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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 6 (1895) · p. Seite 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
6 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 91 (sequence 23)
Language
German
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91 V In der kleinen Stadt, in welcher ich meine erste Jugend verlebte, gab es nur öffentliche Elementarschulen. Die Gegenstände der untern Klasse des Gmnnasinms erlernte ich privat bei einem Lehrer und legte in der Nachbarstadt, welche ein Gnmnasium hatte, die Prüfung ab. Nun war ich aber dreizehn Jahre alt geworden ich war konfirmiert und muffte in dieselbe Nachbarstadt ziehen, um in die Schule einzutreten. Allerdings benützte ich nicht nur die Ferien, sondern jeden zufällig ciulrcffcndcn schulfreien Tag, wie den Geburtstag des Gymnasialdirektors dazu, die zwei Wegstunden nach meinem Vaterhause zurückzulegen. Am Morgen trat ich, durch Auen und Gärten wandernd, die Hinreise an, am Abend ging ich oder fuhr in dem Eoupe des Briefpostwagens auf der Landstraße zurück. Wie ich aber auch hier in der gröffern Stadt mit meinen Gedanken immer bei meinen lieben Eltern war, so hatte ich auch das Spruchbuch nicht vergessen. Auf mein Bitten gab es mir die gute Mutter unter den Büchern mit, die mir der liebe Vater besorgt halte. Hier — in der Fremde — las ich das Buch zum ersten male der Ordnung nach durch, prägte mir die Sätze ein und war, so oft ich nach Hanse kam, überglücklich, meine Mutter überzeugen zu können, welche Fortschritte ich itt der Kenntnis des von ihr so bevorzugten Buches gemacht hatte. Aber auch im Umgänge mit meinen Mitschülern — welche verschiedeneil Ständen lind Glaubensgonossenschaften angehörten — erwies sich mir die^ Kenntnis der Sprüche' Salomo's überaus nützlich. Bei jedem neuen Falle, bei allen mir fremd erscheinenden Verhältnissen, stand ich llicht lange zweifelhaft. Schon nach einem Jahre wußte ich den größten Teil auswendig, lind bei allen fraglichen Gelegenheiten traten die Weisheitssätze der alten Schrift vor meinen Geist, und immer war es mir, als stünde die gute Mutter da und winkle mir Beifall und böte mir Gruß und Händednick, weil ich die Lehren Salomo's — auf welche sie mich früh hingewiesen hatte — so hoch schätzte. Ich bezog später die Universität und mußte meinen Vater über kleines und . großes berichten. Ich erhielt von ihm Weisungen, und Ratschläge. Die Mutter hielt sich zurück, über die ihr zieiulich fremden Studienverhältnisse zu sprechen. Nur kurze Nachschriften fügte sie den längeren Briefen des Vaters an. Es waren meist Worte, die zur Tugend und edler Gesinnung weckten. Noch bewahre ich eine - solche Zuschrift, welche mit denn Worte aus den Sprüchen Salomo's endigt: „Mehr als alles, was du bewahrest, bewache und behüte dein Herz; denn aus dem Herzen quillt und fließt das Leben."*) l *) Sprüche Salomo's 4,23.

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