Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 29 (29.12.1939)
- Date
- 1939-12-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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29. Dezember 1939 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 3 Die Antwort des „Ex-Assimilanten“ Von TRISTAN LEANDER (Tel-Aviv) Der nachfolgende Artikel stellt die Fortsetzung einer Diskussion dar, die vor dem Kriegsausbruch in der ,JWR“ geführt wurde. Sie betrifft ein Problem,, das die deutschen Juden in Palästina ausserordentlich beschäftigt und jedem fühlbar ist. Es handelt sich nicht nur um die Fragen der geistigen und kulturellen Umstellung und der Einordnung der deutschen Juden in den palästinensischen Jischüw, sondern auch um Fragen, die wir uns im Sinne einer Gesamtverantwortung für das Ganze stellen, d. h. unabhängig von der Situation der deutschen Juden steht vor uns immer die Frage, wie nach unserem Wunsch die päläMinensische Judenheit und ihr Nationalismus aussehen sollen. Alte Zionisten haben sich mit dieser Frage auch in der Gölah längst befasst; manche von ihnen haben jetzt Gelegenheit, ihre alten Anschauungen an der palästinensischen Wirklichkeit zu kontrollieren und vielleicht zu revidieren. Es gibt aber viele frühere Nichtzionisten, die hier im Lande zum ersten Mal mit dieser Problematik zusammenstossen. Diese haben im allgemeinen wenig Gelegenheit, sich mit den Dingen öffentlich auseinandei'zusetzen. Wir sind aber der Meinung, dass in der palästinensischen Judenheit jeder, der mit dem Willen hier zu leben und zu arbeiten und sich der Gesamtheit einzugliedern hierher gekommen ist, gleichberechtigt und heimatsberechtigt ist und das Gefühl haben soll, sich hier frei aussprechen und seine Meinungen, Bedenken und Sorgen äussern zu dürfen. Dies gilt insbesondere innerhalb der Gesamtheit der Siedler aus Deutschland selbst und ihrer Organisationen. Wir wollen einander näher kommen und wir halten es für besonders begrüssenswert, dass gerade solche Menschen, die nach ihrer eigenen Aussage Neulinge innerhalb der jüdisch-nationalen Welt sind, zu Worte kommen, und wir wollen dieser Aussprache unsere Blätter öffnen. Wir wissen nicht, ob der Schreiber des nachfolgenden Artikels recht hat, wenn er behauptet, dass er die „Anschauung von Zehntausenden in Palästina“ vertritt. Aber zweifellos gibt es viele Menschen, die sich über die hier angeschnittenen Probleme Gedanken machen, und gerade wenn wir eine nähere Verbindung der neugekommenen Menschen mit dem Jischuw wünschen, müssen unr ihnen Gelegenheit geben, ihre Anschauungen darzulegen. Dabei wird oft der Gegensatz zwischen früheren Nichtzionisten und Zionisten verschwinden und es wird sich zeigen, dass die Grenzlinien anders verlaufen. Red. Die Diskussion, die durch meinen Artikel in Nr. 20 und die Antworten zweier Leser in Nr. 23 der „Jüdischen Welt-Rundschau“ eingeleitet wurde, ist durch den Kriegsausbruch gestört worden, ohne dass sich jedoch ihre Voraussetzungen wesentlich geändert hätten. Wir können genau dort fortsetzen, wo uns Hitler wieder einmal unterbrochen hat. Zur Zuschrift des Herrn Dr. Baer: eine schönere Apologie kann ich mir doch nicht wünschen, als dass einer, der wirklich aus Zionismus schon in Deutschland hebräisch gelernt hat, bekennt, dass auch die Muttersprache zu den Gemeinschaften gehört, aus denen man nicht „austreten“ kann, dass er „das Allerletzte, das in allen Schöpfungen ungesagt zwischen dien Zeilen ist“,, nur in ihr empfindet. Ich stimme mit Dr. Baer soweit vollkommen überein; auch darin, dass wir keinen Grund haben, uns unserer geistigen Herkunft aus der deutschen (im guten Sinn; sagen wir: weimardeutschen) Kultursphäre zu schämen. Mit Herrn Jan Kroker stimme ich gleichfalls in Vielem überein; vor allem in der Erkenntnis der Notwendigkeit, diese Diskussion zu führen, und sie in unserer Muttersprache zu führen. Das Problem ist ein einmaliges, existiert nur für uns „Jeckische“; nur aus Hitlerdeutschland gibt es in grösserer Zahl Einwanderer ohne jede nationale Vorgesinnung. Ich stimme ihm auch zu in seiner Diagnose, dass ich ein „Zionist im allerersten Stadium“ bin, iein „Negativum, dias in dem Nier mandsland zwischen zwei Welten steht“. Das ist richtig; und die Entscheidung zwischen diesen beiden Welten kann nicht durch einen einmaligen Willensakt erfolgen, sondern nur durch jahrzehntelanges materielles und seelisches Einleben und Eingewöhnen. (Das hebräische „lehistader" gehört zu den unübersetzbaren Worten, wie sie jeder Kulturspraehe eigen sind.) Vom Materiellen müssen wir absehen; ich iveiss, dass erst das Fressen kommt, dann die Moral; dass jede Arbeitsmöglichkeit für einen jüdischen Flüchtling in Erez Israel mehr zionistische und jüdische Tat ist als alle Kulturdiskussion. Auch alles Persönliche muss hier ausgeschaltet werden; bei mir hat z. B. (ich habe es im ersten Artikel verschwiegen, da nicht zum Thema gehörig) der Zufall der Bekanntschaft mit einer der grössten und ehrwürdigsten Erscheinungen des mitteleuropäischen Zionismus eine Rolle gespielt. Umgekehrt bin ich als Schriftsteller stärker an meine Muttersprache gebunden als andere. Wir sprechen nicht von Einzelnen, sondern von einigen zehntausend Menschen, die doch — sehen wir nur den Tatsachen ins Auge — durch das blosse Faktum ihrer Ausschiffung in Haifa (oder auch an einer minder legalen Küstenstelle) noch keine Zionisten geworden sind. Da Herr Kroker mich bei meiner Spitzmarke „Ex-Assimilant“ packt, muss ich hier noch etwas bekennen. Die Redaktion der „Jüdischen Welt- Rundschau“ hat mir in bester Absicht etwas hinzugefügt, das mir nicht gebührt. Der Titel meines Manuskripts lautete: „Bekenntnisse eines Assimilanten“. Der Unterschied ist nur eine Nuance: Meine ursprüngliche Fassung bringt noch schärfer zum Ausdruck, was ich sagen wollte: dass ich nur weiss, was ich früher war, aber nicht oder noch nicht, wo ich heute hingehöre; also mit den Worten des Herrn Kroker das Niemandsland, auf dem ich heute stehe. Da die Spiitzmarke „Ex- Assimilant“ nun aber einmal feststeht, soll es dabei bleiben. Die Differenz zwischen uns liegt in der Auffassung der Nation. In bewusstem Gegensatz zu gewissen heute (und auch schon gestern) beliebeten Anschauungen spezifisch preussischen Ursprungs, an denen wir alle noch laborieren, sehe ich in der Welt der Realitäten nur die Summierung von Individuen, die durch irgend etwas (in unserem Fall doch gewiss nicht durch Sprache oder Land) zusammengehalten worden sind; Herr Kroker stellt dem (ich zitiere ausführlich, weil nur ein Teil der Leser die Vordiskussion kennt und auch dieser sie vielleicht nicht mehr in Erinnerung hat) die Romantik der Nation entgegen, die „geschichtliche Heimat“ und, die „aus den Tiefen kommenden Zusammenhänge zwischen Volk, Sprache und Boden, in die eine rational-aufklärerische Gedankenwelt nicht einzudringen vermag“. So stehen die Fronten. FALSCHE ROMANTIK Ich bin kein nüchterner Rationalist. Ich bin zutiefst selber Romantiker und Symboliker. Darum weiss ich auch, dass alle Begriffe wie „Nation“, „Heimat“, „Vaterland“ immer nur die feymbolisation von realen Menschen, Landschaften, Übersiedlungen, Staatsformen, Ministerien sind (wofern sie nicht nur Schwindel und Schlagwort sind). In den Fragen des Alltags-hat die Romantik nichts zu suchen; blaue Blumen sind kein Tafelgemüse. Erwachsene Nationen benennen ihre Kanonenverstecke nicht nach Siegfried, ihre Amüsierlokale nicht „Haus Vaterland“; man spricht nicht von der Rettung Deutschlands, wenn es um das dritte Landtagsreststimmenmandat in Lippe- Detmold geht. Hier liegt der tiefere Grund für den inneren Zusammenbruch der deutschen Kultursphäre, für den phrasenverseuchten Seelenzustand, in dem ein „drittes Reich“ möglich war. Die falsche Romantik von Blut und Boden oder schon (im vorigen Weltkrieg) von schimmernder Wehr und Nibelungentreue ist der Sumpfboden, in dem gewisse Bazillen gedeihen konnten. Nur aus dem mystifizierten deutschen Nationsbegriff konnte die Fragestellung „Kanonen oder Butter“ erwachsen (nämlich: Kanonen für die imaginäre Nation oder Butter für deren reale Mitglieder). In allen nationalen Fragen des Alltagslebens hat unsere Formulierung zu lauten: Liegt das, was uns hier als „national“ ausgegeben wird, im Interesse der einzelnen Individuen, aus denen die Nation besteht? Ein Beispiel aus unserem palästinensischen Alltagsleben (ich wüsste hunderte): Die hebräische Sprache als Staats- und Unterrichtssprache liegt im Interesse der Nation, da eine gemeinschaftliche Sprache für eine hundertsprachige Gemeinschaft einfach notwendig ist. Darum soll und muss jeder Jude, der dauernd in Palästina lebt, hebräisch lernen; der technischen Notwendigkeit des praktischen Lebens wird die nationale Romantik zum Symbol gegeben. Einverstanden. Hingegen an der Unterdrückung einer anderssprachigen Wochenschrift hat die Nation, nämlich die Summe der Individuen, keinerlei ausdenkbares Interesse; vom nationalen Standpunkt, richtig gesehen, wäre sogar eine möglichst rege Publizistik (Tozereth Haarez) in allen unseren hundert Muttersprachen zu wünschen. Ich glaube, an Hand dieses Beispiels sind wir einig. Den Begriff der Abstammung im rassischen Sinn leugne ich. Wir stammen, jeder einzelne, mit derselben Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit von den Kriegern Juda Makkabis wie die heutigen Nazi von irgendwelchen alten Cheruskern oder Bajuwaren. Wir haben alle durch zweitausend Jahre in Ländern gelebt, in denen es ständig Wanderungen, Kriege und Okkupationen gab, die doch auch vor den Toren des Ghettos nicht haltgemacht haben; es ist zu allen Zeiten in der Weltgeschichte mehr gerassenschändet und auch mehr (nach allen Seiten) konvertiert worden, als in allen herkömmlichen Lehrbüchern steht (ganz abgesehen davon, dass schon Davids Zeitgenossen nicht „reinrassig“ waren). Ich leugne ganz entschieden, dass wir, dass irgendeiner von uns, in seinem sogenannten Blut (das eine missverstandene Metapher ist), in seinem Denken und seinem Wesen, in seinem Bewussten oder Unbewussten, irgend einen genealogischen Zusammenhang mit den Zeitgenossen des Flavius Josephus hat. Wo denn steckt die Romantik und die metarationale Gefühlswelt? Erstens einmal in der Sprache. Jede Sprache, und schon gar eine so hochentwickelte Kultursprache wie das Neuhebräische, ist viel, viel mehr als ein blosses Verständigungsmittel; sie ist ein lebender, atmender, zeugender und dichtender Organismus, sie ist eine Welt für sich, eine Welt der herrlichsten Wunder; ein Märchenwald der blauen Blumen, nicht bloss eine Addition von nutzbaren Bäumen. Gerade darum, weil ich das an meiner eigenen Muttersprache erlebt habe und immer wieder erlebe, gerade weil ich deutsche Gedichte geschrieben habe und weiter schreiben möchte, darum will ich wenigstens eine Ahnung von dieser Sprache meiner neuen Heimat haben, will wenigstens über das Randgestrüpp dieses Zauberwaldes ein klein wenig in sein Inneres dringen können. Darum weiss ich aber auch, dass ich mir nicht einbilden darf, in diesem Mächenwald, den ich erst als Erwachsener zu suchen begonnen habe, und von dem ich bestenfalls ein paar Hauptwege notdürftig kennen lernen werde, jemals, heimisch werden zu können; und ich bekenne ehrlich, dass mir noch auf lange Zeit das in der Schule gelernte Latein oder Griechisch mehr zu geben hat. GEMEINSAME ERLEBNISSE Zweitens steckt diese Romantik in den gemeinsamen Erlebnissen einer Menschengruppe, die sich als Einheit empfindet, es aber nicht gerade imi ethnischen Sinne (sein muss. Volkssagen und Erinnerungen wurzeln tief; und doch gehen sie, wenn man von den zählebigen und höchst internationalen poetischen Motiven absieht (man vergleiche einmal Simsons Haarschur mit den einzig verwundbaren Fersen und Rückenstellen der „arischen“ Sonnenhelden), selten weiter zurück als zehn bis zwölf Generationen. Die ältesten heute noch lebendigen Erinnerungen der österreichischen Bevölkerung reichen bis zu den Schweden- und Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts; in Norddeutschland mit seiner stärkeren Bevölkerungsfluktuation nicht einmal so weit. Wir Westjuden und Ex-Assimilanten haben überhaupt keine nationalen Kollektiverinnerungen; unsere „Legendenfiguren“ sind höchstens Rothschild oder Rathenau; die des Ghettojuden meines Wissens (vielleicht bin ich schlecht informiert) etwa Rabbi Löw oder König Saul Wahl, also maximal dreihundert Jahre alt. (Der Prophet Elias gehört ebensowenig hierher wie der im Kyffhäuser oder sonstwo schlafende Heldenkönig; beides sind allgemeine Sagentypen, die nur äusserlich personifiziert wurden). Weiter reicht eben die nationale Romantik nicht. Einfluss auf das Individuum haben nur die letzten zwei bis drei Generationen; und gerade diese sind bekanntlich in Berlin und Wien zufällig anders verlaufen als anderswo. Wenn Herr Kroker argumentiert, dass der Dichter nur die Erlebnisse seines Volkes schildern könne, ist das ebenso falsch wie es richtig ist. Dichtung (als bewusste Milieuschilderung, nur von dieser ist die Rede) kann ihren äusseren Stoff gewiss nur aus dem Leben nehmen, das der Dichter (als Insider und nicht etwa als Hotelgast) mitgelebt hat. Das ist nicht nur ethnisch zu verstehen, auch provinziell, zeitlich, sozial. Wenn ich heute dichterische Gedanken durch ein naturalistisch geschildertes Milieu ausdrücken