Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 28 (22.12.1939)
- Date
- 1939-12-22
- Page
- Seite 5 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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22. Dezember 1930 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 5 Aus dem palästinensischen Leben Das Finanzjahr 1938/39 wurde von der Palästina Regierung, wie jetzt mitgeteilt wird, mit einem Überschuss von LP. 2,533.265 abgeschlossen. Dies ist ein Anwachsen der Reserven um T/P. 133,000.— im Vergleich zum vorangegangenen Jahr. Die Gesamteinnahmen des Jahres betragen LP.5.937.280, worin ein Zuschuss der britischen Staatskasse von LP. 1.689.515 enthalten ist. Bisher wurden ungefähr 1 h Millionen Kisten Orangen nach England exportiert, wovon über die Hälfte auf Juden entfällt. Entgegen den Erwartungen ist eine Knappheit an Schiffsraum nicht zu verzeichnen, dagegen sind die Frachtkosten wegen des Kriegsrisikos erheblich gestiegen. Die ersten Orangenverkäufe in Liverpool am 17.12. ergaben einen Preis von 91—131 Shilling pro Kiste. Bei diesem Preis verbleiben dem Pflanzer nach Abzug aller Kosten für die Frucht am Baum etwa 2 Shilling. Die von uns bereits' mitgeteilten erfolgreichen Versuche des Sieff-Institutes in Rechovoth, aus Orangen Aceton (einen für die Kriegsindustrie unentbehrlichen Stoff) herzustellen, wurde in einem Artikel des „Manchester Guardian” gewürdigt, der darauf hinwies, dass durch diese neue Erfindung Weizmann England einen grossen Dienst geleistet habe. Es heisst in dem Artikel, dass drei Millionen Kisten Orangen 2000 to Alkohol für die Erzeugung von Aceton ergeben können. Bei dem Preisausschreiben für den Bau eines archäologischen Museums bei der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg wurden keine Preise verliehen, doch wurde der Bau an die Architekten. Rubin und Jawicz in Tel-Aviv vergeben, die einen zweiten Preis erhielten. Einen anderen zweiten Preis (aber ohne den Bauauftrag) erhielt der Architekt Rattner in Haifa. Das Preisrichter-Kollegium bestand aus den Herren Alexander Klein, Erich Mendelsohn und Salmann Schocken. Dr. Ar je Feigenbaum wurde zum Professor der Augenheilkunde an der Universität Jerusalem ernannt und Dr. Guiseppe Rachah (früher Universität Pisa) erhielt einen Lehrstuhl als Professor der theoretischen Physik. Dr. Feigenbaum, der in Galizien geboren ist und in Wien studiert hat, kam 1913 nach Palästina und ist seit 1922 Abteilungsleiter im Hadassah Hospital. Am 11. Dezember fand die Grundsteinlegung einer Siedlung der Einwanderer am Griechenland im, Scharon statt. Die Siedlung führt den Namen Zur Moscheh, benannt nach Dr. Mosoheh Kupinas, dem ehemaligen jüdischen Abgeordneten von Saloniki im griechischen Parlament. Von LEOPOLD MARX Vorbemerkung der Redaktion: Am letzten Jom Kippur befahl die Gestapo im ganzen deutschen Herrschaftsgebiet (also auch im „Protektorat“J die persönliche Ablieferung aller im Besitz von Juden befindlichen Radio-Apparate. Augenzeugen schildern die grotesken Szenen, als die Juden — an diesem höchsten Feiertag vor den Ablieferungsstellen Schlange stehen mussten, jeder mit seinem Radio im Arm. An diesem Tage entstand das nachstehende Gedicht des damals noch in Deutschland lebenden Verfassers, den wir anlässlich seiner Alijah im Lande herzlich willkommen heissen. Von den tausendmal tausend Stimmen der Welt war unser Ohr so betört: wenn die Eine Stimme zu uns sprach — wir haben sie nicht gehört. Nach dem sicheren Mass der gemessenen Zeit traten die Stimmen ins Haus... wann die Stunde der Einen Stimme schlägt, keiner weiss es voraus. Heute geschah’s: mit jäher Gewalt, dass wir sie wieder vernahmen, hat die Stimme die Stimmen weggefegt, die aus allen Winden kamen. Israel, höre: Einer ist ER... vor IHM sind die Mächte der Erde wie Blätter im Wind. Ihre Stimmen sind einer flüchtigen Stunde Gebärde. urn DT ’NXIQ Am 13.9.1939 Auf einer Konferenz der Esperantisten in Palästina wurde 'beschlossen, die Einwanderung der Familie des verstorbenen Begründers des Esperanto, Dr. Zamenhof, nach Palästina zu bewerkstelligen. Aus Anlass der Vollendung der Gebäude fand eine formelle Einweihung des religiösen Jugenddorfes (Kfar Hanoar Hadati) bei Haifa statt. Das Dorf, in der Nachbarschaft von Kfar Chassidim in einer überaus anziehenden Landschaft am Ausgang des westlichen Emek Jesreel zwischen dem Carmel und den galiläischen Bergen gelegen, wurde vor 21 Jahren von der Jugendalijah mit Unterstützung der amerikanischen Frauenorganisation „Hadassah” gegründet. Der Verwalter des Dorfes ist der den deutschen Zionisten wohlbekannte Misrachist Alexander Adle r. Es sind jetzt ungefähr 130 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren dort untergebracht. Die pädagogische Leitung liegt in den Händen von Eugen Michaelis (früher Hamburg). Die Einweihungsfeier, an der u. a. die Misrachiführer Dr. Ra'bin (früher Breslau) und Herrmann Struck aus Haifa teilnahmen, bekam ihren besonderen Charakter durch die Anwesenheit von Miss Henrietta S z o 1 d, der unermüdlichen Betreuerin der jüdischen Jugend aus Deutschland. In Tel-Aviv fand nach 3 Jahren die 9. Konferenz des hebräischen Sichriftstellerververbandes statt, in der sich gewisse Gegensätze zeigten. Es besteht eine Opposition gegen die jetzige Leitung des Verbandes und besonders der Verbandszeitschrift „Mosnaim”, der man den Vorwurf der Lebensferne macht. Die Veranstaltung gab auch Gelegenheit, die schwere materielle Lage zahlreicher hebräischer Schriftsteller darzustellen. Das 4. Konzert des Palästina - Orchesters war Mozart gewidmet. Als Dirigent und als Solist (in dem Klavierkonzert) zeigt Michael Taube sein feines Verständnis für Mozart und seine ausserordentliche Musikalität. Es war ein Abend voll zarter und heiterer Unbeschwertheit, und künstlerischem Hochgenuss, eine echte Stärkung der Lebenskräfte in dieser äusserste Anforderungen stellenden Zeit. Im palästinensischen Radio wurde eine neue Komposition von Erich Walter Sternberg „Dr. Dolittle“ aufgeführt. Es ist ein „Kinder- Oratorium“ in drei Teilen dem die berühmte Kindergeschichte zugrunde liegt. In dem Text wurden auch andere Gedichte einbezogen z. B, von Goethe, Matthias Claudius u.a. Das Werk ist voll von musikalischer Erfindung und Klangschönheit, der die Aufführung unter der Leitung von Karl Salomon voll gerecht wurde. sehen Aufsatz von H. v. Kleist über das Marionetten-Theater) und seine Bedeutung für Palästina sei hier nur darauf, hingewiesen, dass das Land um ein künstlerisches Unternehmen reicher geworden ist. Dr. L o e w i hat sein Marionetten- Theater von Karlsbad mitgebracht, spielt z. Zt. in Haifa und wird auch an anderen Orten seine Kunst zeigen. Die Darbietungen sind dem Besten ebenbürtig, was wir auf diesem Gebiet in Deutschland gesehen haben. Puppen in Ausdruck und Bewegung, Szenerie, Farbe, Musik, Licht und Sprache sind zu einem einheitlichen Bild zusammengefasst. Ernste und heitere Szenen wechseln, und es gibt ein besonderes Kinderprogramm. Wer für künstlerische Dinge interessiert ist, soll nicht versäumen, das Theater zu besuchen. Dr. Albert Baer (Haifa) iSchalom Asch hat jetzt in englischer Sprache einen Christusroman veröffentlicht. Es ist eine Rahmenerzählung, die darauf beruht, dass ein polnischer Historiker bei der Erforschung eines auf Judas Ischariot zurückgehenden fünften Evangeliums sich mit der Gestalt des Hegemon von Jerusalem so völlig identifizert, dass der weitere Verlauf der Christus-Erzählung sich leibhaftig abspielt. Die Komposition wird charakterisiert durch das Hin- und Herschwanken der Erzählung zwischen den 2 Jahrtausende auseinanderliegenden Stoffen, aber das Wesentliche ist die Darstellung des Jesus-Lebens. BRODETSKY GEWÄHLT Bei der Sitzung des Board of Deputies ist, wie vorauszusehen war, Prof. Brodetsky anstelle des zurücktretenden Neville Laski zum Präsidenten gewählt worden. Damit ist zum ersten Mal einem prominenten Zionisten dieses Amt anvertraut. Der bisherige Vorsitzende Neville Laski, der der Nichtzionistengruppe der Jewish Agency angehört, versprach seine Mitarbeit. Brodetsky erklärte, er werde seinen Zionismus; niemals verleugnen, aber sich bemühen, für alle Meinungen Verständnis zu haben und werde für Einigkeit eintreten. Brodetsky, der 52 Jahre alt ist, ist seit 1924 Professor der Mathematik an der Universität Leeds. Seit 1929 ist er Mitglied der Zionistischen Exekutive. GENFER BÜRO DER JEWISH AGENCY Infolge des Krieges; wird jetzt ein Teil der zionistischen Arbeit mit Zustimmung der Schweizer Behörden von Genf aus geführt unter der Kontrolle von Dr. Nahum G o 1 d. m a n n, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency in Genf. Das Zionistische Departement des Genfer Büros (Adresse: 52 Rue des Paquis) steht unter der Leitung von Herrn Richard Li c h t h e i m, dessen Funktion es ist, den Kontakt mit europäischen Zionistenverbänden aufrechtzuerhalten und zu entwickeln, während Herr Ba r l as; alle Angelegenheiten im Zusammenhang mit Einwanderung nach Palästina erledigen wird. Vertreter der Zionistischen Fonds, der Hachschara und der Jugend-Alija in Genf werden mit diesen Departements Zusammenarbeiten. Die politische Arbeit der Jewish Agency in Bezug auf den Völkerbund, Regierungen und verschiedenen internationalen Körperschaften wird von dem bereits seit Jahren bestehenden politischen Büro der Jewish Agency in Genf unverändert weitergeführt. AUS SIEDLUNGEN DEUTSCHER JUDEN In Kfar Schmarjahu fand am letzten Chanukka-Abend die feierliche Einweihung des Beth Levin statt, des zum Andenken an iSchmarjahu Levin im Mittelpunkt der Siedlung errichteten Gemeindehauses, in dem sich auch Versammlungs- und; Be träum befindet/ Das Haus ist umgeben von einem Garten, der von dem früheren High Commissioner Sir Arthur Wauchope gestiftet worden ist. Ansprachen hielten die Vertreter der Siedler siowie namens der Rassco Dr. A. Landsberg. Die erleuchteten Menoroth auf allen Wassertürmen der zahlreichen Siedlungen des Scharon in der warmen Chanukkanacht gaben der Feier einen besonderen, festlichen Rahmen. — Kfar Schmarjahu ist ein von der Rassco gegründetes Dorf, das hauptsächlich von Einzelsiedlern aus: Deutschland bewohnt ist. Auch in einer anderen Gründung von Einwanderern aus Deutschland., dem „Eierdorf“ Ramjoit H a si c h a w i m wurde das; neue Gemeindehaus eingeweiht, das einen Saal für zweihundert Menschen, Bibliothek, Lesezimmer etc., umfasst. Der Vorsitzende des Gemeinderates Dr. Spier gab einen Überblick über die Entwicklung des Ortes, der auf die Initiative des; verstorbenen Davis; Trieseh zurückgeht. Der Bauplatz, auf .dem das Beth Am steht, wurde seinerzeit zur Erinnerung an den Besuch Toscaninis in Ramot Haschawim erworben. Der Jüdische Nationalfonds (Keren Kajemeth) erhielt ein „Legat“ von LP. 5000 von einer anonymen Spenderin aus Nordeuropa. Dieselbe Spenderin gab bereits vor einigen Jahren bei einem Besuch in Palästina eine Summe von LP. 5000 für den Keren Kajemeth. Das Mitglied der Exekutive Jizchak Grünbaum ist von seiner Reise nach Rumänien nach Palästina zurückgekehrt. Die „Theodor Herzl Society“ in New York hat Rabindranath T a g o r e ins Goldene Buch des Keren Kajemet le-Israel eingetragen. Tagore hat in einem an den indisch-amerikanischen Professor Das nach New York gerichteten Brief seine tiefe Sympathie für das Schicksal des jüdischen Volkes ausgesprochen. In dem Brief ist auch die Rede von einem Professorenaustausch mit der hebräischen Universität Jerusalem. Die Verbindung mit Tagore entstand dadurch, dass Dr. Das in der Theodor Herz'I-Society einen Vortrag hielt und nach diesem Abend;an Tagore darüber berichtete. GROSS! KLEINKUNST Statt Ausführungen über das Marionetten- Theater als solches (siehe dazu besser den klassi-