Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 4 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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58 „Wer des Armen spottet, tadelt dessen Schöpfer." (Spn 17,5) I. Kramcr-Thorn. Als Rabbi Elieser aus der Stadt hcimkehrte, wo sein Meister wohnte, war er gar sehr stolz aus die Weisheit, welche er erlangt hatte Aus seinem Wege aber traf er einen verunstalteten und häßlich anssehcnden Mann, der nach derselben Stadt wanoerte. Der Frernde grüßte ihil mit den Worten: „Friede sei mit dir, Rabbi!" Doch Elieser, stolz ans seine Wissenschaft, erwiderte nicht den freundlichen Gruß. Er betrachtete nur die häßliche Gestalt des Fremden und sagte scherzend: „Racea, sind die Einwohner deiner Stadt alle so mißgestaltet wie du?" Da wunderte sich der Fremde über den Mangel an Sitten bei Elieser und ries über solchen Spott erzürnt: „Das weiß ich nicht. Besser thätest du, den großen Meister darnach zu fragen, der mich geschaffen hat!" Der Rabbi gewahrte seinen Fehlgriff, stieg von dem Pferde ab und warf sich dem Fremdling zu Füßen, bat ihn, ihin eine Sünde zu verzeihen, bfc er in der Unbefangenheit seines Herzens begangen habe und jetzt allsrichtig bedanre. „Rein!" sagte der Fremde zornig, „erst gehe zu dem Künstler, der mich geschaffen hat und sag' ihm: Großer Meister, welch ein häßliches Gefäß hast Du gebildet!" Elieser fuhr mit Bitteil sorß aber der Fremde achtete ihrer nicht. Während der Zeit kamen sie der Stadt näher, wo Rabbi Elieser geboren war. Die Einwohner hatten Kunde von seiner Ankunft nnd zogen in großer Anzahl ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. „Friede sei mit dir, Rabbi", riefen sie, „sei uns willkommen, unser Lehrer!" „Wen nennt ihr Lehrer?" fragte nun der Fremde. Das Volk zeigte ans Elieser. ,,1lnd ihm gebt ihr die Ehre dieses Namens?" fuhr der Arme fort. „O, daß es in Israel nicht viele solcher Lehrer gäbe, wie er!" Und er erzählte, was vorgesallen war. — „Er hat unrecht gethan!" rief das Volk, „aber er hat es bedauert; vergieb ihm, beim er ist ein großer Mann und wohlerfahren im Gesetz!" — Der Fremde verzieh ihm nun nnd bekannte, daß er nur darum so hartnäckig gewesen sei, um aus den Rabbi einen desto größern Eindruck zu machen. Elieser dankte ihm und stellte zur Warnung den Satz ans: „Ein Mensch soll nicht des Armen spotten, noch des Gebrechlichen, nnd thnt er es, nicht leicht Verzeihung erhalten.".