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Jüdische Weltrundschau · 1939-12-22 · 28 (22.12.1939) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
28 (22.12.1939)
Date
1939-12-22
Page
Seite 3 (sequence 6)
Language
German
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22. Dezember 1939 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 3 Nur noch 185,000 Juden ERGEBNISSE DER STATISTIK DER REICHSVEREINIGUNG Die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ war von den deutschen Behörden veranlasst worden, statistische- Erhebungen über die gesamte jüdische Bevölkerung anzustellen, die bis zum 1. Oktober 1939 abgeschlossen sein mussten. Durch die Jüdischen Gemeinden waren Fragebogen verteilt worden, die von sämtlichen Juden im Sinne des Paragraphen 5 der Ersten 'Verordnung zum Reichsbürgergesetz ausgefüllt werden mussten. Das „Jüdische Nachrichtenblatt“ Berlin veröffentlicht eine Darstellung des geschäftsführenden Vorstandsmitgliedes der Reichsvereinigung, Ministerialrat a. D. Dr. Otto Hirsch, über die Ergebnisse dieser Statistik. Dr. Hirsch macht Mitteilungen, aus denen man Aufschlüsse über die augenblickliche Lage der Juden in Deutschland erhalten und: ersehen kann, wieviele Juden, noch in Deutschland leben, wo sie sich aufhalten und wieviele bereits ausgewandert sind. Durch die Statistik erfasst wurden nur die Juden im A11rei ch und denn Sudetengau, also nicht die österreichischen Juden und auch natürlich noch nicht die Juden in Polen. Nach der Statistik lebten Anfang Oktober 1939 über 18 5.0 0 0 Juden noch in Deutschland und dem Sudetengau, also ohne Österreich. Hiervon waren 77.000 Männer und 108.000 Frauen. Es handelt sich hierbei ausschliesslich um Glaubensjuden. In Berlin allein lebten 96.000 Juden. „Da, insbesondere in den, Grosstädten“, so erklärt Dr. Hirsch, „nicht alle Juden von den Fragebogen erreicht werden konnten und einschliesslich der nicht dem jüdischen Religionsbekenntnis angehörigen Nichtarier dürfte sich die Gesamtzahl der J^den im Sinne der Nürnberger Gesetze auf rund 2lfi.000 belaufen.“ Zu den Bezirken, in denen nach der Stadt Berlin die meisten Juden leben, gehören Köln und Frankfurt a.M., ferner Hamburg, Breslau, München, Stuttgart und Leipzig. Die geringsten Zahlen weisen die Bezirke Königsberg, Brandenburg und Pommern auf. Über 90% aller deutschen Juden wohnen in 200 Orten, der Rest von noch nicht 10% verteilt sich auf über 1.800 Orte. Bei der Volkszählung im Juni 1933 wurden fast genau 500.000 Glaubensjuden im Altreich (ohne Saargebiet und Sudetengau) gezählt. Als Ursache der seither eingetretenen ~ starken Verringerung der Zahl der deutschen Glaub ensjuden kann zunächst der grosse Überschuss der Sterbe fälle über die Geburten von etwa 36.000 bis 38.000 angesehen, werden. Vor allem aber kommt die Auswanderung der Juden in .Frage, die von Hirsch mit 250.000 für diesen Zeitraum angegeben wird, allein im Jahre 1938 und 1939 dürften nicht viel weniger als 100.000 Juden Deutschland verlassen haben. Aus den laufenden Mitteilungen der Gemeinden über die Abwanderung ihrer Mitglieder an die Meldestelle der Reichsvereinigung ergibt sich auch ein ungefährer Überblick über die Wanderungs ziele dieser deutschen Juden. Daraus geht hervor, dass die meisten von ihnen nach den Vereinigten Staaten von Amerika und Palästina ausgewandert sind. Im Jahre .1938 hat die Auswanderung nach den europäischen Ländern, die jedoch im wesentlichen eine Transit Wanderung ist, zugenommen. Sie ist im Jahre 1939, vor allem nach England, stark angestiegen. In diesem Jahre war auch der Feme Osten (Shanghai) verhältnismässig stark an der Auswanderung beteiligt. Die Bedeutung der südamerikanischen Länder, insbesondere von Argentinien und Brasilien für die Einwanderung von Juden aus Deutschland hat dagegen mehr und mehr abgenommen. Hirsch erklärte ausdrücklich, dass trotz des Krieges: „nach den Erfahrungen der letzten Wochen mit einer stetigen weiteren Auswanderung gerechnet werden kann, auch wenn sie, wie bisher, im wesentlichen eine Einzelwanderung bleibt.“ Auf die Auswanderung wird es auch von Dr. Hirsch zurückgeführt, dass die Zahl der in Deutschland noch lebenden jüdischen Frauen so ausserordentlich stark die der jüdischen Männer — um über 30.000! — überwiegt. Auch die Altersgliederung der Juden in Deutschland ist natürlich ungünstig geworden. Die Altersgruppe zwischen 25 und 39 Jahren ist am stärksten zusammengeschrumpft. Besonders interessant sind die Erklärungen von Dr. Hirsch über weitere Auswanderungsmöglichkeiten: „Die Vergreisung hat aber keineswegs einen solchen Umfang angenommen, dass nicht die Auswanderungsfähigkeit von mindestens zwei Dritteln der jüdischen Bevölkerung ohne weiteres zü bejahen wäre... Auch von den über 60-jährigen wird nach allen unseren Erfahrungen ein erstaunlich grosser Teil von den früher oder später Ausgewanderten aufgenommen... Die Zahl der Passagen hat sich stark verringert, vor allem aber müssen sie, da es sich natürlich durchweg um ausländische Linien handelt, in ausländischer Währung bezahlt werden. Gerade hier zeigt sich die Hilfsbereitschaft der schon im Ausland befindlichen Angehörigen, die in steigendem Masse ihren Verwandten nach der Auswanderung die erforderlichen Devisen zur Verfügung stellen. Soweit Angehörige nicht vorhanden oder dazu nicht in der Lage1 isind, haben die ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen, vor. allem das American Joint Distribution Committee, uns: bisher in den Stand gesetzt, denjenigen Auswanderern, denen die Bezahlung der Passage nicht möglich war, diese zu beschaffen.“ Zurzeit befinden sich noch nach der Statistik annähernd 5.000 junge Menschen in d,er Berufsausbildung für Auswanäererberufe. Von der Statistik sind in der Altersgruppe bis 15 Jahre über 15.000 Kinder erfasst, von denen annähernd 10.000 noch jüdische Schulen besuchen. Die Reichsvereinigung betreut zurzeit 125 Volksschulen, eine Mittelschule und 6 Oberschulen. Aus der Statistik der Reichsvereinigung geht ferner, hervor, dass nur noch 16;% der erfassten Personen berufstätig sind gegenüber 41% im Jahre 1933. Daraus ergibt sich, dass: die überwiegende Mehrzahl keim, Arbeitseinkommen mehr hat. Die Zahl der Vermögenslosen ist überaus gross und nur bei rund 16% der Vermögensanzeigen ist noch ein Vermögen von über 5.000 RM. vorhanden. Daraus erklärt sich die ausserordentlich grosse Anzahl derer, 'die laufend unterstützt werden müssen, und für die diie Winterhilfe unentbehrlich ist. Dieser Veröffentlichung ist noch eine interessante Tabelle über die Altersschichtung der jüdischen Bevölkerung beigegeben. Aus ihr ist ersichtlich, wie gross die Verschiebungen in der Altersgliederung der. deutschen Juden, zwischen 1933 und 1939 geworden sind: Die Altersschiehtung Männer Frauen 1933 1939 1933 1939 bis 15 Jahre 42.000 7.600 40.700 7.400 16 bis 24 Jahre >29.000 4.200 29.600 5.500 25 bis 39 Jahre 57.000 9.500 62.700 14.600 40 bis 59 Jahre 75.400 31.200 82 000 45.400 über 60 Jahre 35.300 25.000 46.100 34.700 238.700 77.500 261,100 107.600 DIE DEUTSCHEN IN WARSCHAU Wir gelangen im den Besitz eines Dokuments, das unsere Leser interessieren wird. Es handelt sich um den Bericht eines Diplomaten, der auf seiner Heimreise aus Warschau einige ’ Zeit sich in Stockholm aufhielt. Der Bericht wirdl uns von befreundeter Seite zur Verfügung gestellt. Nach einer Schilderung des Einmarsches der deutschen Truppen in Warschau und des: trostlosen Zustands der zu 75 Prozent zerstörten und infolge des: Zustroms der Landbevölkerung überfüllten Stadt fährt der Verfasser fort: Am 5. Oktober kamen sechstausend Mitglieder der Gestapo nach Warschau und begannen ihre Arbeit in derselben Art wie sie sie früher in Österreich und der Tschechoslowakei durehgeführt hatten. Der Hauptstoss richtete sich gegen die Juden. Die Gestapo zusammen mit der SS. und S.A. hetzte den polnischen Mob auf, gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen, und die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung geht mit einer Geschwindigkeit vor sich, die bisher noch nie in der Geschichte da war. Kürzlich erschienen in Warschau Anschläge in deutscher und polnischer Sprache, dass die Stadt evakuiert werden müsse, weil infolge der Kälte es unmöglich sei, Nahrungsmittel für den Winter zu beschaffen. Fünfundsiebzig Prozent der Häuser sind zerstört und mussten mit Dynamit bei Tag und Nacht gesprengt werden, um den Einsturz zu verhüten. Da die deutsche Regierung Eisen und Metalle dringend braucht, wird die jüdische Bevölkerung gezwungen, unter den Trümmern jedes Stückchen Eisen und Metall herauszuklauben. Die Juden arbeiten dabei in Zebnstunden-Scbiehten ohne Zahlung zu bekommen, nicht einmal in Form einfachster Ernährung. Juden ohne Rücksicht auf ihre soziale Position werden zu Arbeiten auf der Strasse gezwungen und zu diesem Zweck vor Tagesanbruch aus ihren Wohnungen geholt. Die Vertreibung der Juden aus ihren Häusern geht in folgender einfacher Weise vor sich: Es erscheint ein arischer Mieter mit einem deutschen Beamten und teilt dem Bewohner mit, dass seine Wohnung requiriert worden ist und er innerhalb 15 Minuten die Wohnung verlassen muss; er sei jedoch berechtigt, das für ihn Notwendige von seiner Habe mitzunehmen. Was in der, festgesetzten Zeit von 15 Minuten nicht weggeschafft werden kann, ist verfallen. Wenn der Einwohner fragt, wohin er gehen soll, so lautet die Antwort, er könne ja nach Palästina oder in die Weichsel gehen, im übrigen könne er machen was er wolle, wenn er nur augenblicklich verschwinde. Diesem Rat wird häufig mit dem Gewehrkolben Nachdruck verliehen. Eine Verfügung, die Ende Oktober in der neuen Hauptstadt Lodz (Lodz ist jetzt an Stelle von Warschau zur Hauptstadt erklärt worden) angeschlagen wurde und die Unterschriften des Oberkommandierenden sowie des polnischen Stadtkommandanten iStarzinski trägt, ordnet die Konfiskation dies jüdischen Kapitals an und gestattet den Juden nur einen Besitz von höchstens 1000 RM. bezw. 2000 ZI. Forderungen von Juden gegen Arier werden für ungültig erklärt und verfallen dem Reich, während Forderungen von Ariern gegen Juden sofort fällig erklärt werden. Kein Jude darf Schmuck besitzen, Juden dürfen keinen Handel treiben oder freie Berufe ausüben. Besonders wird betont, dass die jüdische Bevölkerung von der arischen getrennt leben müsse. Gerüchte um Prof. Schorr Am 18. Oktober wurde in Warschau die Nachricht verbreitet, dass Rabbiner Prof. Schorr am 14. Oktober erschossen worden sei, ebenso am 1:6. Oktober der Präsident der jüdischen Gemeinde Ingenieur Reinberg. Die Nachricht wurde hauptsächlich von der deutschen Bevölkerung verbreitet und ist bisher nicht bestätigt worden. Wahrscheinlich wurde das Gerücht dazu benützt, um die anderen Internierten (deren Zahl auf 300.000 geschätzt wird) zu Geständnissen zu veranlassen. Diese Ansicht wird dadurch bestätigt, dass die Anschläge, durch die täglich in polnischer und deutscher Sprache die Vollstreckung von Todesurteilen bekanntgegeben wird, keinen von diesen beiden Namen enthalten haben. (A.d. R.: Inzwischen ist bekanntlich gemeldet worden, dass Prof. Schorr sich wohlbehalten in Lemberg aufhält und mit seinen in Paris befindlichen Kindern in Verbindung steht. Seine Einwanderung nach Palästina wird betrieben.) Die nichtjüdische Bevölkerung geniesst den Schutz der Deutschen in vollem Ausmass. Gemäss einer systematischen vorgeschriebenen Propaganda verkehren die Deutschen sehr freundschaftlich mit der polnischen Zivilbevölkerung. Immer mit denselben Worten (die also offenbar auf Instruktionen beruhen. — A.d.R.) wird von den Deutschen versichert, dass sie keine Feindschaft gegen das polnische Volk hegen, dass: die Polen brave Leute sind und dass Warschau niemals zerstört worden und kein Krieg ausgebrochen wäre, wenn nicht dhe Juden dies verschuldet hätten. Die Anfreundung von Polen und Deutschen wird zur ständigen Hetze gegen die Juden benützt. Die Polen werden zur Plünderung der jüdischen Geschäfte aufgefordert und man sagt ihnen: Schlagt die Juden, wir werden euch nicht hindern, denn ihnen verdankt ihr all euer Elend. Auf sechzehn öffentlichen Plätzen in Warschau werden täglich eine halbe Million Kilo Brot und eine Million Teller Suppe frei verteilt. Unter den wartenden Menschen ist eine grosse Zahl von Juden, die, nachdem sie sechs oder acht Stunden gewartet haben, meist mit leeren Händen weggejagt werden.

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