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Jüdische Weltrundschau · 1939-12-29 · 29 (29.12.1939) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
29 (29.12.1939)
Date
1939-12-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 29. Dezember 1939 Die Lage der Jaden im Altreich NEUE INFORMATIONEN Kvill, kann, esi nur das des jüdischen (oder mit Juden verkehrenden) Wiener Bürgertums der zwanziger und dreissiger Jahre sein; die Welt des Ostjuden ist mir so fremd wie die des Tiroler Bauern, wenn nicht noch fremder. Auf den Einwand, warum wir uns dieses kleine und schwierige Land und diese scnwierige und verkehrshemmende Sprache ausgesucht haben, antworte ich, dass wir es unsi nicht ausgesucht haben; dass der grösste aller Ex-Assimilanten bekanntlich über Uganda zu verhandeln bereit war, und die Erörterung des Bprachproblems als nebensächlich ablehnte. Beide Fragen wurden durch die im Zionismus damals (so wie heute) dominierenden, mit Recht dominierenden russischen Juden entschieden; für die Beurteilung ihrer Anhänglichkeit an Land und Sprache fühle ich mich nicht zuständig. Die nationalen Sympathien der „Ex-Assimilanten“ aber, soweit sie vorhanden sind, gelten nicht der geschichtlichen Heimat, sondern dem Aufbauwerk der letzten zwanzig oder vierzig Jahre. Romantik beiseite: leih und meinesgleichen würden mit ebensoviel, vielleicht mit mehr Gefühl und Liebe an der Sache hängen, wenn man dafür ein Stück Land ohne Araber und ohne Chamssine aufgetrdeben hätte, und sich als: Einheitssprache meinetwegen auf Englisch geeinigt hätte. (Um nicht missverstanden zu werden: Beide Fragen sind seit Jahrzehnten entschieden, und wer später dazukommt und nicht aus Idealismus1 kommt, hat das Gegebene himzunehmen und sidh zu fügen. Ich weiss natürlich auch, dass ohne diese beiden Voraussetzungen der chaluzische Idealismus niemals denkbar gewesen wäre, der hier die Grundlagen unserer materiellen Existenz geschaffen hat.)- Aber für mich ist das Primäre die Befreiung von soundsoviel Millionen Menschen aus dem offenen oder latenten Ghetto; die' „Nation“ ist mir das Sekundäre. Gegenüber meinem früheren vorzionistischen Standpunkt, der doch auch diese Befreiung für andere gebilligt hat, liegt der Unterschied nur darin, dass ich durch ein äusseres politisches Geschehen in meiner früheren Heimat nunmehr selbst zu den so Befreiten gehöre. Glaubt man in den paar Monaten oder Jahren seit unserer Übersiedlung ein romantisch-nationales Empfinden in uns züchten zu können, das doch, wo es überhaupt existiert, nur ein Produkt von Generationen sein kann? Das alles klingt sehr „rückfällig“, ich weiss; aber es ist 'heute die Anschauung von Zehntausenden im Jischuw, und es darf und soll einmal ausgesprochen werden. DAS WERDEN DER NATION Warum wir seit zweitausend Jahren verfolgt werden? Doch nur, weil wir anders waren als die anderen, weil wir uns nicht oder nicht vollständig assimilieren wollten. Die Rassenhitlerei (entstanden aus1 dem zu demagogischen Schlagworten ausgedeuteteiv neudeutschen, spezifisch preussischen Naitions-ldol) ist ohne Präzedenzfall; hei allen, ausnahmlos allen historisch belegbaren Judenverfolgungen wurde umgekehrt die völlige Assimilation, nämlich inklusive der religiösen,, von uns gefordert. Wer sich taufen liess, ehrlich und ohne dann heimlich mit den Marranen Schabbath zu feiern, schied zu allen Zeiten aus der Verfolgung aus. Weder das vielnationale Seleukidenreich noch der ökumenische Katholizismus haben eine Nation als solche angegriffen; sie haben nur diejenigen bestraft, die ihre generellen Forderungen, gültig für alle unterworfenen Nationen, nicht anerkannten. Es ist natürlich sinnlos, heute darüber zu streiten, ob uns jetzt woh'ler wäre, wenn unser aller Vorfahren irgendwann im Mittelalter sich hätten taufen, lassen; heute und auf Jahrzehnte ist uns dieser Ausweg verschlossen, das Rassengift wird seine Schöpfer überleben, und es bleibt, wenigstens für einen grossen Teil von uns, kein anderer Ausweg als die Nationsbildung; auch für diejenigen, die sie heute noch als unorganische, künstliche Schöpfung empfinden. Das ist, ohne alle Romantik, der wahre Grund, warum unsereins hier sitzt und nicht in New York oder Sidney. Und nur diese Auffassung gibt mir die Möglichkeit, mich hier allmählich der Nation eingliedern zu können. Bilden wir uns doch nicht ein, dass unsereiner mit dem buchärischen oder jemenitischen Juden darum etwas gemeinsam hätte, weil wir möglicherweise vor sechzig bis siebzig Generationen (bitte das einmal durchzudenken!) dieselben Vorfahren hatten. Das Gemeinsame liegt, abgesehen von der Religion, im gleichen äusseren Schicksal. Dieses gleiche Schicksal kann und soll mit der Zeit eine Nation aus uns formen. Heute schon von jedem dieser Neuankömmlinge eine „nationale" Gesinnung ver- Von einer gut informierten Person, die dieser Tage aus Deutschland in Palästina eingewandert ist, erhalten wir eine Darlegung der Verhältnisse in Deutschland, die schon darum von grossem Interesse sind, weil sie manche Nachrichten richtigstellt, die in den letzten Wochen durch die Presse gegangen sind. Unser Gewährsmann betonte, dass nach wie vor im Zentrum der Interessen der Juden in Deutschland die Frage der Auswanderung steht. Ein Auswanderungsverbot infolge der Kriegsverhältnisse besteht nur gegen Angehörige der feindlichen Staaten, insbesondere gegen Juden polnischer Staatsangehörigkeit. Was die übrigen Juden betrifft, entspricht eine Förderung der Auswanderung nach wie vor der Politik der deutschen Regierung. In der letzten Zeit ist sogar eine Verstärkung des Druckes zur Beschleunigung der Auswanderung deutlich merkbar. Vor allem werden solche Personen, die bereits im Besitz von Pässen sind und Personen, die aus der Provinz nach Berlin übersiedelt sind, zu einer Beschleunigung ihrer Auswanderung gedrängt. Anti jüdische Aktionen sind seit Kriegsbeginn nur am 10. November in einigen Städten durchgeführt worden, insbesondere in München, Breslau, Nürnberg, Hamburg und Leipzig. Die polnischen Juden sind seit Kriegsbeginn in den Konzentrationslagern Oranienburg und Buchenwald interniert. Ihre Behandlung soll nach allen Berichten sehr schlecht sein. Arbeitszwang besteht für sie nicht, eine Entlassung kommt für sie nicht in Frage, auch nicht bei sofort durchführbarer Auswanderung. Dagegen werden die in den Konzentrationslagern internierten Staatenlosen in der letzten Zeit nach und nach entlassen. DIE LEBENSMITTEL-VERSORGUNG Die Lage der Juden im Al.treiqh ist entsprechend den Verhältnissen, die sich z. B. auf dem Gebiete der Lebensmittelversorgung sehr verschlechtert haben, nicht beneidenswert. Bei der Ausgabe von Lebensmittelkarten gab es bis Anfang Dezember keine unterschiedliche Behandlung der Juden. Ab 14. Dezember werden jedoch die Lebensmittelkarten der Juden mit einem “J” gekennzeichnet. Für die Juden bestehen ferner bestimmte Einkaufsstellen. Vom Bezug gewisser Lebensmittel, die zwar nicht kartenpflichtig sind, für die aber Eintragung in Listen erforderlich ist (Geflügel, Wild, Fische und Räucherwaren), sind Juden im allgemeinen ausgeschlossen. Fette sind völlig unzureichend, aber wirklich bedrohlich ist dies zunächst nur für ältere Personen und Kranke. Obst und Süsswaren sind kaum erhältlich. Lelangen zu wollen; uns Flüchtlingen, die endlich dem Rauschen der nordischen Rune im deutschen Eichenwald entronnen sind, das analoge Rauschen in unseren künftigen Keren-Kajemeth-Wäldern offerieren zu wollen; die aus der braunen Hölle gutgläubig und gläubig in das vielgelobte Nationalheim Entflohenen hier unter einer missverstandenen Kulturkampfparole für Jahrzehnte vom kulturellen und geistigen Lehen der Nation auszuschliessen; ihnen hier eine, nur äusserlieh ins Hebräische übersetzte, rein ostjüdische Kultur vorzusetzen, gewürzt mit einem von den schlechtesten deutschen Vorbildern bezogenen Strtaäsentafelnationalismus: All das hiesse diesen Teil des Volkes aus der „Nation“ bewusst und dauernd auszuschliessen. Und wir sprechen doch im Gegenteil davon, diese Menschen, die mit dem Judentum keinerlei gefühlsmässige Verbundenheit mehr haben, der werdenden jüdischen Gemeinschaft, genannt Nation, produktiv zuzuführen. Der Dichter Richard Beer-Hofmann, über den wir in unserer vorigen Ausgabe eine durch den langen Postgang leider veraltete Nachricht brachten, ist inzwischen an Bord des „Conte di Savoiä“ in New York eingetroffen. bensmittelpakete aus dem Ausland wurden bisher anstandslos an die Addressaten ausgehändigt. Sehr knapp sind alle Textilwaren. Die Kleiderkarte ist bisher nur an Arier ausgegeben worden, doch liess sich noch nicht ermitteln, ob Juden grundsätzlich davon ausgeschlossen werden. Eine Verlautbarung darüber ist nicht erfolgt. Die bereits seit,einem Jahr bestehenden W o hnungs ge setze sind bisher praktisch nicht durchgeführt worden. (Es war bekanntlich damals verlautbart worden, dass Juden nur in jüdischen und Arier nur in arischen Häusern wohnen dürfen, dass die Juden vom Wohnen in bestimmten Strassen ausgeschlossen sein würden usw.) Innerhalb derselben Stadt ist daher in Grosstädten eine gewisse Freizügigkeit für die Juden erhalten geblieben, auch besteht kein Mangel an Wohnraum. Die Zwangsarbeit, zu der Juden mehrmals herangezogen wurden, ist im Abbau begriffen, besonders wegen der allgemein zunehmenden Ar b e i t s 1 o s i g k e i t, die dazu führt, dass für alle Arbeiten zunächst arbeitslose Arier herangezogen werden. KEINE ABSCHIEBUNG NACH LUBLIN Eine Abschiebung von Juden aus dem Altreich nach Polen (in das geplante Reservat im Bezirk Lublin) ist nach der ausdrücklichen Erklärung der zuständigen Stellen nicht beabsichtigt. Die finanzielle Situation der Juden ist äusserst schlecht und verschlechtert sich rapide, da Verdienstmöglichkeiten fast garnicht vorhanden sind und die zusammengeschmolzenen Reserven durch die hohen Kriegssteuern und andere Abgaben aufgezehrt werden. Insbesondere ist hier daran zu erinnern, dass eine 5. Rate der Judenabgabe eingezogen worden ist (Diese nach dem Grünspan Attentat in Paris voriges Jahr gegen Juden verhängte Vermögensabgabe betrug, ursprünglich 20% des Vermögens und ist im Oktober auf 25% hinaufgesetzt worden, indem noch eine 5. Rate anstelle der ursprünglich geforderten 4 Raten eingezogen wurde). Dazu kommen noch verschiedene Ausnahmebestimmungen gegen Juden, z. B. ist die Freigrenze bei der Vermögenssteuer für Juden aufgehoben worden (bisher war ein Vermögen von RM. 10.000 pro Kopf steuerfrei). Die hier gemachten Angaben beziehen sich nur auf die Lage der Juden im Altreich. In den besetzten Gebieten, Österreich und vor allem Tschechoslowakei ist die Lage teilweise bedeutend schlechter, insbesondere sind dort die aktiven Bedrückungsmassnahmen (einschliesslich der Verschiebung nach Lublin) viel radikaler. „AMERIKANISCH-PALÄSTINENSISCH“ Unter der Leitung von Benno Frank, früher Regisseur in Hamburg und Wiesbaden und später Direktor des „Teatron Iwri“ in Tel-Aviv, wurde in New York eine „Amerikanisch-palästinensische Theater gruppe“ gegründet die sich „The Balfour Players“ („Balfour-Spieler“) nennt. Es wird in der Ankündigung darauf hingewiesen, dass 80% der Schauspieler Refugees aus Deutschland und Österreich sind und dass die Gesellschaft die einzige in englischer Sprache spielende jüdische Theatergruppe Amerikas ist. Unter den Mitgliedern finden wir viele aus Deutschland bekannte Namen, so z. B. Heinz Condell (früher Kulturbundi Berlin), Sigmund Nunberg, Berthöld Berndt (sämtlich früher Kulturbund Berlin), Gedalja Segal (Palästinenser), Olga Fuchs (Dresden), Marta Ferber (München) usw. — Alles verständlich, nur nicht warum das Theater sich palästinensisch und nach Balfour benennt. Der Dirigent Arthur Bodanzky, musikalischer Leiter der Metropolitan Opera in New York, ist im Alter von 61 Jahren gestorben. Bodanzky, in Wien begorener Jude und Mahler-Schüler, war vor dem Weltkrieg u.a. in Prag und Mannheim tätig.

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