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Der Israelit · 1932-07-14 · Heft 29 (14.7.1932) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 29 (14.7.1932)
Date
1932-07-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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14. Juli 1932 Der Israelit Nr. 29 Seite 5 fragen und teils Wille/ teils Fähigkeit, Jugend und Ostjuden anzuziehen und zu fesseln, fast stets fehlte. V. „Machsike Haöaß" heisst der neueste organisatorische Versuch in Berlin. Welchem Agudisten kommt da nicht die Erinnerung an die Stunde, in der der Lubliner Raw aus der 2. Kenessio Gedaulo die Beschlüsse und Thesen des Rabbinischen Rates vortrug? Der bedeutsamste Beschluß trug das Motto „Thisuk Hadaß". Rlachsike Hadast zu sein kat exochen, das ist die Auf?- gabe von Agudisten und Agudah. Und doch vollzieht sich die Reugründung, die den gleichen Erwägungen im kleinen lokalen Rahmen entspringt wie die Gründung der 2lguöas Iisroel im großen des Klal, nicht in und durch Agudas Jisroel, ja — zu geeigneter Stunde wird Räheres hierüber zu sagen sein --- mit ängstlicher Distanzierung von ihr. VI. Ueber Vorgeschichte und Hergang der Gründung wurde im Rachrichtenteil der vorigen Rümmer berichtet. klug und insoweit allen bisherigen Versuchen weit voraus ist die Heranziehung des Ostjudentums in seinen kulturellen /Mittel- und Sammelpunkten, bezeichnend die Skepsis der zur Vorarbeit herangezogenen Zionisten, die gerade dann einsetzte, als sich zeigte, daß das neue Gebilde, wenn es existieren will, ein Eigenleben entfalten und das religiöse Judentum aus dem Zufallsspiel des politischen Kampfe^ im parteistime herauszuziehen bestrebt sein muß. Doppelter Art sind darum die Gefahren: daß die anderen um des Friedens willen den auch in dem neuen Gebilde ganz offen in Anlehnung an ihre straff organisierte Partei auftretenden Zionisten nachgeben, von den Zionisten abhängig werden und schließlich eine mühevolle Arbeit lediglich ad majorem gloriam des Z i on i s m u s geleistet sein wird. Dann aber liegt in der gewollten Unklarheit in einer so brennend wichtigen Frage wie der Stellung zum Zionismus die Gefahr der Verwirrung für jung und alt begründet. Und wer gibt die Gewähr, daß nicht sofort von außen her die Vereinigung vor die Frage „Crez Zisroel" gestellt wird und die Antwort schuldig bleiben muß, will sie „neutral" bleiben, und doch nicht schuldig bleiben darf, will sie das unabhängige gesetzestreue Judentum vor Schaden bewahren. Der Wille der Gründer ist gut und geht auf das richtige Ziel. Agudistischen Geistes ist der 2. 2lbsgtz des Programms und die Unterwerfung unter die Halacha und die Entscheidung ihrer berufenen Vertreter. Aber „hartim Gemeinderaume stoßen sich die Sachen". Man kann vielleicht Zusammenleben bei Klarheit im Grundsätzlichen. Hier sehen wir sie bewußt vermieden, wir sprachen am Anfang von den Schäden der Ueberorganisation. Doppelte Verantwortung übernimmt, wer zu Reugrünöungen in unserem, dem, thoratreuen Lager, schreitet. Warten wir ab, was das neue Gebilde leistet, ob es Menschen hinausführen kann aus dev nationalpolitischen Verstrickung des jüdischen Geistes, dem Verhängnis unserer Tage. Dies wird das Maß sein, mit dem es zu messen ist. Miß-, lingt der Versuch, so ist viel Arbeit vertan, aber dann doch vielleicht der große Weg frei für unseren „Thisuk Haöaß". Korrespondenzen « nacfcricbte«. Deutsches Reich. 'sss: Die Kommunisten und der nationalsozialistische Beschlagnahmeantrag. Berlin,?. Juli. Vertreter der kommunistischen Landtagsfraktion haben in einer Unterredung mit der ITA. festgestellt, daß ihre Fraktion im Landtag ausdrücklich beantragt hätte, den gegen die Ostjuden gerichteten Absatz, in 'dem nationalsozialistischen Beschlagnahmeantrag zu streichen und stattdessen die Beschlagnahme „aller den ehemaligen Fürsten und Standesherren zugebilligten ' Vermögenswerte sowie des Vermögens aller Kapitalisten und Großgrundbesitzer" anzuordnen. Dieser Antrag wurde natürlich gegen die kommunistischen Stimmen abgelehnt. (Er zeigt aber jedenfalls die logische Konsequenz des nationalsozialistischen Antrages — erst kommen die Ostjuden, dann die Juden überhaupt und schließlich die Kapitalisten ohne Unterschied der Konfession. Red.). An sich wäre nun eine aus Zentrum, Sozialdemokratie und Kommunisten zusammengesetzte Mehrheit im Landtag vorhanden gewesen, um die Streichung des antisemitischen Zusatzes durchzusetzen. Indessen fehlte infolge der vorgerückten Morgenstunde bei der Schlußabstimmung fast das ganze Zentrum und die Hälfte der Sozialdemokratie. Infolgedessen hätten die Kommunisten es für taktisch richtig gehalten, dem nationalsozialistischen Antrag, der immerhin in steuerlicher Beziehung dem Kommunismus wertvoll erscheinende antikapitalistische Vorschläge erhielt, zuzustimmen. Im übrigen rechnet es sich die kommunistische Fraktion als Verdienst an, daß sie in derselben Nacht durch Herbeiführung der Beschlußunfähigkell des Landtages die Annahme der nationalsozialistischen Anträge gegen die Schechita verhindert habe. Die Hetze gegen den Berliner Polizeivizepcäsidenten. Berlin, 12. Juli. Die nationalsozialistische Fraktion des preußischen Landtages hat einen Antrag eingebracht, der die Gattin des Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß in der gemeinsten Weise verleumdet. Inzwischen ist in dem gestrigen Beleidigungsprozeß Dr. Weiß' gegen den „Angriff" ein gerichtlicher Vertagungsbeschluß ergangen. Das Gericht erklärte, die Behauptungen, für die der Angeklagte den Wahrheitsbeweis anzutreten hatte, seien widerlegt. Das Gericht wolle aber untersuchen, ob alle weiteren im „Angriff" gegen Dr. Weiß erhobenen Beschuldigungen ebenso gegenstandslos seien. Es müsse alsdann eine außerordentlich hohe Strafe Platz greifen. Es liege daher im Interesse des Angeklagten und des Nebenklägers, die Verfahren gu verbinden und sie insgesamt vor die große Strafkammer zu bringen. Der „Vorwärts" bezeichnet die Hetze gegen Dr. Weiß als eine Art von Menschenjagd, der gegenüber ein gewöhnlicher Meuchelmord noch eine anständige Handlung sei. Die deutsche Reichsregierung und die Gleichberechtigung der deutschen Juden. Berlin, 11. Juli. Staatssekretär Planck hat namens der Reichsregierung, wie jetzt bekannt wird, anfangs Juni eine schriftliche Erklärung abgegeben, die inhaltlich besagt, daß die neue Reichsregierung entschlossen sei, im Sinne der vom Reichspräsidenten von Hindenburg ihr übertragenen Aufgaben, die Verfassung strengstens zu handhaben und es nicht zuzulassen, daß die Gleichberechtigung des einen oder anderen Teiles der Bürger angetastet oder daß sonst von Staats wegen einer Klasse oder Religion mit Voreingenommenheit begegnet wird. Wir hatten von dieser Erklärung, als sie am 5. Juni von der ITA. veröffentlicht wurde, keine Notiz genommen, weil sie damals seltsamerweise anonym erfolgt war und überhaupt nicht erkennen ließ, von wem die Erklärung stammte. Nachdem dieser Mangel jetzt behoben ist, besteht kein Grund, sie der internationalen Oeffentlichkeit vorzuenthalten, obgleich sie Selbstverständliches enthält. Das Reichsgericht hebt das Nürnberger Talmud- Urteil auf. Berlin, 7. Juli. Das Reichsgericht hat in seiner Sitzung vom 5. Juli 1932 der Revision der Staatsanwaltschaft Nürnberg gegen das freisprschende Urteil des Nürnberger Schwurgerichts vom 19. Oktober 1931 gegen dsn verantwortlichen Redakteur des „Stürmer", Earl Holz, stattgegeben und die Sache zur nochmaligen Verhandlung zurückverwiesen. Es handelte sich um eine Anklage wegen eines Vergehens wider die Religion, begangen durch die Presse. (§ 166 StBG.) Der „Stürmer" hatte die unflätigsten' Beschimpfungen gegen den Talmud und die jüdische Religion ausgesprochen. Hingegen wurde die Revision des Angeklagten Holz wegen einer Verurteilung zu 1500 Mark Geldstrafe wegen übler Nachrede abgewiesen. ... und vergessen Sie nicht... -^Bergmann Klasse Z|4 Mit Goldmundstück und Ohne Mundstück Das freisprechende Urteil des Nürnberger Schwurgerichts hatte seinerzeit über Deutschland hinaus ungeheures Aufsehen erregt und schwerste Beunruhigung in die jüdischen Kreise gebracht. Während der Prozeß-Tage in Nürnberg herrschte dort ein starker antisemitischer Terror, so daß die jüdischen Zeugen und Sachverständigen nicht ohne Bewachung die Straßen passieren konnten. Das Gericht hatte die von jüdischer Seite erschienenen Sachverständigen nicht anerkannt und sie nur als Zeugen vernommen, während es den antisemitischen Pamphletisten Bischofs aus Leipzig als Sachverständigen verhörte. Jahres- und Entlassungsfeier am Rabbiner-Seminar zu Berlin. Berlin, 10. Juli. Wie alljährlich seit 30 Jahren fand auch in diesem Jahre am 4. Tammus, dem Sterbetage Rabbi Esriel Hildesheimers, in der Synagoge des von ihm vor fast 60 Jahren begründeten Rabbiner-Seminars eine Gedenkfeier statt, mit der stets die Entlassung von Absolventen verbunden ist. Unter den zahlreichen Teilnehmern befanden sich fast alle Seminarstudenten, die hauptamtlichen Dozenten Drs. Grünberg, Weinberg und Auerbach, die Hilfsdozenten Drs. Erich E. Hildesheimer und Alexander Altmann, als Vertreter des Kuratoriums Dr. Meier Hildesheimer und Handelsgerichtsrat Struck, sowie viele ehemalige Schüler und Freunde der Anstalt. Nach einleitender Psalmrezitation hielt der Vorsitzende des Dozentenkollegiums Dr. Grünberg die Gedenk- und Festrede. Nach einem Abriß der Lebens- und Entwicklungsgeschichte des Anstaltsgründers und Grußesworten für den durch schweres Leiden seiner umfangreichen Forfchungs- und Lehrtätigkeit ferngehaltenen langjährigen Führer des Seminars Dr. Joseph Wohlgemuth, richtete er an Absolventen und Studenten die Mahnung, sich würdig des Gründers und treu der von ihm dem Judentum nach einer Periode geistigen Verfalls neu gekündeten alten Sinai-Lehre zu erweisen. Namens des Dozentenkollegiums händigte er alsdann die Urkunden über die Rabbinatsautorisation den sechs anwesenden Absolventen aus. Es sind dies: Ist B r o ch, Dr. E h r e nfeld (Urenkel von „Ehasam Sauser" und R. Akiba Eger), Dr. Michael Munk, (seit mehreren Jahren Mitarbeiter seines Vaters Rabb. Dr. Esra Munk im Nabbinat der Adaß Jisroel und der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten); Dr. Fritz Bloch (jetzt als Nachfolger von Dr. Raphael Breuer zum Bezirksrabbiner in Aschaffenburg berufen): Dr. Israel Po rusch aus Palästina; Hugo Stransky aus Prag (seit einiger Zeit Bezirksrabbiner in Nachod (ESN.): das Rabbinatsdiplom ist ferner erteilt: Dr. Max Kober (z. Zt. Gymnasiallehrer in Poniewesch (Litauen): und Dr. Hillel Salmanowitz, seit kurzem Rabbiner in Glyboka (Polnisch-Litauen). Namens aller Absolventen' umriß Rabb. Dr. Ehrenseld programmatisch in einer groß angelegten Rede das religiöse Führerproblem. Die Wünsche des Kuratoriums überbrachte Dr. Meier Hildesheimer. Er appellierte an die Schüler des Seminars, es an Idealismus und Optimismus den Gründern gleichzutun. In tiefer Bewegung streifte der Redner auch die schwere materielle Not des Seminars, dessen Aufgabe für das Gesamtjudentum seine Fortexistenz dringender notwendig als je zuvor erscheinen lasse. Abermals schwere Ausschreitungen an der Berliner Universität. Berlin, 12. Juli. Am Dienstag, den 12. Juli, gegen 10.30 Uhr vormittags entdeckte man in der Universität, daß an dem Studentengefallenen-Denkmal im Hinterhof der Universität von den Kränzen, die anläßlich der Langemarck- Feier vor einigen Tagen niedergelegt worden waren, Schleifen abgeschnitten waren, und zwar die schwarzweiß-roten und die Hakenkreuz-Schleifen, während Kränze mit schwarz-rot-goldenen und weißen Schleifen unversehrt geblieben waren. Die Nationalsozialisten nahmen

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