Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1924)
- Date
- 1924-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Seite 8 Der Israelit 24. Juli 1924 schenken als den mindestens ebenso sehr intereffirten polnischen Gegnern. Die Tonart der zionistischen Presse ist nun ein m a lim h ö ch st e n G r a d e g e e i g n e t. zu Gewalttaten gegenüber der Orthodoxie zu führen, wenn auch — was wir nie bestritten haben — die „Rundschau" nicht wünscht, daß diese Konsequenzen jornalistischer Exzesse von jugendlichen Hitzköpfen gezogen werden. Junge Menschen, die ihre Kenntnis der jüdischen. Dinge aus der „Rundschau" schöpfen, m ü s s e n schließlich glaubendaß die ganze agudistische Orthodvxie samt ihren weltberühmten rabbinischen Führern eine Giftpflanze sei, deren, gewaltsame Vernichtung am Ende praktischer ist als die Beschränkung auf den mühseligen Federkampf, das Erbteil der waffenlosen Golus-Existenz des jüdischen Volkes. Jede Zeile daher, die wir in. den Fällen Jendrezew und de Haan geschrieben haben, war einzig und allein von dem Wunsche eingegeben, der steigenden journalistischenVerwisderung gegenüber -— wobei wir keineswegs geneigt sind, etwa jedes Wort der a g u d i st i s ch e n Presse zu decken ttt-peccafcnr intra muros et extra — zur Selbstbesinnung zu mahnen. , Es wäre doch Henkbar, daß gerade solche Gewalttaten den an sich gewiß nicht auf die ^Propaganda der Tat" eingestellten Männern des literarischen Wortes ihre Verantwortung deutlicher klarmachten als alle theoretischen Erwägungen. Oder sollte, nicht z. B. derjenige, der im spsr Vif» das furchtbare Wort auf Prof, de Haan niederschrieb: „tPTn ini» " vor der v o l l - zogen e,n TDt zu erschrecken vermögen, wenn man ihm die möglichen Folgen solcher Aufreizungen eindringlich vorhält? Wenn sich einsichtige Männer in allen Parteien fänden, die auf eine Besserung des journalistischen Tones hinwirkten, so wäre das freudig ZU begrüßen; denn wenn sich die Schimpfregister so übersteigern, wie das in der letzten Nummer der „„Rundschau" der Fall ist, werden wir bald auf das Niveau des „Arizona-Kicker" in Wild-West herabgesunken sein. sfc * * Das Achduth-Örgan wird, wie wir leider mit Recht voraussahen, mehr und mehr zum Tummelplatz aller der Geister, die in der Zerreißung der gesetzestreuen Gemeinschaft durch liebloseste Verkennung einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit für ihre weitgehende Duldsamkeit nach links erblicken. Ein Musterbeispiel dafür ist die Philippika des Herrn Rabbiner Dr. Simonfohn- Breslau gegen unseren Leitartikel über das palästinensische Gemeindegesetz. Daß die juristische und politische Erfahrung des Herrn Rabbiners nicht groß genug ist, um ihm den wahren Charakter dieses gesetzgeberischen Versuchs, der für das h e i l i g e Land, nicht für Breslau bestiinmt ist, erkennen zu lassen, wäre weiter keine Schande, und Herr Dr. Simonsohn hätte in früherer Zeit gewiß einen Augenblick der Möglichkeit Raum gegeben, daß es doch vielleicht ein Quentchen ehrlichen Interesses für die Erhaltung von mni mm.in und nicht nackte Bosheit sei, wenn wir Alarm geschlagen und uns von dem rabbinischen Aufputz des Ganzen nicht, wie er, haben blenden lassen. Wobei wir uns — siehe die heutige Nummer der „Blätter" — in bester Gesellschaft befinden. Jetzt aber, im Zeitalter der „Achduth", muß natürlich auf dem „Israelit" in hochmütigem Hohn herumgetrampelt und ihm nebenher — ein unerhörter v'iV33 rnrm — insinuiert werden, er habe mit den Tröpslein mr» aus westeuropäischen „theologischen Seminaren" — Esriel Hildesheimer und sein Seminar gemeint!! Wir wissen nicht, ob Herr Dr. Simonsohn Zionist ist. Es scheint so, denn sonst wäre die Unbefangenheit unverständlich, in der er die zionistische Organisation mit dem — Deutschen Reich oder einem sonstigen Staatsgebilde identifiziert und jede j e l b st ä n d i g e j ü d i s ch e Auh e n - Politik in Palästina als Hochverrat kennzeichnet. Wir find gottlob noch nicht so weit, daß die zionistische Partei die Regierung in Palästina und die rechtlich anerkannte Vormundschaft über das arme jüdische Volk angetreten hat; dafür zu sorgen, daß es nicht dahin komme, sollte heute die heiligste Äufgvbe der g e s a m t e n Orthodoxie sein. Herr Rabbiner Dr. Simonsohn aber und seine Freunde scheinen stattdessen nur von der einen Sorge bewegt, durch Kränkung und Herabsetzung eines Teiles dieser Orthodoxie die „auseinanderstrebenden Flügel unseres Volkes" nach der Methode Dr. Eisenbarts zufammenguführen: *nm »ao pgtei ivnnK- , ■ Um die Selbständigkeit der Orthodoxie. Von Havija ven IPefifa. 1. Die Akten waren geschloffen, der Prozeß beendet. Mit den Worten: „Bis dahin erkläre ich die Akten geschloffen, den Prozeß für den Austritt gewonnen", schloß vor fast 50 Jahren Hirsch y? den polemischen Teil seiner zweiten Schrift über den Austritt. In der Tat war der Prozeß gewonnen, nicht nvV»b. die Praxis der Mehrzahl folgte nicht, wohl aber der pvs war als unwiderleglich anerkannt. Hildesheimer y* bezeichnte ihn als so gut, daß ihn der größte Gaon nicht hätte beffer fundieren können. Nur die Praxis hat man gegen den Austritt angeführt. — So schrieb z. B. Wohlgemut vor einigen Jahren in seinem „Jeschurun", Hirschs Standpunkt fei halachisch unanfechtbar, nur der praktische Erfolg rechtfertige die Zusammenarbeit mit Andersdenkenden. — In diesem Sinne habe ich auch eine Aeußerung Hoffmanns aufgefaßt, der auf meine Frage, was gegen den Entscheid Hirschs yr einzuwenden wäre, erwiderte: „Soll man die Gemeinden zugrunde gehen laffen?" So ließ das Gesamtbewußtsein der Gesetzestreuen in Deutschland die halachische Ueberlegenheit der Selbständigkeit stillschweigend gelten. Als pvs theoretisch unanfechtbar stand die Forderung des Austritts da; als zeitgebotene npV rmmn wurde der gegenteiligeStandpunkt verteidigt. Das theoretische Zugeständnis der halachifchen Ueberlegenheit hatte aber sehr segensreiche praktische Folgen. Zunächst fühlten sich selbst entschiedene Austrittsgegner veranlaßt, die sogegenannten separatistischen Gemeinden aufs wärmste zu unterstützen. Die Einheitsfront der Gesetzestreuen war möglich. Dann aber konnten diejenigen, die von der Wahrheit des Hirfchkschen pvv überzeugt, von seiner unendlichen Tragweite für das gesamte Judentum durchdrungen waren, für diese ihre Ueberzeugung die Gemüter gewinnen. Es wurden ja immer nur praktische Argumente gegen die Selbständigkeit ins Treffen geführt, man debattierte über die Durchführbarkeit, über die praktischen Wirkungen, den Standpunkt selbst ließ man aber als hohes Ideal gelten. Und es gibt immer noch Menschen, die für Ideale zu gewinnen sind. Ganz im Sinne des Würzburger yi der ja die Wichtigkeit selbständiger orthodoxer Gemeinden durchaus anerkannte und ihnen innigft Gedeihen wünschte, den Nichtaustritt nur als nicht geboten bezeichnete. Das will man jetzt mit einem Male ändern. Nach einem halben Jahrhundert wird Revision des Prozesses angemeldet. Diesmal geht es aber nicht um Austritt oder Nichtaustritt, sondern um die Selbständigkeit der orthodoxen Gemeinden überhaupt. Im Gegensatz zum Würzburger yr m wird der Nichtaustritt, das Verbundensein mit der Reformgemeinde, als ms», als halachisch nicht nur zugelassen, sondern sogar geboten, verkündet. Dem Gedanken der Selbständigkeit wird der in diesem Sinne interpretierte Gedanke des M3iv gegenübergestellt. Gestützt auf ein in Kleines Feuilleton. Die „Einheit des Judentums". Bon Dr. Äkoses Auerbach in Berlin. Es gibt Leute die es verstehen, auch die beste Sache durch die Art ihrer Vertretung zu diskreditieren. Zu ihnen scheint auch Herr Fritz Mänzer zu gehören. Mit seiner Broschüre „Achduß oder Von Mendelssohn bis Löb" (Frankfurt a. M., Gebr. Knauer) will er auf die Gefahr Hinweisen, welche durch die scharfe Hervorkehrung der Einheit des jüdischen Volkes im Gegensatz zu der selbständigen Organisation des thoratreuen Judentums entstehen kann. Daß die Anhänger der selbständigen Organisation die objejektiv und der Verpflichtung nach bestehende Einheit der Gesamtjudenheit nicht leugnen wollen, ist selbstverständlich. Und soweit die Betonung dieser Einheit im Achduthprogramm eine Spitze gegen die Anhänger des Prinzipes der unabhängigen thoratreuen Organisation haben sollte, war sie unberechtigt. Seitens mancher der sehr heterogenen Elemente der Achduth scheint aber die Einheit des Judentums als eine Anerkennung der Gleichberechtigung der sogenannten Richtungen im Judentum ausgefaßt zu werden. Hiermit würde sich allerdings die Achduth nicht nur in Gegensatz zur Agudo und Freien Vereingung, sondern zur Thora stellen. Denn nie und nimmer kann die Thora das Prinzip der Leugnung ihrer von Gott geforderten Verbindlichkeit als eine innerhalb des jüdischen Volkes berechtigte Anschauung anerkennen. Wir wissen, daß dieses auch die selbstverständliche Ansicht der geistigen Führer der Achduth ist. Anders steht es aber mit der Taktik im politischen Kampfe. Wer sich einmal entschlössen hat, nicht nur einer religiös gemischten Gemeinde anzugehören, sondern auch in ihrer Verwaltung mitzuarbeiten, kann dieses theoretisch tun, ohne die irreligiöse Anschauung seiner Kollegen als berechtigt änzuerkennen und kann jeden Antrag auf Erhaltung oder Einrichtung religionsgesetzlich verbotener Institutionen (z. B. Orgelsynagoge) ablehnen; praktisch aber haben in den meisten gemischten Gemienden die Toratreuen noch um ihre Gleichberechtigung zu ringen und berufen sich hierbei auf das Prinzip der Parität. Für einen anständigen Menschen ist es natürlich sehr peinlich, immer zu betonen, der Gegner sei ihm gegenüber zur Parität verpflichtet, während er selbst sie ihm nicht gewähren kann. Cs ist ein erfreuliches Zeichen für Sauberkeit im politischen Denken, daß auf der Konferenz konservativer Gemeindevertreter, die am 6. Juli in Berlin tagte, die Frage gestellt wurde, wie sich konservative Vertreter gegenüber religionsgesetzlich verbotenen Institutionen zu verhalten haben, wenn die Konservativen einmal die Majorität in der Gemeindestube hätten. Die politisch geschickte Antwort lautete: „Wir müssen in diesem Falle die absolute Autonomie der religiösen Richtungen vertreten, um so jeden Gewissenszwang unmöglich zu. machen." Auf die sehr aktuelle Frage, was aber konservative Gemeindevertreter jetzt bei Abstimmungen über irreligiöse Einrichtungen zu tun haben, ist man hinweggegangen. Die Praxis zeigt bisher ein nicht sehr erhebendes do ut des-Spiel. Und hierin liegt die ungeheuere Gefahr, daß aus dieser, leichter verständlichen als prinzipiell zu rechtfertigenden, Praxis eine Theorie der Gleichberechtigung erwächst. Im Interesse der Klarheit wäre es bester gewesen, wenn das Streben „nach absoluter Autonomie der religiösen Richtungen" nicht nur für eine zweifelhafte Zukunft, sondern für die Gegenwart gefordert würde. Das bedeutet de facto die Auflösung der meisten heutigen Großgemeinden und Bildung von zwei oder auch mehreren Religionsgemeinden, unter denen die konservativen sich von dem Hamburger Synogogenverband kaum unterscheiden dürften. Der Verfasser der Achdußbroschüre sieht nun in Herrn Moritz Löb den Vertreter der Anschauung, es gäbe eine Einheit der jüdischen Gemeinde, innerhalb welcher alle „Richtungen", Orthodoxie, Reform, Nationalismus, Raum finden: diese jüdische Gemeinschaft sei für Herrn Löb „die alleinige Voraussetzung km transzendentalen Sinn der Möglichkeit aller". Bor ihrem Forum seien alle drei Richtungen erträglich, wenn sie sich mit dem allein zulässigen Anspruch begnügen, selber die jüdische Gemeinschaft zu — werden, aber nicht zu sein. — Uns ist eine derartige — mit dem thoratreuen Judentum unvereinbare — Aeußerung des Herrn Löb nicht bekannt. Doch sollte er sich so geäußert haben oder wenn Herr Mänzer aus Aeuherungen oder Handlungen Löbs solche Ansicht glaubt schließen zu müssen, so hat er natürlich das Recht, vielleicht auch die Pflicht, Herrn Löb zu bekämpfen. Keinesfalls aber durHe er ihn mit ätzendem Hohn öffentlich blotzstellen. Mancher Leser der Broschüre wird viele geistvolle Stellen mit Genuß lesen, aber das Gefühl, daß dieses gewaltige Aufgebot an Misten und Gerst und Humor auf Kosten eines Beleidigten geht, vergällt nicht nur den Genuß, sondern beleidigt den Leser, am meisten vielleicht diejenigen, welche mit Herrn Mänzer Gegner Löbs sind. Ganz besonders verletzt zu Beginn der wenig geschmackvolle Segensfpruch und am Ende die unverkennbare Anspielung auf die Nichtwiederwahl des Herrn Löb in den Zentralrat der Agudo. Es gibt eine Grenze für den Kampf und für den Witz, und das ist öffentliche Beschämung. Die Grenze ist in der vorliegenden Broschüre überschritten. Und wir möchten Herrn Mänzer zur Erwägung geben, ob es nicht für seine Sache und fein^ Person richtig wäre, die Kränkung des Gegners öffentlich zu bedauern. Was von vielen Leuten bei Gründung