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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1994-01-01 · No. 58 (1994) · p. Seite 7

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DER HÜTER DER TRADITION FRANZ D. LUC AS, HEIKE FRANK : MICHAEL SACHS, OER KONSERVATIVE MITTELWEG Von M. E. HAUSCHNER Über das deutsche Judentum, seine geistigen und politischen1 Strömungen (welche meistens Hand In Hand gingen) erschienen in der Post- Holocaust Epoche viele Bücher und Forschungsarbeiten. Dagegen wurden fast keine Monographien über einzelne geistige Führer und Persönlichkeiten im Judentum Deutschlands veröffentlicht. Doch jetzt liegt die Monographie eines ihrer markantesten Persönlichkeiten vor uns: Dr. Michael Sachs. Wer in Deutschland in die konservativen Synagogen zum G“ttesdienst ging, betete meistens aus dem Ssiddur (Wochentags, und Schabbatgebete) und aus dem Machsor (Feiertagsgebete) mit der Sachs'schen Übersetzung. Franz D. Lucas und Heike Frank machten es sich zur Aufgabe uns ein Bild dieser interessanten Persönlichkeit zu übermitteln. Das Leben von Michael Sachs ist laut dem Buch, in drei Stadien zu teilen: 1) Jugend- und Studienzeit; 2) die Prager Zeit; 3) die Berliner Zeit. Michael Sachs wurde am 11 Elul 5668 (3.9. 1808) in Glogau geboren. Sein Vater Isaak Sachs war Tuchhändler. Ausserdem verfügte er über ein gut fundiertes talmudisches Wissen. Da sein Sohn Michael ein schwaches und kränkliches Kind war und daher bis zu seinem 10. Lebensjahr keine Schule besuchen konnte, war er der erste Lehrer seines Sohnes, welcher ihm die Grundlagen von Hebräisch, Bibel und Talmud vermittelte. Die Jugend Michael Sachs fällt in die Post-Mendelsohnsche Epoche, der Anfang der Emanzipation und Assimilation der Juden in Deutschland. Der Anteil der jüdischen Kinder, welche die öffentlichen Schulen besuchten, wuchs ständig und waren so der Gefahr der Assimilation ausgesetzt. Sachs trat mit 13 Jahren in das evangelische Gymnasium in Glogau ein. Zugleich lernte er in aer kleinen Glogauer Jeschiwa Bibel und Talmud unter Anleitung von Rabbiner Jacob Joseph Oettinger. Die Verbindung von gut fundiertem jüdischen Wissen mit allgemeinem und klassischem, sowohl im Gymnasium wie auch in der Universitätszeit, befähigten Sachs einer der führenden Männer in der Wissenschaft des Judentums zu sein. Im Jahre 1835 bestand er sein Oberlehrerexamen und am 25. September 1835 wurde er zum Dr. phil. promo viert. Trotzdem er sein Doktorexamen glänzend bestanden hatte, und trotz der Empfehlungen seines Lehrers an der Universität, Prof. August Boeck, seines Freundes Karl August Warnhagen von Ense und anderer einflussreicher Persönlichkeiten, war für Sachs als Jude die akademische Laufbahn verschlossen. Diese Tatsache hatte einen grossen Einfluss auf Sachs' Denken und Wirken. Er beschäftigte sich jetzt mit dem „Goldenen Zeitalter“ der Juden Spaniens und diese seine Forschungen veröffentlichte er in seinem Buch „Die religiöse Poesie der Juden in Spanien“. Einer der wenigen, weicher Sachs wirklich verstand, war Moses Hess, welcher schrieb: „Lesen Sie doch die „Religiöse Poesie der Juden in Spanien“ von Dr. Sachs...“ Er beweist hier (insbesondere in der Darstellung von Rabbi Jehuda Halevi), ,,dass die spanisch-jüdische Kulturepoche das Problem gelöst hat, wie man zugleich nationaler Jude im strengsten Sinne des Wortes bleiben kann und sich dennoch an dem Kultur- und Staatsleben des Landes, dessen Bürger man ist, beteiligen kann“.(Moses Hess, Rom und Jerusalem, Ss. 72—73, Achter Brief). Zu Unrecht meint Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher wie viele seiner Kollegen in Deutschland, in seinem Vortrag am 25. März 1908, anlässlich der Wiederkehr des 100. Geburtstages von Sachs, dass Sachs das Judentum nur als religiöse Gemeinschaft sieht, welche die nationale Gemeinschaft nach der Zerstörung der zweiten Tempels ablöst. Auch die Verfasser dieses Buches meinen irrtümlich, dass für Sachs „die Deutung der Zionsverheissung als endzeitliches religiöses Ideal, ohne politische Gegenwartsrelevanz“ ist. Sachs wurde 1847 von der „Schlesischen Zeitung“ angegriffen, da Sachs die Behauptung aufstellte, „dass die jüdische Religion zur Ankunft des Messias Hoffnung gebe und die Rückkehr der jüdischen Nation nach Palästina in Aussicht stehe“. Als Verteidigung für Sachs, schrieb der Breslauer Bankier und Gelehrte Markus Beer Friedenthal (auch aus Glogau stammend) im „Orient“ (1847): „...Nur Israel steht verwaist da, und die Bekenner der jüdischen Religion können nirgends auf Schutz und Beistand rechnen. Kann nun der Wunsch zur Wiederherstellug eines eigenen Reiches in Palästina getadelt werden?...“ Und das ist genau das was auch Sachs' Freund Zacharias Frankel (Rabbiner In Dresden und später Direktor des Rabbinerseminars in Bresiau) im „Orient“ schrieb: „...Und weil wir mit unseren Brüdern, die um des Namens „Jude“ willen, unterdrückt sind, leiden, darum weisen wir den Gedanken an Erlösung nicht zurück... und sollte was G“tt verhüte — die Zeit noch weiter zurückgehen, so möge ein Vaterland uns aufnehmen, wo unser Name frei sei... Einst waren wir ein selbständiges Volk; Religion und Geschichte sprechen davon; wer kann uns den stolzen, erhebenden Wunsch, dass unser Name einst wieder selbständig hervortrete, versagen? An das Land unserer Väter knüpfen uns heilige Erinnerungen“. Mit Recht schreiben die Verfasser, dass Sachs als Theologe befürchtete „dass eine weitere Integration in die bürgerliche Gesellschaft... die Gleichgültigkeit vieler Juden gegenüber ihrem Glauben und ihrer Tradition vergrössern könnte. So sah er die Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass die Religion der Emanzipation nicht zum Opfer fallen dürfe“. (S. 88). Nach dem Abschluss seiner Studien beginnt im Jahre 1836 seine Prager Zeit. Er wurde auf Leopold Zunz Empfehlung als Prediger nach Prag berufen zur „Schaffung eines geregelten G“ttesdienstes mit Chorgesang und Predigt“. Dieser G“ttesdienst stand auf vollkommen traditioneller Basis. Die meisten konservativen Gemeinden in Deutschland (auch die Frankfurter orthodoxe Religionsgesellschaft) akzeptierten diese Form von G“ttesdienst. Es war hier keine Reform, sondern — wie Dr. Leo Baeck es einmal ausdrückte — Re-form, von neuem geformt, aber auf traditioneller Basis. Die Prager Zeit hatte auf Sachs grossen Einfluss. Seine Predigten faszinierten seine Zuhörer und laut der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“, konnte „der neue Tempel an Festtagen die Zahl der Andächtigen nicht fassen“. In die Prager Zeit fällt auch die Übersetzung von 15 Büchern der Bibel für die Zunz'sche Bibelübersetzung. Doch der Höhepunkt der Prager Zelt war die Begegnung von Sachs mit dem neu-gewählten Ober* rabbiner von Prag (1840), Rabbiner Salomon Löb Rapaport. Dieser grosse talmudische Gelehrte, welcher vorher in Tarnopol amtierte, gehörte zu den aus Ost-Europa stammenden Koryphäen der Wissenschaft des Judentums. Zusammen mit Ihm vertiefte sich Sachs besonders In talmudische Studien. Im Jahre 1844 wurde Michael Sachs als Rabbiner und Prediger nach Berlin berufen. Seine Wirkungsstätte war die Synagoge in der Heidereutergasse. Von da aus führte er einen erbitternden Kampf gegen die damals aufkommende Reformbewegung und deren Wortführer Samuel Holdhelm. Darüber schrieb der Historiker Heinrich Zwi Graetz. „Er, Sachs, sah in Holdheim und dessen Gesinnungsgenossen Fälscher des Judentums... Namentlich von der Kanzel her schwang er die Geissei seines vernichtenden Spottes gegen die jüdischdeutsche Kirche', welche die Fülle des Judentums von allen Seiten so beschnitten hatte, dass es in einer Nussschale Raum hatte... Während der Tempel in der Johannesgasse (von Holdheim) verödete, füllte sich die Synagoge in der Heidereutergasse (von Sachs) von Woche zu Woche mehr“. Als aber nach Holdheims Tod, der Berliner Gemeindevorstand beschloss ihn in der Ehrenreihe der Rabbiner zu bestatten, reichte Sachs aus Protest seinen sofortigen Rücktritt ein. Nur nach vielen Bemühungen, von seinem Freund Moritz Veit und seinem ehemaliger Lehrer auf der Glogauer Jeschiwa, und jetzigen Kollegen im Berliner Rabbinat, Rabbiner Jacob Joseph Oettinger, zog Sachs sein Rücktritts-, ersuchen zurück. j In Berlin erschien eines seiner meistgelesenen Bücher „Stimmen aus Jordan und Euphrat“ und dort gründete er zusammen mit anderen jüdischen Gelehrten aus ganz Europa die literarische Gesellschaft „Mekize Nirdamim“ zur Drucklegung von hebräischen Handschriften und seltenen Büchern aus der alt-jüdischen Literatur. Die jüdischen Schuleinrichtungen der Berliner Gemeinde lagen ihm besonders am Herzen. Auch konnte im Jahre 1859 eine Lehrer-ßildungsanstalt eröffnet werden. Das Buch von Lucas und Frank ist nicht nur eine Biographie von Michael Sachs, sondern ein Spiegelbild der Epoche: Emanzipation, Revolution von 1848 und die nachfolgende Reaktion gegen dieselbe, welche mit dem Aufschwung des Antisemitismus verbunden war. Eine Galerie von interessanten Persönlichkeiten, wie Sachs' Freund, Morlz Veit und andere Mitglieder der jüdischen Gemeindeverwaltung in Berlin, David Rosin, sein Schüler in Prag und späterer Freund, welcher nach Sachs' Tod eine Sammlung seiner Predigten dem Druck übergab. Sachs war, wie auch sein Freund Zacharias Frankel, der würdige Vertreter des traditionstreuen Judentums. Sein Kampf gegen die Reform und Ehrfurcht vor allem was durch die Tradition geheiligt war machten ihn zum Hüter derselben, gegen jeden Versuch diese Tradition anzutasten. Sachs wurde am 24 Sch’wat 5624 (31.1.1864) in die Ewigkeit abberufen. Der Beileidsbrief von Rabbiner Esriel Hildesheimer am seine Witwe und der Nekrolog von Zacharias Frankel in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ zeugen von der Anerkennung, welche ihm das traditionstreue Judentum zollte. Doch am besten charakterisierte ihn Heinrich Zwi Graetz, welcher schrieb: „Das Judentum war seinem Herzen das (Fortsetzung auf Seite 16) 7

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