Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 3 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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38 älteren Sohne zugewandt: „Solche Schande muß man von seinem eigenen Kinde erleben! Ich habe es geahnt, daß ans diesem Jungen nichts gescheites werden wird; denn die Verzärtelung der DJhittcr ist ihm zum Verderben geworden. In meiner Strenge sieht er eine Ungerechtigkeit, obwohl ich sie bei ihm für unbedingt erforderlich halte." Dann fuhr er fort, indem er sich an den noch immer unbeweglich mit niedergeschlagenen Angen dastehenden Joseph wandte: „Was Dir nunmehr bevorsteht, nachdem Du ein solches Zeugnis aus der Schule heimgebracht hast, darüber, mein Sohn, wirst Du Dir gewiß längst klar geworden sein. Du wirst fortan das Gymnasium nicht mehr besuchen, es würde keinen Zweck haben. Ich unterlasse es, Dir all die Vorwürfe zu wiederholen, die ich Dir schon seit Jahr und Tag gemacht, Du hast sie in Deinem Starrsinn in den Wind geschlagen. Ich will auch nicht mehr Deinen Bruder Simon Dir als Muster und Vorbild hinstellen, Du beachtest meine Worte ja doch nicht. Du willst also nicht Höherem zustreben, nun, wohlan, so bleibe denn in jenen Kreisen, zu welchen Du Dich stets hingezogen fühltest. Ich werde Deiner Zukunft fernerhin nur das opfern, was Deinen Fähigkeiten und Kenntnissen gemäß unbedingt nötig ist, und da halte ich es für das Richtigste, Du erlernst ein Handwerk! Zu Besserem bist Du nicht geschaffen. Du hast es also gewollt, wohlan denn, es sei!" — Joseph hatte noch immer nicht gewagt, seinem Vater ein Wort zu erwiedern und ihm darzulegen, daß seine Meinung bezüglich seines guten Willens, sotvie seine Ansichten über das Handwerk ganz andere wären, und wie er gerade das, womit jetzt der Vater ihm drohte, so oft sich gewünscht. Hatte er doch nie Sinn für das Geschäft seines Vaters gezeigt, und wie gern hatte er sich mit der Herstellung kleiner Gegenstände beschäftigt, die erkennen ließen, daß der Knabe eine geschickte Hand und guten Geschmack besaß. Der Vater sah in der Thatsache, daß sein Sohn zu nichts anderem zu gebrauchen sei, als zu einem gewöhnlichen Handwerker, ein Mißgeschick, das er tief beklagte, wietvohl zu seinem Bekannten- und Kundenkreise so mancher Handwerker gehörte, der es zu einer Achtung gebietenden Stellung gebracht, und er selbst einer Handwerkersamilie entstammte. Sein Vater Abraham Rehseld war ehemals Flickschneider gewesen; zu dieser Beschäftigung, mußte so mancher mittellose Jude, der für den Handel keinen Sinn und kein -Verständnis hatte, greifen. Salomon Rehseld hatte das Schneidergeschäft* seines Vaters erweitert, hatte, als er zu Gelde gekommen toar, einen Handel mit fertigen Waren angelegt und besaß schließlich ein umfangreiches Geschäft. Was sein Vater ehemals gewesen, das zu sein, hätte er für eine Schande gehalten. Es kostete ihm daher viel Überwindung, bezüglich seines eigenen Sohnes einen solchen Entschluß zu fassen. Jedoch gab ihm der Gedanke wieder Trost, daß er au seinem Sohne Simon mehr Freude erleben werde.