Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 7 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620171-9621231-9626788--0132-9626798- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
106 Bin Uenfurenkag. Rcit heimlicher Unruhe erwartete Frau Löb den kommenden Mittwoch, an welchem ihr Söhnchcn Max seine Censnr ans der Schule heimbringen sollte. Es war dies für Max stets ein kritischer Tag, und so sah auch diesmal die Mutter besorgt ans ihren kleinen Liebling und fragte: Na Max, was snr Aussichten hast du? Seelenvergnügt suchte der Kleine alle Kümmernisse der besorgten Mutter zu zerstreuen und versicherte, dieses Zeugnis werde gewiß zur Zufriedenheit der Eltern anssallen. Frau Löb schien diese Beteurung mit stillem Zweifel entgegenznnehmen, hatte sie doch vor kaum drei Wochen, um dem vielbeschäftigten Vater Aufregung zu ersparen, ihren Namen unter einen Nachblcibczcttel gesetzt. Sollte sich in der kurzen Zeit Max so gebessert habend — Endlich war der Eensnrentag gekommen. Im Festanzng mit neuer Eravatte begab sich unser kleiner Freund in die Schule. Heiter und fröhlich verließ er das elterliche Haus; aber wie kehrte er zurück!' Mit verweinten Angen reichte er der Mutter das Zeugnis, daß ihm unter 30 Schülern den 25. Platz in der Klasse anwies. Klagend spricht er zu der betrübten Mutter: „Denke dir, Mama, im Deutschen habe ich nur „genügend", und Hugo Rosenberg, der doch viel schlechtere Aufsätze macht als ich, hat „gut" bekommen, ja, selbst im Rechnen habe ich „kaum genügend", obgleich mein letztes Extemporale nur drei Fehler hatte. Der Lehrer ist sehr ungerecht, er kann mich einfach nicht leiden. — Im Herzen der Mutter begann ein Gefühl des Mitleids sich zu regen, wußte sie doch, daß Max stets nach Tische an die Arbeit gegangen und dieselbe erst kurz vor dem Schlafengehen verlassen, „geochst", wie der Vater oft kopfschüttelnd in mißvergnügtem Tone bemerkt hatte. Allein das Schlimmste stand nnserm kleinen Freunde noch bevor. Schlag 1 Uhr erschien Herr Löb, müde und abgespannt von der Arbeit des Vormittags. Sein erstes Wort war eine Frage nach Marens Zeugnis. Doch ach, wie verfinsterte sich seine Miene, als er das Schriftstück musterte! Die Scheltworte hagclten nur so auf Max herab, ja, es kam zu noch ernsterer Strafe. Böse Tage folgten. Der Vater hatte kein freundliches Wort für den Kleinen, der so oft Besserung versprochen und ihn nun neuerdings wieder so gekränkt hatte. Ja, selbst die Mutter mußte Vorwürfe hören, sie hätte nicht genügend acht gehabt ans den Sohn, die liebe, gute Mutter, an deren Fleiß und Pflichttreue er das beste Muster hatte. Nun denkt ihr alle, meine lieben, kleinen Leser, dieser Max sei ein recht unbegabtes Kind, da er trotz scheinbaren Fleißes so wenig Erfolg erzielte. O, weit gefehlt! Max ist ein recht pfiffiger, kluger Junge, dem es an Anlagen durchaus nicht fehlt. Freilich ist seine Aufmerksamkeit recht häufig geteilt. Neben seinem Studium des 'Deutschen, des Rechnens u. s. w. betreibt er Jecht, eifrig das der Zeitungsannoncen, ja, selbst die Politik ist seinem eifrigen'Geiste interessant. Er weiß auch genau, was für Artikel Herr Fnedländcr in seinem neuen Geschäft Angeführt und in welchen» Hause des Molkcnmarktes die Gas-Glühlichtgesellschast sich