Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 5 (20.8.1927)
- Date
- 1927-08-20
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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<- Die Untergruppe 2 b zu bekämpfen ist noch viel schwieriger. Denn hier heißt es von vornherein neben allen möglichen verworrenen Vorstellungen eine rein gefühlsmäßige Einstellung anzugreifen. Hierher gehören vor allem die Leute, die sehr gern ihre Geschäfte mit den Juden machen, aber möglichst keine näheren Beziehungen wünschen. Sie erkennen die geschäftliche Tüchtigkeit und Anständigkeit des Juden an, wittern aber in seiner Person etwas Fremdartiges, ohne sich eine besondere Vorstellung davon zu machen. So kann man gerade im Vogtland, dessen Industrie ja zu 90<y0 mit jüdischen Abnehmern zu rechnen hat, beobachten, wie zuvorkommend der jüdische Einkäufer behandelt wird, wie man auch in den Unternehmerverbänden den jüdischen Mitgliedern durchaus mit Achtung entgegenkommt, aber vielfach gesellschaftlich nichts von ihnen wissen will. In diesen Kreisen bekommt man oft zu hören: „Ja, Sie sind eine Ausnahme, aber die andern, besonders die Ostjuden. . Dann muß man darauf dringen, daß der Betreffende diejenigen Juden namhaft macht, die nicht unter die „Ausnahmen" fallen. Ich habe fast stets erlebt, daß nur verschwindend wenig Namen genannt werden und daß gegen die von mir dagegen in großer Zahl aufgeführten Personen nicht das Geringste eingewandt werden kann. So läßt sich zum mindesten in kleineren Städten am besten die Haltlosigkeit der vorgebrachten Verallgemeinerung, nicht zuletzt auch unter Hinweis auf die Verleumdung der Deutschen als „Boches" im Weltkrieg, beweisen. Was nun schließlich die „ P h i 1 o s e m i t e n " unter den an sich rechtsgerichteten Kreisen anbelangt, so gilt hier bisweilen der Satz: „Hüte Dich vor Deinen Freunden". Denn manchmal sind es rein materielle, geschäftliche Interessen, die die Grundlage des Wohlwollens bilden. Bei einer einzigen schlechten Erfahrung schlägt die Stimmung ins Gegenteil um. Hier zeigt sich schon, daß wir auch bei unseren Freunden, obwohl eine besondere „Aufklärung" nicht erforderlich ist, doch die Hände nicht in den Schoß legen dürfen. Um mit einem erfreulichen Fall zu schließen, der leider noch zu den Ausnahmen gehört, möchte ich erwähnen, daß ein mir befreundeter Studienrat, ohne von mir dazu veranlaßt worden zu sein, auf Ferienreisen in Großstädten seine Primaner in die Synagogen führt und im Anschluß daran Gelegenheit nimmt, mit ihnen über jüdische Dinge zu sprechen. Daß das Kennenlernen wahren jüdischen Wesens durch die nichtjüdische Jugend ein wesentlicher Meilenstein auf dem Wege unserer Arbeit ist, wissen wir. . . Daß es auch weiterhin beherzte Männer unter den nichtjüdischen Deutschen geben möge, die uns bei unserer Arbeit helfen, hoffen wir. In d e r v o r d e r - sten Front müssen wir, muß jeder einzelne von uns aber selbst stehen. Aus der Arbeit. Politisches. Flugblattagitation der N. S. D. A. P. Unser Landesverband Oberschlesien richtete an den Oberpräsidenten der Provinz eine Eingabe betr. die Flugblattagitation der Nationalsozialisten, aus der wir die folgenden Absätze hier bekannt geben: „In letzter Zeit ist eine erhöhte Tätigkeit der Nationalsozialisten in Oberschlesien zu beobachten. Es werden von ihnen Flugblätter verteilt oder nächtlicherweise an unerlaubten Stellen angeklebt, durch die sich besonders der jüdische Teil der Bevölkerung Oberschlesiens schwer beunruhigt fühlt. (Es folgt die Schilderung zweier Vorfälle in Kreuzburg und Gleiwitz). \ Endlich werden die verschiedenen Flugzettel und Ankündigungen von Versammlungen und Sprechabenden der Nationalsozialisten mit Vorliebe an den Häusern, Schaufenstern und Reklameflächen, die Juden gehören, angeklebt. Jüdische Kaufleute in Beuthen haben sich wegen dieser Schädigung ihres Eigentums wiederholt an die Kriminalpolizei gewandt, ohne daß es natürlich möglich gewesen wäre, die Täter, die in den Reihen der Nationalsozialisten zu suchen sind, zu ermitteln. In Gleiwitz ist trotz der sofort in die Wege geleiteten Untersuchung von Seiten der dortigen Polizei das gleiche negative Ergebnis zu befürchten. Aus diesem Grunde erlauben wir uns an das Oberpräsidium die Bitte zu richten, die Polizeibehörden anzuweisen durch stärkere Ueberwachung das Zettelkleben an unerlaubten Stellen nach Möglichkeit zu unterbinden bezw. die angeklebten oder verteilten Flugblätter daraufhin zu prüfen, ob ihr Inhalt strafbare Aeußerungen über den andersdenkenden Teil der Bevölkerung enthält, damit gegebenenfalls eine Strafverfolgung von Amtswegen eintreten kann, und angeklebte oder aushängende Flugzetttel usw. entfernen zu lassen, soweit sie geeignet sind, Beunruhigung in die Bevölkerung hineinzutragen." Darauf ist bisher lediglich der Vorbescheid ergangen, daß die Angelegenheit dem Regierungspräsidenten zur Erledigung überwiesen ist. Es ist aber in Erfahrung gebracht worden, daß bei den O r t s - gr Uppenführern der N. S. D. A. P. auf eine Einschränkung der Flugblattagitation hingewirkt worden ist. S ch wachsinn igen anstatt Alsterdorf. Die Schwachsinnigenanstalt in Alsterdorf gibt eine Broschüre unter dem Titel „Briefe und Bilder aus Alsterdorf" heraus, in der sich auf S. 26 in einem Aufsatz „Euthanasie" von Pastor Büchsei u. a. der Satz findet: „Die Branntweinbrenner und die Bordellwirte, und die Pressejuden, Zotenschreiber und Bodenspekulanten, die Börsenjobber und das ganze vergnügungssüchtige Volk, das weiter nichts kennt, als ein Amüsement und geile Moden und schlüpfrige Witze . . . die armen neugeborenen Kinder, die von diesem ehebrecherischen Geschlecht in die Welt gesetzt werden . . . ., die sollen leben und die anderen, die daran langsam siechen . . . ., die sollen sterben". Auf Vorstellungen bei der Anstaltsleitung ist eine völlig zufriedenstellende Antwort ergangen, aus der wir das folgende wiedergeben: „ . . . Die Berechtigung des Anstoßes, die jüdische Mitbürger daran genommen haben, erkennen wir voll an. Wir waren der Meinung, daß der betr. 67