Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 29 (29.12.1939)
- Date
- 1939-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JAHRGANG 1 / Nr. 29 SIEHE SEITE 8 i Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jerusalem P. O. B. 689; 5, Ben Jehuda-Str., Telephon 3079. Für unverlangte Manuskripte wird keine Garantie über* nommen. Jeder Einsendung oder Anfrage ist ein internationaler Antwortschein beizufügen. Zuschriften für die Redaktion werden nicht an Einzelpersonen. sondern an die Redaktion, Jerusalem. P. O. B. 683 erbeten. JERUSALEM 29. DEZEMBER 1939 י־ז סבת תדצ״ס Erscheint einmal wöchentlich: — Anzeigenannahme für alle Länder: ausschliesslich Jerusalem P.O.B. 689. — Anzeigentexte per Luftpost erbeten. — Die Anzeigen-Seite zerfällt in 6 Spalten, je 3.6 cm breit, Grundpreis 1 inch — 2J cm sh 3/. je Spalte. — Minimalgrösse 1£ inch (3,75 cm). Bezugspreise vergl. Liste am Schluss d. Blattes. Die Juden in Krakau Was die deutsche Presse schreibt Die offizielle deutsche ״ Krakauer Zeitung", als deren Herausgeber der deutsche Gouverneur Frank zeichnet, enthält einen Auf.־ satz mit dem Titel ״Die Juden müssen sich selbst helfen“. Dieser Artikel gibt einen Einblick in die Verhältnisse einer der grössten jüdischen Genieinden Polens. In ihm heisst es: ״...Seit kurzem arbeitet in dem Haus der jüdisehen Kultusgemeinde Krakaus ein Ausschuss, den die deutsche Behörde als eine Art Selbstverwaltung aus der nicht geflüchteten, dünnen. Ober- Schicht des Judentums zusammengesetzt hat, um die seit Jahren bestehende furchtbare Not der Ghettobevölkerung endlich zu lindern. Da der Grossteil der reichen Juden es auch nach dem misslungenen Kriegsexperiment verstanden hat, sich und ihren zusämmengeschacherten Reichtum in Sicherheit zu bringen, mussten deutsche Behörden dieser jüdischen Wohlfahrtseinrichitung ein Anfangskapital zur Verfügrung stellen. Die weitere Finanzierung wird durch eine Kultussteuer gesichert, deren Erhebung bei den vermögenden Juden die deutsche Behörde überwacht.“ Deutsches Selbstlob Die Zeitung fährt dann fort —־ es klingt wie Ironie — die ״Wohltaten“ der Deutschen zu preisen: ״Die deutschen Behörden hatten keineswegs Veranlassung, den jüdischen Feind, der erst nach vielen Opfern und erbitterten Kämpfen im deutsehen Volk niedergeruiigen worden war, in Polen mit Barmherzigkeit und Wohlfahrt zu überschütten, aber sie taten das, was jede Kulturnanation als das Mindeste hätte tun müssen: Zehntausende Juden in Europa vor einem Hnngertode zu bewahren, der in der Endphase wähllos und unbarmherzig Feind und Freund mit entsetzlichen Folgen bedroht... Die Deutschen kamen, um polnischen Juden, die vor einer für alle gefährlieben Hungerkatastrophe standen, eine Wohlfahrt zu geben, die weder die Polen noch die Juden ihrem Volk und ihren Rassegenossen zu geben vermochten... Im ersten Raum, den wir betreten, drängen sich die Elendsgestalten mit einer Unterwürfigkeit beiseite, wie sie nur ein Jude nach seiner Niederlage zeigen kann, überall im Haus begegnet man schmutzigen, vielfach in Lumpen gekleideten Juden, überall quillt ekelerregender Duft. Wir verstehen, warum die deutsche Behörde für diese Menschen das Stadtzentrum Krakaus abriegelt. In den oberen Räumen tagt der jüdische Ausschuss, den die Deutschen erst zusammensuchen und zür Wohlfahrtsarbeit veranlassen musste, denn die Unempfindlichkeit gegenüber dem Schicksal der eigenen Rassegenossen (!—A. d. JWR.) und das völlig mangelnde Organisationstalent der Juden hätten dies nie zuwege gebracht, Vielleicht zum ersten Mal befassen sich nun ehemalige höhere jüdische Angestellte des zusammengebrochenen polnischen Staates mit dem Elend ihrer Genossen aus dem Ghetto. Sie sorgen jetzt dafür, dass1 drei durch die deutsche Initiative eingerichteten Küchen richtig arbeiten, dass das Spital, das Waisen- und das Greisenhaus, die Entlassungs- und Badeanstalt richtig verwaltet werden. Was sie selbst nicht fertig gebracht, ja nicht für möglich gehalten haben, glückt ihnen heute unter deutscher Aufsicht. Nach vier Wochen Arbeit vermögen die Küchen bereits täglich über lf.000 Essen auszuteilen und an drei Teeabgabestellen warme. Getränke zu verabreichen. Getaufte Juden zahlen Kültussteuer Bei der Einziehung der Kultussteuer mussaflerdings die ordnende deutsche Hand!energisch eingreifen. Die Juden können sich allzu schlecht daran! gewöhnen, dass sie nicht nur für sich selbst zu sorgen haben, sondern von ihrem Vermögen den ärmeren Rassegenossen etwas abgeben müssen. So weisen die getauften Juden klagend und! jammernd auf ihren christlichen Glauben hin und suchen sich von der Unterstützungspflicht zu befreien. Sie glauben mit der Taufe auch ihre Rasse gewechselt zu haben. Wie überall im Volke Juda sind ihnen die Worte geben und arbeiten unsympathisch. Trotzdem gelang eis mit Hilfe der Juden innerhalb von zwei Tagen alle Luftschutzgräben im Bereich der Stadt Krakau zuzuwerfen. In einem Raum der Kultusgemeinde liegen noch die Spaten auf Haufen, die in mancher schachergewohnten, weichen Judenhand Blasen und Schwielen hervorgerufen hatten... Mit einem tiefen Aufatmen in der frischen Luft verlassen wir das Haus der jüdischen Kultusgemeinde, in der wir eine Welt erlebten, die wir in Grossdeutschland für alle Zeiten überwunden haben. Und auch in Krakau ist sie bereits eine Welt für sich, die von Deutschen geordnet und bewacht nie mehr schmarotzend ihre Grenzen überfluten und die Umwelt gefährden kann. Aber auch dieser Zustand wäre nur noch ein Chaos, wenn eine deutsche Behörde nicht mehr Menschlichkeit bewiesen hätte als die eigenen jüdischen Rassegenossen und die vergangene ,Kulturnation‘ Polen“. Die ״Krakauer Zeitung“, Folge 8 veröffentlicht unter der Überschrift: ״Judenkennzeichnung im Distrikt Krakau״ folgende offizielle Mitteilung: ״Der Gouverneur für den Distrikt Krakau ordnet an, dass alle Juden im Alter von über 12 Jahren im Distrikt Krakau mit Wirkung vom 1.12. 1939 ausserhalb ihrer eigenen Wohnung ein sichtbares Kennzeichen zu tragen haben. Dieser An- Ordnung unterliegen auch nur vorübergehend im Distriktbereich anwesende Juden für die Dauer ihres Aufenthaltes. Als Jude im Sinne dieser Anordnung gilt: 1. Wer der mosaischen Glaubensgemeinschaft angehört oder angehört hat, 2. Jeder, dessen Vater oder Mutter der mosaisehen Glaubensgemeinschaft angehört oder angehört hat. Als Kennzeichen ist am rechten Oberarm der Kleidung und der Überkleidung eine Armbinde zu tragen, die auf weissem Grunde an der Aussenseite einen blauen Zionstern zeigt. Der weisse Grund muss eine Breite von mindestens 10 cm. haben, der Zionstern muss so gross sein, dass dessen gegenüberliegende Spitzen mindestens 8 cm. entfernt sind. Der!Balken (zur Zeichnung der Sterns) muss 1 cm. breit sein. Juden, die dieser Verpflichtung nicht nachkommen, haben strenge Bestrafung zu gewärtigen. Für die Ausführung dieser Anordnung, inbesondere die Versorgung der Juden mit Kennzeichen, sind die Ältestenräte verantwortlich.“ In der Zeit der Not Die durch den Krieg eingetretene Stockung auf verschiedenen Gebieten des Wirtschafts־ lebens hat die Schwierigkeit der Einordnung neuer Einwanderer, die schon vorher bestand, noch erhöht. Wir hatten in Palästina neben der regulären, von der Jewish Agency und von der Palästina-Regierung kontroliierten Einwanderung, in den letzten Monaten eine durch die Judennot erzwungene Fliichtlingswanderung — ein Symptom der erschüttemden Judentragödie unserer Zeit. Diese Einwanderung ist, wie nicht anders zu erwarten, keineswegs einheitlich zu bewerten. Ein grosser Teil der Einwanderer, die schon in Deutschland Furchtbares durchgemacht haben und dann noch die Strapazen einer abenteuerlichen Flüchtlingsreise aufsichnahmen, hat dabei eine menschliche Haltung bewiesen, die nicht nur den Menschen persönlich, sondern auch dem jüdischen Volke alle Ehre macht. Es kamen aber auch Personen, die aus irgendwelchen Gründen — wegen Alter oder körperlicher, zum Teil auch charakterlicher Gebrechen — von Anfang an gamicht zur Einordnung geeignet waren. Im Grossen und Ganzen muss man sagen, dass die organisierte Anstrengung des Jischuw Gewaltiges geleistet hat, um einzelne Teile der neueingewanderten Menschen unterzubringen, sie in Arbeitsgruppen zu vereinigen, im Lande zu dislozieren usw. Würde das Wirtschaftsleben im Zeichen des Aufschwungs stehen, dann Hesse sieh die Aufgabe viel leichter bewältigen. Wie aber die Dinge liegen, gibt es auch unter der älteren Einwandererschicht, die schon mehrere Jahre im Lande ist, eine Anzahl Arbeitslose und Erwerbslose, sowie — besonders unter dem kleineren Mittelstand—sehr viele Notleidende. Wir stehen also im Lande vor einem gigantischen Problem der sozialen Hilfe für diejenigen Menschen, die noch nicht ins Wirtschaftsleben eingeordnet werden konnten und voraussichtlich nicht so leicht eingeordnet werden können. Dieser Aufgabe steht keine ausreichendeOr g a n isation der sozialen Fürsorge gegenüber. Auf diesem Gebiet sind wir in Palästina erst in primitiven Anfängen. Gewiss gibt es in einem jungen Gemeinwesen wie dem unseren Erklärungen für diese Unzulänglichkeit, aber dies befreit nicht von der Verpflichtung, dem Mangel schleunigst abzuhelfen, um eine Verschärfung der Missstände zu verhüten. Besonders schlimm steht es auf diesem Gebiet in Tel-Aviv, wo auch seitens der Stadtverwaltung noch kein genügendes Verständnis für dieses Problem und daher auch keine entschlossene Aktivität fühlbar ist. Die Büros der sozialen Hilfe sind immer wieder aus Geldmangel geschlossen und auf Unterstützung angewiesene Menschen, die nach Tausenden zählen, bleiben ohne organisierte Hilfe. Studt* u. llniv. - Eibl. Frankfyrt/Müein