Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 28 (22.12.1939)
- Date
- 1939-12-22
- Page
- Seite 6 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 22. Dezember 1939 Deutsche Quellen über die Lage in Polen DEUTSCHSPRECHENDE ZIONISTEN IN NEW YORK Die Theodor Herzl Society, Vereinigung der Zionisten aus Deutschland, hat sich mit der Jacob Ehrlich-Society, der Vereinigung von Zionisten aus Österreich zu einem Daohverband deutsehsprechender Zionisten in New York zusammengeschlossen. Die Dachorganisation umfasst indirekt auch die New Yorker Gruppen des KJV. Igul und Makkabi. Zweck des Zusammenschlusses ist eine enge und freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Bestreben, eine evtl. Gesambfusion herbeizuführen. Beide Vereinigungen werden nach aussen durch den Dachverband vertreten, der von einem Fünferausschuss geleitet wird, an dessen Spitze Dr. Lazar Wallerstein, der Präsident der THS, steht. DIE TÄTIGKEIT DER WIZO Die WIZO (Zionistische Frauen-Organisation) veranstaltete in Jerusalem eine Journalistenführung durch ihre Institutionen. Man bekam dabei ein Bild von dem segensreichen Wirken der WIZO insbesondere auf dem Gebiet der Kinderfürsorge, eine der wichtigsten Sachen besonders in den Städten. Man besuchte zuerst den Kindergarten in der Gegend von Schimon hazaddik, dann das Säuglingsheim (ehemaliges Goldschmid-Haus), wo 120 Säuglinge mustergiltig gepflegt werden, zugleich eine Ausbildungsstätte für Kinderpflegerinnen, von denen 900 im Laufe der 15 Jahre die Schule passiert haben. Weiter wurde die Kinderkrippe im Nathan Straus- Zentrum, die Küche im Einwandererheim u.a. besichtigt, überall bekam man ein Bild von überaus wichtiger, umsichtig und sachverständig geleiteter Arbeit für das Ganze, eine wahre Volks-Arbeit im besten Sinne. Man kann die WIZO zu diesen Institutionen beglückwünschen. RICHARD BEER-HOFMANN Richard Beer-Hofmann, der Dichter von „Schlaflied für Mirjam”, „Jacobs Traum” und „Der junge David” befindet sich jetzt in der Schweiz und soll nach USA übersiedeln. Die Freude über seine Rettung aus Wien wird getrübt durch die Nachricht von dem Ableben seiner Frau, Paula Beer-Hofmann, die den übermenschlichen Strapazen und Aufregungen der letzten 2 Jahre erlegen ist. Wir sprechen dem Dichter unsere herzliche Anteilnahme aus. ÜBER FRANZ ROSENZWEIG Im Hebräischen Jahrbuch der Juden Amerikas veröffentlicht Dr. S. Bernsteineine umfangreiche Studie „Der Seher von Frankfurt“ über Franz Rosen zweig und sein Lebenswerk. Der Verfasser, der seiner Arbeit sämtliche Schriften und Briefe von Rosenzweig zugrundegelegt hat, zieht noch mehrere Aufsätze und Werke über Franz Rosenzweig heran, darunter Arbeiten von Gerschon Scholem, Ernst Simon und Hugo Bergmann (in seinem hebräischen Buch „Höge Hador“, Denker der Gegenwart, worin er eine überaus klare Darstellung des Inhalts von Rosenzweigs Hauptwerk „Stern der Erlösung“ gibt). Es ist sehr zu begrüssen, dass durch Bernsteins Hauptwerk die Persönlichkeit von Rosenzweig, die auf wichtige Teile der deutschen Judenheit einen nachhaltigen Einfluss ausgeübt hat, auch anderen jüdischen Kreisen nahegebracht wird. KLEINE PALASTINA-NACHRICHTEN In den letzten Tagen kam es — in einem sonst recht milden Dezember — zu heftigen Regengüssen. Die tiefer gelegenen Teile von Tel- Aviv waren wiederholt überschwemmt, und vorübergehend war der Verkehr in der Stadt behindert. In einer Sitzung der Abteilung für soziale Fürsorge beim Waad Leumi wurde am 18. d. M. die Verteilung von LP. 12.000 Unterstützungen für diesen Monat geregelt. Der Betrag wird durch die Stadt- und Gemeinderäte nach einem bestimmten Schlüssel verteilt werden. In Jerusalem fand ein Begrüssungsabend für den ehemaligen Leiter des Prager Palästina- Amtes Dr. März statt. Der Saal war überfüllt. Nach einer einleitenden Begrüßungsrede von Prof. Hugo Bergmann, der den Vorsitz führte, gab Dr, März ein erschütterndes Bild der Verhältnisse im „Protektorat“. — In den letzten Wochen sind besondersviele Einwanderer aus der Tschechoslowakei in- Palästina eingetroffen. über die Lage der Juden in dem von den Deutschen besetzten Gebiete Polens sind von der grossen internationalen Presse und auch durch die jüdischen Korrespondenzen und Zeitungen zahlreiche Berichte ausgegeben worden. Aus diesen Meldungen ging bereits hervor, wie katastrophal die Situation der Juden, in diesem Teile Polens ist. Bei allen diesen Berichten handelte es sich stets um Schilderungen neutraler Beobachter oder um Erzählungen j ü d isticher Flüchtlinge, die noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse standen., die sie währ r end des kurzen Feldzuges gegen die Polen oder auf ihrer Flucht aus der Heimat erlebt hatten. Auch deutsche Zeitungen hatten des öfteren Artikel ihrer Kriegsberichterstatter gebracht. Aus diesen Aufsätzen sprach bereits; deutlich die Tendenz, mit der die, deutschen Behörden gegen die Juden im besetzten Polen Vorgehen. Jetzt liegen OFFIZIELLE ÄUSSERUNGEN ' VON DEUTSCHER SEITE vor. Sie geben ein deutliches Bild von der entsetzlichen Lage, in der sich die Juden in -Polen befinden. Die Verordnungen und die Massnahmen, die die deutschen Behörden in Polen erlassen haben, bekräftigen die Berichte, die 'bereits veröffentlicht wurden und bestätigen alle Befürchtungen, -die man, für das Schicksal der polnischen Juden hegen muss. Diese Verordnungen und Erlasse werden in deutscher Sprache publiziert in dem „Verordnungsblatt des Generalgouverneurs für die besetzten polnischen Gebiete“, dessen Nr. 1 am 26. Oktober 1939 zu Warschau durch das Amt des Generalgouverneurs (zurzeit in Lodz) ausgegeben wurde. Dieses „Verordnungsblatt“ erscheint von Nr. 5 ab in Krakau, wo sich der Sitz des Generalgouverneurs befindet und wird vom Verlagsamt im Amte des Generalgouverneurs, Krakau, veröffentlicht. Weitere Massnahmen sind ersichtlich aus der „K rakauer Zeitun g“, deren erste Folgen am 12. bis 13. November in Krakau im Zeitungs* verlag Krakau-Warschau erschien. Chefredakteur dieses Blattes, das; als das offiziöse Orgian des Generalgouverneurs, Reichsministers Dr. Hans Frank gelten kann, ist Dagobert Dürr, seinerzeit der erste nationalsozialistische Pressechef der Stadt Berlin. AUS DER ARBEIT DER H0G0A ORTSGRUPPE TEL-AVTV Hebräische Intensivkurse, die die Möglichkeit zum intensiven Eindringen in die Srache in verhältnismässig kurzer Zeit bieten sollen, werden von der HOGOA eingerichtet. Es werden Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene beginnen mit folgenden Fächern: Sprache und Grammatik, Konversation, Tenacli, Neue Literatur, Stilübungen. Englische Kurse , der HOGOA. Der Zeitungslesekurs unter Leitung von Dr. Artur Prinz findet jetzt im Ben Jehuda Gymnasium, Galilstr. 7 statt (Sonntag und Mittwoch von 17|-—19 Uhr). Weitere Kurse: Anfänger Sonntag und Mittwoch 19| bis 21 Uhr, Rambamstr. 15 unter Leitung von Ilse Moritz. Fortgeschrittene: Montag und Donnerstag von 17;—18| Uhr im Maon Olim, Yarkonstr. 47, unter Leitung von Dr. Ruth Bäclc-Nussbaum. Kursgebühr. monatlich 1’8 Piaster. Einführung in die wirtschaftliche Praxis Palästinas Unter diesem Titel veranstaltet die Hitachduth Olej Germania we Olej Austria einen Kurs, der eine Einführung in die praktischen Probleme des Wirtschaftslebens für Neueinwanderer geben s,oll. Berufene Sachkenner werden über die Hauptgebiete des Wirtschaftslebens referieren und insbesondere die Formen und Einrichtungen darstellen, die von d,en in Europa üblichen abweichen und dem Lande eigentümlich sind. Auf diese Weise soll den Olim die Anpassung an die Besonderheiten des palästinensischen Wirtschaftslebens erleichtert werden. Folgende Themen sind vorgesehen. 1. Gesamtüberblick über Industrie, Handel und Verkehr in Palästina (Referent: Erich Roth vom Foreign Trade Institut); 2. Praxis und Usancen des Wirtschaftsverkehrs (Referent: Wirtschaftsprüfer Dr. David Rosolio); 3. Einführung in die wichtigsten Gebiete des Zivil- und Wirtschaftsrechtes (auf Grund praktischer Fälle), a) Schuldrecht, Arbeitsrecht, Zivilprozess (Referent: Rechtsanwalt Dr. Franz R e u s s); b) Handels-, Wechsel- und Konkursrecht (Referent: Rechtsanwalt Dr. Meinhold Nussbäum); 4. Bank- und Kreditwesen (Referent: Dr. Gerhard Münzner). Der Kurs findet in wöchentlichen Abständen statt. Teilnehmer-Gebühr für den gesamten Kurs: Für Mitglieder der HOGOA 15 Piaster, für Nichtmitglieder 18 Piaster. Voranmeldungen erbeten an das Büro der HOGOA, Rambamstr. 15 CHANUKKA-NESCHEF FUER ARBEITSLOSE Die Arbeits-Abteilung der Hitachduth Olej Germania we Olej Austria T e 1 - A v i v hat ihre arbeits- Bereits die Proklamation des Genera 1 gouvern-eurs vom 26. Oktober 1939, die in Nr. 1 des „Verordnungsblattes“ vom 26. Oktober 1939 veröffentlicht wird, enthält die programmatische Erklärung: „für politische Hetzer, Wirtschaftsschieber und, jüdische Ausbeuter dagegen wird kein Platz mehr in einem unter deutscher' Oberheit stehenden Gebiet sein“. Diese erste Nummer des „Verordnungsblattes“ publiziert neben einer „Verordnung über die Einführung der Arbeitspflicht für die polnische Bevölkerung des Generalgouvernements“ am 26. Oktober 1939 auch -eine „Verordnung über die Einführung des Arbeitszwanges für die jüdische Bevölkerung des Generalgouvernements“ vom gleichen Tage. Während eine Arbeitsp flicht nuf für die polnischen Bewohner zwischen dem 18. und 60. Lebensjahr besteht, gibt es; für den Arbeit« z w a n g der Juden, keinerlei Altersgrenze nach unten oder oben. Das gleiche „Verordnungsblatt“ enthält dann noch eine „Verordnung über das Schächtverbot.“ Wer sich des Schächtens „schuldig“ macht, wird mit Zuchthaus bestraft. Diese Zuchthausstrafe „kann auch in Konzentrationslagern vollstreckt werden:“ Es ist wohl das erste Mal, dass in einem deutschen Gesetzblatt die Rede von einem Konzentrationslager ist. Die Nr. 1 publiziert ferner noch eine „Verordnung über Ein-, und, Ausreis ©-Bewilligungen für das Gebiet des Generalgouvernements. Danach sind; alle Ein- und Ausreisen aus, dem besetzten Polen genehmigungspflichtig. Durch eine „Verordnung über die Herausgabe von Druckerzeugnissen“ ist „die Herausgabe, die Drucklegung und die Verbreitung von Druckerzeugnissen aller Art periodischer und nicht periodischer Erscheinungsweisen genehmigungspflichtig“. Schliesslich wird noch durch eine weitere Verordnung „für die gesamte polnische Bevölkerung des Generalgouvernements der Kenn kartenzwang eingeführt“. Das Büro des jüdischen Weltkongresses“ Genf, Quai Wilson) veröffentlicht regelmässig eine Namensliste der aus Polen geflüchteten Juden, die provisorisch in Ungarn und Rumänien untergebracht wurden. losen Mitglieder am Dienstag, den 12. Dezember, zu einem bunten Chanukka-Abend ins Beth Bachaluzoth eingeladen. Es erschienen etwa 400 bis 500 Arbeitslose, jung und alt, in freudiger Erwartung und mit dem Verlangen, für einige Stünden ihre schweren Sorgen zu vergessen. Nach Anzünden der Chanukka-Lichter begrüsste die Leiterin der Arbeitsabteilung, Frieda Weinreich, die dichtgedrängte Menge und übergab Sammy Gronemann die Conference des Abends, die er in seiner launigen Weise durchführte. Er verstand es, das Publikum in eine ausserordentlich gute Stimmung zu versetzen, die sich noch erhöhte, als er aus seinem „Tohuwabohu“ ein Kapitel verlas. . Als erster spielte Konzertmeister Dr. Peretz in feinsinnigster Weise Bach und Beethoven. Er wurde von Dr.. Heinz Pinkus begleitet, der auch die Begleitung der übrigen Künstler in anpassungsfähigster Art übernahm. Herr Grünbaum, erst vor einigen Wochen aus Deutschland eingewandert, rezitierte hebräische Gedichte von der Rachel und im zweiten Teil Heine. Herr Immendorf, früher, an der Wiener Volksoper, sang mit gewaltigen Stimmitteln bekannte Arien aus „Zar und Zimmermann“, ,,Freischütz“, „Barbier von Sevilla“ usw. Frau Feinsack sang mit glockenreiner, geschulter Stimme Arien aus den „Hugenotten“, einen Walzer von Brodski und eine Arie aus dem „Maskenball.“ Fräulein Stella K a d m o n, die frühere Inhaberin des Kabaretts „Lieber Augustin* * in Wien, trug mit viel Esprit und Charm eine Reihe von aktuellen Chansons vor. Zum Schluss tanzte Frau Tila Roessler zwei Charakter-Tänze: Oleh Täiman und Aleh Polonia (am Klavier Frl. Gwily) und erntete ebenso wie alle anderen, Künstler stürmischen Beifall des dankbaren Publikums.” JERUSALEM In der ersten konstituierenden Sitzung des neu gewählten Vorstandes der HOGOA Jerusalem wurde Dr. R o - s e n f e 1 d als Vorsitzender, sowie zwei stellvertretende Vorsitzende, von denen der eine Dr. W a 1 d m a n n ist und der zweite auf der nächsten Sitzung gewählt werden wird, bestätigt. Ferner wurde die Zu wähl von vier Vertretern aus Österreich vorgenommen, und zwar: Dr. Bernhardt, Dr. Morgenstern, Dr. Rabiuowitz, Dr. Waldmann. Die Arbeitsgebiete wurde in Dezernate aufgeteilt, deren hauptsächlichste sind: Sozialarbeit (Dr, Noack), Finanzen (Dr. Rosenfeld), Hebräische Arbeit (Dr. . Hirsch), Mitgliederwerbung und Propaganda (Frl. Frankenstein, Dr. Gross, Dr. Morgenstern), Vorträge und Veranstaltungen (Berger, Frl. Frankenstein, Dr. Gross), Wirtschaftsfragen (Dr. Babinowitz). Der neue Vorstand hat seine Tätigkeit sofort aufgenommen.