Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 28 (22.12.1939)
- Date
- 1939-12-22
- Page
- Seite 2 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 22. Dezember 1939 Londoner Briet PROBLEME DER ENGLISCHEN JUDEN Von unserem Korrespondenten. London, im Dezember. Vergleicht man die Lage der englischen Juden mit der, in der sich die jüdischen Bevölkerungen in Mittel- und Osteuropa befinden, so mag ihre Situation beneidenswert erscheinen. Sie sind "im vollen Besitz der bürgerlichen Rechte, wirtschaftlich gesund, Juden befinden sich in den höchsten Stellungen, und1 sind Besitzer der höchsten Ehren, die der Staat zu vergeben hat, die Regierung ist keines: Schattens von Antisemitismus verdächtig, — was können ihre Sorgen bedeuten, wenn man sie mit den Masstäben misst, mit denen heutzutage jüdische Sorgen gemessen werden müssen? Aber es ist jüdisches Schicksal, dass wirkliche Sicherheit und Ruhe sich nirgend® finden. Auch die englische Judenheit verspürt das Wirken des unheimlichen Feindes, der die Juden in Deutschland und, Polen vernichtet hat. Es wäre zu erwarten gewesen, dass mit dem Ausbruch des, Krieges die antisemitische Bewegung in England ihre Agitation eingestellt oder zumindest ihre Anziehungskraft verloren hätte, Ihre geistige und — in einigen Fällen wenigstens auch finanzielle — Abhängigkeit von dem Staat, der jetzt d,er Landesfeind geworden war, lies® sich nicht mehr bestreiten. Die Regierung hatte denn auch sogleich in den ersten Kriegstagen einige prodeutsch-antisemitische Organisationen, denen der Empfang deutscher Subventionen .nachgewiesen werden konnte, aufgelöst; bei anderen und darunter der bedeutendsten, Sir Oswald Mosley’s „British Union of Fascists“, sich auf öffentliche, von der Tribüne des Parlaments gegebene Verwarnungen beschränkt, sie jedoch in ihrer Agitationstätigkeit nicht behindert. Mosley selbst hatte zunächst die antisemitische Komponente in seiner Propaganda zurücktreten lassen. Da er in den ersten Kriegswochen seine Gesinnung nicht direkt auszudrücken wagt, kleidete er sie in die Maske des Pazifismus und es kam zu einem kuriosen Bündnis zwischen den gläubigen Anhängern eines radikalen Pazifismus und den Anhängern der Gewaltpolitik, ein Bündnis, das sich in der gemeinsamen Herausgabe pazifistischer Manifeste äusserte und noch vor wenigen Tagen in dem pazifistischen Vorstoss einer kleinen Minderheitsgruppe im House of Lords — ein Vorstoss, dqj von Lord Halifax sehr energisch zurückgewiesen wurde, — einen bemerkenswerten öffentlichen Ausdruck fand. Aber hierbei blieb es nur kurze Zeit, solange nämlich wie diie antisemitischen Organisationen tastend erkundet hatten, wie weit sie sich in ihrer Agitation wagen durften. Es zeigte sich bald, dass ihnen die tiefgewurzelte Abneigung der englischen Regierung, die Äusserung der freien Meinung zu beschränken, auch in Kriegszeiten reichlich Raum zur Tätigkeit liess. Und so begann die Arbeit von neuem da, wo man sie in den Augusttagen verlassen hatte. Erst noch zurückhaltend: Mit Handzetteln, mit Bemalung von Mauern mit antisemitischen Inschriften, — wobei die Verdunkelungsmassnahmen in den Grossstädten ungewollte Mithilfe leisteten — dann ungenierter in Versammlungen, von denen jetzt in London etwa ein halbes Dutzend jede Woche stattfinden, in Hydepark — Kanzelreden, in Strassenwerbung mit Lautsprechern usw. Und jetzt sind wir wieder so weit, dass Mosley in einer Massenversammlung im London, seine Zuhörer mit deren begeisterter Zustimmung so apostrophieren kann: „Warum hat man Deutschland den Krieg erklärt und nicht Russland? Wir kennen die Antwort und wir nennen sie dem englischen Volke: weil in Russland dieselbe Macht die Kontrolle hat wie bei uns: Die internationale jüdische Finanz.“ Es kommt zu folgendem Zwiegespräch zwischen ihm und seinen Hörern: „Wer ist die internationale Macht?“ „Die Juden“, antwortet das gut geschulte Auditorium. Er fragt noch einmal: „Ihr wisst es, meine Freunde?“ Noch einmal die Antwort: „Die Juden, die Juden!“ „Ja. Die internationale jüdische Finanz.“ „Die Labour Party“ geht es dann fort, „ist mehr als je ein Instrument der jüdischen Finanz. Sie hat diesen imperialistischen Krieg unterstützt. |Sie will den Hals des) Britischen Volkes unter den würgenden Griff der jüdischen Finanziers bringen“. . Aus der Sympathie mit dem Landesfeind wird Verrat. Im Parlament teilt der Innenminister, Sir John Anderson, offiziell mit: „Eine bestimmte Organisation, die wohl bekannt ist für ihre antisemitischen und pronazi-Tendenzen, gab ihren Mitgliedern Instruktionen, wie jeder einzelne zu einem Gerüchteverbreiter (rumour-monger) werden und mündliche Propaganda treiben solle: Massnahmen, die zur Verteidigung der Bevölkerung notwendig sind, sollten lächerlich gemacht werden; Leute, die ihre Kinder aus London fortgeschickt haben, sollten zu der Überzeugung gebracht werden, dass die Evakuation überflüssig sei. Wenn diese Propaganda nur ins Werk gesetzt werden könnte, so war die Meinung, dann würden diese Leute nach London zurückkommen, eine wichtige Massnahme zum Schutz der Zivilbevölkerung wäre vereitelt, und wenn einmal ein Überraschungsangriff auf London unternommen würde, dann könnte man die Juden auf die Knie zwingen.“ Bürgte nicht die Quelle für die Authenzität dieser Information, man hielte sie für eine böswillige Erfindung und noch dazu eine schlechte. Aber noch im Dezember 1939 hatte das Londoner Organ der Mosley-Gruppe, der „Facsist“, geschrieben, die Evakuation sei „purer Bolschewismus“. „Diesen verfluchten Krieg führen wir für die verfluchten Juden“, wird ein Christ, wie er im „Jewish Chronicle“ berichtet, auf der Strasse in einer belebten Londoner Gegend angesprochen. Und im Einklang mit dieser Überzeugung gibt eine englische Organisation — wie der Innenminister in der gleichen iSitzung mitteilte — ihren Mitgliedern Ratschläge, wie sie sich als „conscientious objectors“ zu benehmen ‘ hätten. Leute, denen ihr Gewissen die Teilnahme am Kriege nicht erlaubt und die darum vom Kriegsdienst befreit werden, wenn ein Gericht ihnen, bescheinigt, dass sie wirklich aus religiösen Motiven handeln. Das' ist schon beinahe Anleitung zur Fahnenflucht. Der Innenminister, der die oben zitierten Enthüllungen im Parlament machte, weigerte sich zugleich, obwohl er von den Abgeordneten dazu gedrängt wurde, den Namen der Organisation preiszugeben, deren Wirken er angeprangert hatte. Der 'Schutzmann, an den sich der Schreiber des erwähnten Briefes1 an das „Jewish Chronicle“ wandte, weigerte sich, den Namen des Mannes festzustellen, der ihn so angerempelt hatte, mit der Begründung, dass jeder ‘das Recht habe, seine Meinung &u sagen. Das Festhalten an dem Grundsatz der Redefreiheit selbst in dieser Stunde hat etwas ausserordentlich Imponierendes'. Es mag den Behörden dadurch erleichtert sein, dass: sie offenbar in der antisemitisch-pronazistischen Agitation keine ernste Gefahr sehen und andererseits glauben, durch Schaffung von Märtyrern ihr eher zu nutzen als zu schaden. Ob diese Erwägungen richtig oder fälsch sind, ist nicht unsere Sache zu bemessen. Dass die Organisationen, die sie betreiben, nur eine sehr unbeträchtliche Minderheit der englischen öffentlichen Meinung hinter sich haben, dass die überwiegende Mehrheit sie erregt ablehnt — man berichtet von Störungen ihrer Versammlungen, von Rufen „dirty s-pies“, „Hitleragenten“ usw. — das steht glücklicherweise ausser Frage. In der englischen Presse finden sie keinerlei Unterstützung. Die Politik der Regierung ist erst recht von ihnen völlig, auch indirekt, unbeeinflusst. Vom jüdischen Standpunkt gesehen, bietet diese Agitation ein anderes Bild. Auch hier tut man sicherlich gut, ihre Bedeutung nicht zu übertreiben. Das: Gift ist bis jetzt sicherlich nicht sehr tief leingedrungen; während z. B. vereinzelte Berichte über das Verhältnis evakuierter jüdischer Familien zu der sie umgebenden Landbevölkerung von antisemitischen Reibungen zu erzählen haben, sprechen andere wieder von ausgezeichneten Beziehungen. Aber abgesehen davon, dass man eine Ausbreitung antisemitischer Stimmungen auch in den zur Zeit noch nicht betroffenen Kreisen dann befürchten kann, wenn erst die Härten eines langen Krieges sich auswirken, bleibt die blosse Tatsache eines solchen Treibens im Stammland der Toleranz und in dieser Zeit beunruhigend genug. Was kann das' englische Judentum zur Abwehr tun? So wenig Gegenagitation und Aufklärungspropaganda, wie wir wissen, eine wirksame Waffe gegenüber einem solchen Gegner sind, der auf einem Niveau kämpft, auf das wir ihm nicht folgen können, so bleiben sie doch die einzigen Mittel, die uns gegeben sind. Werden sie in ausreichendem Masse angewandt? Ohne Zweifel nein. Der Zustand, in dem sich das Exekutivorgan des englischen Judentums', der Board of Deputies, wenigstens bis in die letzte Zeit hin befand, ist hierfür die Ursache. Der Krieg traf das englische Judentum in einem Zustand organisatorischer Le - thargie. Die Sitzungen des Board of Deputies waren in der Regel nur von einem Bruchteil seiner Mitglieder besucht; eine würgende Geldknappheit, die angesichtsder wirtschaftlichen Lage eines grossen Teiles des englischen Judentums nur durch die um sich greifende Gleichgültigkeit gegen seine öffentlich-jüdischen Verpflichtungen erklärt werden kann, hemmte zudem jede Aktionsfähigkeit. Durch die Bildung eines Exekutivausschusses aus nur dreizehn Mitgliedern — der Board of Deputies hat derer 388, von denen ein grosser Teil nicht in London wohnt —, und durch die Wähl Prof. Brodetskys anstelle des zurücktretenden Neville Daski zum Vorsitzenden des Board sind jetzt die organisatorischen Voraussetzungen zu straffer Arbeit und energischer Initiative geschaffen; man muss hoffen, dass diesem neuen Gremium und seinem Vorsitzenden gelingt, auch die finanziellen Grundlagen hierfür zu sichern. Der Ruf, den man gehört hat, dass die repräsentativen jüdischen Organisationen Englands sich „auf dem Wege zum Bankrott“ befinden, mag, vielleicht mit Absicht, übertrieben sein; aber wenn man vernimmt, dass die Entsendung von F e 1 d r a b b i - n e r n zu den- Truppen an die Westfront aus finanziellen Gründen um Wochen verzögert werden musste, (sodass an einem Tage, als 1200 Feldgottesdienste aller Konfessionen an der Westfront Stattfanden, kein einziger jüdischer darunter war!), dass die Frage des jüdischen Unterrichtes der evakuierten Kinder unüberwindliche finanzielle Schwierigkeiten verursacht u.a.m., so sieht man, dass ein Zustand eingetreten ist, oder besser dass man ihn hat eintreten lassen, in dem die Leere der Kassen die Erfüllung lebenswichtiger Aufgaben verhindert. Das englische Judentum hat, imi Unterschied zu den jetzt zu Grunde gegangenen jüdischen Gemeinschaften Europas, alle äusseren Voraussetzungen zu einer entschiedenen Selbstverteidigung: Es ist im vollen Besitz seiner bürgerlichen Freiheit, es hat das Ohr der öffentlichen Meinung, es steht -auf der Seite der Regierung im Lebenskampf des englischen Volkes; — wenn es seinen Organen die Mittel zur Führung der Verteidigung verweigert, darf es nicht sagen, es sei schuldlos gewesen, wenn einmal ein Unglück über es hereinbricht. In New York wurde kürzlich eine Vereinigung „Jewish Foreign War Veterans of America“ (früher „Bund jüdischen Frontsoldaten Wien“) gegründet.