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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-01-01 · 1 (1.1.1935) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
1 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Denn da naturgemäß atle Richtungen in allen Stadtteilen wohnen, -würde die Abstempelung einer Schule in einer Gegend schon aus örtlichen Gründen zu erheblichen und begründeten Beschwerden Andersdenkender führen. Dazu kommt, daß die Bezeichnung z. B. einer Schule als konservative Schule zwangsläufig dazu führen würde, daß die übrigen als im religiös-liberalen Sinne geführt bezeichnet würden, was sie tatsächlich nicht sind. Ich verkenne durchaus nicht, daß orthodoxe Eltern Wert darauf legen, ihre Kinder orthodox zu erziehen. Aber abgesehen davon, daß die Zahl solcher Eltern selbst in Berlin stark überschätzt wird, darf doch nicht vergessen werden, daß eine große Zahl von ihnen bisher ihre Kinder ohne Bedenken auf staatliche und städtische höhere Lehranstalten geschickt und für die l'nterweisung iin Religionsunterricht den Besuch von Religionsscliulen oder häuslichen Unterricht gewählt hat. Diese Eltern haben hieines Erachtens keinen Grund, sich zurückgesetzt zu fühlen, wenn ihre Kinder jetzt jüdische Schulen besuchen sollen, in denen eine ausgesprochen konservative Richtung nicht gepflegt wird. Daß keine religiöse oder politische Richtung im Judentum durch die Art des Unterrichts gekränkt oder zurückgesetzt wird, muß Sache des Takts heim jüdischen Lehrer mul ständige Sorge bei der Gemeinschaft sein, welche die Schule unterhält. Sind aber wirklich in einer großen Gemeinde eine größere Anzahl von Erziehungsberechtigten. die. für ihre Kinder eine besondere jüdische Erziehung für notwendig halten, so müssen sich diese ziisammenfinden und fiir die von ihnen gewünschte besondere schulische Betreuung selbst besorgt sein, wobei jede jüdische Gemeinde sicher eine solche Gemeinschaft nach besten Kräften unterstützen wird und unterstützen kann, zumal in gewisser Hinsicht in solchen Fällen auch Ersparnisse auf Seiten der Gemeinde eintreten. Voraussetzung für eine solche Unterstützung ist natürlich. daß im übrigen die Schule so geführt wird, wie dies in den Richtlinien hervorgehoben wird, nämlich nach dem Lehrplan der deutschen Volksschule. Die jüdische Schule ist eine Schule nach dem Lehrplan der deutschen Volksschule und so zugleich eine deutsche Volksschule. Das ist die selbstverständliche Forderung, die an unsere jüdischen Schulen zu stellen und von ihnen zu erfüllen ist. Unsere Schule ist also eine deutsche Volksschule lind sie ist und bleibt trotzdem eine jüdische Schule. Sie ist eine deutsche Volksschule, denn sie unterrichtet nach dem Lehrplan der deutschen Volksschule und untersteht der staatlichen Schulaufsicht. Und sie ist eine jüdische Schule, und zwar nicht nur. weil sie von einer jüdischen Gemeinschaft unterhalten wird, und nicht nur, weil Lehrer und Schüler jüdisch sind, sondern einmal, weil sie eine ausgesprochen jüdisch-religiöse Schule ist. und sodann weil das Jüdische naturgemäß und bewußt zum Konzentrationspunkt in den dafür in Betracht kommenden Unterrichtsfächern wird. Hierüber ist mancherorts gespottet und höhnend gefragt worden, ob man auch Rechnen. Deutsch oder Sprachen „jüdisch“ lehren will. Der Spott ist nicht am Platze. Gewiß ist „Rechnen“ oder „Schreiben" kein F'ach, das für einen solchen auf ein bestimmtes Konzentrationsthema hinzielenden L'nterricht geeignet ist. Aber warum ini Deutsch-L’nterricht nicht auch ein jüdisches Thema behandelt und im Sprachunterricht nicht auch ein jüdisch interessierendes Thema gewählt werden kann, und zwar ohne Beeinträchtigung des Lehrzieles. ist schlechterdings nicht einzusehen. Daß sich aber hier sowohl rein lehrplanmäßig als auch pädagogisch Schwierigkeiten ergeben, wird besonders auf der Lehrerseite schon erkannt, und Schulleiter und Lehrer sind bereits eifrig bemüht, hier Klärung über Maß und Art zu finden. Wenn vorher gesagt ist. daß die jüdische Schule im Entstehen ist. so ist nicht zuletzt gerade an die Gestaltung des Unterrichts in dieser Richtung gedacht worden. Hier liegen, wie mancher Pädagoge schon erkannt hat. Gefahrenquellen: jedes Zuviel kann hier von großem Schaden sein. I nsere jüdische Schule ist eine deutsche Volksschule. Sie soll unsere Jugend nicht nur an das Ziel dieser Schule bringen, sie soll auch dafür sorgen, daß unsere Jugend nicht den Kontakt mit unserer deutschen Umwelt verliert. Auch hier erwachsen wieder Schwierigkeiten. Unsere jüdische Schule muß zunächst den Nachteil überwinden, der darin liegt, daß die Bildung und Erziehung unserer Jugend getrennt von der der nichtjüdischen erfolgt, mit der sie in der deutschen Heimat später in Beruf und Leben zusammen zu wirken hat, und sie inuß zugleich besorgt sein, daß unsere jüdische Jugend nicht nur in den Grundfächern die gleiche Bildung wie jene erfährt, sondern daß sie auch Verständnis erlernt für; alles, was den anderen kennens- und wissenswert geworden ist. liier das Notwendige zu bieten und Ueberflüssiges fortzulassen, gibt unseren Pädagogen ein weites Feld für Prüfung und Feststellung. Aber wenn man sieht, mit welchem Eifer und in welcher Zahl sich jüdische Lehrer an den Fortbildungskursen beteiligen, die der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden in Gemeinschaft mit der Reichsvertretung der deutschen Juden in Berlin, Frankfurt, Breslau und anderen zentralen Punkten ins Leben gerufen hat oder vorbereitet. so habe ich keinen Zweifel, daß diese Fragen, die sich vielleicht alle in die Frage zusainmenfassen lassen, wie kommt das „Jüdische" lind das „Deutsche“ in unseren Schulen am besten und vollkommensten zu seinem Recht, in Kürze einer befriedigenden Lösung zugeführt werden. Vertieft man sich so in die Schwierigkeiten, die naturgemäß dem inneren Aufbau unseres Schulwerks erwachsen, so wird man meines Erachtens um so eher geneigt sein, dem vorher aufgestellten Satze zuziistimmen, daß nur die Zusammenfassung aller Kräfte in der Einheitsschule und für die Einheitsschule Sicherheit dafür bietet, daß das gesteckte Ziel auch erreicht wird. Darüber hinaus soll aber auch die Einheitsschule unsere jüdische Jugend, und zwar in ihrer Zusammenfassung. über die Grundlagen aller unser innerjüdisches Leben bewegenden Fragen unterrichten. Zionismus und Nichtzionismus, orthodoxe und religiös-liberale Anschauung sollen fiir unsere Jugend keine Schlagworte sein, sondern von Leben erfüllt werden; unter Ausschaltung jeder sogenannten innerjüdischen Politik sollen unsere Jugendlichen in die Lage versetzt werden, auf Grund von wirklichen Kenntnissen später selbst Stellung zu nehmen, und zwar unter Achtung abweichender Ansichten, unter Achtung der Persünlsichkeit des anderen. Dann wird bei den Kämpfen der Erwachsenen um die Richtigkeit des Standpunkts des einzelnen niemals außer Acht gelassen werden, daß der andere zwar anderer Ansicht, aber doch der Gefährte und Genosse ist. mit dem man schon die Schulbank gedrückt und Schulfreud und Schulleid geteilt hat, auch wenn die Personen der Gegner nicht mehr identisch sind. Unsere Jugend soll, wenn sie die jüdische Schule verläßt. über Palästina ebenso gut Bescheid wissen, wie über unser heimatliches Deutschland. Sie soll stark gemacht werden, ihr Leben aufzubauen, hier oder dort oder anderswo. wo zu leben und zu wirken ihr beschieden ist. Groß und weit gesteckt ist das Ziel unserer jüdischen Schule, und dementsprechend sind die Anforderungen, die an Lehrer und Schüler, an die jüdischen Gemeinden und an die jüdischen Eltern und Erzieher zu stellen sind. Nur bei strengster Zusammenfassung aller Personen und Mittel, nur bei vollkommener Zielsicherheit ist Aussicht vorhanden. daß wir unser hohes Ziel erreichen. Erreichen können wir es nur bei größter Opferwilligkeit aller Beteiligten für unsere Schule und bei stetiger regster Anteilnahme unserer jüdischen Eltern an dieser Schule. Schon vom Elternhause muß unserer Jugend eingeimpft werden, um was es in dieser jüdischen Schule geht, und daß jeder Schüler mit seinem Verhalten und seinem Können auf Vorposten steht für unsere jüdische Gemeinschaft und schon in jungen Jahren eine Verantwortung trägt für diese jüdische Gemeinschaft. Unsere Jugend soll ihren Stolz darin finden, daß sie in Haltung und Wissen nicht zurücksteht gegen die Schüler anderer Schulen und daß die großen Opfer, die ihre Gemeinschaft und in ihr die eigenen Eltern bringen, nur gerechtfertigt werden können durch besondere Leistungen. Vor allem hüten wir uns davor, daß abträgliche Urteile, die früher häufig von Außenstehenden und Nichtkennern über unsere jüdischen Schulen geäußert worden sind, unseren Kindern zu eigen werden. Wir wollen die Fehler unserer Schule kennen, 4

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