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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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556 die Schuld von sich auf andere abzuschieben, ist nicht der einzige Grund, der Väterchens Regierung in den Kamps gegen die eigenen Untertanen treibt. Jetzt, wo ein Meer von Blut die Augen der Welt für das Schicksal einzelner blind macht, wird' iu Rußland bereits -fleißig daran gearbeitet, die Besiedelung verschiedener Teile des Reiches nach dem Frieden, in einer dem Zarismus genehrnen Weise, dazu noch leicht und ohne Geschrei gestalten zu können. Dr. David Leimdörker 4N Jahre im sriltlichrn Kmt. 8. November 1875 bis 8. November 1915. Bon Dr. Phil. Josef Zolinski, Hnmbiirg-Eppendorf (Schriftstellcrimme: S n m b e r t). ie Bibel hat im zweiten Buche der Könige 2,11 die Zahl der Regierungsjahre Davids genau auf 40 Jahre, 7 Jahre in Hebron und 33 Jahre in Jerusalem, angegeben. An diesen Bibelvers erinnern wir uns jetzt, wo 40 Jahre der rabbinischen Tätigkeit von Dr. Leimdörfer, 714 in Nordhausen, 3214 Jahre in Hamburg, abgelaufen sind. Freilich zählt die Bibel diese 40 Jahre auf, nachdem die Lebenskräfte des Königs David gewichen waren. Hier soll von einer 40jährigen Lebensarbeit die Rede sein, die ein David in voller Frische und Manneskraft unter Gottes Beistand noch lange, lange zum Wohle seiner Gemeinde und ganz Israels fortsetzen möge. Es folgte in Kürze die Skizze des Lebens und Wirkens eines als Kanzelredner und Gelehrter in Israel hochberühmten Rabbiners der Gegenwart. Geboren in Hlinik (Lehmdorf oder Bagagyagos) in Ungarn am 19. Elul — 17. September 1851, erhielt Leimdörfer seinen ersten Unterricht in biblischen und Profanen Elementargegenständen bei Rabbi Israel Rosenzweig, einem bedeutenden Theologen des Trencziner Komitats, besuchte dann das Franziskanergymnasium in Silbein und zugleich die Talmudschule des Rabbi Josef Grünbaum dortselbst, ging dann nach den Talmudakademien (Jeschibvth) in Waizen (unter Salvm Ullmann) und Preßburg (unter Kethab Soser), später nach Absolvierung der acht Lateinklassen in Budapest und Preßburg an die Universität nach Wien und an die dortige theologische Hochschule (das große Bethamidrasch), geleitet vom Oberrabbiner Dr. Adolf Jellinek, den Lektoren I. H. Weiß und M. Friedmann, von denen er nach seiner Promotion zum Doktor der Philosophie in Wien das Rabbinatsdiplom erhielt. Im Oktober 1875 berief ihn die Synagogengemeinde Nordhausen in Preußen zu ihrem Rabbiner, und die Königlich Preußische Regierung bestätigte am 8. November 1875 seine Wahl, nachdem er als k. u. k. österreichisch-ungarischer Feldrabbiner mit Hauptmannsrang aus dem österreichisch-ungarischen Staatsverband ausgetreten war und seine Naturalisation vollzogen hatte. Bis zum 1. April 1883 wirkte er, nach dem Zeugnis des Gemeindevorstandes in Nvrdhansen, in ausgezeichneter Weise auf Kanzel und Katheder wie als Seelsorger. Nun folgte er der Berufung als Prediger an den Hamburger Tempel, in dem Gotthold Salomon, der Baker der jüdischen Kanzelrede, einst Gottes Wort verkündet hatte. Sein Lehrer Jellinek hatte ihn, „seinen besten Schüler", wie er schrieb, warm empfohlen, aber noch mehr wirkten der Eindruck seiner Persönlichkeit, seine Leistungen, seine meisterhafte Rhetorik, sein Wissen, die gründlich-tiefe talmudische nnd philosophische Gelehrsamkeit und der packende, prophetisch zündende Vortrag, der lebhaft an Jellinek erinnert. Der Dichter Ludwig August Frankl nennt Leimdörfers Predigten Gedichte in Prosa. Vor kurzem erst rezensierte ein Redakteur der „Wiener Lehrerbund-Zeitung" Leimdörfers Kriegspredigten in ihrer Klassizität und bezeichnete Leimdörfer als Erbe Jellineks. Wer Leimdörfer jemals gehört hat, wird, hingerissen von seinem prächtigen, sonoren Organ in allen Stimmlagen, von dem tiefen, geistvollen Inhalt, der edlen, schwnngreichen Sprache und dem feurigen Vortrag, dieses Urteil unterschreiben. Als gemäßigt-liberaler Rabbiner streng religiös lebend, vermochte er mit seiner bescheidenen und versöhnlichen Persönlichkeit alle Parteiunterschiede zu verwischen, den Frieden in der Hamburger Gemeinde zu festigen und Orthodore wie Liberale für die hohen ethischen Ideale zu begeistern, denen in erster Linie die Beredsamkeit und Redekunst L.s geweiht ist. Auch außerhalb der jüdischen Gemeinde, im Senate, in der Bürgerschaft und bei den christlichen Geistlichen und Gemeinschaften Hamburgs, die L.s tolerantes und friedliches, leutseliges und vor allem wohltätiges Schaffen und Wirken würdigen, nimmt L. eine hervorragende Stellung ein. Bekannt ist fein Briefwechsel mit dem seligen Grafen Waldersee, der als Inspekteur des IX. Armeekorps zu Altona L.s patriotische Reden in 100 Exemplaren den Soldaten eigenhändig verteilt hat; bekannt ist das intime Verhältnis des Pastors Clemens Schultz zu L., in dessen Jünglingsvereinen L. alljährlich populär-wissenschaftliche Vorträge zum Verständnis der jüdischen Lehre und zur Bessergestaltung des konfessionellen Einvernehmens hielt. Insbesondere wurden L.s patriotische Reden zu den Kaiserfesten und Staatsfeiern, auch seine Kriegspredigten und Kriegsbetrachtungen vom Senat und den Bürgermeistern, der preußischen Gesandtschaft, den verschiedenen Konsulaten und Behörden sowie auch die der Kriegshilfe zugewandte Tätigkeit L.s hoch anerkannt. Unter anderem erbat das Generalkommando in Altona 1000 Exemplare einer Kriegspredigt für das Heer. Etliche vor der österreichisch-ungarischen Kolonie gehaltene Kaiserreden sind auf Befehl des Kaisers Franz Josef der Fideikommißbibliothek in Wien einverleibt worden. Durch die Kraft seines Wortes gelang es L„ philanthropische Werke von großem Werte anzuregen, zu schassen und zu fördern. In Nordhausen bewirkte sein Wort die Gründung einer Altersversorgungsanstalt durch seinen Freund Jakob Plaut anläßlich der Goldhochzeit Kaiser Wilhelms I. Als Kurator dieser Anstalt schuf L. für die Protestanten eine Kapelle im Hause, damit die schwachen Greise ihren eigenen Gottesdienst hätten. In Hamburg warb L.s Wort Mittel zur Begründung der Loge, zur Schöpfung eines Ferienaufenthalts für schwache Kinder in Duhnen, zur Begründung eines Fonds für den Israelitischen Lehrerbund in Deutschland usw. Er erfaßte die Bedeutung echter Seelsorgerschast zur Ehre Gottes und des Judentums in Wort, Schrift und Tat, und was hier ausgeführt wird, ist nur ein Bruchteil aus seiner umfassenden Tätigkeit in Stadt und Gemeinde. Im Kriegsjahr 1915 gab L. noch den deutschen und österreichisch-ungarischen Instanzen der Israeliten die Anregung, die Staats-Kriegshilfe durch Stiftung einer Haskvrath Neschomoth-Stiftung aus den Gemeindefesttagssammlungen bei den Totenfeiern zu entlasten. Bei all seiner rabbinischen amtlichen und freiwilligen seelsorgerischen Tätigkeit fand L. Zeit, literarisch zu wirken und eine größere Anzahl wertvoller Schriften zu veröffentlichen. Zuerst sind seine fleißigen und gründlichen Bibelforschungen zu nennen, vor allem sein trefflicher Kommentar zu Kohelet, in dessen historisch-kritischer Einleitung der Nachweis geführt ist, daß das Buch zahlreiche geschichtliche Hinweise auf die Zeit Schimon ben Schetachs enthält: eine Entdeckung, die von der Gelehrtenwelt, insbesondere von Lazarus, Kayserling, Frieduiann und dem Großrabbi von Frankreich Zadoc Kahn, begeistert anerkannt wurde. L.s Vorliebe für den „Prediger Salomonis" ist es zu danken, daß die Lösung des Kohelet- Rätsels durch Jben-baruch (16. Jahrh.) der deutsch-theologischen Forschung zugänglich wurde, daß nämlich Jben-baruch dem Kohelet, einem Atheisten, den ben David „den Frommen" gegenübergestellt sieht; durch L. ist diese grundlegende Antithese in allen Einzelheiten eingehend erläutert worden.

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