Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 28 (22.12.1939)
- Date
- 1939-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2424658-2424659-10407099--02-10407066- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 1× ep/1047833
OCR text
SIEHE SEITE 8 JAHRGANG 1 / Nr. 28 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jerusalem P. O. B. 689; 5, Ben Jehuda-Str״ Telephon 3079. Für unverlangte Manuskripte wird keine Garantie übernominen. Jeder Einsendung oder Anfrage ist ein mternationaler Antwortschein beizufügen. Zuschriften für die Redaktion werden nicht an Einzelpersonen, sondern an die Redaktion, Jerusalem. P. O. B. 689 erbeten. JERUSALEM 22. Dezember 1939 יי סבת תדצ״ט Erscheint einmal wöchentlich: — Anzeigenannahme für alle Länder: ausschliesslich Jerusalem P.O.B. 689. ■— Anzeigentexte per Luftpost erbeten. — Die Anzeigen-Seite zerfällt in 6 Spalten, je 3,6 cm breit, Grundpreis 1 inch 2 J cm sh 8/. je Spalte. — Minimalgrösse 1J inch (3,75 cm). Bezugspreise vergl. Liste am Schluss d. Blattes. Der Blick auf das Ganze Sorgen in Palästina und anderwärts In diesen Zeiten ist es schwer, eine Stunde der Besinnung zu finden, um das Ganze zu überschauen statt des kleinen Ausschnittes, den für jeden von uns das eigene Leben eröffnet. Besonders wir Juden in Paläs t i n a sind mit persönlichen Sorgen überlastet. In weit höherem Masse als je zuvor hat jeder mit den eigenen Angehörigen zu tun, die er entweder aus dem Trübsal in Mitteleuropa befreien will oder sonst irgendwie zu versorgen hat; viele Familien sind gerade zu einer Zeit, wo der wirtschaftliche Daseinskampf für jeden Einzelnen immer schwerer wird, mit neu eingewanderten Famüienangehörigen belastet, eine Sache, die jeder gewiss gern trägt, die aber auch den Rest seiner noch freien, für produktives Wirken verfügbaren Kraft aufzehrt und notwendig seinen Blick verengert. Viele Juden haben in Palästina Enttäuschungen erlebt, freilich häufig auch selbstverschuldete, weil sie mit oberflächlichen Anschauungen oder ohne jede Kenntnis der Verhältnisse ins Land kamen und in diesem kleinen und relativ unentwickelten Land, wo alles erst unter Mühen und Opfern neugeschaffen und — mit immerwährenden Fehlschlägen — aufgebaut werden muss, eine Art zweites Amerika mit voll entwickeltem Wirtschaftsleben vorzufinden glaubten, und nun die Diskrepanz zwischen der Realität und diesen Vorstellungen empfinden. Aber auch Enttäuschungen anderer Art gibt es genug, materieller und menschlicher. Wie dem auch sei, die meisten Ein- Wanderer haben schwer zu kämpfen und vielen ist es auch nach mehreren Jahren der Mühe noch nicht gelungen, wirtschaftlich im Lande zu verwurzeln, zu einer selbständigen Existenz zu gelangen. Und in der durch den Krieg verschärften Krise ist gewiss an materielle Sicherheit nicht zu denken. Dazu kommt noch die Verpflichtung der Gesamtheit zur Hilfe für die Mittellosen und Arbeitslosen, die sich teilweise aus älteren Einwandererschichten, teilweise aber aus den neuen Einwanderern und vor allem den Flüchtlings-Einwanderern rekrutieren. So hat die jüdische Gemeinschaft Palästinas genug mit sich selbst zu tun; sie muss zu Ökonomiseher Selbsthilfe gelangen, einen Ausweg aus der Wirtschaftsnot finden, wo er zu finden ist, und die Notlage vieler zu lindern suchen. Erfinderischer Geist und Energie kann selbst in dieser Zeit sich durchsetzen; es gilt sich umzustellen und die neuen Bedürfnisse zu erfassen, wovon es bereits einige geglückte Beispiele gibt; aber auch das ist natürlich kein allgemeiner Ausweg. Bei all dem Klagen— berechtigten Klagen —, das wir oft hören, dürfen wir aber eines nicht vergessen: Wir leben in der Zeit eines grossen Krieges, und auch wenn es bisher noch keine Massenschlachten gibt, darf man nicht übersehen, dass grosse Völker ihr Alles einsetzen, ihre Menschen, ihre Jugend, ihr Leben, ihr Gut, ihr Geld — eine Kraftanspannung sondergleichen, die auf ein einziges Ziel gerichtet ist. In einer solchen Zeit muss der Einzelne überall leiden, bei allen kriegführenden Völkern, in allen Kriegsgebieten. Furchtbare ' Zerstörungen und Entbehrungen haben wir eben erst jetzt in Polen miterlebt, eine unübersehbare Fülle von Einzel-Leiden und Einzel-Tragödien. Aber selbst wenn wir nur im Bereich des Jüdischen bleiben, so ergibt die einfachste Überlegung der gegenwärtigen Lage, dass Zehntausende von Juden in Europa vor einem grauenhaften Nichts stehen und von Aus- Wanderung nach Palästina träumen. Wir alle die vorher gekommen sind, hätten auch jetzt noch dort sein können, und jeder wird das Schicksal preisen, dass dies nicht der Fall ist. Gewiss ist die Einordnung für viele sehr schwer und mit ungewohnter Selbstüberwindüng aller Art verbunden, aber wenn je, so gilt gewiss hier der Satz, dass alle Masstäbe relativ sind. Gemessen an dem Schicksal, das den Einzelnen in Europa erwartet hätte, ist das persönliche Ungemach ־bei der Einordnung in Palästina geioiss gering zu bewerten. Man darf nur das andere nicht so schnell vergessen. Wenn wir das sagen, so wollen wir gewiss keine Übelstände im Lande verteidigen. Im Gegenteil, es gibt hier sehr viel zu bessern und zu ändern, in Institutionen und im persönlichen Zusammenleben, im Wirtschaftsleben und im Wohlfahrtswesen. Alle Mängel dieses sich — aus verschiedenartigen Elementen — erst herausbildenden Organismus sollen erkannt und offen kriti- Neue Ankömmlinge In dieser Woche sind etwa 700 Einwanderer aus Deutschland und der Tschechoslovakei in Palästina eingetroffen, davon ca. 600 auf einem italienischen Schiff und 120 via Beirut. Von den Schiffspassagieren waren 113 von Berlin, 99 von Wien, 295 von Prag. 324 waren ״Kapitalisten“, die meisten davon aus dem ״Protektorat“. Seit Kriegsausbruch sind im ganzen 2100 auf vorher erteilte Zertifikate in Palästina eingetroffen. ARBEITSBESCHAFFUNG FÜR EINWANDERER 600 jüdische Flüchtlinge wurden bisher in Arbeitsgruppen in Pflanzerkolonien organisiert. Einige andere Gruppen sind in Bildung. Die Jewish Agency hat spezielle Zuschüsse für die Bereitstellung von Zelten, sanitären Einrichtungen und andere Bedürfnisse bewilligt. siert werden. Die Antwort, die man auf Klagen manchmal hört ״Wärst du in Deutschland geblieben“ — ist eine hässliche, gemeine Antwort. Eine anständige, sachlich begründete Kritik ist jedem gestattet, und jeder Einwanderer ist hier im jüdischen Bezirk gleichberechtigter Bürger. Aber was wir über unseren persönlichen Problemen nie vergessen dürfen, ist die Tat- Sache, dass es draussen in der Welt eine Judenfrage gibt, die weite Kreise zieht und deren Auswirkungen wir gar nicht voll übersehen können. In den letzten Jahren waren wir gewöhnt, nur die gröbsten, rohesten Symptome dieser Frage zu beachten. Wir Juden stehen in einem Verteidigungskampf gegen Verfolgungen, die in der Geschichte einzig dastehen. Immer wieder ist man fassungslos, wenn man, wie z. B. jüngst wieder im englischen Weissbuch, diese (zum Teil weiter unten wiedergegebenen) Berichte liest, erstaunt nicht nur über die — wie einer der englischen Konsuln sich ausdrückt — ״perverse“ Grausamkeit, sondern über das Geschehen als solches. In manchen Gebieten Europas kämpfen wir um die primitivste Existenz. Aber diese Form, die im Hitler- Gebiet die Judenfrage angenommen hat, darf uns nicht blind machen gegen die Tatsache, dass in irgend einer, wenn auch noch so verfeinerten und verblassten Form, die Spuren dieser Judenfrage überall zu finden sind, wo Juden wohnen. Dies ist unabhängig von ihren ^Verdiensten oder Verschuldungen. Es mag richtig sein, dass manche Eigenschaften oder Handlungen der Juden ״den Antisemitismus fördern“ (und wir sollen uns selbst daraufhin beobachten), trotzdem ist auch ohne diese sein Schatten vorhanden. Die Tatsache der überall spürbaren Judenfrage erleichtert der nationalsozialistischen Propaganda so sehr ihre Arbeit. Direkt oder indirekt ist der Boden vorbereitet. Wir bringen in diesen Blättern darüber manche Berichte. Und so sehr ein Entgegenwirken — in vielen Ländern im Verein mit der aufgeklärten öffentlichen Meinung — notwendig ist und hohe Anforderungen an Takt und Klugheit stellt, so müssen wir zugleich uns bewusst sein, dass die Wurzeln tiefer liegen, dass eben die Judenfrage als Ganzes eines der grossen Probleme unseres Jahrhunderts — des auf die Emanzipation gefolgten Jahrhunderts — geworden ist, und dass sie nur unter Mitwirkung der Juden, und nur im Zeichen einer Idee gelöst werden kann. Alles was wir durchmachen, ist ein Teil dieser grossen Krise der Judenfrage. Und in diesem Prozess hat Palästina, das Land der Propheten und Könige Judas, eine einzigartige Rolle zu spielen. Stadtu. Univ. -8i|bl Frankfurt/Main