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Der Israelit · 1931-02-05 · Heft 6 (5.2.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 6 (5.2.1931)
Date
1931-02-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 6 Der Israelit ' . 5. Februar 1931 Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache! EU G EN OCHS Spezialist^dafür Moselstr.16 . Taunus 1593 ■■mmhi Unverbindlicher Besuch erbeten aMMeaaa« . teil an dem großen geistigen Rettungswerke des vorigen Jahrhunderts hat? Man sagte einmal, Marcus Lehmann hätte in seiner populären, schöngeistigen Art die schweren Goldklumpen eines S. R. Hirsch in kleine gangbare Scheidemünzen umgeprägt. Hübsche Formulierung, aber grundfalsch. Marcus Lehmann war in seiner Art genau so originell, wie S. R. Hirsch auf seine höhere Weise,- wie es Hildesheimer als Mann der Lehre und der unermüdlichen praktischen Tat in seiner Weise einmalig ist. Vielleicht läßt sich das am besten durch ein altes Midraschgleichnis veranschaulichen. Ein König, der sich nicht mehr ganz sicher auf seinem Throne fühlte, hatte. drei treue Freunde, die es unternahmen, sein Reich zu befestigen und ihm den alten Glanz wieder zu verleihen. Sie gingen gleich an ihre Arbeit. Der erste sorgte dafür, daß tüchtige und ergebene Beamte und Richter des Königs Sache nach Recht und Wahrheit verwalteten. Der zweite bemühte sich, die Gelehrten und Weisen, die des Volkes Führer sind, für den König zu gewinnen. Der dritte fuhr ins Land hinaus, ging von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, erzählte überall Mann, Weib und Kind von dem wohltätigen Sinn des Königs und gewann so überall das Herz des Volkes für seinen Herrscher. Nun war die Herrschaft des Königs gesichert, und er bedankte sich bei den drei Freunden. Er dankte dem ersten, der ihm so treffliche Sachwalter gestellt hatte. Er dankte dem zweiten, der ihm das Herz der Weisen und Gelehrten zugeführt hatte. „Dir aber," sprach er zum dritten Freund, „allerheißester Dank dafür, daß du mir mein Volk in Liebe und Treue zurückgebracht hast. Denn was nützten mir alle klugen Räte und würdigen Weisen, wenn ich mein Volk in Stadt und Land nicht hinter mir wüßte?" Esriel Hildesheimer hat in feinem Institute die königlichen Sachwalter, die Führer der Gemeinden, erzogen. S. R. Hirsch wandte sich mit seinem zündenden Wort an die Weisen und Gelehrten, an die bildungshungrige Jugend, denen er mit der Fackel der g'ttlichen Wahrheit in des Vaters Heim leuchtete. Marcus Lehmann ging an das Volk in Stadtund Land, sprach zu den Frauen und Kindern, und hatte, — das ist heute in Zahlen nicht mehr zu fassen — Millionen Mischer Seelen für das Judentum gerettet, sie auf Qjni ’DiT, auf lieblichen, blumenbestreuten Wegen zum Vater zurückgeführt. Ihm gebührt eigener Dank, und ein eigenes Denkmal ist ihm im Herzen des jüdischen Volkes errichtet. 1»XS7 ’3Q1 111» 1^> V' f>'im p’IS ^3 Man schüttele nicht geringschätzig das Haupt über die „leichte Weisheit" und die populären Männer, die ihr dienen und sie verbreiten. Wir haben in Jahrhunderten des Golusleides, da sich der Jude, von außen bedrängt und bedroht, in die Werkstätten des schmiedeeisernen Geistes geflüchtet, den Sinn für die leichtere, schöne Art-der Belehrung verloren. Die Thora selbst verschmäht es nicht, ihre Wahrheiten in erzählender Form zu vermitteln. Jn.talmudifcher Zeit kannte man die Erzählung als Form der Belehrung, wie wäre sonst neben der Halacha der prächtige Blumengarten der Aguda entstanden? Der Maggid am Ausgange des Mittelalters, bis an die Schwelle unserer Zeit, kannte ebenfalls die erzieherische Kraft des Gleichnissies, des plastischen Wortbildes, der künstlerischen Gestaltung des religiösen Gedankens. Die Modernen erkannten die Zaubermacht der schönen Literatur gleich zu -Anfang, wandten und wenden sie heute noch — sehr zu unserem Schaden — ausgiebig an. In orthodoxen Kreisen hat man leider bi sauf den h e u t i g e n T a g die durchschlagende Kraft dieser Waffe im Kampfe gegen , den Zeitgeist und feine Auswüchse noch nicht ganz erfaßt. Marcus Lehmann war bahnbrechend auf diesem Gebiete. Wir hätten noch vieles darin von ihm zu lernen. Es gibt freilich zweierlei Arten zu popularisieren: Eine solche, die sich tief zur Niederung herabläßt und dort bleibt, eine andere, die herabsteigt, um die Menschen mählich und unvermerkt in die Höhe zu führen. Marcus Lehmann war Popularisator des jüdischen Geistes, des jüdischen Gedankens, der jüdischen Geschichte von dieser zweiten, besseren Art. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. «Lein Grund zur Entmutigung." Der Jcchreskonferenz der Unro n of Amer i c a n H e b r e w E o n g-r e g a t i o n in Philadelphia kommt einige Bedeutung zu. Waren doch alle Prominenten aus der liberalett Verve-, gung englffch - amerikanischer Observanz anwesend, und was sie sprachen, war nicht für die Union und Amerika berechne^ sondern ' von programmatischer Bedeutung für den Stand und die Ideologie des internationalen jüdischen Liberalismus, der in den letzten Jahren durch den Berliner und Londoner Kongreß neuen Auftrieb erhielt. Der Vorsitzende, Herr Ludwig B o g elfte i n, stimmte bei der Eröffnung hoffnungsvolle Töne an. „Kein Grund zur Entmutigung!" Seine und des jüdischen Liberalismus größte Sorge ist heute, wie man „eine Religion, deren Ursprungin nebelhafter Ferne der Vorzeit liegt, dem Tempo des modernen westlichen Lebens und den neuen philosophischen Konzeptionen der Gegenwart anpasse." Wollen die liberalen Führer von ihren Vorgängern ei was lernen? Ganz gewiß, und zwar, wie man es nicht machen darf. Der' Bildersturm, der zu Beginn des vorigen' Jahrhunderts unter dem Eindruck der politischen Befreiung in etwas überstürzter Weise einsetzte, habe zu einer n e g a t i v e n E i N st e l l u n g; zum Judentum geführt. Herr Bogelstein tröstetesich und seine Freunde mit der Versicherung, daß diese Einstellung heute auch in anderen jüdischen Kreisen zu beobachten sei. Selbst die Orthodoxie sei heute nur ein Schatten von dem, was' sie vor hundert oder fünfzig Jahren war. (Wieschlecht kennt er die Orthodoxie!) Und die Zukunft? Die Revolte der Jugend gegen den Mangel an Idealismus in unserer Zeit, — auch gegen den Mangel an positiven Werten, an wahren seelischer Erhebung in Lehre und Kult des Liberalismus — würde man begreifen, sogar begrüßen, man lasse sich aber im übrigen von ihn nicht irre machen. Die „lebendige Synagoge" (Gebet, Studium und gemeinnützige Arbeit) sott ausgebaut werden. Danach kam der „Weltverband für das liberate Judentum" durch die bekannte Llly H. Ion tagu zu Wort. Sie begann mit einen Liebeserklärung an die orthodoxen Juden, deren religiöse Ueberzeugnngen sie und der Weltverband achtet und anerkennt (?). Sie wisse nun eines (das wußten sie alle von Geigen und Holdheim bis Cäsar Seeligmann und Gvttschalk> nämlich, daß die Form des Judentums von feinen Anhängern for t e nt wickelt werden kann u n d m u ß. Wie? Das kann sienicht sagen. Das überlasse man ruhig der Zeit, das überlasse man den einzelnen Gemeinden. Die Bedürfnisse werden schon den Weg und die Form zeigen. Not lehrt beten — und reformieren . . . . Es folgte eine freie Aussprache, — die Amerikaner nennen es „Symposion" — über „ R e - Aus dem Gebetbuch. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Krudenburg O. S. Im Nifchmas-Gebet des Sabbats hat der Satz wiWo ynffm umr :jna mannigfache Erörterungen hervorvorgerufen. Man hat geglaubt, daß ynpm nicht nach seinem schlichten Sinn „und im Ueberfluß hast du uns versorgt" übersetzt werden könne, da eine Versorgung in einer Zeit des Ueberflusses nichts wunderbares, vielmehr etwas selbstverständliches sei und keiner Erwähnung bedürfe. Daher übersetzt z. B. Sachs: „In Hungersnot hast du uns gespeist und zur Fülle uns verpflegt." Aehnlich Landau: „Und uns mit Ueberfluß versehen". Sehr geschickt übersetzt S. R. Hirsch: „Und in Sättigung uns versorgt", was beides umfaßt, die Zeit der Sättigung und zugleich mit Sättigung. Schon Abraham Ibn Esra bespricht in seinem Kommentar zu 1 M. 41. 29 unfern Satz und sagt: „Diejenigen, welche im Sabbatgebet wira-i mit Waw lesen, irren.. Und S. Baer behandelt in seinem Siddur diese Ibn Esra-Stelle und meint seinerseits, daß unser Satz so aufzufassen sei wie 3 M. 25. 19 yavi» cm^rr-, „zur Sättigung'. Meines Erachtens bedarf es dieser Umdeutungen *) Sigmund Fraenkel. Aufsätze und Reden nicht. Weist doch der ganze Tenor des Satzes darauf Ein Spiegelbild deutsch-jüdischer Geschichte aus dem Behin, daß in ihm, wie in 1 M. 41. 29 und 30, asn und! ginn des zwanzigsten Jahrhunderts.. Herausgegeben von vw einander gegenübergestellt sind und sich auf zwei Prof. Dr. Adolf Fraenkel. München 1930. B. Heller, verschiedene Zeiten beziehen, auf eine Zeit des Mangels j Preis brasch. Mk. 10.50: und auf eine Zeit des Überflusses, und daß demgemäß zu übersetzen sei: „In Hungersnot hast du uns gespeist und im Überfluß hast du uns versorgt". Was ist denn nun aber wunderbares dabei, daß man in einer Zeit des Überflusses versorgt wird? Die Antwort darauf giebt die Gegenwart: Die schwere wirtschaftliche Krise, die über die Welt hereingebrochen ist, stammt, wie jedermann weiß, nicht daher, daß ein Mangel an landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen herrscht, sondern daher, daß eine Überproduktion vorhanden ist und die Erzeugnisse keinen Abnehmer finden, so daß eine allgemeine Arbeitslosigkeit die Folge ist. Die Krise rührt nicht vom Mangel, sondern vom Überfluß her. Und nun verstehen wir unfern Satz: vwn „und im Überfluß hast du uns versorgt". Möchte dieses Gebet uns mit Vertrauen und Zuversicht zu dem erfüllen, der der Herr ist aller Zeiten, und der seine Prüfungen sendet, daß wir in ihnen uns bewähren. Aleines Feuilleton. Dem Andenken Sigmund Araenkels Vst. Es ist nicht nur ein schöner Akt dankbarer Pietät, den Prof. Dr. Adolf Fraenkel, durch die Herausgabe ausgewählter Aufsätze und Reden*) seines vor fünf Jahren allzufrüh äbberufenen Vaters vollzogen hat„ sondern ein wertvoller Beitrag zur Festhaltung kulturgeschichtlichen Besitzes von zeitlosem Werte. Die Gestalt- Sigmund Fraenkels stellt in einer gewissen Vollendung — bei aller individuellen Eigenart — denjenigen Typus jüdischen Menschentums dar, der nur unter dem richtunggebenden Einfluß Samson Raphael Hirschs V-xr werden und sich nur unter den kulturellen und ökonomischen Bedingungen des Deutschland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfalten konnte. Aber diese Zeitbedingtheit ändert nichts an dem ewigen Werte, den ein solches Paradigma geistiger Synthese für alle Zukunft hat. Das Mischungsverhältnis von positivem- Thorageist, Weltkultur, Selbstgefühl, Tatbereitschaft unkr Verinnerlichung, jüdischem Volksgefühl und Humanismus gewährt für die Synthese tausendfältige Möglichkeiten, und man braucht daher keineswegs in "den etwas elegischen Ton einzustimmen, den der Herausgeber, offenbar aus seiner nationaljüdischen Einstellung heraus, irr seinen einführenden Worten, anschlägt,, wenn er jenem Typus seines Vaters als „nahezu aüsgestorben" charakterisieren zu müssen glaubt. Die Synthese von Thorageist und kulturellem Universalismus bleibt ein Ideal, auch wenn die heutige Generation die Dosierung der einzelnen geistigen Elemente glücklicherweise mit anderen Augen ansieht, wie man es vor 20 oder 30 Jahren tat. In vier Abteilungen enthält das Werk Aufsätze aus den Gebieten der Wirtschaft (Steuern, Verkehrswesen), Erörterungen zu den Fragen der innerjüdischen bayerischen Politik (Judenedikt, Austrittsfrage), j Abwehrkampf nach außen und endlich Reden? und Vorträge homiletischen und wissenschaftlichen Charakters^ Das Buch, das würdig ausgestattet ist,. zaubert denen, . die das Glück hatten, an Sigmund Fraenkels Seite zu wirken oder ihm.nahezustehen, aufs neue das Bild seiner ' urlebendigen, ganz auf Aktivität gestellten Persönlichkeit

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