Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-05-17 · Heft 20 (17.5.1934) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 20 (17.5.1934)
Date
1934-05-17
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450826--80435-2538266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Nr. 20 D e r I 's r a b 1 i t 17. Mai 1934 sehen Leib zerschmettern wollen, überkommen das Volk. Sie fühlen sich hin- und hergeworfen in dem Bewußtsein des revolutionären, welterschütternden und weltgestaltenden, Geschichte und Zeiten meisternden Gehalts des g'ttlichen Wox-tes. Dieses Sehen war kein Sehen mehr, dieses Hören nicht ein Hören. Die normalen Sinne waren ausgeschaltet, der Mensch nicht' mehr Herr seiner selbst, sondern ohnmächtig, erliegend der Vision, die auf ihn einstürzte. Jetzt kommen sie zu Mosche und sagen: „rede du mit uns, und wir wollen hören, aber es rede G'tt nicht mit uns, daß wir nicht sterben." Sie haben demütig zu sein gelernt, Ehrfurcht zu empfinden vor dem G'ttlichen und Großen. Mosche erwidert ihnen: „fürchtet nicht, G'tt hat euch groß gemacht, jetzt wird euch für alle Zeiten die Ehrfurcht auf das: Gesicht geprägt sein." Die das erlebt haben, die können nicht mehr frivol, nicht frech und schamlos t;sein, die haben die hohle. Eitelkeit, den großtuerischen Stolz für immer verlernt. Weil man die Ehrfurcht niöht kennt, weil man niemals vor der Erhabenheit der Tfröra, vor der Weisheit der Weisen in Demut auf'die Knie gesunken, niemals angesichts der . gewaltigen Persönlichkeiten des Judentums: eines Raschi und Rambam, eines Wilnaer Gaon oder Akiba Eger. sich seiner Nichtigkeit und seines Zwergenmaßes bewußt geworden ist, darum vermag man auch dem Außerordentlichen der Offenbarung gegenüber kein Verhältnis zu gewinnen und zerrt verständnislos das Erhabenste und Größte des Judentums in den Staub. Unsere Gegenwart, jhat das , Augenmaß verloren und spreizt .sichjfrech; in ihrer. Unbedeuiendheit. „Wer Scham und. Deinut nicht kennt, da ist gewiß, daß seine Väter nicht, am; Berge Sinai gestanden." r s;! V IV. Jedermann ist das Wort der Weisen bekannt, daß hier am Sinai zum ersten' Male", die Einheit Israels verwirklicht war. Sie deuten 'dies1 aus der auffälligen Wiederholung im BibeiwortJ „si e lagerten in der Wüste und e s. 1 a'g e'r t e Israel angesichts des Berges". Aus der Vielzahl war eine1 Einzahl geworden. Das Wunder aller Wunder war vollzogen: die noch eben in: ihrer Vielgestaltigkeit und Vielfältigkeit die Zelte aufgeschlagen,' waren plötzlich in 'einem Streben,, in einem Gedanken? in einem Wollen miteinander verschmolzen. Aber was daran das Wesentliche ist: diese Einheit der Seelen war vor der Offenbarung erfolgt, als ihre Voraussetzung und Ermöglichung. Von all der Zweifelsucht, und Zwiespältigkeit, die sie noch in Refidim beseelt hatten, hatten sie sich losgerissen, und ein Sehnen nach Ganzheit, nach der großen Harmonie im Innern ihres Volkes, nach echtem Aufschwung zu einer höheren Form des Lebens hatte sie überkommen. Diese Einheit, diese Bereitschaft, das eigne' enge Selbst gegenüber den grenzenlosen Möglichkeiten einer Volksaufgabe zurückzustellen, : ging der Offenbarung voran, machte sie allererst möj^i lieh. Denn erst in diesem Willen ist. die Objektivität und Reinheit der Vernunft gewährleistet, welche das Ideal in seiner Unermeßlichkeit erkennen und durchdringen, G'ttes Offenbarung unverzerrt und unverfälscht trotz der drückenden Last ihrer Ansprüche in sich aufnehmen wollen. Warum heute so vielen zur Offenbarung kein Verhältnis kommen kann? . Durch unsre Pail'eizerrissenheit, durch die Rechthaberei des Gruppenegoismus sind alle Seelen verschrumpft. B 1 i«ik s t a r r e "ist uhsre. Krankheit, daß wir immer nur eine Seite des Lebens, e i n e Richtung ■■ des Wollens sehen.i daß wir nicht mehr das Auge für ein allumfassendes, allen Bedürfnissen der Seele und^des Leibes, des Einzelnen und der Gesamtheit gerecht werdendes. Ziel und Lebensgesetz frei haben. Das Zehnwort« Es beginnt mit Anochi, es schließt mit L e r e e c h a. ->.; .;. Offenbarung beginnt mit Erkenntnis und Anerkenntnis des persönlic h e n G'ttes; sie führt zur Entdeckung des Nächsten, des Mitmenschen, als gleich dir zum Heiligen berufenen G'tteskindes, zürn Messianismus. i i;; v ' Die Schöpfung wird, .nach. Rosenzweigs geist-' voller Bemerkung, eingeleitet durch: am Anfang schuf Er, G'tt, ein Es, Himmel und Erde. Die Ausdrucksform der Schöpfung, 'der Geschichte, ist: Er und es; ihr Tempus: die Vergangenheit, das Awar. f.. . . , ,;.;* ) [['/.. ' Die Offenbarung spricht» iiDj Ich;;und Du!.-ihre Ausdrucksform als die i des S o ll e n,s\. ist, das Atid, die Z,ukunft. •.■] :( ..' ,,']' v; „Ich willudein' G'tt sein; der Ich dich aus der Sklavenschaf {i geführt habe,", - to'-; : . , . , Erst mit diesem Ich'-des; persönlichen 'G'ttes wird der 2Mensch zum D u; zur; Persönlichkeit aufgerufen und erweckt.2) j; . i? Sein Ich wird Partner, ^.Korrelat" des g'ttlichen Ich. „Offenbarung, ist die imm^rerneute G eburt der Seele." Das Zehnwort spricht zweimal das Anochi; zum Beginn des ersten Gebotes: '■"r\ [ Ich wiji^ein^Gl^.^ßin.^,/..^,;-. .}M| . - zum Ende des zweiten''Gebotes*-,- ' ' '■( denn (Ich bin. Dein "'''G'tt,, .'ein'''(j'jtt' eifervoller Liebe. Das Erste geht dem ^Gebote voilan, das zweite bildet seinen Abschluß. Das erste Gebot ruft uns zum Guthändeln, zur Mizwah, zur Hingabe unserer Freiheit für den Dienst des Höchsten auf. Darin ist G?tt uns Urbild und Vorbild, Sein Ich .erweckt den Menschen zum Genossen an der Arbeit der ".'Erlösung.; . Das zweite Gebot Will uns von der Sünde, von dem-Verfall in Verheidnischung und Anbetung des Gemeinen1 zurückhalten. Hier ist G'ttes Eingreifen erst die Folge unserer Schuld; es fließt nicht* aus G'ttes Wesen, es ist die Antwort auf unseren Abfall. n' Dieses zweite; anochi G'ttes ist Gegenstand jahrtausendlanger, religiöser , Polemik gewesen. Den G'tt der Rache, der sich nicht genugtut an der Strafe des Schuldigen und noch den unschuldigen Nachgeborenen leiden läßt unter der Sünde der Vergangenheit, (hat man aus diesem zweiten anochi herauslesen wollen. Nie ist eine häßlichere und: blödere Lüge ausgesprochen. Das zweite äriochi ist die eigentliche Bekundung des G'ttes der Liebe. Es spricht, den unendlichen Wert der Ülenschenseelc aus, daß" wir G'tt nicht' gleichgül- ' tig sind,.urid daß Er nicht; uns tejhiahmslo^ injdeij, Sumpf der Erniedrigung und der Schuld versinken, läßt; Gibt, es e,ine höhere. Liebe, als' äie,, die über der . Menschheit! wÄcht, < 4äß sie ihrer Würde und ihres Wertes,,nicht verlustig^ Diese über den Menschen wachende' eif ersucht)' tige Liebe 'G'ttes bringt dem Menschen immer wieder das Bewußtsein seiner Freiheit. Keine falsche Erziehung, keine Beeinflussung durch Blutdisposition und Beispiel hindern das Individuum, < den Weg: des Guten<; (einzuschlagen. E.s, gibt keine Erbsünde. Und mögen, drei Generationen hindurch dieiMenschen sich. G'tt entfremdet haben, die vierte kann die Last der Vergangenheit von sich schütteln, unter Ueberwindung aller schädlichen'Erbanlagen die verschüttete .'Kraft der Seele wieder :'; durch . reine Menschlichkeit sühnend zum Durchbruch bringen.. 2) Darum heißt es:,.Ich .will Dein. G'tt sein, nicht: Ich will euer G'tt seinj darum spricht der Dekalo g zur Einzahl, was so verh'ängmsYoll' wurde1 (vergl, RabBäzü Schmoth 43, Abs. 6). ■ ,; < : ' Erst durch dieses zweite anochi, das" Hie etvige- Reinheit und Kraft der Menschenseele 'proklamiert, ist das; erste anochi gegen alle Zweifel gesichert. ■■••' .' : «. r >.{)■■■ , Warnt 'das zweite Gebot vor dem*yerfall ins Heidentum üiid Lüge, so das dritte vor jeder spielerischerij . gleichgültigen,;' /oberflächlichen Bezie- .hung zum ' G'ttlicherii; Es fordert den Ernst'und;die Heiligkeit aller rfehgioseii; Haltung beim G'ttesdienste, gegenüber dem g'ttlichen Namen/' de'ir Anrufung G'ttes im Eide. Das erste Gebot fordert nach der Weisen Wort, daß jeder Genuß und: jede Tat" des; Menschen eine Bracha, voll Segenstief e seif, das dritte warnt, keine bracha lewatala auszusprechen, nicht Herz und Lippen mit iändachtslöses' und wertlosen Worten zu beflecken.. un kommt das herrliche,-das. gew,aHigje Sabbatg Jsetz. Es spricht die,'ty e f h e <ijk r A r b e i t" aus'/ die Pflicht der E r zielh ün g — wie bezeichnend; mit Sabbat .fängt alle Kindererziehurig an, Sabbat ist das beste Mittel aller Erziehung — die. F ü r s o r g e a.u.c h f ü r das V je h — „Du und Dein Ochse". —'.jj , .f.. ."-'-»V .. : Wie G'tt .durch Sein Zurücktreten , von der schöpferischen .Tätigkeit -4p?(. Sechstä^ewerkes: Seine jiranszendenz, Seine/ 'J^nseitigkeit vinci Aüßer'weltlichkeit bekundet hat, so' bezeü^i. sich der Mensch, durch, die,. Ruhe. des siebten Tages als Kind% der Ueberwelt, daß er nicht den irdischen Mächten eignet. Nur sechs Tage tust Du Deine Arbeit, am siebten ist sie, nicht mehr Dein. Lo taaße kol melachal Nicht die Arbeit g;ibt;dir. ein.^echt ai^. ^ajbbat, 4er'(!Sabbat gibt;Jd'ir;. ein Recht auf^ d^e-Hingabe '.an..diesechs Tage^ Ar- ., beit, weil .^ej Sir den Wert äer Seele)'''die Züge- . .. ........ £,tt — hörigkeit zu 1 garantiert. ia »as fünfte Gebot, zeigt die Eltern als, Genossen: G'ttes bei der Schöpfung; des Menschen, hinausr gehoben aus aller physischen Beziehung zum» Kinde; das Verhältnis zu ihnen, zu einem über^ irdischen geweiht. Und in einem Atemzug mit der sittlichen Steigerung, , dieser Idealisierung der Kinderpflicht gegen die Eltern, wird auch d,ar? heilige L a n d, genannt, das ja nicht fehlendarf in der grundlegenden Urkunde der - Offenba-, rung. Wem verdanken wir das heilige Land? Per Frömmigkeit der Stammväter. Und nicht ..unter diejenigen, die. ins Land zogen, wurde der Boden verteilt, sondern .unter die joze mizraim, jupter die, die aus Aegypten gekommen, so daß jeder nur den Teil bekam, den er von seinem aus der Knechtschaft gezogenen Vater ererbt hatte. Bei dieser Verteilung des Bodens waren alle aus Israel gleich berechtigt. Jeder also verdankte dem Vater, ganz gleichgültig, wer er war, den Besitz seines Stück Landes, v, - . Damit aber wird zugleich Familien- und Volksleben in die intimste Beziehung gesetzt, beide als eine direkte Folgerung aus. dem g'ttlichen anochi hingestellt. ""' " ' ' Die letzten Gebote, die,.Regler des Meeschen*; lebehs,r i^jihrer] lapidaren, Ki^rze . wije Donner,, rdiß/1 die Menschheit^aus ihrer Lieblosigkeit und sozialen Häfet.C; aufwecken, enthalten den G|ttesnamen nichx, Sie gelten auch ohne direkte Beziehung auf das Religiöse. Sie fordern den Schutz und die Heiligkeit des Lebens, der S i 111 i c h k e i t und der Freiheit3) des Menschen, seiner Ehr e und seines Besitzes. Die ersten drei haben kein Objekt; auch Selbstmord,' auch Unkeuschheit am eigenen Leibe, die Selbst Vergeudung und Selbstbefleckung, sowie die Preisgabe, des eigene^ Icli zur, Sklaverei sind ver.r, boten. , , Erst bei den;.beiden letzten .tritt der Zusatz r e a c h a von deinem Nächsten auf, um die Ehrp;, und das Eigentum als Ausdruck der; fremden. Persönlichkeit für unantastbar zu erklären. , . .; 3j Das; lo tjgflow wir4 a,uf Mensck^neliebstahl und Sklavenhandel von dein Weisen gedeutet. :

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.