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Jüdische Zeitung · 1912-09-11 · 37 (11.9.1912) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 37 Oie Men in Griechenland. In der „Welt“ berichtet Cheskel Zwi Klötzel: Heute leben in Griechenland insgesamt ca. 6DC0 Juden, davon ca. 2500 auf Korfu. Für die größeren Städte des Festlandes wurden folgende Zahlen angegeben: Athen 600 Volo 1100 Larissa 1200 . Tricala 900 Chalds 800 Die meisten dieser Gemeinden sind sehr jung und setzen sidf aus den verschiedensten Elementen zusammen. Zahlreiche Familien stammen ursprünglich aus der Türkei, aus Jännina, Saloniki, Konstantinopel, andere aus Italien, z. B. aus ^Florenz und Neapel, in vielen findet man auch einige achkenasische Familien. Das Gros der jüdischen Bevölkerung in Griechenland ist arm, wenn auch — eine universelle Erscheinung — gerade viele große Handelshäuser sich in jüdischen Händen befinden. Jedenfalls hat es der jüdische Kaufmann sehr schwer, denn an Handelsgeist — „Schachergeist“ im Antisemitenjargon — findet er im Griechen einen zum mindesten (ebenbürtigen, wenn nicht gar, wie viele behaupten, überlegenen Rivalen. Es ist rührend, zu sehen, wie diese winzige jüdische Gruppe bestrebt ist, den Zusammenhang mit dem Judentum nicht zu verlieren. Mehr als irgendeine andere Gruppe ist gerade die griechische Judenheif der Assimilation ausgesetzt. In ganz Griechenland — von Korfu abgesehen — gibt es keinen Antisemitismus. „Griechen und Juden leben zusammen wie Brüder“, wurde mir überall erklärt. Aeußerlicli ist die Gleichheit zwischen Juden und Nichtjuden heute schon vollständig, und trotzdem die große Mehrzahl der Juden Zugewanderte sind, sprechen sie doch ausnahmslos griechisch. Zwar scheint Athen sich sein „Vorrecht des ewigen Ausschlusses der Hebräer“ recht lange gewahrt zu haben, denn erst — ein nicht uninteressantes Datum —r am 13. November 1882 weist die Universitätsmatrikel den Namen eines jüdischen Studenten auf, heute aber wimmelt es unter den ohnehin „Allzuvielen“, die studiert haben, von Juden. Kein Wunder, denn an den griechischen Hochschulen gibt es keinen Antisemitismus, wie er m Wien und anderswo* zum akademisch' guten Ton gehört. Die jüdischen, Kinder besuchen wie ihre christlichen kleinen Kollegen und Kolleginnen die gemeinsame Vorschule, und das Urteil der Lehrer entscheidet objektiv und unparteiisch, wer das Zeug zum Gymnasium hat und wer nicht. Aber trotz alledem sind die Juden hierzulande nicht zufrieden. Sie haben den sonderbaren Ehrgeiz — jüdisch zu leben. Während Herr Oberrabbiner Güdemann seiner Gemeinde die jüdischen Vornamen verekelt und Propaganda für das „Deutschtum im Vornamen“ macht, wollen die griechischen Juden — die mästen und besten wenigstens — absolut mehr alsnur dem Namen nach Juden sein. Daran hindert sie zwar niemand, am allerwenigsten die Regierung, aber das genügt nicht, solchen Minderheiten muß auch geholfen werden! Ich stellte an mehrere gebildete griechische Juden die Frage, die wohl auch der Leser im Geiste schon längst gestellt hat: „Wenn Griechenland sich in seiner Toleranz England, Italien und Amerika ebenbürtig an die Seite stellen kann, warum ist die Zahl der Judenso gering und dazu noch in der Abnahme begriffen?“ Die Antwort lautete überall: „Weil hier kein jüdisches Leben herrscht In London und New- York und Saloniki und Jassy da sind jüdischen . Zentren, die die wandernden Juden anziehen wie der Magnet das Eisen. In Athen hat es nie ein Ghetto gegeben, die paar Juden laufen aneinander vorbei, keine Tradition, kein gemeinsames Schicksal verbindet sie. Das? griechische Judentum ist in einer tötlichen Isolation und nur ein Mittel kann ihm helfen: „die jüdische Schule!“ BuAeriftau. Börnes Werke. Historisch-kritische Ausgabe in zwölf Bänden, herausgegeben von Ludwig Geiger in Verbindung jnit Josef Dresch1, Rudolf Fürst, Erwin Kalischer, Altred . Klaar, Alfred Stern und Leon Zeitlin. Deutsches Verlagshaus Bong & Go. Bd. 1—3. Jeder Band brosch. 2 M., geh. 3 M., in Liebhaber-Halbfranz M. 4.50. Die Kehrseite der so gepriesenen Biedermeierzeit ist die Epoche der schlimmsten Reaktion ,die auf die Erschütterungen, der französischen Revolution und der Napoleonischen Aera folgte. Es war eine Zeit der Rücksichtslosen Unterdrückung und zugleich des begeisterten Kampfes. Wenn wir heute die meisten jener Güter besitzen, so verdanken wir sie den unerschrockenen Männern, die als Helden der Feder •im wahren Sinne des Wortes Existenz, Heimat und Freiheit aufs Spiel setzten, um für die; Ideen der Gerechtigkeit und Menschenwürde zu kämpfen. Unter ihnen (einer der Besten an Wollen und Können ist Ludwig Börne. Als Löb Baruch i nder Judengasse zu Frankfurt am Main geboren, hatte red den furchtbaren Druck der Intoleranz und Rechtlosigkeit von Jugend auf am eigenen Leibe erfahren. Gegen die Religion seiner Väter gleichgültig, aber über das Schicksal seines Volkes als über eine Verletzung der Menschenrechte tief empört, erweiterte er den Kampf für die Gleichberechtigung der Juden zu einem Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit überhaupt. Nicht in gröeßren Werken, sondern in Aufsätzen und Briefen suchte und fand er Einfluß auf seine Zeit. „Wenn dieser Börne streitet, ist etwas in ihm, was an Lessing erinnert“, urteilt Grillparzer. Ohne literarischen Ehrgeiz, einem inneren Drange folgend, mit allen Mitteln schlagenden Witzes, lächelnden Spottes und groben Scheltens, zwar nicht frei von Einseitigkeiten, aber immer aus ehrlicher Ueberzeugung und echter Begeisterung, so stritt er unverdrossen bis zu seinem frühen Tode für eine bessere Zukunft Deutschlands und der Menschheit. Das gesamte Lebenswerk Börnes, mit Einschluß . seiner Briefe, ■ward zum erstenmal zusammengefaßt werden in der. historisch-kritischen, auf zwölf Bände berechneten Ausgabe, die Ludwig Geiger in Verbindung mit Fachgelehrten nach jahrzehntelanger Vorbereitung im Deutschen Verlagshaus Bong & Co. herausgibt und deren erste drei Bände jetzt vorliegen. Sie enthalten. Jugendschriften, „Dramatische Blätter“ und „Vermischte Aufsätze, Erzählungen, Reisen“. Der Text beruht aut sorgfältiger Vergleichung mit den ersten Drucken und Handschriften. Einleitungen und Anmerkungen geben alle notwendigen literarischen und sachlichen Erläuterungen. Diese Ausgabe verspricht ein Denkmal nicht nur eines bedeutenden Menschen, sondern einer bedeutenden Zeit zu werden und wird jedem fortan unentbehrlich sein. Weimarer historisch-genealogisches Taschenbuch des gesamten Adels jehudäischen Ursprungs. („Semi-Gotha“) Dieses, vom streng-antisemitischen Kvffhäuser-Verlage herausgegebene Werkchen, das Anspruch aut „Objektivität“ machen will, erscheint trotz der Mangelhaftigkeit der gebrachten Daten als ein recht interessanter Beitrag zur Stellung „unserer“ Plutokratie, deren Druck aber nicht nur die ,,Arier“ und „Germanen“ empfinden, sondern deren Betragen gegen ihre jüdischen Volksgenossen — besonders bei , uns in Mähren (Redlich, viele reiche Brünner, Probni'izer etc.) gerade nicht darnach ist, als wollten sie in eminenter Weise zu der so berüchtigten „jüdischen Weltherrschaft“ .beitragen. Der Prospekt macht uns , auch mit den geläufigsten Phrasen" des"-Büchleins bäcännt,"'die”‘sogar*‘zur Bequemlichkeit feil gedruckt sind. Es kann von unserem Standpunkte nur wünschenswert sein, wenn die Lächerlichkeit der Adelsherrschaft im Allgemeinen, sowie der der „Frischgeadelten“ in größeren Kreisen erkannt wird. Denn, altbekannt ist ja das Wort des Fürsten Kaunitz an Maria Theresia, die ihn fragte, was man mit Glauben abzubringeii: „Mäjestät, verleiht ihnen den Juden tun solle, um sie von ihrem alten den Adelsbrif, das ist das Sicherste!“ Sieht man nur auf eine. Seite des Büchleins, so erkennt man die Wahrheit dieses Ausspruches. . Das geradezu ordinäre Beffegeln einiger hochverdienter Männer, wie -z. B. des Feltmarsdialleutnant Ritter von Schweitzer entspringt eben bloß der Scheelsucht der arischen Neidlinge. Ganz interessant'- ist übrigens die charakteristische Erscheinung, daß eine größere Zahl der reichen Abfallsjuden sich das — übrigens konfiszierte — Buch'zu verschaffen gewußt hat, und sich nun sehr gut über ihre darin beschimpften nobilitierten Freunde und Verwandte unterhält. Die Skandalsucht ist eben größer als selbst — das Schamgefühl dieser Leute. Zum Schluß ■. seL noch das Ende des im §1 dieses Schundbuches angeblich von Juden beherrschten Abess>ynien angführt. ' Da heißt es (S. 5): „Mit den Familien-Artikel dieser Dynastie, der einzig im Mannesstamme jüdischen (?!), welche‘„regiert“, ein großes Reich beherrscht und welche die negroide Ausgestaltung des recht Orientalischen Rässentyps der Hebräer hervorragendesrepräsentiert,1 eröffnen wir den Reigen. - Mit wachsendem- Fortschritt der sozialog. Erkenntnis, reift immer mehr der Wunsch in den .Völkern die jüdische Nation aus den arischen Staaten ausgeschieden zu sehen, und ihr irgendwo eine eigene Heimat zu geben.- Die Bestrebungen .der jüdischen Zionisten, die ein solches Ziel an'streben, sind nur zu billigen.’ Ihren, Führern . glauben wir einen guten Dienst zue rweis e n, wenn wir ihre Beachtung auch aarf dieses halboffene weite -Besiediü’ngsgebiet (Abessynien) lenke n.“ .Also wollen unsere „guten Freunde“ neben dem Angola-Projekt wohl noch ein Abessynien-Projekt bescheren. Wir danken ihnen wirklich für die Aufmeiksamkeit! '■*•■■■■ Isaak. f Rabbi Akiba Eger von Rabb. Dr. Dreschner (Jüd. Volksschriftenvjerlag Frankfurt). Der rührige Volksschriftenverlag ediert" Bändchen um* Bändchen. Das -vorliegende kann kaum als eine Bereicherung der Sammlung angesehen werden. Daß ein Rabbiner fromm, wohltätig, klug und gesetzeskundig war, was unzähligemal wiederholt wird, macht seinen Lebenslauf noch nicht interessant. Trotzdem könnte seine Biographie dem Leser etwas geben, wenn anstatt der sich fortwährend wiederhohen leeren inhaltslosen Worte wie: Geistes- und Charaktergröße, fromm, human, anspruchslos, weise bewunderungswürdig, eine iebendige Charakterschilderung versucht worden wäre. Aber nach den Proben, die von R- Egers Klugheit etc. gegeben werden, wie daß er einen falschen Wechsel an dem Wasserzeichen erkannte oder daß er in einem Spielkasino Geld für eine Arme konfiszierte, scheint es, daß R. Egers Lebenslauf keinen inressanten und charakteristischen Stoff liefern kann. Wozu also diese antiquierte Art von Apologetik in einer „Volksbücherei? Sport Hakoah-Schwimmsektion. Sonntag, den 9. September a. c. fand im Donaukanale das „Schwimmen quer durch Wien“ (von der Nußdorferschleuse bis zur Schlachthausbrücke) statt. Die Wassertemperatur — 9 Grad — hat von den genannten 82 Schwimmern die große Majorität abgeschreckt, und es stellten sich dem Starter bloß’ 18 Schwimmer und eine Schwimmerin. Von den 18 Genannten wären -sechs Hakoahner, die Herren Oskar Altmann, Fritz Wagner, Josef Hönigsberg, Moritz G r a u ß, Sigmund G o 1 d k 1 a n g und Robert Freund, also alle Genannten. Es erregte unter der am Starte angesammelten tausendköpfigen Menge großes Aufsehen, daß keiner von den sechs genannten „jüdischen SchwinH mern“ sich von den 9 Grad abschrecken ließ! Bis zur Brigittabrücke — also weit über die Hälfte der Strecke — hielten sich unsere Hakoahner sehr stramm. Doch von da an gaben fünf auf, während Moritz G r a u ß das Ziel als Fünfter der Junioren passierte. Also ein schöner Erfolg, und besonders der Beweis, daß die „jüdischen Schwimmer“ den festen Willen haben, auch auf diesem Gebiete ernste Gegner zu werden. K. Vereinsnaihpiditen. Wien. (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterverein1 „Poale, Zion“.) Samstag, den 14. d. M.: DisM kussion über den VI. Parteitag: Gen. Wachmann, Borochow, Kaplanski, Kohn. Beginn 8 Uhr. Cäfe Stefanie," II.; ""St'efäniestr". 2. Samstag, 5. Oktober im Hotel Arco, II., Rote. Sterngasse 7. Unterhaltungsabend unter. Mitwirkung hervorragender Kräfte mit anschließendem T anzkränzch en. Aus dem Programm: Vortrag jüdischer und deutscher Lieder; Violinvortrag; Rezitation;. Aufführung des „Get“ von "Schalom Alechem., Karten im Vorverkauf K —.70, an der Kassa —.90, erhältlich bei den Komiteemitgliedeni, im Cafe Stefanie, II., Stefaniestraße 2 und im Cafe. Brammer, IX., Liechtensteinstraße 1. Wien. Zionistische Vereinigung absolvierter Handels-", und Export-Akademiker „Neure Jehuda“. Ausschußwahlen: Präses: Wilhelm Schüß;. Vize-Präses: Moritz Brückner; Kassier: Heinz Koch; I. Schriftführer: Josef Schmitz; II.Schriftführer : Arnold Deutsch; Bibliothekar: Gustav, Rosenbaum; N.-F.-Kommissär: Leo Popper. Kremsier. Unter den vielen Orten Mährens, die Dr. Kadisch mit der doppelten Aufgabe — Ausbau der Organisation des jüdischen Nationalvereines und Abhaltung von Seminar-iVorträgen in den Ferialverbindungen bereiste, befand sich auch Kremsier. Die Ferialverbindung „Ossid“ hatte eine vertrauliche Sitzung gemeinsam mit einigen angesehenen jüdischen Bürgern vorbereitet, in welcher Herr Dr. Kadisch in knappen Umrissen die allgemeine politische Lage in Oesterreich skizzierte. Er besprach die Tendenzen aller größeren politischen?und wirtschaftlichen Parteien und ihr Verhältnis zum Judentum und kam zu dem Schlüsse, daß nur eine' einheitliche jüdische Politik die traurigepolitische und wirtschaftliche Lage der Juden ändern könnte. In der nun folgenden Diskussion konnte , man die bei unseren Versammlungen immer und immer sich wiederholende Erfahrung machen, daß keiner der Anwesenden auch nur den Versuch* ■ machte; die durch Tatsachen erhärteten Behauptungen* des Redners zu widerlegen. Wenn trotzdem diese Besprechung vorläufig keine positiven Erfolge für den jüdischen Nationalverein brachte, so ist dies dem Umstande zuzuschreiben, der auch von einem Teilnehmer erwähnt wurde, daß die Juden Kremsiers* sich in politischer und wirtschaftlicher Beziehung einer Ruhe erfreuen, wie wohf in wenigen anderen Orten. Darum ist es hier viel schwerer, die Gleichgiltigkeit der Juden in jüdischen Fragen, die sich über die Grenzen der eigenen Kultusgemeinde hinaus erstrecken, zu brechen. Dies zeigte sich auch bei dem am Abend desselben Tages stattgefundenen Palästina-Lichtbilder-Vortrage, der von der Ferialverbindung

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