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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-01-01 · 1 (1.1.1935) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
1 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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f Unsere jüdische Schule Von Dr. Walter Alexander, Berlin. Wenn heute in Berlin mehr als 6000 Jugendliche „jüdische Schulen“ besuchen und die Zahl der jüdischen Schulen in Preußen 76 und die Zahl ihrer Schüler zusammen mehr als 13 000 beträgt, so ergibt sich schon aus der Betrachtung der Zahlen, welche Bedeutung die jüdische Schule in unserer Zeit erlangt hat. Dieser Bedeutung gerecht zu werden, ist nun die Aufgabe aller derer, „die es angeht“. Und die Zahl derer, die es angeht, ist keine geringe. Denn hierhin gehören nicht nur die Schulträger, das sind die Gemeindeverwaltungen oder Schulvereine, welche die Schule ins Leben rufen und erhalten, nicht nur die Schulleiter und Lehrer, sondern darüber hinaus und vornehmlich die Eltern und Erzieher der Jugendlichen, welche diese Schulen besuchen oder besuchen sollen, und nicht zuletzt die Jugendlichen selbst. In unserer großen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, die neu und erstarkt zu bilden wir durch das Geschehen um uns gehalten werden, wird ein nicht unerheblicher Kreis von Menschen durch ein Interesse am gleichen Ziel, nämlich der Heranbildung unserer Jugend, zu einer besonderen Gemeinschaft, nennen wir sje einmal einer Schulgemeinschaft, zusammengeführt, einer Gemeinschaft, deren Aufgabe es sein soll, die jüdische Schule zu bilden. Sage demgegenüber niemand, daß die jüdische Schule ja in zahlreichen Orten gegründet ist und sich regen Zuspruchs erfreut, ja in dieser oder jener Hinsicht schon guten Erfolg erzielt hat. Wir müssen uns klar darüber sein: Was wir auch immer geleistet haben, es ist erst ein Anfang. Ich denke dabei nicht daran, daß die Zahl der Schulen oder der Schüler zu vergrößern ist. Die jüdische Schule, die unserer Zeit entspricht, ist erst zu schaffen, und selbst da, wo jüdische Schulen schon seit Jahrzehnten bestehen, wird vieles an ihnen zu ändern sein, um dem gerecht zu werden, was die veränderten Zeitverhältnisse erfordern. Hier liegt ein Aufgabengebiet von solcher Bedeutung und solchem Umfang, daß die Mitarbeit eines jeden, der guten Willens ist, ohne Rücksicht auf seine Einstellung zu innerjüdischen Dingen erwünscht, ja erforderlich ist. Diese Arbeit ist wichtig und notwendig und ersprießlicher als der zu nichts frommende Streit, wer vor der Neugestaltung in Deutschland für die jüdische Schule eingetreten ist und wer sie bekämpft hat. Denn weder der Befürworter noch der Gegner der jüdischen Schule hat die Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland vorhergesehen und vorhersehen können. Was vor einem Menschenalter noch als gut angesehen worden ist, braucht es heute nicht mehr zu sein, und was wir heute als richtig erstreben, kann schon in wenigen Jahren als überholt, ja als verfehlt erwiesen sein, zumal in einer Zeit, wie der nach dem großen Kriege, die überall und auf allen Gebieten Umwälzungen tiefstgreifender Art herbeigeführt hat. Wer früher schon für die jüdische Schule eingetreten ist, hat meines Erachtens ebenso wenig das Recht, auf Grund des Geschehens der letzten Jahre zu sagen: seht her, ich habe Recht behalten; ebenso wenig wie etwa derjenige genötigt ist, sich an die Brust zu schlagen, der im Gang der jüdischen Entwicklung in Deutschland sich gegen die jüdische Schule ausgesprochen hat. Beide Gruppen sollten vielmehr statt des fruchtlosen Streits sich zusammentun, um die nötig gewordenen jüdischen Schulen zu formen, das kostbare Gefäß mit köstlicherem Inhalt zu füllen. Wir haben mit Aufwand von Kosten, die kaum noch in Einklang zu bringen sind mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, Schulen gegründet, wir haben Schulleiter und Lehrer,iangestellt, und zahlreiche Schüler sind zu uns gekommen. Haben wir nun damit die jüdische Schule, so wie wir sie uns wünschen?' Sehen wir uns die Kritiken an, die wir von berufenen und unberufenen Stellen erhalten —-wobei ich bei einem Werke, das uns alle angeht, niemanden als unberufen ansehe —, so müssen wir die Frage verneinen, aber zugleich auch erkennen, daß eine einschränkungsfreie Bejahung je nach dem verschiedenen Standpunkt des Kritikers überhaupt nicht möglich erscheint, jedenfalls aber — soweit man sich selbst über gewisse Voraussetzungen für die Einstellung zur jüdischen Schule unserer Zeit einigt — noch nicht möglich ist. Jede Schule ist ein lebendiger Organismus, der, wie alles Lebende, sich entwickeln muß. Und ein Raum mit Bänken, einem jüdischen Lehrer auf dem Katheder und jüdischen Schülern auf den Bänken macht noch keine jüdische Schule aus. Auch hier muß der richtige Geist die Schule bilden, und damit sich dieser Geist bilde, müssen die verschiedenen Schulelemente Zusammenwirken: Schulleiter und Lehrerschaft, Schüler und Lehrplan. Fangen wir mit letztem an. Denn der Lehrplan ist es, auf Grund dessen die Schule geführt wird, die Lehrer zu unterrichten, die Schüler zu lernen haben. Ich brauche nur das Wort „Lehrplan“ niederzuschreiben, und schon stehen vor meinen Augen und sicherlich auch vor denen unserer Leser die Kämpfe um die Richtlinien, welche die Reichsvertretung für die jüdische Schule herausgegeben hat. Gewiß ist, daß jeder von seinem innerjüdischen Standpunkt aus an diesen Richtlinien Ausstellungen zu machen hat, und doch verdient! für diese Richtlinien die Reichsvertretung schon um des willen unser aller Dank, weil sie mit diesen Richtlinien den Weg gewiesen hat, auf dem allein der Aufbau eines jüdischen Schulwesens möglich ist, nämlich den Weg der Einheitsschule. Religiös Konservative und religiös Liberale, Zionisten und Nichtzionisten werden eine jüdische Schule haben, oder sie werden überhaupt keine jüdische Schule haben. Dies erkannt und ausgesprochen zu haben, ist das Verdienst der Richtlinien, und zwar, ein Verdienst, hinter dem zurücktritt, ob dieses oder jenes Interesse deutlicher oder stärker hätte betont werden können oder müssen. Nur wenn alle Kräfte zusammengefaßt und auf e i n Ziel eingestellt werden, war und ist ein Aufbau der jüdischen Schule möglich. Fand von vornherein eine Aufspaltung statt, nie wäre ein Aufbau möglich gewesen; denn es Vorlesung aus der Thora Phot. Walter Groftmann durfte bei Inangriffnahme des großen Werkes nicht nur an Berlin und noch einige wenige Großgemeinden gedacht werden, in denen zahlenmäßig eine Vielheit von Schulen errichtet werden kann, sondern an die große Zahl der Mittel- und Kleingemeinden, für die höchstens eine Schule in Betracht kommt. Hier wird jedem klar sein, daß nur die Einheitsschule in Frage kommt. Aber selbst für Berlin würde, solange die Zahl der Schulen in Ansehung der Größe der jüdischen Bevölkerung und des riesigen Umfangs der Stadt nur eine geringe sein kann, eine Teilung der Schulen z. B. in konservative und nichtkonservative, zu den erheblichsten Schwierigkeiten führen. ' 3

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