Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 29 (29.12.1939)
- Date
- 1939-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 29. Dezember 1939 'W VON DAN BIS BEERSCHERA USSISCHKIN OBER NEUE AUFGABEN a Soweit Einwanderer aus Deutschland und Österreich in Frage kommen, liegt ein grosser Teil der Last auf den Schultern der Hitachduth Olej Germania we Olej Austria. Als Schwesternorganisation ist in dieser Hinsicht die Hitachduth Olej Tschechoslowakia zu betrachten, weil die Juden aus der Tschechoslowakei, die gleichfalls unter dem Hitler-Regime stehen, heute Schicksalsgenossen der deutschen und österreichischen Juden sind (in Polen liegen die Dinge anders, weil eine Auswanderung von dort vorläufig unmöglich ist). Die Hitachduth Olej Germania we Olej Austria ist jedoch, obwohl sie natürlich nach ihren Kräften zu helfen bestrebt ist, ihrem Wesen nach keine UnterstützAingsorganisation, sondern eine Interessenvertretung der Juden aus Deutschland und Österreich. Sie hat eine grosse Zahl von sozialen Einrichtungen geschaffen, die den Einwanderern aus Deutschland und Österreich zur Verfügung stehen, wie z, B. Einwandererheime, Arbeitsbeschaffung, Rechtsberatung, landwirtschaftliche Beratung usw. Es sind dies Aufgaben, für die eigentlich die Zionistische Organisation bzw. der Waad Leumi selbst einstehen müsste, die jedoch nicht von diesen zentralen Körperschaften übernommen worden sind, sodass die Hitachdüth Olej Germania selbständig eine Funktion zu erfüllen versucht, die eine Sache der Gesamtheit ist. Denn eigentlich dürfte nach zionistischer Auffassung die Hilfe und Beratung für jüdische Einwanderer nicht den Kräften überlassen sein, die mit den Einwanderern durch das Ursprungsland verbunden sind. So wie sich die Dinge aber gestaltet haben, muss die Hitachduth Olej Germania neben ihren direkten Fürsorge-Einrichtungen darauf bestehen, dass die von ihr betreuten Einwanderer auch an den Einrichtungen der Gesamtheit vollen Anteil haben. „Mass Cherum“ Diese Forderung ist jetzt besonders aktuell, weil der Jischuw zu einem grossen Hilfswerk ansetzt, das durch eine freiwillige Kriegsnotsteue r (Mass Cherum) finanziert werden soll. Die Ankündigung eines solchen Fonds wurde von alleil begrüsst; er ist eine soziale Notwendigkeit. Bei den Vorarbeiten hat sich manches Unerfreuliche gezeigt, indem die verschiedenen Gruppen ihre Beteiligung an der gemeinsamen Aktion von allerlei Bedingungen abhängig gemacht haben, besonders von Bedingungen, die die Verteilung der Gelder betreffen. So zogen sich die Verhandlungen wochenlang hin. Statt die Verteilung durch offizielle Körperschaften, wie Stadt-und Gemeindeverwaltungen sowie Sozial- Ämter vornehmen zu lassen, haben Parteien und Institutionen ihre Ansprüche angemeldet und durch Druck auf den Waad Leumi ihre Heranziehung und Einschaltung zur Verteilung ah bestimmte ihnen nahestehende Kreise erzwungen. Das ist ein System, das von weiten Kreisen nicht gebilligt wird. Die Öffentlichkeit hat noch kein zusammenfassendes konstruktives Programm für die Verwendung der Gelder erfahren. Davon aber ist das Echo einer solchen Aktion im Publikum abhängig, besonders bei freiwilliger Besteuerung. Bei der Kompliziertheit unserer Verhältnisse ist das Prinzip der Öffentlichkeit in der Verwaltung besonders unerlässlich. Dazu gehört z. B. die Bekanntgabe eines Budgets. In erster Linie sollen nach unserer Meinung aus dem Notstandsfonds die am schwersten Betroffenen bedacht werden, die völlig Mittellosen und die zahlreichen ohne Mittel ins Land gekommenen Neueinwanderer. Konstruktive Hilfe Wenn hier von Unterstützungen zum Schutz gegen die ärgste Not die Rede ist, so sind wir uns bewusst, dass nicht dies das Wesentliche der Pa- Der Präsident des Keren Kajemeth, Ussischkin, hat in einem Interview die Grundsätze der jüdischen Siedlungstätigkeit im Land angesichts der heutigen Kriegslage dargelegt. Herr Ussischkin betonte zunächst die Priorität der dörflichen Ansiedlung innerhalb der nationalen Regenerationsbewegung. Ursprünglich, so sagte er, bestand eine Streitfrage, ob man diesen schwierigen Weg gehen soll oder den leichteren Weg einer städtischen Ansiedlung, die den Juden vertrauter war. Die zionistische Idee aber legte Wert darauf, dass die Judenheit gerade das erwerben muss, was ihr bisher gefehlt hat, nämlich Boden unter den Füssen. Aber auch heute sind drei Viertel des Jischuw in der Stadt konzentriert und nur ein Viertel auf dem Land. Gerade die Kriegsverhältnisse sind ein neuer Beweis dafür, wie Recht jene hatten, die besonderen Wert auf die landwirtschaftliche Siedlung legten. Wenn man ab und zu von jüdischer Auswanderung aus Palästina hört, so bezieht sich das fast stets auf Städter, denn der Bauer ist seelisch an seinen Boden gebunden und wird ihn nicht so leicht verlassen. Der Bauer hat auch, was immer geschehen mag, ein Dach über seinem Kopf und Nahrungsmittel, die er selbst erzeugt. Der Einzelne, der sein eigner Herr ist, mag tun was er für richtig hält; die öffentlichen Stellen aber, die Zionistische Organisation und die nationalen Fonds müssen ihre besondere Fürsorge der landwirtschaftlichen Siedlung zuwenden. Dazu gehört vor allem die Sicherung von Boden für die Juden, die schon hier sind und für die, die noch einwandern, und dies ist die Aufgabe des Jüdischen 'Nationalfonds. Eine weitere Frage, die lange umstritten war, ist die: soll die jüdische Siedlung in einem belästinaarbeit darstellt, sondern eine Randerscheinung ist, erzeugt durch die furchtbare europäische Judentragödie unserer Zeit. Unterstützungen können nur eine vorübergehende Hilfe sein. Was aber uns obliegt, ist eine dauernde, auf länge Sicht berechnete Hilfe. Auf den Juden aus Deutschland liegt in dieser Hinsicht eine besondere Verantwortung, denn unter Berufung auf die Judenverfolgungen in Deutschland und Österreich und zur Rehabilitierung ihrer Opfer sind in den letzten Jahren in der ganzen Welt, besonders auch in Amerika, Gelder gesammelt worden. Was die Verwendung dieser Gelder betrifft, so ist die Hitachduth Olej Germania stets dafür eingetreten, dass dies in einer Weise geschieht, die dem Gesamtinteresse Palästinas entspricht, vor allem sollen die Gelder benützt werden zur Einordnung der Einwanderer in ein produktives Lehen, Gründung einer lebensfähigen Existenz, und nur in äussersten Notfällen zur Unterstützung und Wohltätigkeit. Am wichtigsten sowohl für Palästina als auch für die Einwanderer ist natürlich die Förderung der Ansiedlung auf dem Lande. In dieser Hinsicht lässt sich noch sehr viel durchsetzen, wenn die erforderlichen Gelder verfügbar sind. Auch die Geldgeber werden gewiss einsehen, dass Gelder, die in dieser Weise verwendet werden, besser und dauerhafter angelegt sind als die — manchmal unvermeidlichen — Ausgaben für momentane Unterstützungen. Wenn wir das Werk der sogenannten „Deutschen Abteilung“ der Jewish Agency überschauen, erkennen wir, wie viel hier für die Gesamtheit geleistet wurde: Neue Ansiedlungspunkte sind mit Hilfe dieser Abteilung entstanden, ältere Siedlungspunkte konnten erweitert und mit Bauten ausgestattet werden, Tausende von Jugendlichen wurden in Zusammenarbeit mit der Jugendalijah untergebracht, Tausenden von Menschen wurde durch Einführungskredite und Erleichterung bei der Einrichtung von gewerblichen Betrieben geholfen. Leider — wir sagten es schon — muss heute in vielen Fälstimmten Gebiet konzentriert werden oder über verschiedene Teile des Landes sich erstrecken. Natürlich hat eine Konzentrierung grosse Vorteile, aber bei der Vielseitigkeit des Landes und seines Charakters müssen wir unsere Landwirtschaft auch den verschiedenen Teilen des Landes anpassen, um alle Zweige der Landwirtschaft zu besitzen und dadurch widerstandsfähig gegen eine Krisis zu sein. Ausserdem gibt es dafür prinzipielle Gesichtspunkte: Wir wollen in diesem ganzen Land Bürger sein, von Dan bis Beerscheba, und hier mit unseren Nachbarn, den Arabern, Seite an Seite leben in einem Gesamtkörper, wenn auch verschieden durch unsere Lebensweise. Sind doch auch unsere historischen Erinnerungen mit dem ganzen Lande verbunden und nicht nur mit einem einzelnen Teil. Das Privatkapital sucht meistens Betätigung in der Stadt. Umsomehr muss das öffentliche Kapital sich der landwirtschaftlichen Siedlung zuwenden. In einer so armen ländlichen Siedlung wie der unseren werden nur wenige private Kapitalisten ihr Geld anlegen wollen. Dies kann nur durch Mittel der Öffentlichkeit geschehen. Die meisten gegenwärtigen Siedlungen sind von den beiden nationalen Fonds gegründet worden oder sind in irgendeiner Weise von ihnen unterstützt worden. In dieser ganzen Arbeit ist die Aufgabe des Keren Kajemeth von grundlegender Wichtigkeit und er ist es, der den Boden kauft, ihn verbessert und der auch in der letzten Zeit an den Kosten der Besetzung sich beteiligt hat Seine Einnahmen steigen jedes Jahr. Das jüdische Volk — so schloss Ussischkin — fühlt, dass der Boden der wichtigste erste Schritt von Verbindung von Volk und Land ist. len daneben die direkte Unterstützung durch soziale Hilfe treten. Wir glauben, dass auch in dieser Hinsicht eine grosszügige Organisation mit möglichst ökonomischer Verwaltung der Mittel erforderlich ist. Wir werden besonders in den grossen Städten und besonders nach' Beendigung gewisser Saisonarbeiten (Orangenernte) nicht vermeiden können, zu Unterstützungen, wie öffentliche Speisungen etc. zu greifen — gewiss keine Schande in Kriegszeiten, wo alle Verhältnisse ungewöhnlich sind und auch anderswo die alten Masstäbe nicht gelten. Es wird notwendig sein, Menschen, die arbeitslos geworden sind oder nach ihrer Einwanderung noch keine Arbeit gefunden haben, in Arbeitslager oder Arbeiterbataillone zusammenzufassen, um ihre Demoralisierung zu verhindern und ihnen eine zwar bescheidene aber ehrenvolle Existenz zu geben. All dies kann geschehen, wenn die Mittel richtig angewandt werden und wenn nicht alle möglichen Sonderinteressen eine systematische Arbeit verhindern. Wir sprechen hier im Namen der Einwanderer aus Deutschland, aber nicht um ihretwillen allein. Wir sprechen im Interesse des Jischuw und der zionistischen Idee, im Interesse Palästinas und des jüdischen Volkes. Wir haben das Gefühl, dass in manchen Kreisen eine lähmende Gleichgültigkeit gegenüber den brennenden Aufgaben des Tages besteht, ein „Fortwursteln“ trotz der radikal veränderten neuen und gefährlichen Verhältnisse. Wir sind der Meinung, dass Einigkeit, entschlossenes Handeln und realistische Betrachtung der Dinge heute eine Frage auf Leben und Tod für den Jischuw sind. In solchen Momenten wie dem jetzigen haben noch alle Völker Parteizwistigkeiten überwunden oder wenigstens zurückgestellt und haben verstanden, dass man sich einer einheitlichen Organisation beugen muss, um eine Notlage zu überstehen. Auch der Jischuw wird und muss sich zu diesem Standpunkt durchringen. Die Hitachduth Olej Germania ist entschlossen, die Einwanderer aus Deutschland und Österreich diesen Weg zu führen.