Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1936)
- Date
- 1936-07-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 28 Der Israelit 9. Juli 1936 zum Tode und zwei weitere Weißgardisten zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Der Prozeß hat sieben Wochen gedauert. Im Laufe, dar letzten Woche . wurde der Gerichtssaal durch die Plädoyers der Verteidiger in eine Plattform für antisemitische Propaganda umgewandelt. Die Verteidiger verherrlichten die Angeklagten als patriotische Helden und Märtyrer und versuchten, das Gericht davon zu überzeugen, daß es kein Verbrechen sei, von Juden Geld zu erpressen, da das jüdische Geld in Wirklichkeit dem russischen Volke gehöre. Ein Verteidig ger, ein gewisser Tschurin, behauptete, der amerikanische Millionär Jakob Schiff habe die bolschewistische Revolution finanziert. Nach Verkündung des Urteils setzte eine wütende, judenfeindliche Kampagne der russischen Weißgardisten ein. Das Urteil wurde von den berüchtigten Pogromblättern „Nasch Put" und „Charbinskoje Wremja" in heftigen Leitartikeln angegriffen. Eine halbe Stunde nach Erscheinen wurde „Nasch Put" konfisziert und die Polizei beschlagnahmte die Abonnentenliste. „Charbinskoje Wremja" sammelt Unterschriften unter der russischen Bevölkerung Charbins zu einer Petition an den Kaiser von Mandschukuo, •in der dieser gebeten tfird, das Urteil aufzuheben. ~xr Agudas Jisroel- Bewegung. Die Kenessio Mechino. Eine der wichtigsten Aufgaben der Kenessio Mechino in Marienbad wird die Festlegung des genauen Zeitpunktes der für das Jahr 5697 nach J erusalem einberufenen dritten Kenessio Gedaulo sein. Jeder hat die Pflicht, durch Teilnahme an der Sela-Aktion sich an den Vorbereitungsarbeiten für die Kenessio Gedaulo au beteiligen! Treffen der agudistischen Jugend Nordhollands. Die agudiistische Jugend Nordhollands veranstaltete ein Jugendtreffen. Versammelt war die agudistische Jugend aus Enschede, Groningen, Zwolle, Almelo, Hengel, Oldenzaal usw. Der Leiter des Jugendtreffens, Julius Samson, begrüßte in herrlichen Worten die zahlreich Erschienenen. Im Namen der jüdischen Gemeinde Ommen begrüßte Herr Levi das Jugendtreffen. Als erster referierte Kurt L y p - p o 1 d, Emden, über „Weg und Ziel der agudistischen Jugend". Am 'Nachmittag sprach alsdann der Vertreter der Amsterdamer Agudajugend, Rechtsanwalt Hermann Deutsch, über das Thema „Agudas Jisroel und die jüdisch-politische Umwelt". Er zeich* nete in treffenden Worten die Haltung der Agudas Jisroel gegenüber den anderen jüdischen Organisationen und sprach insbesondere über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit dem Misrachi. Am Abend sprach als letzter Redner Ghaim N u ß b a u m, der Leiter der Hachscharah Enschede, über das „Schicksal der Juden in der Golah". — Das Treffen war verbunden mit der Besichtigtang der Naturschönheiten. Möge dieses Jugendtreffen ein neuer Antrieb für die agudiistische Jugendarbeit in Holland sein. Die Aguda in Erez Jisroel. Durch die Propaganda für Awöda Iwrith konnte die Agudas' Jisroel-Gruppe in Recho woth erweitert werden. Die bisher von arabischen Arbeitern eingenommenen Arbeitsplätze werden! durch jüdische Arbeiter ersetzt. Von Seiten des Ortsrates wurde ein bestimmter Teil der freiwerdenden Arbeitsplätze der agudistischen Arbeiterorganisation zugesagt. Die Verhandlungen wurden von Seiten der A g u d a t h Israel durch die Chawerim Goldberger und Blei5 eher geführt. Für die kulturelle Tätigkeit wurde eine eigene Kommission eingerichtet, die am vorletzten Sabbat ihre Tätigkeit mit einem Vortrag des Vorsitzenden der Kommission, Ghawer Sohragenheim, eröffnet wurde. Die Schiurim in Tenach, Talmud und Lehrkurse für Iwrith wurden eingerichtet. Der neue Waad in Petach Tikwah hat bereits mit seiner Arbeit begonnen. Es ist ihm gelungen, neue Räume für Büro und Abendaufenthalt für die Gruppe der P. A. J. >zu erlangen. > Am 18. Siwan fand auf Hadar Hakarmel zu Haifa eine. Feier anläßlich der Fertigstellung des Daches von dem großen Bau „Tifereth Israel" statt, welcher durch eine Baukorporative der P. A. J. hergestellt wurde. Die Leitung der Jeschiwa, resp. die Bauherren sprachen ihre Anerkennung über die Bau= .»■arbeit aus. Für den Bau wurden bisher über Lst. .'2000.— verwandt. ■>• , Am 16. Siwan; fand in.iHa.ifa eine ■ MitgUeder-ver=; •Sammlung Statt, in welcher über die beabsichtigte ' Organisierung "der orthodoxen' Arbeiter gesprochen wurde. In dem einleitenden Referat beleuchtete Chawer Katz die positive und negative Seite in umfassender Weise. Die Diskussion dauerte bis in die späte Nachtstunde (hinein, zu einer Abstimmung kam es nicht. Der Unglücksfall in Gedera hat im ganzen Lande starkes Mitfühlen hervorgerufen. Eine Sammelaktion in Jerusalem und Tel Awdw hat bis jetzt gute Fortschritte gemacht. Sie dauert noch an. — Zum ersten Male bringt der Kibbuz Gedera die Produkte seiner Bienenzucht in Honiggläsern auf den Markt mit der Aufschrift: ,;Poale Agudath Israel in Erez Israel, Chawurath Ghofez Chajim Gedera". Personalien. Würzburg, 29. Juni. Am 6. Ijar verstarb hier die Oberlehrerin Amalie Unna, die über 40 Jaihre an der Schule der hiesigen jüdischen Gemeinde gewirkt hat. Mit ihr ist ein Mensch von seltenen Gaben des Geistes und des Herzens dahingegangen. Eine Tochter des Rabbiners Moses Unna u?*l, der ebenfalls an der genannten Schule wirkte und seiner Gattin einer Tochter des Würzburger Raws Seligmann Bär Bamberger '"P"!, hat sie die Grundsätze des elter2 liehen Hauses in ihrem Leben und in ihrem Lehrberuf stets betätigt. Sie besaß ein seltenes Maß von jüdischem Wissen und bildete sich stets weiter, so daß sie z, B. noch in ihren letzten Jahren durch die Beschäftigung mit der neuhebräischen Literatur es zu einer Kenntnis des Neuhebräischen brachte, wie sie nur wenige Lehrer in Deutschland besitzen. Daneben verfügte sie über eine umfassende allgemein© Bildung, sie beherrschte eine Reihe von fremden Sprachen, Es ist selbstverständlich, daß dieses Wissen auch ihren Unterricht besonders anregend machte; aber auch ihr pädagogisches Verständnis trug hierzu bei, und so war auch das Verhältnis zu ihren zahlreichen Schülern und Schülerinnen ein ganz besonders inniges. Es dürfte wenige Lehrer geben, denen ihre Schüler noch im reifen Alter so viel Verehrung und Anhänglichkeit bewiesen, wie es bei ihr der Fall war. Allerdings trug dazu auch die Gewissenhaftigkeit bei, mit der sie allezeit ihre Pflicht erfüllte. Dabei war sie von einer seltenen Bescheidenheit; jede Art von öffentlicher Anerkennung widerstrebte ihr, und sie lehnte deshalb auch jede Ehrung anläßlich' ihres Jubiläums ab. Aus dieser Einstellung heraus wies sie auch oft private Aufmerksamkeiten, die man ihr erweisen wollte, ab, so daß sie manche, die ihr Wesen nicht verstanden, für stolz halten möchten. Den Grundzug ihres Charakters aber bildete eine tiefreli1 giöse Lebensauffassung, aus der heraus sie alle religiösen Pflichten mit der von ihrem Elternhause er-; erbten Gewissenhaftigkeit und mit einer seltenen Innigkeit übte. Es darf auch erwähnt werden, daß sie oft weit über ihre Kräfte' *ion r-n^'aj übte, und neben ihren Verwandten, ihren Schülern und ihren Freunden werden auch viele Arme ihr Hinscheiden beweinen. Sie hatte die Absicht, ihren Lebensabend im heiligen Lande zu verbringen, und hatte schon alle Vorbereitungen dazu getroffen; im Rate des Höchsten war es anders beschlossen. Am Grabe in Höchberg, wo sie neben ihren Eltern beigesetzt wurde, sprach der Vorsitzende der Gemeinde, Justizrat Dr. H a a s , der Dahingeschiedenen den Dank der Gemeinde für ihre langjährige Tätigkeit aus. Rabbiner Dr. H a n o v e r würdigte ihre hohen Eigen-* Schäften und sprach von der Tragik, daß: es ihr nicht' vergönnt war, nach Erez Israel zu kommen. Der Bruder, Prof. Dr. Josef Unna, sprach den Dank der Familie aus, und schilderte das innige Verhältnis,; nicht nur zu ihren Eltern, an denen sia ORT 3X 1Ü3in vorbildlicher Weise übte, und zu ihren Geschwis-; tern, sondern auch zu allen Verwandten,, denen sie jederzeit zur Seite stand, und die alle mit Liebe und Verehrung, an ihr hingen. Er erwähnteweiter auch die ideale Art, wie sie ihren Beruf auf5 gefaßt und erfüllt hat, und wie sie sich dadurch die allgemeine Anerkennung erworben hat. — In der Gemeinde Würzburg wird ihr Andenken immer fortleben. rraxin Berlin, 1. Juli. Herr Rabbiner Dr. Link sah vor wenigen Tagen auf eine v i e r z i g j ä h r i g e Amtstätigkeit zurück. Die große Wertschätzung, die derselbe [im Berliner öffentlichen Leben genießt, gilt seiner autoritativen, gewinnenden Persönlichkeit, seiner warmen Hilfsbereitschaft, insbesondere aber, seiner mit Klugheit gepaarten taktischen Geschicklichkeit, unser heiliges Gedankengut auch , in völlig freireligiöse Kreise hineinzutragen und zur Pflege echtjüdischer Lebensführung im Sinnendes ve^iKchtenden ' Thoragesetzes anzueifern.; Bei'der Behandlung :und . Erörterung sozialer Probleme vertritt Dir. Link mit [ aller Entschiedenheit den Standpunkt,;daß, , trotz der notwendig gewordenen Wandlung der .Formen des Unterstützungswesens, schon aus Gründen . erj zieherispher Natur, zur Aktivierung des jüdischen Ge= .; wissehs' und der persönlichen Verantwortung, die , p ri v a t e Hil f s t ä t i gk.ei t v o n Me^n SlcJi; z u Mensch, auch für die moderne, planvolle Wohliahrtsarbeit, eine nicht auszuschaltende^ dringliche Forderung darstellt. Mit dem tiefen! Ernst der Pflichterfüllung müsse das verständnisvoll© Einf üh lungsvermögen dn das Leid; des .Mitmenschen: unlöslich verbunden sein. Hierzu gehört aber jene» Aufopferung, treppauf treppab? zu armen Kranken^ zu bedrückten Menschen, die in ©tiller .Resignation ihr seelische« Leid besonders. schwer tragen, zu\steigen, mit eigenen Augen deren Elend zu schauen, wie es der Jubilar trotz, seines hohen Alters mit leillen- " schaftlicher Hingabe tut. ' Möge es Herrn Dr,^ Link noch viele Jahre Hrer= ' gönnt sein, seinem hohen Lebensziele seine Kräfte widmen zu können, um auch künftig zu seih eiri - 31 vmü G. H. Kopenhagen, 29. Juni. In diesen Tagen enden die" B'enVifruui Frau Emilie Cohn geb. Perlstein. Abstammung, Persönlichkeit und Wirken dieser Frau gebieten, anläßlich ihres Hinscheidens einem weiteren Kreis von der Leistung ihres Lebens Kenntnis zu geben. Sie war eine Enkelin von Mosche Levy Koch, der( ein Sproß berühmter Familie, am Ende des 18. Jahrhunderts aus Holland nach Kopenhagen einwanderte und hier neben vielen anderen wohltätigen Einrichtungen die Synagoge Laederstraede 5 schuf,. ein heute noch bestehendes G'tteshaus, welches Jahrzehnte hindurch der einzige Mittelpunkt der Ortho* doxie dn Kopenhagen war. Kennzeichnend für dessen Persönlichkeit ist, daß er sich zum Schwiegersohn einen Talmid - Chochom, Rabbi Joseph Perlstein, „verschrieb", der ein hervorragender Schüler von Rabbi Jakob Ettlinger war. Rabbi Joseph Perlstein war gleich ausgezeichnet durch talmudische "Bedeutung, wie durch einen seltenen Wohltätigkeitssinn, den er insbesondere betätigte, als wahrend der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein breiter Strom russischer und polnischer Juden via Kopenhagen nach Amerika sich ergoß. Er war der Mechuton des großen „Würzburger Raw", mit dessen Sohn und Amtsnachfolger eine seiner Töchter verehelicht war, eine Frau, die heute noch dn Würzburg von der Art und dem Geist ihres Vaters kündet. In einem solchen Haus, als besonderer Liebling des Vaters erzogen, wuchs Emilie Cohn-Perlstein auf. Der Vater legte in sie Geist von seinem Geist, Wis*, sen von seinem Wissen, so daß sie noch bis ins höchste Greisenalter hinein eine für eine Frau fast unglaubliche Kenntnis des jüdischen Religionsgesetzes hatte, eine für eine Frau fast unglaubliche Energie zur Erhaltung und Entfaltung dieses Gesetzes bewährte. In jungen 'Jahren weilte sie , mehrere Jahre im Heim ihrer Schwester m Würzburg. Sie kannte, noch gut den großen „Würzburger Raw" und verehrte ihn innig. Als sie sich dann nach; Frankfurt hin verheiratete, schloß sich ihr Haus eng dem Kreis um Rabbiner Hirsch an, desseneifrige Anhängern! sie wurde, dessen Schriften ihr vertraut wurden. Als •sie nach Jahren nach Kopenhagen' zurückkehrte,; kämpfte sie viele Jahre für den Bestand der alten — von ihrem Großvater gegründeten — Synagoge und der Kampf war erfolgreich :— die Synagoge besteht heute noch. Später gründete sie in ihrem eigenen Hause eine weitere Synagoge. Die Liebe zu Rabbiner Hirsch bekundete sie und bekunden ihre Söhne .. bei jeder Gelegenheit. Energie,;; Klugheit und: Charakterstärke leiteten sie bei der " Erziehung und Charakterstärke leiteten sie bei der Erziehung ihrer Kinder; sie war ihren Söhnen'bis zuletzt' die treueste und maßgebendste Beraterin in Fragen des Lebens. Für die seltene Persönlichkeit dieser Frau zeugt die Tatsache, daß alle ihre Kinder — eine in Kopenhagen kaum fäßbare Erscheinung — voll und ganz den Weg gehen, den .die Mutter mit der Kraft ihr(es Geistes und mitder 'Kraft ihres Herzens ihnen vorgezeichnet hatte. Die Söhne -— in höchster gesellschaftlicher Position ■—, die Tochter, die Enkel: alle zeugen" durch ein bis ins kleinste der Thora gemäßes, in• jeder freien Stünde dem „Lernen" geweihs tes Leben für-(das wahre Streben 'dieser Frau: dem . Judentum und der Jüdisphkedt in schwerer Zeit und an schwerem Ort ein Bollwerk der Treue ,zu errichten. " ' ti"3S3n w. s; J. " New York, 1. Juli. Frau Henrietta Wimpfihe.im e r in New York, feierte ani' 21. Juni' ihren' 1 ö 0. Geb u r ts t a g. Die Patriarchin> ' noch im 'Besitze ihrer geistigen Fähigkeiten und auch körperlich rüstig, stammt aus Mainz und-ist die. Tochter des in den 9Öer Jahren heimgegangenen Rabbi Bär Scheuer ^"XT» der noch manchem der älteren Generation in Erinnerung sein dürfte. Die Familie Scheuer stammt ursprünglich aus Frankfurt a. M„ woselbst der, Urgroßvater der Jubilarin, Rabbi Tebele Scheuer ^~Tn> Rabbinatsassessor war. 'Von. hier wurde er nach Bamberg auf den Rabbinatssitz berufen, den er später mit der Rabbinatsstelle1 in 'Madnz vertäuschte. 'Er sos wohl wie sein großer Sohn, Rabbi Herz Scheuer V'XT» der Großvater der Frau Wimpfheimer, hatten eine, stark besuchte Jeschiwah, von deren Schülern zu| Lebzeiten des Rabbi" Herz1 einstens? 36 1 gleichzeitig"' ün angesehenen 'Rabbinatsstellungen wirkten; Ito l iNew . York wurde; .de* . Geburtstag dieser vDäine, die sich in Wohltätigkeitewerken und, Vereinen sehr vers dient gemacht hat,entsprecnend igefeiertT Sie hatte seinerzeit iri; Mainz 1Ö541 im Alter von 18 JaKren geheiratet'und verlegtebereits 'Am Jahre. 1854' ihren Wohiisitz . nacih. Amerika. Möge ihr , weiter ein /froher Lebensabend beschieden sein.