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Jüdische Weltrundschau · 1939-12-29 · 29 (29.12.1939) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
29 (29.12.1939)
Date
1939-12-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 29. Dezember 1939 IM CAFE BALSAM Ein Feuilleton / Von Schalom Ben-Chorin Mitten im Gewühl der Allenbystrasse, dort wo sie an den Säbtaathabenden den Mensehenstrom kaum mehr zu; fassen vermag, leuchtet das Cafe. Seine Tische und Stühle hat es auf die Strasse gerückt, südlich-edlen Venezianerbrauch in Tel- Aviv übend. Wenn mein verzagendes Herz dem Stundenschlag der Ewigkeit, der blaufeierlich durch Jerusalem hallt nicht mehr standzuhalten vermag — fliehe ich. Ich fliehe, wenn ich fliehe, gründlich. Zu den Antipoden. Es sind aber die Antipoden der ernstfeierlichen Jerusalemiter die Tel-Aviver. Sie sind so recht ein „Völkchen“. Wir in Jerusalem sind numerisch in der Minderzahl. Was tuts! Statistik hin, Statistik her. Wir Jerusalemer sind dennoch ein Volk. Das Volk von Jerusalem. Ich fliehe — denn es ist nicht leicht in Gottes Eigener Stadt zu wohnen, man bekommt manchmal ein beängstigendes Herzklopfen vom Pochen seines Weltherzens in Jerusalem. Ich fliehe also ans andere Ende der Welt. Es ist eine Jona- Flucht... auch wenn sie in einem der schnittigen modernen Wagen, denen der Weg „entgegenspringt“ wie dem Elieser von Damaskus oder dem Jakob, kaum mehr als eine Stunde dauert. In Tel-Aviv, dann — wenn die Sonne an der kinderbewachsenen Küste so rot — rot wie auf den heimlich geliebten Postkarten meiner längst verlorenen Sammlung untergeht, wandle ich durch die Strassen. Ein Witzbold hat gesagt, von den 150.000 Bewohnern Tel-Avivs sind am Sabbathabend 300.000 auf der Allenbystrasse. Der Mann hatte recht. Ich wandle unter den Dreihunderttausend von Tel-Aviv. Dieses „Wandeln“ unterscheidet mich noch von ihnen. Denn in ihm liegt noch ein Nachzittern des Tempelschrittes von Jerusalem. Im Ernst: Man geht anders in Jerusalem als man in Tel-Aviv geht. Ebenso wie man etwa in Berlin rannte (keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit), während man in München „fürbass“ ging. (Komm ich heut nicht, komm ich morgen). In jeder Stadt der Welt geht man anders. Andere Städte, andere Schritte. Auf Jerusalemiseh gehe ich durch Tel-Avivs PrÖmenadestrasse. Aber seltsam rasch lösen sich meine Glieder, und wenn ich an einen der kleinen Rundtische meines Cafös trete, habe ich schon die Leichtigkeit des Tel-Avivers im Schritt. Seemanssehritt ist das. Ja, des Meeres und der Liebe Wellen lösen uns den Schritt. Und Tel- Aviv unsere vielgeschmähte heimliche Freundin ist die Meeres- und Liebesstadt. Jugendstadt des schöpfungsalten Volkes. Es gehört in Kreisen der Jerusalemer Intelligenz zum guten Ton, auf Tel-Aviv zu schimpfen. „Nicht geschenkt möchte ich dort leben“. Aber heimlich fährt man, eilige Geschäfte vorschützend, in die laute grellhelle Sandstadt und erlebt die frühlingshafte Metamorphose in seiner von Jerusalem feierlich erstarrten ernsten Judenseele. Das Schicksal war mir hold: Mein Stammtisch ist frei. Direkt unter der milden Bogenlampe steht er, was mir das Zeitunglesen erleichtert. Das Cafd meiner Wahl heisst Balsam. Wenn irgendwo, dann gilt hier das Wort des Plautus „Nomen et omen“. Gewiss heisst das Cafe Balsam nach Herrn oder Frau Balsam, die zu kennen ich nicht den Vorzug geniesse. (Berühmt war früher einmal das Eis bei Balsam in Berlin, Olivaer Platz.) Aber Balsam meinen müden Füssen, Balsam für mein müdes Herz, sind Cafes, die nachts nicht schliessen, sondern mich mit tausend süssen Kuchen führen edenwärts. Die, wie du, mit allen Blättern, die mein wissenstüchtiger Kopf begehrt, strahlend mich empfängt bei allen Wettern, wohlgelaunt und unbeschwert. Wie balsamisch duftet mein Kaffee, wenn ich dann vom Rand der Zeitung seh. Und mit Dank im Blicke gebe ich das Wenige der schlanken Hebe. — Ichhabe mich unter die Bogenlampe gesetzt, um zu lesen; Es wird nichts daraus. Die Zeitung sinkt aus der Hand. Ich lese den buchstabenlosen spannenden Judenroman der Stadt Tel-Aviv. Welch eine jüdische Weltrundschau! Die Dreihunderttausend von den Hundertfünfzigtausend ziehen vorbei an meinem Tisch dem Strande zu. Ich hebe meine Kaffeetasse und trinke auf die grosse Parade von Tel-Aviv. Es ist eine Parade der Juden und der Jugend. Untergefasst gehen sie: tiefbraune Jemenitenmädchen mit zottligen schwarzen Haaren und dunklen Mandelaugen, denen das Lachen noch neu ist, weizenblonde tartarisehe Hebräerinnen, ihren schlanken pfeifenden Bachur am Arm. Wenn man mit dem sehnsüchtigen Dichter wünscht: „Und eine Blonde müsst es sein...“ fahre man — nach Tel-Aviv. Es blondelt dort momentan enorm. Viel Wasserstoff fliesst freilich am Strande des Jarkon — aber auch die Sonne Tel- Avivs tut ein Übriges um die Rassenschnüffler von Kummermannland bleich zu ärgern. Langsam geht das alte Ehepaar aus Minsk an meinem Tische vorüber. Es kommt nicht mehr ganz mit in der Parade der Jugend. Aber man macht den Alten Platz. Ich weiss nicht, ob die kleine schmale Frau neben dem wuchtigen bärtigen Chassid auch schon weiss ist. Ihre verstaubte fromme Perücke deckt ihre Jahre zu. Es ist viel trübe Erfahrung und Sorge in diesen alten Judengesichtern in Tel-Aviv, aber auch ein wenig neuer, kindlicher Stolz. Der kommt vielleicht vom Hafen, vielleicht von der Grösse der Sandstadt, die verglichen mit Brody die grösste Stadt der Welt ist. Ich weiss nicht genau, woher dies bisschen Stolz in den verfürchteten Greisengesichtern kommt. „Pique Dame“ in Mährisch-Ostrau — Die abenteuerliche Fahrt auf der „Frossula“ — Der unheimliche Gast in der Quanrantäne. Ich erreichte Georg Singer im Tel-Aviver Büro des Palästina-Orchesters. Einem Musikenthusiasten gegenüber äusserte er sich gerade mit Leidenschaft über das Programm, das er in den nächsten Tagen in Tel-Aviv, Haifa und Jerusalem zu dirigieren gedachte: Cesar Frank, Borodin, Mussorgsky, Dvorak. Die ersten dieser Konzerte haben inzwischen mit grossem Erfolg stattgefunden. Singer hat somit eins der besten heutigen Orchester geleitet, ein Orchester, das, von Hubermann begründet, schon unter Meistern wie Toscanini, Szenkar, Sargent, Scherchen und Dobrowen gespielt hat. Hätte Georg Singer die Verwirklichung eines1 solchen Märchens für möglich halten dürfen, als er vor wenigen Monaten noch, ohne Pass und jegliche Habe, als Flüchtling auf der „Frossula“ vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer fuhr? * Georg Singer ist jetzt dreiunddreissig Jahre alt. Er wurde in Prag geboren und erzogen, studierte an der tschechoslovakischen Musikakademie. 1925, als Neunzehnjähriger, erspielte er sich bei einem Musikwettbewerb einen Förster-Flügel. Im gleichen Jahr erhielt er ein Engagement al3 Kapellmeister an die Deutsche Oper in Prag. Er wirkte dort neben Zemlinsky und Steinberg, der zehn Jahre später Dirigent des palästinensir sehen Sinfonie-Orchesters wurde und darauf von Toscanini nach New York geholt worden ist. 1929 kam Singer als Kapellmeister ans Hamburger Opernhaus, das damals von Leopold Sachse geleitet wurde, der jetzt gleichfalls in New York, und zwar an der Metropolitan-Opera, tätig ist. Unter den Opern, die Singer in Hamburg dirigierte, waren „Die verkaufte Braut“ und „Schwanda der Dudelsackpfeifer“. Auch sonst leistete er viel für Popularisierung tschechischer Opernmusik in Deutschland. Ihrer Pflege widmete er sich erst recht, als er 1933 nach der Tschechoslovakei zurückgekehrt war. Er dirigierte in verschiedenen Provinzstädten der tschechoslovakischen Republik, an der Oper des tschechischen Nationaltheaters in Prag, sowie im Prager Rundfunk, wo er unter anderem Dvoraks „Alfred“ herausgebracht hat — eine Oper, zu der ihm die bis dahin unbekannte Partitur vom Sohn des Komponisten zur Verfügung gestellt worden war. * Am 14. März 1939 fand im Stadttheater Mährisch-Ostrau eine Aufführung der „Pique Dame“ von Tschaikowsky statt. Das Publikum wunderte In Tel-Aviv habe ich es oft gesehen. In Jerusalem selten. Aber ich kann mich irren. Man sieht zuhause nicht so scharf wie in der Fremde. Viele Sprachen und Meteore von Gesprächen fliegen an meinem Ohr vorüber. Hebräisch hört man und deutsch und jiddisch, englisch und sächsisch und immer wieder hebräisch. Ich höre es so gerne, aus dem Munde der jungen Mädchen, die nicht wissen, dass es Segulatformen gibt und die Herrn Gesenius nicht einmal vom Hörensagen kennen... Und sie reden doch, wie Deborah und Mirjam und Mizzi und Kathi in Einem. Feine Damen und scheinbar gut verdienende Herren gehen an mir vorüber. Tel-Aviv ist eine elegante Stadt. Und hier sei’s gestanden: Mich freut das. Jerusalem hat der Welt Eitelkeiten längst von sich geworfen. Unangefochten magst du in geflickter Unterhose durch seine Strassen gehen. (Das sah ich wirklich schon). Aber in Tel-Aviv hält man auf sich. — Die Burschen in ihren blauen Blusen und roten Scouttüchern sind sicher gegen die geputzten Spaziergänger. Und die dunkelbraun uniformierten, politischen Widersacher der blauen Blusen vereinigen sich hierin mit ihren geschworenen Gegnern. Ich aber vom Namen meines Cafes sträflich milde gemacht schlürfe meine Tasse leer, lächelnd einverstanden mit dem müssigen Menschenstrom, mit dem ich in das Meer münde, wenn kaum hörbar die Gloekentöne der Zionskirche von Jaffa die Mitternacht melden. sich etwas über die schnellen Tempi, die der Dirigent an diesem Abend nahm. Derartige Eigenmächtigkeiten war man sonst von Georg Singer nicht gewöhnt- Nach der Aufführung begriffen die Mährisch- Ostrauer die Eile ihres Kapellmeisters. Die deutschen Truppen waren an diesem Abend in ihre Stadt eingezogen und auf den öffentlichen Gebäuden wehte bereits die Hakenkreuzflagge. Gewiss keine angenehme Situation für Georg Singer, der als einziger Jude an der Mährisch- Ostrauer Bühne sowieso schon wiederholt das Ziel antisemitischer Angriffe war. Die SS suchte ihn noch in der Nacht der deutschen Okkupation. Trotzdem gelang es ihm, nach Prag zu entkommen, * Jetzt erzählt Georg Singer den jüdischsten Teil seiner Biographie. Er spricht von seiner Flucht, von seiner langen Wanderung... „Obwohl ich keinerlei Aus- oder Einwanderungspapiere hatte, schloss ich mich einem Transport von sechshundert Menschen an, der im Frühjahr 1939 Prag verliess. Wir fuhren die Donau entlang, nahmen Abschied von Europa, sahen die österreichischen, ungarischen, jugoslavischen, bulgarischen und rumänischen Ufer des grossen Stroms. Am Schwarzen Meer nahm uns die „Frossula“ auf. Freilich dauerte es noch Wochen, bis wir in See stechen konnten. Endlos währte dann auch die Seereise selbst. Wenn ein Schiff oder ein Flugzeug oder Land in Sicht kam, mussten wir unter Deck, denn die „Frossula“ war ja als Frachtdampfer deklariert. So hatten wir mancherlei Zwischenfälle, bevor wir uns Palästina näherten. Meistens erzielten wir aber die Gunst der Hafenbehörden durch Konzerte, die wir gaben — einige von uns konnten singen, beispielsweise meine Frau, die früher Opernsängerin war, ich selbst spielte Harmonika...“ „Wenn ich nicht irre, war die „Frossula“ längere Zeit in Beirut festgebalten worden“, unterbrach ich. „Ja, wir lagen dort in Quarantäne und gaben gleichfalls ein Konzert vor den Hafenbehörden. Während meine Frau gerade ein Lied vortrug, sah sie, wie plötzlich alle Leute entsetzt vor ihr zurückwichen. Ihr Gesang hatte eine Schlange angelockt — —“ Und wann und wie erreichten Sie Palästina?“ „Knapp vor Kriegsausbruch an Bord der „Tiger Hill“. Bei der Ankunft wurden wir gleich verhaftet und ins Lager nach Sarafand gebracht. Das englische Militär behandelte uns ausserordentlich freundlich. Nach allem, was wir vorher erlebt, waren wir von dieser humanen Haltung tief bewegt. Als wir entlassen wurden, bedankten wir uns durch — ein Konzert...“ B. G. BIOGRAPHIE 1940 VOM FLÜCHTLING ZUM DIRIGENTEN EINES WELTORCHESTERS

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