Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 5 (20.8.1927)
- Date
- 1927-08-20
- Page
- Seite 85 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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wegung dadurch den Schein der Gediegenheit verleiht, daß man ihr in ernstzunehmenden Kreisen unseres Wirtschafts- und politischen Lebens Interesse — und sei es auch nur platonisches — entgegenbringt . . . Die „Weserzeitung" schickt diesem Aufsatz eine längere Einleitung voraus, aus der folgende Sätze hier zum Schluß abgedruckt seien: „Wir stimmen mit dieser Kritik auch darin überein, daß die im Nationalsozialismus versuchte Verarbeitung sozialistisch-marxistischer Tendenzen der Bewegung eine labile Anhängerschaft zuführt, die ihrer Zusammensetzung nach fraglos eine bedenkliche Heterogenität zeigt. Bei aller kritischen Erkenntnis der inneren Zusammenhänge scheint uns aber doch wesentlich, das Woher und Wohin, also die eigentliche Triebkraft einer Bewegung an sich, nicht so sehr allein aus unklaren Geistesverfassungen zu erklären, als vielmehr aus den verhängnisvollen Nöten bewegter Zeitläufte und der psychischen Reaktion der „Masse Mensch" auf die Gewalttätigkeiten eines an sich inhumanen Lebens." II. Ein polnisches Blatt gegen die Judenhetze in Polen. In einer polnischen Zeitschrift der „ G a z e 11 a P o 1 s k a " vom 26. Juni, ist unter der Ueberschriftt „Verfluchter Antisemitismus" der folgende Artikel erschienen, der an einen Vorfall während der Ueberführung der sterblichen Ueberreste des polnischen Dichterkönigs S 1 o - wacki nach Polen anknüpft. „Wir erhalten einen anonymen Brief voller Entrüstung, daß unter den Delegierten, welche die sterblichen Ueberreste des polnischen Dichterfürsten Slowacki in seine Heimat begleiteten, sich auch eine Persönlichkeit jüdischer Herkunft befand. Was für ein Skandal, was würde Slowacki sagen, schreibt der Autor, welcher nicht den Mut hatte, sich in dem Briet zu unterschreiben! Dem anonymen Autor vielen Dank dafür, daß er uns Gelegenheit gegeben hat. sich einmal mit der Frage des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisses der Polen zu den Juden zu beschäftigen. Aber vor allem verlangt es unsere Pflicht, ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der politischen, gesellschaftlichen und religiösen Ueberzeugungen unseren tiefen Abscheu über den Gedankengang des anonymen Briefschreibers Ausdruck zu geben. Das Verhältnis zwischen Polen und Juden, Bürgern desselben Staates, sollte sich so gestalten, wie es die ethischen Bedingungen diktieren, denen sich alle Kulturvölker unterwerfen. Darf man an der Vaterlandsliebe eines Mitbürgers zweifeln, nur deswegen, weil er Jude ist? Soll man nur aus diesem Grunde bei ihm den Mangel staatsbürgerlicher Anhänglichkeit feststellen, oder ist es gestattet, den Juden als Bürger zweiter Klasse zu behandeln und sich selbst als erstrangigen Bürger des Staates hinzustellen? Dies sind die moralischen Bedenken. Es folgt aus ihnen das ganze poltitische, gesellschaftliche, kulturelle und moralische System. Die jüdische Religion muß sich in Polen derselben Achtung wie jede andere Religion erfreuen. Es darf keine Vorschriften geben, welche die Juden in ihrem Wirtschaftsleben einengen, keinen numerus clausus. Im gesellschaftlichen Leben Polens müssen die Juden die Rolle spielen, die ihnen vermöge ihrer Bildung und Erziehung zukommt. Es muß endlich einmal mit dem finsteren, im hohen Grade unmoralischen Antisemitismus aufgeräumt werden, der so viel nationales Unrecht mit sich gebracht hat. Es muß schließlich einmal ein Ende gemacht werden mit dem Argwohn gegenüber den Juden, der teils offen, teils versteckt auftritt, und der dem nationalen Leben in Polen so ungeheuerlich schadet. Wir müssen einmal lernen, unser Augenmerk von Na sc,-Akzent und Temperament abzulenken und mehr auf die Werte jedes Staatsbürgers zu blicken. Der Wucherer soll in der Gesellschaft verfolgt werden wegen seines Wuchers, der Trödler gemieden werden wegen seiner Unehrlichkeit und der Unflätige wegen seines körperlichen Schmutzes, der Betrüger wegen seines moralischen Schmutzes. Aber unter keinen Umständen soll daraus eine Rassenfrage gemacht werden, als ob nur Anhänger einer bestimmten Religion zu den Verworfenen der menschlichen Gesellschaft gehörten. Wurde jemals in allen Zeiten der Welt an irgendeinem Volk so viel Unrecht getan wie gerade an den Juden in Polen? Schämen muß sich jeder kulturell hochstehende Pole, der einem derart verwerflichen Antisemitismus das Wort redet. Polen muß seine Söhne mit besonderer Sorgfalt umgeben, muß gerecht sein gegenüber all seinen Mitbürgern, und vor allem muß gegenüber allen Religionsangehörigen eine vernünftige Politik geführt werden. Der gute Pole, der wirklich national denkt, muß als Ideal die Gleichberechtigung und Unabhängigkeit aller seiner Untertanen im Herzen tragen."' Welche Tat wird dem Ausdruck solcher Gesinnung folgen?. . . Dr. Fritz Seifter (Bielitz). III. Ein schweizer Kämpfer gegen den Judenhaß. Dem im Verlag „Pestalozzi-Fellenberg-Haus" in Bern erschienenen ausgezeichneten, auf gründlichen Studien aufgebauten Werke des Schweizer Schriftstellers C. A. Loosli, „Die schlimmen Juden", entnehmen wir folgenden Absatz: „Ueberhaupt treiben wir mit der Bezeichnung „jüdisch", „ verjudet" usw. usw., wie mir scheint, groben, durch nichts zu rechtfertigenden, durch nichts zu entschuldigenden Unfug, sprachlich wie gesellschaftlich. Ich gebe zu, daß es, bei uns wenigstens, in weitaus den meisten Fällen durchaus gedankenlos, ohne eigentlich beleidigende Absicht geschieht; aber das macht die Sache um kein Fl aar besser, denn gerade dadurch setzt sich je länger je tiefer im Volks- und Allgemeinbewußtsein ein Vorurteil fest, das einer immerhin nicht ganz unwesentlichen Minderheit unserer Mitbürger zu Schimpf und Schanden gereicht, das uns selber übrigens nichts weniger als ehrt, sondern schändet. Es gibt Gedankenlosigkeiten, die unverzeihlich, Gepflogenheiten, die schlimmer sind als einzelne, noch so schwerwiegende Vergehen, nämlich solche, die dazu angetan sind das Allgemeinbewußtsein zu trügen, die Volksseele zu fälschen, das öffentliche Rechtsempfinden zu trüben, das gesellschaftliche Billigkeitsgefühl zu verwirren. Dazu gehört der sträfliche Mißbrauch, den wir mit den Bezeichnungen „Jude" „jüdisch", „verjudet" treiben. Ein Mißbrauch, der sich früher oder später bittter und zwar an uns selbst rächen wird, ja, sich schon heute, ohne daß wir uns dessen inne werden, rächt, wie jede geistige Brunnenvergiftung. Denn jedes umlaufsfähige Schlagwort bedeutet eine feige, schändliche unehrenhafte Abdankung des eigenen Denkens, eigener Beobachtung, eigener Meinung, die sich gerade in einem demokratischen Staatswesen am raschesten, bittersten bezahlt, weil dessen Auswirkung unmittelbarer, unbesonnener daher tiefgreifender ist. Das Schlagwort kristalliert sich in unserem Empfinden gewissermaßen zum ungeprüften Glaubenssatz; es führt uns zu einer falschen Einstellung dem Leben, der Wirklichkeit gegenüber, die so weit gedeiht, daß wir die damit verbundenen Widersprüche gar nicht mehr bemerken, uns folglich geflissentlich fortwährend Täuschungen, Folgewidrigkeiten, Ungereimtheiten hingeben. So werfen wir den Juden etwa ihre vorwiegende Betätigung in Handel und Geschäftsleben vor. Die 85