zionistischen Kongressen und Tagungen. Bei Beginn des Krieges wurden viele jüdische Familien aus Helsinki und Viborg evakuiert KLEINE NACHRICHTEN Dr. Weizmann hat seine angekündigte Reise nach Amerika (siehe unsere Bemerkungen hierzu in der Nummer vom 15.12) angetreten. Vor seiner Abreise hat er Paris besucht. Verschiedene englische Tageszeitungen nehmen zur Abreise von Weizmann Stellung und betonen die Bedeutung der bevorstehenden Zusammenkunft des zionistischen Führers mit amerikanischen Staatsmännern und die Wichtigkeit seiner direkten Tätigkeit unter den Juden Amerikas zur Unterstützung der jüdischen Siedlung in Palästina. Wie „Falcor“ aus Paris meldet, wurden in der letzten Zeit viele jüdische F1 ü c h 11 i n g e, die als deutsche Staatsangehörige bei Kriegsausbruch in Internierungslagern untergebracht waren, infolge der Intervention jüdischer Instanzen entlassen. Im Amtsblatt von Mexico wurde die Einwanderungsquote für 1940 veröffentlicht, die einige Erleichterungen enthält. Im Laufe des Jahres sollen je 100 Einwanderer aus einer Reihe von Ländern zugelassen werden, worunter Deutschland und die Tschechoslovakei aufgezählt sind (Österreich ist nicht separat genannt). Gemäss Mitteilung des schwedischen Polizeiministers sollen in Zukunft „unerwünschte Einwanderer“ in entlegene Landesteile abgeschoben werden. Die Polizei habe überhaupt das Recht erhalten, die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge einzuschränken. Nach Angaben der deutschen Presse werden in der ganzen Slovakei jetzt anti-jüdische Ausstellungen veranstaltet. Die „Frankfurter Zeitung" fügt hinzu, dass eine völlige Ausmerzung der Juden aus dem nationalen Leben der Slovakei bevorstehe. Nach einer Notiz der „Essener Zeitung“ werden die Juden in der Slovakei beschuldigt, antideutsche Propaganda zu führen und viele von ihnen wurden verhaftet. Ein jüdischer Leutnant Bruno Jesi erhielt von Mussolini die Goidene Medaille für besondere Tapferkeit, eine Auszeichnung, die nur in seltenen Fällen verliehen wird. Jesi hat im abessynischen Feldzug ein Bein verloren und trotzdem das Gefecht siegreich beendet. Er gehört jetzt dem Rate der jüdischen Gemeinden Italiens an. Die Verleihung der Medaille an einen Juden wird als ein Symptom der Abkehr Italiens von der Rassengesetzgebung aufgefasst. In einer neuen Verordnung der faschistischen Partei in Italien wird die Verpflichtung der Faschisten zum Besuche der Kurse in Rassenkunde aufgehoben. Ferner wird verfügt, dass die Juden, die der faschistischen Partei angehörten und wegen ihrer besonderen Verdienste von den Rassegesetzen ausgenommen wurden, die faschistische Uniform tragen dürfen. Das offizielle Nazi-Organ „Danziger Vorposten“ teilt mit, dass die prachtvolle Synagoge in Danzig auf behördlichen Befehl abgerissen wird und dass in kurzer Zeit von dem Gebäude keine Spur mehr vorhanden sein wird. Das Stück ,rMirele Efros“, das in der letzten Zeit von der Habima in Palästina mit der Rowina in der Titelrolle viel gespielt wurde, ist in Amerika unter der Leitung von Roman Rebush verfilmt worden. Die Titelrolle spielt Berta Gersten. Der Film bedeutet einen grossen Fortschritt auf dem Gebiet des jüdischen Tonfilms und wurde auch vor christlichem Publikum mit grossem Erfolg gezeigt. Der bekannte jüdische Maler Mark Chagall in Paris erhielt den Carnegie-Preis für Malerei. 38 jüdische Jugendliche wurden vom Militärgericht in Akko zu Gefängnisstrafen verurteilt und zwar 4 Mädchen zu 2 Jahren, andere Angeklagte zu 5 Jahren und 28 Personen zu je 10 Jahren. Den Verurteilten wurde zur Last gelegt, dass sie am 18.11. bei Mischmar Hajarden im Besitze von Explosivstoffen und verschiedenen Waffen angetroffen wurden. Im Verlauf der Verhandlung waren verschiedene Dokumente verlesen worden, die als „aufrührerisch“ bezeichnet werden. Es handelt sich um Gedichte, Briefe, Notizbücher etc., die nach Behauptung der Anklage Hinweise auf eine Verschwörung, ferner Propaganda gegen die Selbstbeherrschung (Hawlaga) sowie Notizen über die Behandlung von Handgranaten etc. enthalten. Bei der Durchsuchung des Hauses waren eine Reihe von Betar- Uniformen gefunden worden. Die palästinensische Arbeiterpartei hat nach einer Beratung in Tel-Aviv ein Manifest an die zionistische Bewegung erlassen, worin darauf hingewiesen wird, dass alle anderen Rettungsversuche für die zerstörte Judenheit Europas fehlgeschlagen sind und daher nur Palästina übrig bleibt. Palästina, so heisst es in dem' Aufruf, enthält noch unermessliche Möglichkeiten für konstruktive Pläne zur Beendigung der Arbeitslosigkeit und zur Aufnahme neuer Emigranten. Daher sollen die Mittel der Judenheit für diesen Rettungsversuch eingesetzt werden. Am 24. Dezember trat in Jerusalem die 40. Tagung des Rates der Arbeiterorganisation (Histadruth) zusammen. Es wurde proklamiert, dass die Histadruth während des Jahres 1940 einen Betrag von LP. 100.000.— aufzubringen beschlossen hat, mit deren Hilfe die Arbeitslosigkeit im Lande bekämpft werden soll. Die Konferenz befasst sich eingehend mit den Fragen der Arbeitslosigkeit und der gegenseitigen 'Hilfe innerhalb der Arbeiterschaft. Tagungen des Rates der Histadruth finden im allgemeinen zwei Mal im Jahre statt, meist in Tel-Aviv. In Jerusalem ist „KABALE UND LIEBE“ IM OHE Es ist für eine palästinensische Bühne gewiss ein gewagtes Experiment, Schiller in hebräischer Sprache zu spielen, besonders ein Stück wie „Kabale und Liebe“, das in seiner Art „Zeit-Theater“ ist, und dessen geschichtliches Milieu (der kleinen deutschen Fürstenhöfe des 18. Jahrhunderts) dem palästinensischen Theaterbesucher nicht ohne weiteres verständlich ist. Denn das Gros des Publikums sind hier Juden aus Osteuropa, zum Teil gebürtige Palästinenser und — sogar an diesem Abend — nur sehr wenig aus , Deutschland stammende Juden. Aber das versteht jeder (und das Programmheft unterstreicht es), dass es sich hier um ein revolutionäres Stück handelt, um ein Drama „in tyrannos“, eine leidenschaftliche Parteinahme für die in ihren Menschenrechten gekränkten und in ihrer Ehre verletzten Untertanen gegen eine Willkürherrschaft von Bösewichten. Und diese Tendenz der Freiheit ist die Brücke zu unserer Zeit des neuen Absolutismus. Der „Ohel“ hatte die Unterstützung mehrerer aus Deutschland stammender Praktiker. Friedrich Lobe (früher Breslau) hat aus den des klassischen Dramas ungewohnten Schauspielern Erstaunliches herausgeholt und die Höhepunkte des Dramas wie die grosse Verhaftungsszene im Hause des Musikus oder die Briefszene mit Bewegung und Spannung erfüllt, In der Briefszene gab auch dieBerkait (Luise) ihr Bestes. Einstein (Ferdinand) war in der streitbaren Auseinandersetzung überzeugender als im Liebesspiel: Ausgezeichnete Charakterfiguren stellten Zechovai (Präsident) und Barban (Wurm) auf die Szene. Die übrigen Rollen waren bei Silberg (Kalb), Deganith (Lady Milford), Fogelson (Miller) in guten Händen — wobei niemand so ungerecht sein kann, die Masstäbe unvergesslicher europäischer Vorbilder anzulegen. Die ‘ Szenenbilder von Ereil sind geschmackvoll und den Verhältnissen entsprechend. Besondere Hervorhebung verdient die hebräische Übersetzung von Avigdor Hameiri, die hoffentlich bald als Buch vorliegen wird; man sollte ihr eine Einleitung beigeben, die einerseits in die Zeitverhältnisse einführt, anderseits an diesem Werk den Bau des klassischen Dramas expliziert, was für die hebräische Literatur so wichtig sein könnte wie Leasings Hamburgische Dramaturgie einst war. 1. die letzte Tagung dieser Art zum letzten Mal im Jahre 1925 gewesen. Der Leiter des Politischen Departments Mosche Sehertok ist aus London am 24.12. nach Palästina zurückgekehrt. Ein Abgesandter des türkischen Handelsministeriums verhandelte in Tel-Aviv mit der Handelskammer wegen verschiedener wirtschaftlicher Fragen. Insbesondere wird die Lieferung von türkischem Weizen gegen industrielle Produkte aus Tel-Aviv beabsichtigt. Die französische Armeeverwaltung in Syrien hat in Tel-Aviv Probeaufträge im Wert von LP. 3000 auf Textilwaren placiert. Es wird hinzugefügt, dass weitere Aufträge folgen werden,. wenn die Lieferung zufriedenstellend ist. Vorige Woche wurde die erste Menge von Brennöl aus der neuerrichteten Raffinerie in Haifa verschifft. Es handelt sich um 8000 Tonnen, die durch eine direkte Röhrenleitung von der Raffinerie auf einen Tanker geladen wurden. Die Raffinerie, so wird mitgeteilt, arbeitet jetzt schon ungefähr im halben Umfang ihrer geplanten vollen Kapazität. Die Einrichtung wurde bei Ausbruch des Krieges beschleunigt. Von der Menge, die bisher durch die Pipe-Line aus Irak nach Haifa geleitet und von dort im Rohzustand exportiert wurde, wird jetzt bereits die Hälfte in der neuen Raffinerie bearbeitet und schon in raffiniertem Zustand exportiert. Dieser Tage wurde von einer jugoslawischen Linie eine direkte Verbindung zwischen Palästina und Europa aufgenommen. Es handelt sich um ein 3000 to-Schiff, das regelmässig zwischen Haifa, Triest und Konstanza verkehren wird. Angesichts der heutigen Verkehrs Verhältnisse ist jede neue Verbindung dieser Art von besonderer praktischer Bedeutung. Pinikas Rutenterg, der Präsident des Waad Leumi, hat von einem anonymen Spender in den Vereinigten Staaten $10.000.— (LP. 2500.—) als Beitrag für den palästinensischen Notfonds erhalten. JERUSALEMER MUSIKTAGEBUCH Als Ersatz für den Ausfall auswärtiger Solisten treten Konzertunternehmungen dieses Jahr Serien- und gruppenweise auf: Ausser dem Palästina-Orchester und seinen Abonnementskonzerten, die diesmal der . Not gehorchend vorwiegend einheimische Künstler zu ihrem Recht kommen lassen, ausser der . neuangekündigten Konzertserie der International Society for Contemporary Music (im ersten Konzert mit Werken vön Stravinsky, Poulenc und Bliss) sind sechs historische Musikabende (unter Leitung von Elisabeth Lesser-Cohn und mit Einführungen von Dr. Edith Gerson-Kiwi) versprochen worden, deren erste beide Anfänge der Kammermusik im 16. und 17. Jahrhundert bereits stattgefunden haben. Als besonders wichtiges Novum gibt es nun auch in Jerusalem Museumskonzerte, die nicht nur die — trotz der ausgezeichneten bereits bestehenden Jerusalemer Kammermusikvereinigungen — fühlbare Lücke des Kammermusikzentrums ausfüllen, sondern zugleich eine — in allen Ländern längst erkannte und praktizierte —r Kameradschaft von Musik und Kunst produktiv machen wollen. Damit scheint den meisten Strömungen musikalischen Geschmacks Rechnung getragen zu sein — sofern man übersieht, dass es trotz vieler Ansätze in Jerusalem immer noch kein Zentrum für jüdische Musik gibt ,das Niveau, Vielseitigkeit und Durchschlagskraft verbindet. Die einzige Stelle, die regelmässig jüdische Musik verbreitet, ist nach wie vor das Radio. Es gibt nun also Orchester-, Kammer- und Radiomusik; Abende für neue und alte Musik; So ziemlich alles hat seine Pflegestätte gefunden — wenn auch in bescheidenem Umfange. Was es aber noch nicht gibt,, ist eine Gesellschaft, die es Solisten ermöglicht, ohne Defizit zu konzertieren. Es versteht sich von selbst, dass die übliche Konzertagentur kein Weg in dieser Richtung ist. Der Anfang müsste bescheiden sein. So wie es viele Arten des musikalischen Geschmacks gibt, würde sich auch hier ein Kreis zusammenfinden, der ein zu Unrecht vernachlässigtes Gebiet zur Freude und zum Nutzen von Künstlern und Hörern systematisch beleben könnte. Alice Jacob-Loewenson.

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