Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 2 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Mensch Befrei mich, Herr . Der du aus Lust geboren bist, der du im Schmerz vergehen wirst, du unruhvoll verflucht Atom, geschleudert aus der Urwelt Strom — Du Spur im Zeitenangesicht, du dunkler Pfade flüchtig Licht — Du Seele, alt von tausend Seelen, die sich im Kampf in dir zerquälen — Du schneller Funken, hoch gezischt, der sich verwandelt, nie erlischt — Du Mensch, du Frage, blasser Schein, Du irrer Strahl im irren Sein — Du Seele, selbst dir unbekannt — Du winzig Korn in Gottes Hand — — 0 Seele, Menschenseele du-- auch du kehrst heim — auch du wirst Ruh! Befrei mich, Herr, von dieser dunklen Qual, die auf mich stürzt in unerhellten Nächten, wenn aus der Finsternis die irre Zahl verlorner Stunden, von verborgnen Mächten gejagter Tage höhnisch auf mich starrt, und bittrer Schmerz um frevelnde Verschwendung und tiefer Zorn um seltsame Verblendung das müde Herz in dumpfer Abwehr narrt — — Befrei mich, Herr, und schenke mir die Kraft des Ringens um den Atem Deiner Zeiten, befiehl der Flut, die die Sekunde schafft, sich ganz in meiner Seele auszubreiten-- zwing mich als Pendel an den Stundenschlag — verkette mich an ihn mit allen Sinnen und lege stumm das bittre Zeitverbringen als strenge Mahnung auf den künft'gen Tag! PAUL MAYER Spruch Trink nicht den Becher leer, schütt' aus den Rest, Bleib nicht zum Kehraus bei verwelktem Fest. Des Lebens Tisch, ob er von Gaben quillt, Läßt dein Begehren doch nur ungestillt. Die letzten Bissen von des Lebens Mahl Laß ungenossen, denn sie schmecken schal. Die letzten Tropfen von des Lebens Wein Sind deine Tränen. Nichts kann bittrer sein. Wirf fort die Frucht, bevor sie ausgepreßt. Verlaß die Welt, bevor sie dich verläßt. Dem Geist-Gott Laß andere um Thron und Szepter streiten. Laß sie sich freun am Farbenspiel der Macht. Streu' aus dem Füllhorn deiner Herrlichkeiten, Schenk' ihnen Ruhm und Siegesrausch der Schlacht. Ach, diese Welt in allen ihren Zonen Von uns durchwandert, bleibt ein Labyrinth. Drum wollen wir in Deiner Nähe wohnen. Dein Atem läßt uns fühlen, daß wir sind. Den anderen die Tat und uns das Leid. Du stellst uns einsam in den Kreis der Vielen. Du jagst uns durch den Raum und durch die Zeit. Weil Du uns züchtigst, sind wir Dir Gespielen. Was je wir wirkten, hat der Wind zerstreut. Nur was wir litten, ist nicht auszumerzen. Des Duldens Fülle hat uns nie gereut, Es schuf den Platz an Deinem Vaterherzen. Die Wasser Babels (armes Babylon!) Erglänzen nur in unsrer Tränen Schimmer. Wo sind die Reiche, die aus Erz und Ton? Die Tat ist endlich. Nur das Leid ist immer. Vor dem Sterben zu sagen Hauch meiner Seele wird Matter und linder. War ich ein weiser Hirt Oder ein blinder? Da die Musik verklingt, Die meines Lebens, Traum, der im Äther schwingt, Sprich: War's vergebens? Bleibt — sag mir — eine Spur Von meinem Wähnen? War ich ein Irrtum nur In Gottes Plänen? Traum, der die Brücke spannt, Sein und Vergessen, Führer ins Totenland, Frag' ich vermessen: War ich der Welt Gewinn? War ich ein Samen? Gib, Gott, den Wesen Sinn In Deinem Namen.