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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 7 (1895) · p. Seite 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
7 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 108 (sequence 24)
Language
German
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108 oft vorkommt, daß selbst gebildete Menschen, welche doch über einen reicheren Sprachschatz als die Durchschnittsmenge verfügen, sich auch nicht genügend einer schönen und guten Sprache befleißigen, und diejenigen anstaunen und bewundern, welche ebenso gewandt als gewählt, ebenso klar als fließend sprechen, was sie mit etwas mehr Beachtung ihrer selbst ja eben so gut können würden. Ein schönes Organ besitzt nicht jedermann, dies ist ein Geschenk der gütigen Vorsehung, aber eine schöne, gebildete Sprache kann sich jeder Mensch ohne große Mühe aneignen. Alan hält es oft für eine große Schmeichelei, wenn von Menschen gesagt wird: „Er oder sie spricht wie ein Buch." Dies ist in meinen Angen viel mehr ein Tadel als ein Lob. Es wirkt nichts unschöner, als wenn Menschen einstndierte Phrasen, ja ganze Sätze ans Büchern in der Unterhaltung anwenden, sie glauben bei ihren Mitmenschen dadurch einen besonders guten Eindruck zu machen, während sie nur lächerlich erscheinen. Frei und natürlich, ungezwungen, ohne Ziererei, ohne den Wortschwall einer blumenreichen Sprache, ohne hohles, nichtssagendes Phrasengeklingel, knapp und klar sei die Redeweise, welcher sich der wahrhaft gebildete Mensch zu allen Zeiten bedienen sollte und müßte! Ebenso lächerlich als albern ist es, wenn, was auch nicht selten vorkommt, Menschen zu Hause sich der gewöhnlichsten Ausdrucksweise oft nicht schämen, und wenn sie Gäste bei sich empfangen oder ausgehen, mit der bessern Kleidung auch eine bessere Sprache anzulegen sich beeilen. Während man leicht geneigt ist, das gesprochene Wort zu vernachlässigen, prüft man schon von vornherein weit sorgsamer jedes Wort, jeden Satz vor dem Niederschreiben, obgleich der Brief zumeist nur einer Person gilt, das gesprochene Wort hingegen oft von vielen gehört wird, und doch ist die Schriftsprache tot im Vergleich zu der zündenden Kraft, zu der belebenden Macht des gesprochenen Wortes! Der bekannte Ausspruch „le style c’est Fhomme"*) ist, obgleich er sich oft bewahrheitet, doch auch nicht immer zutreffend. Gewiß kennzeichnet sehr oft der Brief die Art, das Sein, Denken und Wesen des Menschen, allein es gicbt auch sehr viele Personen, die Meister der Rede sind, und dennoch ganz unbedeutende, schülerhafte Briefe schreiben, während wiederum andere die formvollendetsten Brieft schreiben, jedoch nur schwerfällig und wenig schön sich auszudrücken vermögen. Der wahrhaft Gebildete ist-bemüht, die Sprache in Wort und Schrift gleich meisterhaft zu beherrschen; dies beherziget auch zu erstreben, meine jungen Freunde. Der Grundpfeiler einer guten und schönen Redeweise, wie eines edeln Stiles ist die gründliche Kenntnis unserer herrlichen deutschen Litteratur. Es gehört zwar zur modernen vollständigen Bildung, fremde Sprachen zu *) „Der Stil ist der Mensch."

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