Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 6 (17.11.1927)
- Date
- 1927-11-17
- Page
- Seite 114 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden von Nürnberg. „Der Stürme r", das in Bayern erscheinende Blatt des bayerischen nationalsozialistischen Abgeordneten Streicher, brachte in seiner Nummer 33 einen Aufsatz über „Die Juden in Nürnberg" und über „Die graue Vorzeit". „Blonde, hochgewachsene Männer aus dem Norden" haben, so erzählt Herr Streicher, die Stadt gegründet. Diese Behauptung wird durch die Geschichtsforschung nicht bestätigt. Die zugänglichen historischen Quellen wissen über die Anfänge der Stadt nichts zu melden und es steht fest, daß für das Auftreten nordischer Stämme auf Nürnberger Boden kein Beweis vorhanden ist. Ebenso hinfällig ist die Behauptung Streichers, daß die Juden mit den Römern nach Nürnberg gekommen seien; denn von dem Zuzug römischer Soldaten nach Nürnberg spricht überhaupt keine Urkunde, kein Bauwerk und keine Ausgrabung. Schließlich berichtet Streicher noch von dem Verrat der Juden an der Stadt zu Gunsten Heinrichs V. Gegen diese Behauptung spricht die Tatsache, daß die Juden urkundlich in Nürnberg erst im Jahre 1288 in Erscheinung treten. Der Beleg, den Streicher für diese Behauptung anführt, ein Buch aus dem Jahre 1755, wird durch das reiche urkundliche Material der Nürnberger Archive vollkommen widerlegt. Diese Streicher'sche Geschichtsklitterung ist ein interessanter Beweis für die von völkischer Seite so häufig angewandten Methoden. Die Bedeutung der politischen Geographie. In der Essener Allgemeinen Zeitung Nr. 324 von 1927 befindet sich ein Aufsatz „Die Bedeutung der politischen Geographie" von Dr. Karl Fuß, der in beachtenswerten Ausführungen den einem einseitigem Nationalismus entgegengesetzten Standpunkt vertritt und darum in übertragenem Sinne auch einen Beitrag zur Widerlegung des politischen und kulturellen Antisemitismus liefert. Wir entnehmen ihm die folgenden Abschnitte: ' „Wer von der politischen Geographie herkommt und sich einmal darüber klar geworden ist, wie ihre Gesetze sich in jedem Volk auswirken, der wird auch — und das ist vielleicht eines der schönsten Ergebnisse, die ihm damit zufallen — eine vorurteilslosere Stellung zum Nationalitätenproblem einnehmen. Denn wenn die historische Entwicklung der Staaten durch solche Gesetze der Landschaft, zum Teil wenigstens, von vornherein bestimmt ist, wenn ihre Handlungsweise, d. h. ihre Politik der allgemeinen Richtung nach festgelegt ist, so werden wir auch ein vertieftes Verständnis haben für die Linien und Auswirkungen dieser nationalen Politik — d. h. die politische Geographie lehrt uns die Achtung vor jeder einzelnen Nation. Das ist die eine Seite. Die andere, und für uns Deutsche noch wichtigere, ist: die Beschäftigung mit Geopolitik lehrt die Selbstachtung. Wir erkennen uns als das Volk einer so und so beschaffenen Landschaft, einer gewissen geographischen Lage, als Kinder eines bestimmten Klimas, wir sehen uns im Spiegel der politischen Geographie als eine Nation, der durch ihre geographischen Bedingtheiten ganz besondere Aufgaben zufielen und zufallen, Pflichten vor der Weltgeschichte. Wer das Verhältnis von Geographie und staatlicher Entwicklung überdenkt, wird das Fremde achten, aber nicht überschätzen. .....Die Geographie unseres Landes hat es mit sich gebracht, daß innerhalb unserer Grenzen ein unendlich vielfältiges und reiches Volkstum wie kaum irgendwo erwachsen ist. Es ist ein natürlicher Vorgang, wenn wir als Volk der Mitte nicht nur fremde Kräfte in uns aufnehmen und verarbeiten wollen, sondern auch eigene ausstrahlen. Selbstachtung bedeutet natürlich auch Achtung vor der nationalen geschichtlichen Vergangenheit, die ja in jeglicher Phase ein notwendiges Stück Entwicklung darstellt, Lebensform eines Organismus, der eben als solcher Wandlungen unterworfen ist. Man wird also vorsichtig sein mit Verdammen und Verhimmeln. Man wird auch hier: achten!" Karl Marx. Von judenfeindlicher Seite wird immer wieder die Behauptung aufgestellt, daß Marx seine internationale Gesinnung mit einem Haß gegen Deutschland verbunden hätte, womit er sich in einen gewissen Gegensatz zu seinem Freund Engels und auch zu Lassalle gesetzt habe. In diesem Zusammenhange ist es interessant, auf ein Zeugnis hinzuweisen, daß ihm der Verleger der „New-York Tribüne" Dana, an der Marx in den 50er Jahren eifrig mitgearbeitet hat, ausstellte. Ferdinand T ö n n i e s hat in seiner lesenswerten Schrift „Karl Marx, Leben und Lehre" (Verlag Karl Curtius-Berlin) diesen Brief von Dana wiedergegeben. Tönnies schreibt (S. 49/50): „Seines Deutschtums und seiner Pflicht gegen das deutsche Volk und Vaterland hat der Verbannte, der „Semit" niemals vergessen. Der amerikanische Redakteur der Tribüne stellte ihm 1860 das Zeugnis aus: „Der einzige Fehler, an dem ich Anstoß nahm bei Ihnen, war der, daß Sie gelegentlich einen zu deutschen Ton anschlagen für eine amerikanische Zeitung. Das ist sowohl in bezug auf Rußland als auf Frankreich der Fall gewesen. In Fragen, die sich auf Zarismus und Bonapartismus bezogen, habe ich zuweilen gefunden, daß Sie zu großes Interesse und zu viel Sorge um die Einheit und Unabhängigkeit Deutschlands an den Tag legten." Besonders habe sich dies bei Gelegenheit des italienischen Krieges gezeigt. Er (Dana) glaube so wenig wie Marx, daß Italiens Freiheit vom Kaiser der Franzosen zu erwarten sei; „Aber ich glaube nicht, daß Deutschland irgendwelchen wirklichen Grund zur Beunruhigung hätte, wie Sie gleich anderen patriotischen Deutschen meinten." Marx's Wesen charakterisiert Tönnies folgendermaßen (S. 73): „Jüdisches Wesen war in seiner Erscheinung nicht ausgeprägt, wenigstens nicht so, wie man den unruhigen, oft ein wenig schauspielernden, gestikulierenden Juden von niedrigem Wuchs und trippelndem Gange kennt, der so auffällt, daß man ihn (mit Unrecht) für typisch hält. Marx war ein schlichter Mann, und er liebte die Schlichtheit. Seine Abneigung gegen Lassalle und andere Stammesgenossen war vielleicht um so größer, weil er seiner eigenen Abstammung gedachte. Marx war ein echter Gelehrter, und in vielen Merkmalen ein echter deutscher Gelehrter." Bibliothek. Neuaufnahmen in die C.V.sßibliothek im August 1927. Dewitz, I. G.: Entgiftung der politischen Atmosphäre. Berlin o. J. 16 S. Karl Curtius. Die große Politik der europäischen Kabinette 1871 bis 1914. Zum Abschluß der* Aktenpublikation des Aus- 114