Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 7 (1920-1921)
- Issue
- 25 (8.9.1921)
- Date
- 1921-09-08
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
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Nach Beschluß des Zentralrates sind die Monate Elul undTischri an allen Orten den Sammlungen für die Erez Jisroel * Fonds zu widmen! gisch wollenden Wesen an sich Selb st z w e d ist. j Was der so herangebildete, auf eigene Füße gestellte Mensch dann tun wird, den Inhalt /eines Wirkens können wir mit Ruhe ihm selbst und den wechselnden Verhältnissen, in die er gestellt «ein wird, überlassen. „ j Damit ist auch unsere Aufgabe gegenüber dem 1 .sHaU Jisroel gekennzeichnet. Wir haben nichts j anderes zu tun, als den in Stücke gerissenen i oder durch falsche Organisationsprinzipien zur unf organischen Masse gewordenen „Klalc Jisroel" zu einer beseelten Einheit, von der Thora beseelten Einheit aufzurichten, damit er als solche die „jeweiligen" G e s a m t h e i t s a u f g ab e n im leiste der Thora lösen könne. Ist dieser Orgaanismus, dank einer mühseligen Arbeit von Jahren und Jahrzehnten, erst vorhanden, dann wird er aus der Fülle der in ihm erwachenden Triebkraft heraus die Aufgaben jeder Zeit in heute ungeahnter Vollendung praktisch lösen. Wie weit sind wir nun dem Ziele nähergekommen? Wir wollten „Agudas Jisroel" in dem Londoner Exekutiv-Büro eine Hand und im Zentralcat mit seinem geschäftsführenden Ausschuß, von dem 4 Mitglieder in Wien, 3 in Frankfurt wohnen, ein Wille n s z e n t r r u m geben. Dieser G. A. hat zwar seit der Wiener Konferenz keine Plenarsitzungen gehabt, sondern in Sektionen gearbeitet, aber durch lebhaften schriftlichen Gedankenaustausch haj man doch ein gutes Zusammenarbeiten erreicht. Weniger befriedigend sind die Verhältnisse in London, wo es an Menschen und Geld fehlt. Wir werden dorr nock viel zu arbeiten haben. Das auf die Dauer noch wichtigere Organ der .Agudas Jisroel" ist der Rabbinische Ra r. Hier ist nach den Beschlüssen der Wiener Sitzung ein gut' Stück Weges zurückgelegt worden, und es ist zu hoffen, daß in kurzer Zeit alle Länder ihre Wahlen bezw. Ernennungen für den Rabbinischen Rat vollzogen haben werden. Recht unbefriedigend sind bisher die finanziellen Leistungen der Landesorganisationen, und dies ist auch der Hauptgrund für die mangelhaften organisatorischen Ergebnisse in London. Die deutsche Landesorganisation ist die einzige, die bisher die ihr von der Wiener Konferenz auferlegte Umlage restlos nach London abgeführt hat! Alle anderen haben nur Abschlagszahlungen oder gar nichts geleistet. — Die Gesamtheit wird dem G. A. unter diesen Umständen keine Vorwürfe machen dürfen, wenn er aus Mangel an Mitteln vieles als notwendig Erkannte unterlassen müßte. Die wichtigste Maßnahme auf dem Wege zur technischen Vollendung der Agudas Jisroel-Organisation war — abgesehen von der Arbeit im Osten — die nach unbeschreiblichen Mühen zustandegebrachte Delegation nach Amerika. Wir werden ja darüber erfreulicherweise nachher durch unseren verehrten D r. Hildesheimer, dem wir für sein wwn rrvDö gar nicht genug danken können, mancherlei Interessantes hören, wenn auch der eigentliche Bericht vor das Forum des Zentralrates gehört. Für uns war Amerika bisher ein — fehlendes lebenswichtiges Glied unseres Gesamtkörpers. Nicht auf die Sammlung von Geldmitteln kommt es uns in Amerika in erster Linie an, sondern auf die Gewinnung dieses fehlenden Gliedes, ohne das „Agudas Jisroel" ein Krüppel bleibt und auf die Dauer nicht lebendig wirken könnte. Die Delegation hat nun gottlob eine Grundlage zu schaffen vermocht, auf der wir in Amerika Weiterarbeiten können. Ich wollte Ihnen eigentlich nach diesem flüchtigen Bilde von dem Stand unsrer technischen Organisation über den Stand der g e i ft i g e n O rganisationsarbeit berichten, die in_ unserer Mitte lebenden, von uns zusammenzufassenden geistigen Strömungen, die ja oft hart miteinander ringen oder gar nicht verstehen, Revüe passieren lassen — allein ich darf die Arbeitszeit des Deutschen Delegiertentages mit diesen ihn, streng genommen, nur mittelbar interessierenden Betrachtungen nicht belasten. Ich beschränke mich daher auf die Feststellung, daß es dem Zentralrat auch aus diesem Gebiete gelungen ist, gute Ansätze zum Jneinanderwachsen der verschiedenen Geistesrichtungen und ihrer organischen Zusammenarbeit zu schaffen. Run ein Wort zur praktischen A r b e t t. An und für sich kann .Mgudas Jisroel" praktisch nichts Großes leisten, ja d ü r f t e sie eigentlich gar keine praktische Arbeit ergreifen, so lange sie nichr fertig ist, denn nur die Wirksamkeit aus dem (Reifte des Ganze n heraus gewährleistet die Qualität der Arbeit. Aber die Rot der Zeiten zwingt uns schon seit 7 Jahren unausgesetzt dazu, praktische Arven zu versuchen. Auf politischem Gebteie ist die praktische Arbeit durch 'die in Wien gefaßte Resolution bestimmt worden, wonach die Orthodoxie den Anspruch erheben muß, an dem Wiederaufbau Erez Jisroels, sofern dafür eine beratende Körperschaft eingesetzt wird, in legitiiner Form, nicht auf Schleichwegen und Hintertreppen durch Geltendmachung ihrer Anschauungen mitznwirken. In Ausführung dieses Beschlusses hat Agudas - Jisroel dem Colonial - Office ihren Standpunkt auseinandergesetzt und sie darf hoffen, daß das Ergebnis, das wir im Auge haben, uns die Möglichkeit schafft, unser Ziel in friedlicher Weise, und ohiip irgend eine andere Organisation zu schädigen, erreicht werden wird. Der Vorbereitung dieser Maßnahmen hat zum großen Teil auch die Reise des Gerrer Rebbe nach Erez-Jisroel gedient. Uns kommt es lediglich darauf an, positiv beteiligt zu sein an dem Aufbau des neuen Erez-Jisroel. Die politische Tätigkeit in den Golus- Lände r n hier zu besprechen, würde zu weit führen. Auf dem Gebiet der praktischen Arbeit nenne ich endlich drei Gruppen: Thauro, Erez-Jisroel-Arbeit und Gmilus chassodim. Meine Herren! Was über die Lage der Thora- A n st a l t e n im Osten an authentischen Berichten an unser Ohr dringt, ist erschütternd und demgegenüber unsere Leistung winzig klein. Wenn irgendwo, dann ist es auf diesem Gebiete unsere Pflicht, die Kreise der „Agudas Jisroel" zur höchstmöglichen Opferfreudigkeit zu entflammen, denn bei aller hocherfreulichen Entwicklung ernsten Thoralernens in unsrer eigenen Mitte dürfen wir uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die jüdische Gesamtheit für die Erziehung j wamhafr^r min ^n; doch nach wie vor aut den Osten angewiesen bleibt. Ueber unsere Erez Jisroel-Arbeit wird die P a l ä st i n a z e n t r a l e berichten, über r i e g sw a i s e n h i l fe und Ukraine-Aktion werden Sie ebenfalls besondere Beichte hören; während es leider an einem zusammenfassenden Referat . über die finanziell und moralisch sehr bedeutenden Leistungen unsrer Ortsgruppen für Pogromflüchtlinge, Emigranten, D u r ch w a n - derer fehlt. Ich will Ihre Geduld nicht langer in Anspruch nehmen. „Agudas Jlvroel rst, wie mir scheint, auf dem besten Wege, sich durchzusetzen und mögen die Schwierigkeiten, möge dre praktische Rot der Stunde noch so groß sein, — „Agudas ^i»roel ist eine natürliche Notwendigkeit, die über alle Hindernisse hinweg den Weg zur Verwirklichung finden wird. Dann erhält außerhalb der Tagesordnung Herr Rabbiner Tr. Hildesheimer das Wort über seine „Es gereicht mir zur außerordentlichen Freude, Ihnen einen Gruß bringen zu können, von der, wie ich glaube, fest gegründeten Agudas- Jisroel in Amerika. Unsere Reise war, wie schon gesagt worden ist, erfolgreich. Wie erfolgreich, das kann ich Ihnen im Moment nicht sagen, das wird man vielleicht nach Jahresfrist noch nicht sagen können. Denn unsere Delegierten gingen mit ganz falschen Vorstellungen ihrer Aufgabe entgegen. Meine Herren, wer von Europa nach Amerika reist, der muß mit alten Vorstellungen, sozialen oder moralischen, der äußeren Lebensführung, der inneren Lebenshaltung, vollkommen brechen. Es ist nicht nur eine neue Welt, sondern eine total andere Welt. Uns ging es ebenso. Wir sind nach Amerika mit der falschen Vorstellung gegangen, wir würden in 3—4 Monaten dieses ganze Land organisieren können? Das war eine Naivität. Denn nicht allein, daß in Amerika mehr als 3 Millionen Juden wohnen, in Newhork allein über eineinviertel Millionen, nicht allein deshalb, sondern weil auch die jüdische Bevölkerung Amerikas in ganz unglaublich viel verschiedene Anschauungen und ganz entgegengesetzte gegensätzliche Abstufungen zerfällt. Tie einzelnen Landsmannschaften, d. h. die einzelnen Personen, die aus verschiedenen.Gegenden kommen, aus Ungarn und Galizien, Littauen und Polen, sind im Wesen nicht nur, sondern auch gesellschaftlich von einander schärfer geschieden als bei uns. Tie polnischen Schulen und littauischen Schulen — ich spreche hier von Synagogen —, die ungarischen und galizischen, wollen keiner von der anderen etwas wissen. Tie Rabbonim sind in ihrer Tätigkeit und Lebensauffassung total von einander betrennt. Ein Khilloleben existiert dort überhaupt nrcht. Es gibt keine Khillo. Es gibt kein Zentrum, das für die jüdischen Aufgaben sorgt. Tie Gemeinde ist nur die Synagoge. Tie Rabbonim sind nicht weiter als für die Synagoge da. Schiurim lernen hängt vom einzelnen Rabbiner ab. Man mutz sich mit diesen Tatsachen abfinden. Durch diese ungeheure Zerklüftung ist das Arbeiten ungemein schwer, aber die Aufgabe, die Agudas-Jisroet dort zu lösen hätte und lösen könnte, ist eine so gewaltig schöne und große, daß man glauben könne, Agudas Jisroel sei nur entstanden, um in Amerika das Judentum zu retten. Nirgends in der Welt ist der Abgrund so tief, zwischen den alten Eingewanderten und den im Lande Geborenen, der Jugend und heute schon dem Alter. Uns interessieren die orthodoxen Kreise. Es gibt über 4200 orthodoxe Synagogen, s/3 haben einen Rabbiner, also ungefähr 2500 orthodoxe Rabbiner. Diese Aachklänge zum Delegierkenkag. Bon I. S. Tatsachen: 1. Dr. Pinchas Kohn, Mitglied des Zentralrates, sagte in seinem Berichte, den derselbe dem Delegiertentage erstattete: der Deutsche Gruppenverband habe keine lokalen Aufgaben. 2. Die Frage eines Delegierten, ob die Leitung des Gruppenverbandes im Interesse einer Konzentrierung der Kräfte innerhalb Deutschlands geneigt sei, mit Verbänden wie „Freie Vereinigung" und Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden eine enge Arbeitsgenteinschaft einzugehen, wurde von dem Vorsitzenden des Gruppenverbandes mit „Nein" beantwortet.*) 3. Neben den Berichten der einzelnen Agudaorgane spielte auf der Tagesordnung das Frankfurter Programm eine Hauptrolle. Dieses Frankfurter Programm, das in seiner Mehrheit ein innerdeutsches Programm darstellt, war von der Leitung offiziell auf die Tagesordnung gesetzt worden, wohl nur zu dem Zwecke, daß. falls dre Mehrheit des Dele- *) Dies ist laut Protokoll ein Irrtum. Die Verneinung bezog sich auf die Frage, ob der Gruppenvervand nur für das Ausland arbeiten wolle. Red. gieretntages mit demselben sympathisiere, es als geeignete Grundlage für die Ortsgruppenarbeit zu etnpfehlen sei. Dieses war übrigens auch das Resultat der Besprechung. Unterziehen wir diese drei Tatsachen einer Betrachtung, so müssen wir einen inneren Widerspruch sestftellen. Auf der einen Seite Ablehnung jeder inneren Arbeit, auf der anderen Seite die Befürwortung eines großen inneren Aktionsprogramms. Wie lange noch will man diese Halbheiten forrführen. wie lange noch soll der hierdurch hervorgerufene Schlaf der deutschen Ortsgruppett andauern? Wie lange noch soll Deutschland nur Zahlstelle für und von „Agudas Jisroel" sein? Wenn wir Deutschland zn einem vollen Mitgliede der ^Agudas Jisroel" machen wollen, dann ist's Zeit, höchste Zeit, daß wir mit den alten Arbeitsmethoden brechen und neue Wege wandeln. Neue Wege wandelt das Breuerstche Programm, es den Ortsgruppen vertraut zu machen, ist nach dem Beschluß des TelegiertentageS Pflicht der Leitung. Diese Pflicht zu erfüllen, ist nicht einfach, denn es bestehen Ortsgruppen in Deutschland fast nur dent Namen ttach. Die Mehrheit der verehrlichen Ortsgruppen antworten prinzipiell auf Anforderungen der Leitung überhaupt nicht. Diese Vorstände der Ortsgruppen mit eisernem Besen zu beseitigen, ohne Rücksicht^ daß da oder dort ein ehrwürdiger nichtstuender Vorstand ein wenig „verhumpelt" wird, neue arbeitswillige und -fähige lokale Leitungen einzusetzen, ist Grundbedingung für die Begehung des neuen Weges. Die Grrrppen mit den neuen Arbeitsmethoden vertraut zu machen, d. h. also mit dem Gedanken des Breuer'schen Entwurfes ist nächstes Erfordernis. Ist dieses in ausreichendem Maße erfolgt, so beginnt für Grirppenverband und Ortsgruppen eine neue Zeit — die Zeit der Tat. Es gilt den Teil II des Entwurfes Tat werden zu lassen. Hierüber einige Worte. ^-er Ortsgruppe erwachsen aus der Uebernahrne des Breuer'schen Programms ungeheure Verpflichtungen: will sie nur ein wenig den gestellten Forderungen gerecht werden, so bedarf sie einerseits höchste Anspannung aller nur verfügbarer Kräfte, aber andererseits der tatkräftigsten' Unterstützung des Gruppenverbandes. Dessen Aufgaben will ich heute nur rn Strchworten skizzieren. Er hat zu schaffen: u. Leitfaden für einen Lehrplan, um die Idee des Agudlsmus als Weltanschauung zu lehren: d. agudrstrschen Erziehungsplan: " c. Bes Din an allen Orten; d. Kommunalprogramm. Wge der Gruppenverband die Zeichen der Zeit: " /I Verlangen nach Taten" verstehen, dann wird Agudas Jisroel in Deutschland nicht nur der erste Banqmer der Weltorganisation sein