Mannheim
Compact Memory

Central-Vereins-Dienst · 1926-07-07 · 2 (7.7.1926) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Vereins-Dienst
Volume
3 (1926)
Issue
2 (7.7.1926)
Date
1926-07-07
Page
Seite 39 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9620164-9626612-9626416--026-9626437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schriftsteller, nicht zuletzt der angeblich judenfeindliche Goethe bei der Behandlung geschlechtlicher Dinge kaum weniger reichlich seinen Tribut an die Frivolität entrichtet (man denke an Goethes Bemerkungen zur Sammlung Priapeia und zu Augustinus De civitate Dei, an sein Tagebuch, an manche seiner bis vor wenigen Jahren aus Gründen der Sittlichkeit unterdrückten Römischen Elegien und Venetianischen Epigramme) als die Mehrzahl der von Bartels mit sittlicher Entrüstung an den Pranger gestellten jüdischen Literaten, solange der antisemitische Professor überhaupt den christlichen Grundsatz einer gleichmäßigen, gerechten und unparteiischen Behandlung beider in Frage kommenden Rassen praktisch nicht anerkennt und ausschließlich vom einseitig völkischen Standpunkt aus das schwierige Problem zu lösen versucht —, solange darf man füglich bezweifeln, ob der Nutzen, den das Deutschtum aus der erstaunlich regen Tätigkeit des Weimarer Gelehrten zieht, die Wunden zu heilen oder auszugleichen vermag, die der temperamentvolle Kämpfer durch unnötige Vertiefung der Rassengegensätze und Schürung nationalistischer Leidenschaften dem Volksganzen schlägt. — Eines ist sicher: die heute in Deutschland so viel erörterte jüdische Frage läßt sich auch auf dem literarischen Gebiet nicht nach den Vorschlägen und durch die Kampfmethoden des Antisemitismus lösen." „Berliner Allerlei". Auf verschiedene Wünsche aus dem Reiche bringen wir das nachstehende Feuilleton „Berliner Allerlei" von „Rumpelstilzchen", dem auch unter dem Namen „A" bekannten rechtsstehenden Feuilletonisten Stein hier zum Abdruck: „In Berlin, wo es jetzt nachgerade in jedem „Lokal" schon fest angestellte Tanzpartner beiderlei Geschlechts gibt, sodaß jeder einzelstehende Herr und jede dito Dame ihren Anschluß gegen Mokkagebühr garantiert bekommt, hat der Tanz noch eine besondere psychologische Aufgabe, nämlich die Gestalten kurzbeiniger fremder Rassen zu strecken und zu europäisieren. Die Umwandlung ist ganz auffallend. Man braucht weder als Philosemit noch als Antisemit sich anprangern zu lassen, wenn man ruhig und sachlich feststellt, daß die körperliche Emanzipation der Juden erstaunliche Fortschritte macht. Der Berliner Boxverein „Makkabi", der nur Juden aufnimmt, hat ganz hervorragende Kämpfer. Der kürzlich verstorbene Breitbart der „Eisenkönig", war einer der stärksten Athleten der Welt, hat sein Gewerbe auch seinem anscheinend gleichwertigen Sohne glücklich vererbt. Und auf den Tanzdielen des Westens trifft man neben manchen immer noch komischen Figuren doch auch schon schlanke, sportgestählte Erscheinungen, die in europäischem Sinne gute Figur machen. Deutsch sehen sie freilich trotzdem nicht aus. An dem unnatürlich heißen letzten Aprilsonntag dieses Jahres mit seinen 29 Grad im Schatten, habe ich nachmittags den immer erträglichen Dachgarten des Edenhotels aufgesucht, auf dem jetzt selbstverständlich auch getanzt wird. Am Nebentisch saß eine Germania mit blondem Eton-Kopf und Monokel, eine Art geschorener Lucie Höflich, mit der ich sicher angebändelt hätte, weil sie in ihrem ganzen Wesen völlig aus dem Durchschnitt fiel, wenn ich nicht in Begleitung meiner eigenen Damen gekommen wäre, die den Rekonvaleszenten zu betreuen hatten. Von der gleichen Rasse waren wir und — die Kellner. Die paar hundert übrigen Besucher aber ausgesprochener Kurfürstendamm, so ausgesprochen, daß ein zufällig aus dem Hotel hierher verschlagenes spanisches Ehepaar — wir konnten über zwei Tische hinweg ein paar Bruchstücke der Unterhaltung auffangen — sich baß verwunderte, daß der „deutsche Typ" so ganz anders sei, als man ihn sich vorgestellt hatte. Aber unter diesen Typen, an denen nur manchmal das gemachte Auffallenwollen störte, gab es doch manche von vollendet ebenmäßiger Figar und von vollendeter Anmut in der Bewegung beim Tanze. Am schonungslosesten hat nicht etwa irgendein Deutschvölkischer, sondern Rathenau in seinen einzigartigen „Reflexionen" sich über dieses sein Volk geäußert, das er die asiatische Horde auf märkischem Sande nannte, das eingeborene Fruchtvolk unter unbekümmerten arischen Edelingen. Ich glaube, der Spott wird uns noch einmal ersterben. Wir sind zu sehr darauf abgestellt gewesen, in den Leuten nur die Raffer zu sehen, die das ganze Geschäftsleben an sich bringen und durch ihr flüssiges Geld den immobilen Deutschen beherrschen, aber inzwischen haben sie sich auch — die Prozentziffern der Gymnasialreifen und der Studierenden beweisen es von Jahr zu Jahr mehr — der Bildung bemächtigt und nun kommt mit Riesenschritten das letzte, bisher für unmöglich gehaltene, das körperliche Hinauswachsen über sich selbst. Bisher sagte man, die Juden seien die einzige Nation, die keinen Adel habe. Wir werden umlernen müssen. Wer die Zeichen der Zeit zu beobachten versteht und wirkliche Kulturgeschichte schreiben will, kann diese Entwicklung nicht leugnen." „Ludendorff und wir". Der „Nationalverband deutscher Offiziere" gibt eine Schrift „Ludendorff und wir" heraus, und zwar: streng vertraulich, nur für Offiziere! Aus Anlaß des Konfliktes zwischen Kronprinz Rupprecht und Ludendorff war der selber radikal völkische N. D. O. in eine Zwitterstellung geraten, indem er einerseits dem „Repräsentanten der Krone Wittelsbach", andererseits dem „ruhmgekrönten Feldherrn" die Mannentreue halten wollte. Das ging aber nicht: Herr Ludendorff verlangte unbedingte Gefolgschaft seitens des N. D. O., die dieser versagte. Es kam zum Krach, und Ludendorff gründete ein Konkurrenzunternehmen: den Bund deutschvölkischer Offiziere. Nun untersucht der N. D. O. in seiner Broschüre, wer Schuld hat. Der Begriff der Offiziersehre wird an Hand eines allerhöchsten Erlasses von 1874 ausgelegt und auf Grund dieser Auslegung von Ludendorff verlangt, er solle sich dem Spruch eines unparteiischen Ehrengerichts unterwerfen. Die ganze Schrift, die als Gegenschrift auf eine Broschüre des Major a. D. Weberstedt gedacht ist, geht uns wenig an, aber da möglich ist, daß in Zeiten politischer Erregung der Konflikt Rupprecht—Ludendorff wieder aktuell wird, nehmen wir von der Sache einstweilen Notiz. Für das Alte Testament. In Nr. 17 der „Thüringer Lehrerzeitung" wendet sich Universitätsprofessor H. Weinel-Jena gegen einen einige Wochen vorher in derselben Zeitung veröffentlichten Artikel, der schwere Verunglimpfungen der Bibel — des Neuen wie des Alten Testamentes — im Sinne von Delitzsch und in der Sprache von Dinter enthalten hatte. — Soweit das Alte Testament in Frage kommt, schreibt Prof. Weinel: „Wenn das Alte Testament in manchen Erzählungen, selbst in Psalmen und Weisheitssprüchen von babylonischen und ägyptischen Quellen abhän- 39

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.