Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 2 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BLÄTTER DER JÜDISCHEN BUCHVEREINIGUNG Dritter Jahrgang Berlin, im September 1936 Heft 2 Unverkäuflich Nur für Mitglieder der JBV gedruckt Lyrik von Erich Lichtenstein Hat man es schon einmal recht bedacht? Ein Theaterstück sieht man einmal, einen Roman liest man vielleicht zweimal, aber mit Gedichten lebt man. Man lernt sie auswendig, man greift im Lauf des Lebens immer wieder zu den geliebtesten, sie sind ein ewiger Besitz. Und dennoch: Es gibt Dramen und Romane, die in riesigen Auflagen verbreitet sind, ohne überhaupt zur Literatur im strengen Sinne zu gehören; selbst dem besten Gedichtband wird dieses Schicksal nicht zuteil. Man wende nicht ein: Aber, Goethes Gedichte! — Sie sind in aller Hände, weil sie in die Gesammelten Werke aufgenommen sind, die traditionell jedes Bücherbrett zu zieren haben. Die erste Auflage des Westöstlichen Divan indes war achtzig Jahre nach ihrem Erscheinen noch nicht vergriffen. Jeder Mensch kennt das ,,Schlaflied für Mirjam" von Richard Beer-Hofmann oder das „Reiterlied" von Hugo Zuckermann. Aber wie wenige von uns werden die Bände, in denen diese Gedichte stehen, besitzen I Es ist die dauernde Klage der Dichter, der Verleger und der Buchhändler: Lyrik wird nicht gekauft. Vor noch nicht langer Zeit war es doch anders. Die Generation, die mit Liliencron und Dehmel, mit George und Hofmannsthal jung war, hat auch ihre Gedichtbände besessen. Aber in diesem eisernen Zeitalter hat man sich der Lyrik entwöhnt; der Typus des Menschen, der am Abend statt der Zeitung oder eines aktuellen Buches einen Band Gedichte aufschlägt, scheint ausgestorben. Die Folge ist nicht ausgeblieben: Die lyrischen Dichter, außer den ganz wenigen, die schon einen berühmten Namen haben, finden für ihre Schöpfungen keinen Verleger mehr. Ihre Manuskripte bleiben im Schreibtisch versperrt und vergilben, es sei denn, daß Zeitungen und Zeitschriften davon etwas veröffentlichen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß unsere jüdischen Dichter unter diesem Zustand besonders schwer leiden. Denn wenn auch die Zeitungen löblicher Weise dauernd Gedichte bringen, das Bild des Dichters zeichnet sich dadurch nicht ab, er bleibt anonym. Angesichts dieser Situation ist dieses Heft unserer „Blätter" ein Lyrikheft, geworden, in dem einige junge oder doch unbekannte Lyriker vorgestellt werden sollen, insonderheit solche, die noch in Deutschland leben. Es ist kein Zufall, daß sich soviele Frauen unter ihnen befinden; in ihnen scheint der Urquell des Gefühls, aus dem sich das Gedicht nährt, noch am dichtesten zu strömen. Die bereits anerkannten Dichter fehlen in unserer Sammlung, sie bedürfen unserer Förderung nicht. Liest man die Gedichte, die notgedrungen nur eine kleine Auswahl aus dem Reichtum darstellen, der sich uns anbot, so wird man ein Gefühl des Stolzes nicht unterdrücken, daß Juden in Deutschland in dieser Zeit so kraftvolle, so formschöne, so echt empfundene Gedichte gemacht haben, daß wir dichterische Qualitäten von einem Niveau unter uns haben, das keinen Vergleich zu scheuen hat. Als eine Begabung von seltener Größe erscheint Gertrud Chodziesner. Es ist leider nicht ganz sicher, daß die vorgelegten Proben bestätigen, was vielleicht nur die Kenntnis ihrer ganzen Produktion vermag, nämlich daß in ihr eine bedeutende jüdische Dichterin in aller Stille herangereift ist. Wenn wir der Zustimmung unserer Mitglieder gewiß wären und sie es für ebenso dankenswert und wichtig hielten wie wir, so wären wir gern bereit, im nächsten Jahr eine Lyrik- Anthologie herauszubringen, in der unsere besten Dichter mit ihren reifsten Schöpfungen vertreten sein sollten. Das wäre ein großartiges Monument, dauerhafter als Erz, das sich die Juden in Deutschland selbst setzen würden, ein würdiges Denkmal, eine Art Testament für die Nachwelt. Aber nach dem oben Gesagten zögern wir, zweifeln wir ein wenig, ob unsere Mitglieder ein solches Buch wünschen. So wären wir für jede Meinungsäußerung dankbar, ganz gleich, ob sie unsern Plan billigt oder nicht. Soe&m ist #mcUUh&i : EMIL BERNHARD COHN Die Jüdische Geschichte Ein Gang durch Jahrtausende 100 Seiten kartoniert RM 1,25 Zu beziehen durch alle jüdischen Buchhandlungen ERWIN LÖWE ■ BERLIN W 50