Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 28 (22.12.1939)
- Date
- 1939-12-22
- Page
- Seite 7 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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22. Dezember 1939 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 7 Das geistige Erbe des deutschen Judentums Von Prof. Julius Guttm ann (Jerusalem) FORTSETZUNG (Siehe Nr. 27) In noch höherem Masse hat die Orthodoxie ihr Zentrum in Deutschland). Sie ist hier entstanden und hat hier ihre bei weitem grösste Verbreitung und ihren festesten Bestand gehabt. Die von Alters her in dem süd- und westdeutschen Judentum heimische schlichte und gemütvolle Frömmigkeit blieb auch unter den geänderten Bedingungen der Zeit nach der Emanzipation lebensfähig und ist ohne tiefgehenden Bruch in die neue Welt hineingewachsen. Zugleich aber hat ein Theologe vom Range Samson Raphael H i r s c h s der Orthodoxie ihr theoretisches Fundament gegeben, indem er auf der einen Seite die Anerkennung der ausserjüdichen Lebens- und Bildungswelt legitimierte, auf der anderen Seite die Autorität der jüdischen Offenbarung und des jüdischen Religionsgesetzes gegenüber den Angriffen der Zeitkritik behauptete und den der jüdischen Lebensordnung zugrunde liegenden religiösen Sinn energisch und eindringlich darstellte. An sich selbst eine sehr bedeutende Leistung, hat diese Grundlegung des orthodoxen Judentums ihm ein sicheres Selbstbewusstsein gegeben, das sich gegenüber den auf lösenden Tendenzen seiner Umgebung höchst widerstandsfähig gezeigt hat, und seine oft unerfreuliche Enge und Starrheit ist doch nur die Kehrseite dieser festen Geschlossenheit. In diesem Rahmen hat die jüdische Orthodoxie Deutschlands einen sehr wesentlichen Teil der religiösen Lebenskräfte der jüdischen Tradition in sich bewahrt. Sie ist für die gleichgerichteten Kreise anderer Länder, zuletzt auch des europäischen Ostens, zum Vorbild geworden, das aber nirgends erreicht wurde. In seiner liberalen wie in seiner orthodoxen Richtung ist das> deutsche Judentum durch den Ernst seines religiösen Willens ausgezeichnet, und in den letzten Jahren, in denen deutsche Juden über die ganze Welt verstreut worden sind, ist dieser Zug an den verschiedensten Stellen gespürt worden. Rationalismus und Erneuerung Dabei bleibt es freilich richtig, dass die Form, die diese religiösen Richtungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angenommen hatten, stark zeitbedingt waren. So wenig es zutrifft, dass die damalige religiöse Bewegung in erster Reihe durch emanzipatorische Interessen bedingt war, so bleibt es richtig, dass diese auf ihre Entwicklung stark eingewirkt haben. Der Liberalismus hat alle nationalen Momente der jüdischen Tradition bewusst ausgeschieden, die Orthodoxie hat sie in den Hintergrund gerückt. Ausserdem herrscht in beiden Richtungen die aus der Aufklärungszeit überkommene rationalistische Aufklärung der Religion, und sie sehen die Grösse des Judentums wesentlich in seiner Rationalität. Auch die Orthodoxie bemüht sich, den Inhalt der göttlichen Offenbarung in diesem Sinne zu deuten. Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts richtet sich hiergegen eine immer stärker werdende Kritik. Die nationaljüdische Bewegung tritt in Opposition zu dem „offiziellen“ religiösen Judentum, und die sich immer mehr vom Rationalismus abwendende allgemeine Zeitströmung führt dazu, die Rationalität des Judentums nicht mehr als einen Vorzug, sondern als eine religiöse Schwäche zu betrachten. Unter dem Einfluss dieser Kritik hat sich während der letzten Jahrzehnte eine Erneuerung sowohl des religiösen Liberalismus wie der Orthodoxie vollzogen, die, ohne die früheren Grundlagen preiszugeben, doch die neuen Motive aufnimmt. In beiden Lagern entfaltet sich eine Richtung, welche das nationale Moment im Judentum bejaht, und ebenso kommt in beiden das irrationale Moment der Religion zu seinem Recht, zunächst in oberflächlicher Übernahme ausserjüdischer Ideen, dann aber wachsend in der Rückkehr zu den über das Rationale hinausgreifenden Kräften des Judentums selbst. Diese Tendenzen sind dem Judentum aller Länder gemeinsam, aber ihren stärksten und energischsten Ausdruck hat sowohl die Kritik wie die Erneuerungsbewegung in Deutschland gefunden. Hier war freilich, als die Katastrophe des deutschen Judentums einsetzte, noch alles im Fluss, aber es zeichneten sich doch bereits deutlich die Grundlinien eines neuen Liberalismus und einer neuen Orthodoxie ab, die, den Prinzipien beider Richtungen treu, sie doch mit neuem Gehalt und Leben erfüllten. Die Wissenschaft des Judentums Die grosse zweite Schöpfung des deutschen Judentums ist die Wissenschaft des Judentu ms. Hier kann freilich noch weniger als auf dem religiösen Gebiet von einer ausschliesslich „deutschen“ Leistung die Rede sein. An der Entstehung der modernen jüdischen Wissenschaft ist neben Italien auch Galizien beteiligt, als ihre Schöpfer pflegt man — neben Zunz — Luzzatto und Rappoport zu nennen; in den letzten Dezennien wird sie international gepflegt, Amerika, und seit dem Kriege, Palästina treten den alten europäischen Zentren zur Seite. Die zentrale Bedeutung Deutschlands liegt einmal darin, dass hier allein durch ein Jahrhundert hindurch der Ausbau der jüdischen Wissenschaft kontinuierlich fortschreitet, und dass bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts hinein sich hier die Einzelleistungen zu einer Gemeinschaft der Arbeit verbinden, die für die Entwicklung einer Wissenschaft die notwendige Voraussetzung ist. Dazu aber kommt, dass man in Deutschland wie in keinem anderen Lande der Wissenschaft eine entscheidende Bedeutung für die Erneuerung des jüdischen Lebens beigemessen hat. Dieser Glaube war in der ersten jüdischen Gelehrtengeneration in Deutschland, an deren Spitze Zunz stand, lebendig, und derselbe Glaube erneuert sich im 20. Jahrhundert am stärksten und wirkungsvollsten in den Bestrebungen, die zur Begründung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin geführt haben. Beide Male ist es die geschichtliche Erkenntnis des Judentums, der man diese Kraft zutraut, und es ist deutlich, wie diese Überzeugung in der in Deutschland heimischen historischen Denkweise wurzelt. Die Wirkung, die man von der geschichtlichen Betrachtungsweise erwartete, war eine zwiefache. Indem sie das überlieferte Judentum in seiner geschichtlichen Gewordenheit erkannte, sollte sie seine absolute Autorität beseitigen und die Gegenwart von dem Druck des immer enger und einseitig werdenden Rabbinismus befreien. Indem sie auf der anderen Seite aber die Fülle und den Reichtum der in der jüdischen Geschichte vorhandenen Kräfte aufwies, indem sie von der unmittelbaren Vergangenheit den Blick auf die reichere, grössere, ursprünglichere Vorzeit zurücklenkte, sollte sie ein positives Verhältnis zu der jüdischen Vergangenheit ermöglichen und zu einer Erneuerung des Judentums aus seinen eigenen geschichtlichen Kräften heraus den Weg weisen. Bei den wissenschaftlichen Vertretern der Reformbewegung überwog die Kritik, bei den Führern der zwischen Reform und Orthodoxie stehenden historischen Richtung, bei Frankl, Michael Sachs und Graetz, die positive Seite des geschichtlichen Denkens, ohne dass freilich von einer absoluten Scheidung die Rede sein kann. Beide Richtungen haben in grossen Leistungen ihren Ausdruck gefunden. Zunz, der den Glauben an die jüdische Wissenschaft zuerst vertreten hat, ist wegen seiner wesentlich literargeschichtlichen Forschungsrichtung mit seinen grundlegenden Werken über die Kreise der Fachgenossen wenig hinausgedrungen. Dagegen hat von den Gesichtspunkten der Reformbewegung aus Geiger, von denen der konservativeren historischen Schule aus Grätz, eine Gesamtauffassung der jüdischen Geschichte von. stärkster und nachhaltigster Wirkung gegeben. Besonders die Geschichte der Juden von Grätz, die ebenso in die wichtigsten europäischen Sprachen wie ins Hebräische übersetzt worden ist, ist für das geschichtliche Bewusstsein des modernen Judentums überaus einflussreich geworden. (Schluss folgt) BESTELLEN SIE RECHTZEITIG DIE „Jüdische Welt-Rundschau“! Die Post geht jetzt sehr langsam! Zahlstellen siehe Seite 8 „Ein Krlosidvir Die „Neue Züricher Zeitung“ veröffentlicht einen Bericht, dem wir Nachstehendes entnehmen: In der Quarantänestation von Balboa, die zur amerikanischen Panamakanalzone gehört, leben seit dem 12. Juni 1939 jüdische Flüchtlinge aus Mitteleuropa, die mit dem englischen Dampfer „Orduna“ nach Cuba fahren wollten und, nach abenteuerlicher Kreuzfahrt in Balboa landeten, wo sie auf das Visum nach USA warten. Nach Kriegsausbruch wurde beim Eingang des Panamakanals der deutsche Öltanker „Moh Winkel“ von dien Kanalbehörden beschlagnahmt, weil er eine andere als die rechtmässige Flagge benützt hatte. Die Mannschaft und die Offiziere wurden in der Quarantäne einquartiert. Bald darauf brachen auf dem französischen Dampfer „Winnipeg“, der in Valparaiso vor Anker lag, Unstimmigkeiten zwischen Mannschaft und Offiziere aus. Auf dem Rückweg landeten auch diese Leute in der Qunantäne von Balboa, um hier den Weitertransport abzuwarten. Deutsche, Franzosen und Juden vereint unter einem Dach unter dem Schütze des Sternenbanners! Müsste da nicht der Leiter der Station, ein korrekter amerikanischer Arzt, um den Frieden seiner Schutzbefohlenen bangen? Nicht die Spur! Unter einem Dach wird geschlafen, in einem Raum wird gespeist und auf ein and demselben Platz wird gemeinsam ISpie'l und Sport getrieben. Nachdem zuerst der Kontakt zwischen den Deutschen und Juden hergestellt war und ein friedlicher Meinungsaustausch Platz gegriffen hatte, lässt mancher d,er deutschen Seeleute, deren Lohn auch in der Quarantäne weiterläuft, mittellose Juden durch Wäschewaschen u. dergl. einige Dollar verdienen. Die Franzos en benahmen sich so bescheiden und ruhig, dass sie sich im Nu die Sympathie aller erwarben, Die sprachlichen Schwierigkeiten waren bald überbrücbt und drei Völker, die sich drüben hinter dem Ozean blutig bekriegen und ausrotten, haben hier in dieser Gemeinschaft Freundschaft geschlossen. Auf dem grossen, schönen Fussballplatz, den die Juden angelegt haben, werden grosse „Länderspiele“ ausgetragen. Deutsche gegen Franzosen, Franzosen gegen Juden und ischliesslich Deutsche gegen Juden...