Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1937)
- Date
- 1937-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 40 D Israelit 7. Oktober 1937 Möglicherweise wird von offizieller Seite und der ihr dienenden großen Presse versucht werden, an. Hand dieser letzten blutigen Vorfälle die Richtigkeit der These von der „Undurchführbarkeit des Mandats" auf der Basis einer Verständigung zwischen den Natiöneti nachzuweisen. Das wäre nach wie vor falsch. Auch diese blutigen Taten gehen schließlich von einzelnen Elementen oder kleinen verhetzten Gruppen aus, und die Tatsache, daß sich in letzterer Zeit der arabische Terror vornehmlich zu einem Bruderkampf gegen besonnene vornehme Araber gestaltete, zeigt, daß die Mordpolitik keinen so starken Resonnanzboden im arabischen Volke hat. Wir halten nach wie vor zu der Feststellung der dritten Kenessio Gedaulo in der Resolution der Politischen Exekutive, daß die Durchführung des Mandates in Palästina durchaus möglich ist. Die Feiertage sind verklungen und der Winter beginnt. Ein Winter des Mißvergnügens pflegte man zu sagen, den man mit Veranstaltungen aller Art, mit Vorträgen und Konzerten nach Möglichkeit vergnüglicher zu gestalten sucht. Wenn wir von der Weihe und der Freude der Feste in den Winter übergehen, so kennen wir ganz genau den Unterschied zwischen den glitzernden zerbrechlichen Glasperlen, die uns eine leichte seichte Kunst a\-i „Glück" und „Freude" vorgaukelt, und der wahren, herzerfrischenden Freude, die wir mit nxmv bezeichnen. Wir wollen hoffen, daß auch unsere Kulturbünde und die Vereinsleitungen diesen Unterschied kennen und ihm Rechnung tragen. Eine andere Aufgabe wartet mit Winterbeginn unserer, auf die gar nicht eindringlich genug hingewiesen werden kann.* das Jüdische Winterhilfswerk. Auch diese Verpflichtung beziehen wir aus der Gedankenwelt der Feste, deren letztes uns mit der Vorschrift entlassen hat, für den Leviten, für den Fremdling, für Waisen und Witwen zu sorgen. An der Spitze unseres Blattes ist ein Aufruf zum Mithelfen und Mitarbeiten veröffentlicht. Neben den bekannten jüdischen Organisationen Deutschlands empfehlen das Winterhilfswerk mit ihren Unterschriften u. a. auch die Vertretung der Unabhängigen Orthodoxie Deutschlands, die Landesorganisation der A g u - das Jisroel in Deutschland. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß, wie in den früheren Jahren, auch in diesem Winter die inzwischen ins Unermeßliche gesteigerte Not hilfreiche jüdische Herzen und offene jüdische Hände finden wird^und daß das von den Führern auf den Wohltätigkeitssinn der Juden in Deutschland gesetzte Vertrauen vollauf gerechtfertigt wird. In einer liberalen Berliner Synagoge wurde am Hoschana Rabba eine neue Thorarolle mit der Erst« aufführung des Schöpfungshymnus von Oskar Guttmann unter dem Titel „B'reschith" eingeweiht. Mit Sologesang, gemischtem Chor, Orchester und Orgel wurde der Schöpfungsbericht der Thora interpretiert und veranschaulicht. Die Wiedergabe unter Leitung des bekannten Dirigenten Chemjo' W i n a v e r soll über alle . Maßen schön, ergreifend, mit einem Worte eine künstlerische Glanzleistung gewesen sein. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß Oskar Guttmann gut komponieren und Winaver mit seinem vortrefflichen Chor, den zu hören wir bereits Gelegenheit hatten, gut dirigieren kann. Ob dies aber die richtige Form für die Einweihung einer neugeschriebenen Thorarolle ist, in einer Synagoge, am Hoschana Rabba, ist fraglich, oder richtiger nicht fraglich. Die g'ttliche Schöpfungssymphonie wurde oft, von sakralen und weltlichen Sängern, mit Pauken und Trompeten und Geigen und Zimbeln verherrlicht. Der Thorabericht an sich bedurfte keiner Interpretation und Veranschaulichung. Das jüngste jüdische Kind wußte am ersten Schultage, daß es einen G'tt gibt, der die Welt erschaffen hat und sie „täglich und beständig in seiner Güte erhält und erneuert." Auf dem ersten Blatt der heiligen Thora, auch der Thora, die am Hoschana Rabba neu in den Heiligenschrein der Berliner Synagoge gestellt wurde, steht es geschrieben. Ein Schöpfungshymnus mag seinen künstlerischen Wert haben, nicht mehr und nicht minder wie die bekannten Oratorien von Händel und Bach. Zu einer Thorafeier in der Synagoge eignet sich solche Veranstaltung, mag sie künstlerisch noch so vollendet sein, nicht. Es soll keineswegs bestritten werden, daß Komponist und Dirigent, die liberalen Veranstalter wie auch ein Teil des Publikums, dabei von einem ehrlichen religiösen Gefühl, allerdings von einem solchen, das uns thoratreuen Juden fremd ist, geleitet sein können. Fragen möchten wir nur: — und auch die Veranstalter sollten sich darüber klar sein, — wie viele vom Auditorium haben bei der Aufführung noch an die Thora, an den Schöpfer und Lenker der Welt gedacht, wie viele aber nur an den Kunstwert des Opus? Aus den Besprechungen in den jüdischen Zeitungen ist deutlich zu ersehen, daß die Zahl der Letzteren vorwiegend war, daß der religiöse Wert der Aufführung vor dem künstlerischen bis zur Unsichtbarkeit verschwand. Verweisen wir das Kunstwerk in die Konzertsäle der Jüdischen Kulturbünde, in der Synagoge gibt es andere Mittel, religiöse Impulse zu wecken, als jene, von denen der Psalmsänger vorwurfsvoll sagt; *)»j?n »V '»,"1 W1»T- * * Aus Jerusalem kommt gute Kunde. Am Rüsttag zum Sukkothfeste traf in der heiligen Stadt der bekannte litauische Gaon Rabbi Selig Reuben Beng i s , bisher Rabbiner in Calvaria (Lit.), ein. Er wird von nun an in der Charedimgemeinde, im Rabbinate von Oberrabbiner Duschinski, die Stelle des Gerichtspräsidenten yn l"->»a as bekleiden. Die unabhängige Orthodoxie in Jerusalem tritt mit dieser Berufung in eine neue Phase ihrer gemeindlichen Entwicklung ein. Das Bedürfnis nach einer führenden rabbinischen Persönlichkeit im Bes Din der orthodoxen Gemeinde machte sich mit dem rapiden Wachstum der Gemeinde immer mehr bemerkbar. Es mußte eine erste Autorität sein, und eine solche wurde in dem Manne, der in seinen jungen Jahren Lieblirigsschüler von Rabbi Naftali Berlin und Rabbi Chajim S o 1 o - w e i t s c h i k ^"xi in Woloschin war, gefunden. Rabbi Bengis hat sich mit seinem vierbändigen halachischen Standardwerk p">so rm^sV in den Kreis der größten rabbinischen Kapazitäten des letzten Jahrhunderts eingereiht. Wir haben die ragende Gestalt auf der Tribüne der dritten Kenessio Gedaulo in Marienbad gesehen und sein von Liebe zur Thora und zu Erez Jisroel durchglühtes Wort gehört. Wir beglückwünschen den verehrten Rabbi, aber* nicht minder unsere Gesinnungsfreunde in Jerusalem zu dieser Wahl. Wir lesen im Tel Awiwer „Hajessod": „Wie stark waren wir in der Gola an den „furchtbaren Tagen" von dem Bild auf der Straße beeindruckt, wo sämtliche Läden und Betriebe geschlossen waren und das ganze Geschäftsleben ruhte. Dieses Bild ist uns nicht allein aus dem Osten, sondern auch aus allen Weltstädten Westeuropas bekannt. In Tel Awiw aber hatte Rosch Haschana auf der Straße keinen Platz, keinen Widerhall. Die Kleinautos standen in Reih und Glied an ihrem Standorte wie immer, und die Chauffeure regten die Passanten an, Gebrauch von ihnen zu machen. Wer aber sind diese Entweiher des heiligen Tages? fragten wir uns. Man brauchte nur hinzuhorchen und man wußte es. Kleidung, Art und Sprache ließen keinen Zweifel darüber, daß es samt und sonders Einwanderer aus Deutschland waren. Es waren keine Arbeiter, auch nicht Histadruthleute, auf die man alles zu wälzen pflegte, sondern gerade Tel Awiwer Bourgeoisie, Laden- und Bürobesitzer aus dem vornehmen Allenby. Da kommt eine stolze junge Dame vorbeikutschiert, die in der Sprache ihrer Berliner heimat nach dem weiteren Weg fragt ... Unwillkürlich denkt man sich: Das ist die Frucht der Geiger'sehen und Holdheim'sehen Schule, das sind die Menschen, die die Reform gemacht hat, an denen auch alle Stürme der Zeit spurlos vorübergegangen sind. Ganz gewiß sind unter diesen keine geistigen Nachkommen von Samson Raphael Hirsch und Esriel Hildesheimer zu finden . . . Und just diese Menschen wurden mit Zertifikaten bedacht, während für echte jüdische Juden in Polen und anderswo, die sich nach dem Lande sehnen, um es in Reinheit und Heiligkeit aufzubauen, die Pforten geschlossen bleiben. — ^—" Wir bemerken, daß dieser Bericht wortwörtlich in dem hebräischen „Hajessod" vom 12. Tischri stand. Wir haben ihm nichts angefügt und haben ihm EUich nichts hinzuzufügen. Wenn jeder, der die Keren Hatorah-Ziele begreift/ in die Keren HatOrah "SammeldoSe 0 täglich wenige Pfennige legt, dann können vvir allen unserenjÄufgaben gerecht werden, g Dosen anfordern bei: Keren Hatorah, Hamburg „13, Heinrich Barthstraße 21 f ^j^J ' Von Zeiten und Geschlechtern. Eine Betrachtung zur Sidra.*) "iai D'ja rwbv na -rVvi iwvna ''n n»nn fix p'8 na „Noach war ein gerechter Mann und vollkommen ill seinen Geschlechtern. — Und es zeugte Noach drei Söhne usw." Wie die Welt, so teilt auch der einzelne Mensch sein Leben in einzelne Geschlechter, in Perioden und Epochen ein. Er steigt von der Epoche der Kindheit zum Jünglingsalter, von diesem zur Lebens mitte und geleitet von da mählich — es ist kein Steigen mehr — ins Greisenalter hinein. Bei Menschen, die nicht immer Herr ihrer Triebe und Neigungen sind, handelt es sich dabei nicht allein um ein Auf und Ab der körperlichen Kräfte, sondern auch um eine Entwicklung der geistigen Kräfte und Fähigkeiten, von denen ihr Glauben, Denken und Tun bedingt sind. In den ersten Jahren, da das Blut in den Adern noch frisch und stürmisch wallt, läßt sich der Jüngling vom „bösen Triebe" gar zu .gern. *) Dem von uns bereits besprochenen und bestens empfohlenen Werke masn 1318 von Rabbiner M. Feuerwerger (Selbstverlag des Verfassers, Frankfurt a. M„ Fichtestr. 5) entnommen. umgarnen und vom Weg des ewigen Lebens abdrängen. Später, wenn die Sturm- und Drangperiode vorüber ist, kommt er erst zu sich, um ffsan jttffn, Selbstrechnung ZU halten und begangene Fehler gutzumachen. Zumeist erlebt man aber dabei, daß solche Wiedergutmachung sich nur auf den Menschen selbst beschränkt. Nachkommen, Schüler und Umgebung, die sich den unjüdischen Wandel der Rückkehrer zum Muster nahmen, werden von der Welle des T'schuwa nicht erfaßt und ihre Taten kommen auf sein Schuldkonto. Unzählige Erfahrungen des Tages bestätigen leider diese Tatsache. Heil und wohl dem, dem es gegeben war, von frühester Jugend auf in innerer Ausgeglichenheit, Gerechtigkeit und Frömmigkeit, in Erkenntnis des Glanzes und der Erhabenheit der Thorawahrheit zu leben und aufzuwachsen. Nachkommen, die in solcher Sphäre der Frömmigkeit groß wurden und ihr Vorbild nie anders gesehen haben als in den Bahnen der G'ttesfurcht und der Menschenliebe, werden alle geistigen Steigungen dieses Vorbildes mitmachen, ohne zurückzubleiben. Von einem solch begnadeten Leben heißt es in den Psalmen 112/1. ijnt '»n» ynsa tui 'n ns k-p '-hpk „Heil dem Manne, der G'tt fürchtet, als Helden im Lande dokumentieren ihn seine Nachkommen.--" Das könnte vielleicht auch der tiefere Sinn der von unserer Sidra Noach ausgestellten Legitimation sein: rnnni '-*n o*»n p'ix »»« „In allen Phasen und Epochen seines Lebens blieb er fromm und gerecht." Darum "iai na *r?vi konnte er auch mit Stolz auf seine Söhne herabsehen, von denen freilich der eigentliche Träger und Sachwalter seines Erbes nur einer war, nämlich Sem. Miszellen. Mitgeteilt von S. Speier. Ein alltäglicher Wind. Bereschit Kap. 3. Vers 8, D'P^k 'n Vij? m wi .o^k 'n »as» inffk« onsn kanri'i ai»n miV pa i^nnn Der Offenbarung G'ttes geht in der Regel ein starker Wind voran. So heißt es bei Elijahu; „Und siehe, G'tt zieht vorüber. Ein großer, starker Wind, Bergs zertrümmernd, Felsen zerschmetternd, vor der Erscheinung G'ttes." (Melachim I 19, 11). Aehnlich wird uns von Ijow berichtet: „G'tt erwiderte dem Ijow aus dem Sturmwind" (Ijow 38, 1;^ 40, 6). Adam und Chawa wird die Erscheinung G'ttes nicht durch einen außergewöhnlich heftigen Wind angekündigt, „Sie hörten die Stimme G'ttes wandelnd im Garten tarn nr£» bei einem alltäglichen Wind." Veranlassung für ein Erschrecken lag nicht vor. Und dennoch verbarg sich der Mensch und sein Weib vor dem Anblick G'ttes,1) Kajins Opfer. Kap. 4. Vers 4. »n'a^na» was nnaa» am na «»an Vani „Und auch Hewel brachte von den Erstlingen sci" ner Schafe, von den besten." 'Die allgemeine Auffassung sieht das Vergehen Kajins darin, daß er be» seinem Opfer im Gegensatz zu demjenigen von Hewel nicht von dem Besten brachte. Wird ja bei Hewel besonders hervorgehoben, von welch hervorragender Art seine Gabe war. Nichtsdestoweniger erscheint -auf den ersten Blick seine Sünde niert von so großer Tragweite, da er doch als Erster sein Opfer darbrachte. Vielleicht darf auf folgendes Mo- 1) ai»n im entspricht dem talmudischen Ausdruck '»ttö ml» ein gewöhnlicher Wind (Bawa Ka'ma 6 a).