Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 1 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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4 yerrmann. Line wahre Begebenheit aus der Gegenwart. , Erzählt von E. Flanter. „Bleibe brav und gut und denke bei allem, was du unternimmst: Was würden die guten Eltern, wenn sie noch lebten, dazu sagen? Gottes Segen möge dich geleiten jetzt und immerdar!" Mit diesen herzlichen Worten entließ der Lehrer Freudenstein den etwa 15 Jahre alten Herrmann Wahlberg, der eben die Schule verlassen hatte und, da niemand in dem Städtchen G. war, der für ihn sorgte, sich in die Fremde begeben wollte, um ein Handwerk zu erlernen. Sein Vater war in einem Vorpostengefecht bei Amiens am 27. Novbr. 1870 tapfer kämpfend gefallen. Etwa ein Jahr später wurde auch die Mutter zur letzten Ruhe gebettet. Herrmann stand nun verwaist da; seine Verwandten waren im Auslande und hatten lange nichts von sich hören lassen. Die Mutter hatte wohl oft von ihrem reichen Bruder in Amerika erzählt; aber sie wußte selbst nicht genau, wo er seinen Wohnort hatte. In dieser Verlassenheit fand er in seinem Lehrer Frendenstein einen treuen, hingehenden väterlichen Freund, der ihm nicht nur einen gediegenen Unterricht angedeihen ließ, sondern auch für sein leibliches Wohl sorgte, soweit sein geringes Einkommen und sein Einfluß in der Gemeinde es ihm ermöglichte. Besonders war der pflichttreue Lehrer bemüht, die Saat echter religiöser Gesinnung in sein Herz zu pflanzen; denn er sagte: „Wer keine Religion im Herzen hat, dem fehlt der sicherste Halt in den wechselvollen Schickungen des Lebens". Deshalb machte er seine Schüler mit den Lehren des jüdischen Glaubens aufs beste bekannt. So war Herrmann mit allen für das Leben notwendigen Kenntnissen ansgestattet. Zudem hatte er ein echt kindliches Gemüt; sein Herz war erfüllt von wahrer Liebe und tief empfundener Dankbarkeit gegen alle, die ihm Gutes erwiesen; besonders hegte er für seinen Lehrer Dankbarkeit und Verehrung. Die vielen Beweise väterlicher Fürsorge, die Herrmann von diesem erfahren, hatten in ihm einen unauslöschlichen Eindruck zurückgelassen, und er hatte es sich als heiligste Pflicht vorgenommen, einst, wenn er dazu in der Lage sein würde, seinem Wohlthäter sich dankbar zu zeigen. Jetzt aber, wo er Abschied nehmen sollte von seinem Gönner und dessen Familie, in deren trautem Kreise er seine Verlassenheit vergaß, kam es ihm zum schmerzlichen Bewußtsein, daß er nunmehr diejenigen werde entbehren müssen, an denen er mit allen Fasern seines Herzens hing Darum preßte ihm der Gedanke an die baldige Trennung das Herz zusammen und es durchrieselte ihn eisig, als der gute Lehrer ihm die Hand zum Abschied reichte. Nur gewaltsam hielt er die Thräneu zurück. Aber' als er das Zimmer verlassen hatte, da entquoll ein Tbränenstrom seinen Augen, und er schluchzte laut. Von tiefem Schmerz überwältigt, verwalte er, das Gesicht mit den Händen bedeckend, einige Zeit im Hausgange, und er gewahrte nicht, das Clara Frendenstein