Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1929-03-28 · Heft 13 (28.3.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 13 (28.3.1929)
Date
1929-03-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450547-2450560--75842-2533386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Seit« 2. Nr. 13 E'- ■ Der Israel'' der Sphäre unserer Bedenken und Befürchtungen, ist aber nicht minder interessant und bezeichnend für die Gesinnungstüchtigkeit und Charakterstärke dieses non äußeren MachtfaLtoren getriebenen und geschobenen „Oberrabbiners" von Wiln-a. Nämuckn Die Regierung in Warschau zögerte eine Zeitlcr^g. Nicht etwa mit Rücksicht auf die Traditionen in der Stadt des Wilnaer Gaon, nicht aus Ehrfurcht vor dem Wilnaer Rabbinat, an dessen Spitze Männer vom Formate eines Rabbi Chajim Oser stehen, sondern weil zu den Drahtziehern dieses Wilnaer Puppenspieles G r ü n - b a u m gehörte, der mit seinem scharfen Munde im Sejm und der scharfen Feder in feiner Presse ganz und gar nicht der Mann der Regierung ist und auch gar keinen Wert darauf legt, es zu fein. Leitender Gedanke seiner jüdischen Politik ist, Minderheitsrecht, und möge darüber die iüdische Bevölkerung zugrunde gehen. Ein geisti- .) - Leiter von dieser Farbe sagte in Warschau ig zu. Was tat man? Wigodski, der Wilnaer v ■ rtöaum, geht zwar mit dem Warschauer Fühm Hand in Hand und Schu'lt-er an Schulter. Sein Oberrabbi muß aber diese Taktik nicht mitmachen. Rubinstein erklärte sich plötzlich als r e - gierungstreu. Der Preis ist nicht zu hoch für das Geschenk der Genehmigung, die auch bald darauf erfolgte. Ob diese politische und kulturelle Transaktion im eigenen Kreise des Oberrabbiners sonderlich imponieren wird, bleibt abzuwarten. Unsere Sorgen und Befürchtungen liegen aber, wie schon gesagt, auf ganz anderem Gebiete. Die Regierung hat gekauft und verkauft, und sie weih selber nicht, was sie, moralisch gesprochen, für ein übles Geschäft gemacht hat. Verkauft und verraten sind die Wünsche und Gefühle von Hunderttausenden, preisgegeben die Traditionen einer alten jüdischen: Gemeinde, die Jahrhunderte lang, kraft dieser Traditionen, als Mutterboden ganz Litauen und weit darüber hinaus geistig nährte. Weiß die Regierung, welchen Garanten sie in diesem alten jüdischen Kulturzentrum auch für Kultur, Geistesleben und friedlichen Ausbau Polens hatte? Nein:, sie kann es nicht wissen, was das „litauische Jerusalem" für die Judenheit und für Polen bedeutete, denn Schreier und Wortführer einer kleinen Minorität innerhalb des Judentums fanden im Kultusministerium Ohren und Augen, die blind und taub blieben für die wahre Einstellung, für die vitalen Jr»teressen, für die Zukunft des jüdischen Volkes in Polen. Auch diese Provokation wird die Wilnaer Orthodoxie nicht aus ihrer regierungsfreundlichen Stellung in die Opposition locken. Die Orthodoxie weiß, wo die wahren Schuldigen sitzen. Der Kampf wird jetzt nach innen verlegt werden müssen, ein Defensivkampf, eine Abwehrstellung. Ist es schon so, daß die Wiederauferstehung des unseligen Kronrabbinates nicht verhindert werden konnte, so bleib e d e r K r o n r a b b iner in seinen Grenzen. Der „Oberrabbiner" von Wilna im Sinne eines geistigen Führers existiert nach wie vor nicht. Die Autorisation auf dem Amtsbogen des Ministeriums wird von der jüdischen Bevölkerung als das genommen werden, wofür sie immer galt. Wie es bisher noch nie vorgekommen ist, daß sich Jemand mit einer religiösen Frage an den Kronrabbiner wandte, so wird auch jetzt die Wilnaer Judenheit und die Judenheit der Welt wissen, w o die religiöse Instanz und Oberinstanz ihren Sitz hat. Im Wilnaer „Wort" lesen wir an offizieller Stelle eine Aufforderung des Wilnaer Rabbinates an die Gemeindeverwaltung und Herrn Rubinstein, zu einem Din Thora vor einem zu wählenden Bes Din zu erscheinen. Es besteht keine Hoffnung, daß dieser Einladung Folge geleistet wird. Und so hängt es lediglich vom Verhalten der jüdischen Bevölkerung ab, ob die Regierungsmaß-; nähme einschneidende Bedeutung für Leben und j Zukunft der Gemeinde erhält. Will die Gemeinde ° nicht, und sie kann n i ch t w o l l e n, so wird man den Kronrabbiner tragen, wie man ihn hundert Jahre lang im Zarenreiche getragen hat, und wie man heute noch in Polen manche veraltete Zartzngesetze in Ruhe und Geduld trägt — bis eine bessere Zeit für das bürgerliche und religiöse Recht der Juden auch in Polen anbricht. Russische Methoden. Folgender Fall ist typisch für den Rachefeldzug, den zur Zeit die russischen Sowjets auf Antrieb der wi gegen die jüdische Religion führen. In S a m a r a widersetzt sich die jüdische Gemeinde dem Ansinnen der Kommunisten, die große Synagoge in einen Arbeiterklub zu verwandeln. Dem ist zu helfen. Die Gemeinde zählt zu ihren sozialen Einrichtungen eine große Kistenfabrik, die viele jüdische Arbeiter vor Arbeitslosigkeit schützt. Da wird den Gemeindevorstehern der Prozeß gemacht, wegen angeblicher Ausbeutung jüdischer Arbeiterinnen. Die Gemeinde oder — wie sie zuletzt hieß — „Jüdische Hilfsgesellschaft", die das Recht auf Besteuerung der Mitglieder nicht hat, muß ihr Budget aus Einkünften verschiedener von ihr geleiteter Unternehmungen und freiwilligen Spenden decken. Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, 28. März 1920_ tat die Gemeinde' viel zur Steuerung, der jüdischen Armut in Samara, sie verteilte im Winter Holz, gewährte unentgeltliche medizinische Hilfe und bestritt den Aufenthalt armer Kranker in Kurorten. Aber sie sollte zu wenig punkto Lohn und Versicherung getan haben, und das Gericht verurteilte drei Vorstandsmitglieder zu je drei Monaten Zwangsarbeit, ein anderes zu 300 Rubel Geldstrafe. Die Gemeinde wurde aufgelöst. Es wurde ausgesprochen, daß die Sowjetbehörde, die das Statut der Gemeinde genehmigt hat, obwohl sie nicht eine kooperative Institution darstellt, zur Verantwortung zu ziehen sei. Im Kampfe des Arbeiterklubs gegen die Synagoge hat ersierer Polizei und Gericht auf seiner Seite . . . Eine verwegene Zukunftsschau. Freud als Religionsphilosoph. Von Rabb. Ar. W. in K. Es ist immer ein gewagtes Unterfangen, Vorhersagen zu wollen, wie die Dinge sich entwickeln werden. Das großangelegte Werk Spenglers vom Untergang des Abendlandes hat trotz geistvoller Analogieen diesen nicht glaubhaft gemacht und bereits jetzt ist wahrzunehmen, wie } Her Lauf der Entwicklung andre Bahnen geht,! als Spenglers Darstellung es erwarten ließ. Und nun will Freud, der bekannte und 'verdienstvolle Begründer der Psychoanalyse von der Zukunft einer Illusion berichten und dabei das Ende der Religion, die ihm ein Traumgebilde, eine Einbildung ist, vorherverkünden. Man kann nicht gerade sagen?, daß Freuds Jdeengang an Nietzsches Wort erinnert. (Förster-Lichtenberger, S. 216).. Dem deutschen Gelehrten fällt es schwer, das religiöse Problem ernst zu nehmen; Freud nimmt es ernst, sieht er doch in der Religion eine Geistesmacht von hervorragender kultureller Bedeutung, aber im Grunde seiner Seele und seines Gewissens ist er doch so einseitiger Wissenschaftler, daß ihm der religiöse Mensch einen m i n d e r wertig e n T y p bedeutet. Ganz und allein auf seine Lieblingsanschauung, die psychoanalytische Behandlung des Religionsproblems eingestellt, ist er blind für alle anderen Zugänge zur Deutung des religiösen Tatbestandes und wie einst H ä ck e l in seinen Welträtseln von seiner Naturwissenschaft aus eine beklagenswerte Grenz- Überschreitung beging, wenn er ohne tiefere philosophische Bildung die monistische Weltanschauung begründen wollte, so muß es mit tiefem Bedauern -erfüllen, daß ein auf seinem Gebiete so erfolgreich schaffender Denker sich zu Phänomenen begibt, zu deren klarer Erfassung und vor- Kleines Feuilleton. Dokumente einer großen Zeit. In einer Zeit, da abgedankte Generäle ihre Memoiren schreiben, wird die jüdische Welt ein Buch jüdischer Ge ist es Helden mit großer, ehrlicher Freude begrüßen. Rabbi Akiba Eger, Rabbi Mosche Sofer (Chasam «oser), der „Kesaw Soser" und Rabbi Schimon Sofer, sowie „Schewet Sofer", leben in einem Werke der Liebe und Pietät vor unserem Auge auf,*) und wir lernen die Meister, deren gigantisches Schaffen dem jüdischen Geistesleben in den letzten zwei Jahrhunderten Richtung und Gepräge gegeben hat, auch von ihrer menschlichen Sette kennen. 2) tiefe Führer ihrer Zeit hatten eine ausgedehnte Korrespondenz, sie schrieben halachische Abhandlungen- Gutachten^ Empfehlungen, Approbationen, und nicht zuletzt Freundschaftsbriefe, die die Wahrheit des Talmudspruches belegen: j’snx rrn bv 7’Vin mrrp H'vrr Aus diesem reichen Schatz ist durch die bewundernswerte emsige und verständnisvolle Arbeit des Rabbi Schlome Sofer, eines Gliedes in der Kette der Preßburger Sofer, ein vom Verlage auf bestem Papier, mit lichtem Drucke, mit vielen Bildern und mit festem, schönem Einbanddeckel ausgestattetes Buch entstanden, -das *) D,hiölö irniK “IDO Briefe von Rabbi Akiba Eger, Rabbi Mosche Sofer, Rabbi Abraham Schmuel Binjomin, Rabbi Schimon Sofer usw., gesammelt vom Sohne und Enkel, Rabbi Salomon Schreiber, Oberrabbiner in Beregzafc. Gedruckt und verlegt bei Josef Schlesinger, Wien, Budapest. zunächst allen „Prehburgern", dann aber allen Freunden jüdischer Kulturgeschichte schlechthin unentbehrlich sein wird. Da lesen wir im ersten, Rabbi Akiba Eger gewidmeten Teil eine einleitende Mussarrede (m-nwfO Rabbi Akibas, Wahlprotokolle aus Friedland, Berufungsschreiben aus Posen und anderen Gemeinden. Es folgen in bunter Menge Briefe, in denen der große Pofener Raw die Absicht kundgibt, das zeitraubende Rabbinat! niederzulegen und als einfacher Melamed lehrend und i lernend fein Brot zu verdienen, Aeußerungen über Kameoth, Briese an seinen großen Schwiegersohn in Preßburg, Anweisungen und Verordnungen aus der Zeit der Cholera in Posen, ein ganzes Briesebündel an Rabbi Israel Lipfchütz, bekannt unter dem Namen nwan, Briefe und Proteste gegen Reformversuche, ein Brief (für! Frankfurter besonders interessant) an Rabbi Salman! Trier in Frankfurt in Sachen der Rödelheimer Machsorausgabe. Sodann, lesen wir Briefe von Rabbi Schlome Eger, dem Sohne und Nachfolger Rabbi Akibas. Eine ganze reiche Epoche jüdischen Lebens in den deutschen Ostmarken, eine Epoche -letzten Aufblühens, zieht an unserem Auge in lebendigen Bildern vorüber. Nicht weniger interessant und reizvoll ist der zweite Teil, der dem „Chasam Sofer" gewidmet ist, Zu Anfang finden wir ein Empfehlungsschreiben für einen .Schüler seines großen Frankfurter Lehrers, Rabbi Nathan Adler. Wir erfahren aus anderen Briefen, unter welchen Bedingungen und Hoffnungen er nach. Preßburg ging. Dazwifc^n Refponfen talmudischer und halachifcher Art, Aufrufe für Erez Jisroel, Appelle zur Unterstützung!von Jeschirvoth und Thorajüngern,, auch Familienpapiere .von höchstem historischen Werte. Ein Brief stellt sich als eine Moralpredigt an emm Rabbiner dar, der zuhart in Sachen einer Aguna oorgeht. Briefe -von Rabbi Mordechai Beneth unanderen Großen zeigen das Verhältnis der Zeit zu ihrem Führer. Briefe über das Erdbeben in Palästina und wiederum Schreiben und Gegenschveiben über die überhandnehmende Reform, spiegeln die Sorgen der Führer wider. Einer Stellungnahme zu einer eventuellen Uebersetz-ung. des babylonischen Talmuds folgt Einiges aus Chasam Sosers Mohelbuch. Auch finden wir darin ein Verzeichnis von über 100 Schülern des „Chasam Sofer", die zum Teil Große in Israel geworden sind. Im dritten Teile, der das Leben Rabbi Abraham Schmuel Vinjamins (Kesfaw Sofer) widerspiegelt, dürfte für uns das Wesentliche sein die Korrespondenz über und gegen das Treiben der Reformer, und in diesem Kapitel ein Brief nach Frankfurt über die Notwendigkeit der Gründung einer separaten orthodoxen Gemeinde. Auch hier fehlt nicht das Verzeichnis der prominenten Schüler aus der zweiten Preßburger Generation. Im vierten Teile werden- Schriften -des Rabbi S chi - man Sofer., des zweiten Sohnes des Chasam Sofers, des großen Krakauer Rabbiners, veröffentlicht, die uns die Einstellung des großen Rabbi sowohl zum Chassidismus wie zur modernen Orthodoxie in Deutschland zeigen. Hier macht sich der galizische Einfluß zu Gunsten des Chassidismus und zu Ungunsten der modernen Bildung auch auf dem Boden der Gesetzestreue stark bemerkbar. Verstreut find hier auch Briefe von Rabbi Simcho Bunem Sofer (Schewet Sofer) veröffentlicht. Ausgezeichnete Bilderblätter zeigen uns Rabbi Akiba Eger; dessen Sohn Rabbi Salomon Eger; Rabbi Akiba Eger in Begleitung seiner Dajanim in den Straßen Posens; Rabbi Mosche Sofer; dessen Grabmal auf dem alten Preßburger Friedhof; Rabbi Abraham Samuel Benjamin (Ksäw Sofer) und Rabbi Simcho Bunem Sofern das Preßburger alte Beshamiidrafch; Rabbi Schimon Sofer in Krakau; Rabbi Salomo Spitzer in Wien:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.