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Jüdische Weltrundschau · 1939-12-22 · 28 (22.12.1939) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
28 (22.12.1939)
Date
1939-12-22
Page
Seite 4 (sequence 7)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 22. Dezember 1939 Aus dem englischen Weissbuch Das kürzlich erschienene englische Weissbuch I über die Behandlung deutscher Staatsangehöriger ] in Deutschland in den Jahren 1938/39 enthält ein- | wandfreie Zeugnisse über das Vorgehen gegen | Juden in Deutschland nach dem 10. November' 1938. In der Einleitung heisst es: ‘Diese Dokumente sind nicht zum Zwecke der Veröffentlichung geschrieben worden und solange auch nur die leiseste Aussicht auf irgendeine Verständigung mit der deutschen Regierung bestand, wäre es falsch gewesen, irgendetwas zu tun, was die Beziehungen zwischen den zwei Ländern verbittern konnte. Sogar nach dem Ausbruch des Krieges zögerte S. M. Regierung, etwas zu tun, was Hass erzeugen würde. Aber die Haltung der deutschen Regierung und die skrupellose Propaganda, die sie führt, zwingt S. M. Regierung, diese Dokumente zu veröffentlichen, sodass die öffentliche Meinung hier und im Ausland imstande ist, selbst zu urteilen.” Unter den Dokumenten befindet sich ein Bericht des englischen Generalkonsuls in Frankfurt am Main, Smallbones, vom 14. Dezember 1938, worin es heisst: „Obwohl die deutsche Regierung in etwas lahmer Weise verbreitet hat, dass die Aktion gegen die Juden, die Verbrennung von Synagogen, die Zerstörung von Geschäften und Privatwohnungen, die Überfälle und Plünderungen von der durch den Tod des Herrn von Rath empörten Bevölkerung verübt wurden, wird es ihr schwer fallen, die Verantwortung für die systematische, in weitem Ausmass erfolgte Misshandlung der Verhafteten durch S.S. und die reguläre Polizei von sich abzuwälzen. Ich fürchte, dieser Bericht wird eine unerfreuliche Lektüre sein, aber ich halte es für meine Pflicht, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Denjenigen, die aus den Lagern entlassen worden sind, wurde angedroht, dass eine Enthüllung des dort Geschehenen die schrecklichsten Folgen für sie haben würde. Die Tatsachen, die ich hier berichte, wurden von einer grossen Anzahl von Menschen unabhängig von einander mitgeteilt, und sie konnten nicht alle zur gleichen Zeit und über die gleichen Ereignisse die gleichen Lügen erfinden. „Eine Seite des deutschen Wesens“ Ich habe in Deutschland etwa acht Jahre lang Dienst getan. Ich habe die Deutschen in der Stunde ihrer Demütigung gekannt, nach dem Kriege, als ich in München arbeitete, und ich bin seit 1932 auf diesem Posten. Ich schmeichelte mir, den deutschen Charakter zu kennen, und ich habe mit meinen besten Kräften für eine englischdeutsche Verständigung gearbeitet. Die letzten Ereignisse haben mir eine Seite des deutschen Charakters enthüllt, die ich nie vermutet hätte. Ich habe sie niemals für grausam gehalten. Sie sind im allgemeinen gut zu Tieren, zu Kindern, zu den Alten und Bresthaften. Es mag eine Erklärung für diesen Ausbruch sadistischer Grausamkeit sein, dass sexuelle Perversion, und insbesondere Homosexualität, in Deutschland sehr häufig ist. Es scheint mir, dass eine weit verbreitete sexuelle Perversion eine Erklärung für diesen sonst unerklärlichen Ausbruch bieten kann. Ich bin überzeugt, wenn die deutsche Regierung von der Zustimmung des Volkes abhängig wäre, so würden die an der Macht Befindlichen und für diese Ausschreitungen Verantwortlichen von einem! Sturm der Entrüstung hinweggefegt, wenn nicht gegen die Wand gestellt und erschossen werden.” Im Anschluss daran gibt dann der Konsul eine ausführliche Beschreibung der Erlebnisse eines Frankfurter Juden, der im Krieg 1914—1918 für Deutschland gekämpft hat, ein gebildeter Mann ist und ein gutgehendes Geschäft besass. Die Darstellung beruht auf verbürgten Zeugenaussagen und schildert im Einzelnen die haarsträubenden Rohheiten und Grausamkeiten bei der Verhaftung und Überführung in die Frankfurter Ausstellungshalle. Viele Menschen wurden dort ein oder zwei Tage ohne Schlafgelegenheit und ohne Nahrung und Trinkwasser gehalten. Man trieb mit ihnen, so heisst es weiter, ein Spiel. Die S. S. und Polizei liess die Menschen niederknien, die Arme auf dem Rücken kreuzen und dann mussten sie sich vorwärtsneigen, bis sie mit der Stirne den Boden berührten. Wer das nicht konnte, dem wurde durch Fusstritte in den Rücken nachgeholfen. Andere wurden gezwungen, um das Gebäude herumzulaufen. Manchen der Gefangenen wurde so schlecht, dass sie sich übergaben; man packte dann den Betreffenden beim Hals und wischte den Schmutz mit seinem Gesicht und seinem Haar ab. Von dort wurden dann die Menschen unter fortgesetzter ähnlicher Behandlung nach Buchenwald gebracht. In dem Bericht heisst es an einer Stelle: „Während der ersten Nacht wurde, den Menschen nicht gestattet, den Raum zu verlassen, um das natürliche Bedürfnis zu befriedigen. Sie benützten ihre Hüte. Das Weissbuch fügt hinzu: „Sechs Zeilen sind hier ausgelassen worden, weil die weiteren darin enthaltenen Details einfach undruckbar sind.” Der Konsul gibt dann eine ganze Reihe von Einzel-Misshandlungen und Demütigungen wieder, die unglaublich wären, wenn nicht die Glaubwürdigkeit dieses offiziellen Berichtes unbezweifelbar wäre und wenn nicht, so möchten wir hinzufügen, ähnliche Schilderungen auf Grund authentischer Berichte inzwischen häufig genug mitgeteilt worden wären. Das Lager Dachau Der Münchener englische Generalkonsul C a r v e 11 beschreibt in einer Darstellung vom 5. Januar 1939 an Lord Halifax die Zustände des in der Nähe von München gelegenen Konzentrationslagers Dachau. In dem Berichte heisst es: „Ungeachtet der Drohung schwerer Strafen gegen die aus dem Konzentrationslager Dachau Entlassenen, wenn sie nicht absolutes Stillschweigen über ihre Behandlung bewahren, ist doch genügende Information herausgedrungen, die es ermöglicht, einen Bericht zu geben über die Behandlung jüdischer Gefangener seit dem 9. November 1938.“ Das Lager in Dachau — so heisst es in dem Bericht weiter — umfasste als Maximum 14,000 Juden. Der erste Tag der Haft war von unbeschreiblichem Grauen, und keiner der freigelassenen Häftlinge war imstande oder gewillt, darüber zu reden. Man kann sich vorstellen, dass die Gefangenen, zusammengepfercht wie Vieh in einem Viehhof, gequält wurden durch die Angst vor dem Schlachthaus. Beim Eintritt in das Lager wurde jedem Gefangenen der Kopf geschoren, dann erhielt er einen rauhen Leinenanzug mit einem aufgedruckten gelben Davidstern. Anscheinend wurde keine andere Kleidung verabreicht, auch nicht nach Anbruch des äusserst kalten Winterwetters. Unterwäsche konnte dagegen in der Kantine gekauft werden. 200—300 Personen wurden in Baracken zusammengedrängt, die ursprünglich für 60—80 gebaut waren. Im weiteren Verlauf des Berichtes werden die Lebensbedingungen in dem Lager dargestellt, ferner Einzelheiten über die vorgekommenen Misshandlungen an Hand zuverlässiger Zeugnisse gegeben. Der Tag der Entlassung — so heisst es weiter — ist eine wahre Feuerprobe. Die freizulassenden Gefangenen werden im Freien um 5 Uhr früh aufgestellt und müssen mit entkleidetem Oberkörper dastehen bis etwa 10, dann werden sie vom obersten Sanitätsoffizier auf etwaige Spuren von Misshandlungen untersucht. Nach der Inspektion wird ein Strom eiskalten Wassers auf sie losgelassen. Bevor sie das Lager verlassen, hält der Kommandant eine Ansprache an sie und fordert sie auf, Deutschland so schnell als möglich zu verlassen. Sollten sie „Greuelmärchen“ im Ausland verbreiten, so würde das nicht zum Vorteil ihrer in Deutschland verbliebenen Glaubensgenossen sein. Dann werden sie aufgefordert, ein Dokument zu unterschreiben, dass sie nicht misshandelt worden sind und dass alle persönlichen Effekten unversehrt sind. All diese Einzelheiten sind nicht neu. Sie sind fast schon zu Banalitäten geworden. Die Gewohnheit stumpft ab. Und doch darf das alles nicht vergessen werden. DER UNITED JEWISH APPEAL In Amerika wurde seinerzeit bei der Errichtung des United Jewish Appeal für 1939 im Herbst 1938 zwischen dem Joint Distribution Committee einerseits und dem Unitedi Palestine Appeal (der für den Keren Hajessod und den Keren Kajemeth auf,tritt) andererseits als die Hauptpartner die Vereinbarung getroffen, dass die ersten eingenommenen $ 9,500,000 wie folgt auf ge teilt werden sollen: £2,500,000 für den United Palestine Appeal, $ 5,000,000 für das Joint Distribution Committee, und $ 2,000,000 für Flüchtlingsarbeit in U. S. A. Es . wurde vereinbart, dass alle Einnahmen über diese $9,500,000 hinaus durch ein besonderes Verteilungskomitee, das aus fünf Personen, Rabbiner Dr. Abba Hillel Silver und Dr. Salomon Goldman für den United Palestine Appeal, Mr. Paul Berwald und Mr. Henry Ittleson für das Joint Distribution Committee, und Mr. Louis E. Kirstein aus Boston als Vorsitzender, besteht, verteilt werden sollen. Die zusätzlichen $ 6,000,000, über die jetzt verfügt wurde, sind noch nicht in bar vorhanden, jedoch werden die ausstehenden Versprechen als verlässlich angesehen. Man erwartet, dass ungefähr $ 3,000,000 Ende des Jahres vorhanden sein werden, während der Rest in den ersten Monaten von 1940 einkassiert werden soll. Die Verteilung der zusätzlichen sechs Millionen Dollar ist von dem Komitee wie folgt festgesetzt worden:— $ 600,000 für Flüchtlingsdienst in Amerika; $ 250,000 für katholische und protestantische Flüchtlinge, (als eine Sympathiebezeugung für nichtjüdisiche Flüchtlinge, die unter denn gleichen Schicksal leiden wie die jüdischen Flüchtlinge); $1,500,000 für den United Palestine Appeal, wobei der United Palestine Appeial selbst für die Aufteilung dieses Betrages zwischen dem Keren Hajessod und dem Keren Kajemeth verantwortlich ist. Das; Joint Distribution Committee erhält $ 3,650,000, jedoch nur $ 2,350,000 für seine gewöhnliche Arbeit, während $ 800,000 für die Co-Ordinating Foundation Gesellschaft beiseite gestellt sind, die ihren eigenen Ausschuss hat, darunter eine Anzahl von iMitgliedern, der jüdischen Gemeinde in England- Eine Summe von $ 500,000 stellt Garantien dar, die das Joint Distribution Committee für Passagiere des Dampfers „St. Louis“ übernommen hatte, denen gestattet wurde, nach ihrer Abweisung in Kuba in einer Reihe von europäischen Ländern zu landen. BLUMENFELD-ABEND IN NEW YORK Im Mitteilungsblatt des „German-Jewish-Club“ (Vereinigung von Juden aus Deutschland) in New York finden wir einen Bericht über einen Vortragsabend von Kurt Blumenfeld, dem wir nachstehende Darstellung entnehmen: Nahezu 1000 Menschen (Hunderte fanden keinen Platz mehr) hörten Blumenfeldsi Rede über „Ende und Neubeginn“. Die Kundgebung war eine der bisher grössten und repräsentativsten Veranstaltungen deutscher Juden in US.A. Dr. Wallerstein begrüsste Blumenfeld im Namen der „Theodor Herzl-iSociety“, Dr. Singermann für die Jakob Ehrlich-lSociety, Dr. Hahn für die American Federation of German Jews. Dr. Joachim Prinz hiess Kurt Blumenfeld alsi zionistischen Lehrer und Erzieher in Amerika willkommen, Dr. Stephen S. Wise begrüsste ihn namens der ZOA in humorvoller und herzlicher Weise. Aus der Fülle seines historischen Wissens; und seiner aphoristischen Formkraft schöpfend führte Blumenfeld die Wurzeln der Epoche, an deren Ende wir stehen, auf die Befreiung des Individuums in der Renaissance zurück. Das Ende dieser Epoche, die den Juden eine Chance gegeben hat, sieht er nicht nur in dem Bereich des neuen Barbarentums gekommen; autarke Tendenzen, wachsende Wirtschaftskontrolle des Staates auch in den Demokratien. Verengung der Wirtschaft und Ausschaltung immer grösserer Gruppen aus dem Wirtschaftsprozess, darunter die Isolierung der Juden, sind! ihm Anzeichen eines allgemeinen Wandels, der ihm auch, durch keinen Ausgang des Krieges abwendbar erscheint. In diesem Wandel ist ein neuer Zusammenschluss der Juden nicht nur von der Bosheit unserer Feinde, sondern aus historischer Notwendigkeit geboten. Die Idee des jüdischen Neubeginns ist deshalb die repräsentative jüdische Idee unserer Zeit, realisierbar durch eine schöpferische Tat: Palästina. Das Blatt schliesst seinen Bericht wie folgt: „Blumenfeldß rhetorisch formvollendete Rede war ein grosses Erlebnis—es war ein grosser Abend.“ Zugleich mit der Völkerbundsversammlung fand auch eine Sitzung der Permanenten Mandatskommission in Genf statt. Die Palästinafrage wurde jedoch nicht behandelt, da der Völberbundsrat sich noch nicht mit den letzten Beschlüssen der Mandatskommission (von August d. Js.) betreffend der Stellungnahme zum letzten englischen Palästina Weissbuch beschäftigt hat.

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