Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 7 (1920-1921)
- Issue
- 18 (2.6.1921)
- Date
- 1921-06-02
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 18. _ welch ungeheuere Aufgabe für die Ortsgruppen und jedes ihrer Mitgliever! Die unmittelbare Anknüpfung au die Kata strophe des Jahres 70, aber nicht nur in ihrer Erscheinungsform, sondern in ihrem tiefftcit geschichtlichen Gehalt, die Aktualisierung des geschichtlichen Bewußtseins der jüdischen Nation in jedem einzelnen ihrer Glieder: das ist letzten Endes das Wesen des Agudismus. In öiefent Sinne erheischt der Agudismus von feinen Bekenner:: — zun: uüudesten in Westeuropa — eine völlige Umgestaltung ihres Innenlebens. Der Agudist hat die Lösung der Aufgabe des Agudismus zunächst an sich selbst zu beginnen. Die volle Verantwortung für die Fortdauer des Golus -hat er persönlich zu übernehmen und den Wert seines Lebens, den Wert jedes Tages seines Lebens danach zu benressen, ob er sich und durch sich die Nation und das Land der Erlösung näher gebracht. Im Frankfurter Programm ist die Tätigkeit der Ortsgruppen, wie sie sich aus der Idee des Agudismus unmittelbar ableiten läßt, unter Be- Berücksichtigung der Frankfurter Verhältnisse skizziert. Die Verwirklichung dieses Programms hängt davon ab, ob es Menschen findet. „Unvergleichlich groß ist jener Tag. Eine Zeit der Not ist's für Jaakauw. ' Zu neuem Sein Soll Jaakauw durch sie erstehn." — — Nur die Idee des Agudismus, wie sie im bisherigen entwickelt, vermag den Zionismus wirklich zu überwinden; nur sie kann die Pseudonation, die der Zionismus in buntem Flitterstaat vor die Arigen der Völker der Erde und vor die Augen unserer Brüder gestellt, durch die echte Nation verdrängelr, die einst Gott geschmückt hat. Nur sie endlich vermag auch unserem Lande m unserer Betätigung diejenige Stelle anweisen, die ihm wirklich zukommt. 'Ter Agudismus verlangt nicht etwa - in törichter Nachahmung des Zionismus — eine „p'alästinozentrifche" Politik, er „interessiert" sich nicht etwa für Palästina, weil der Zionismus es nun einmal auch tut: Volk und Land stellt der Agudismus als völlig gleiche Faktoren einander gegeuüber und will sie beide zu - Gott bringen. Der Ruf des Agudismus ist der alte Wächterruf vom Berge Ephrajim: „Auf! Nach Zion wollen wir: Zu Gott, dem Setzer unseres Rechts!" Dr. I saac Breuer- Frankfurt. Weil der weißlichen Zugend. (Referat, gehalten auf dem Rhein-Mai ipchen Bezirkstag am 29. Mai.*) So oft die Agudoh eine Tagung hatte, so oft wurde auch dieses Thema behandelt, und es ist wohl kaum möglich, hierüber noch etwas neues zu sagen. Wenn man trotzdem auch heute wieder dieses Thema auf die Tagesorduuitg setzte, so geschah es wohl deshalb, weil gerade der Mischen Erziehung der Mädchen eine so große Wichtigkeit beizumessen ist. Gehe:: wir zu den ersten Anfängen unseres Volkes zurück und wir werden stets finden, daß gerade der jüdische Geist der Frau ausschlaggebend für die Entwicklung des Volkes war. Awrohom glaubte, daß Jischmoel, der von Gott verheißene Nachkomme, der Vater des 'von ihn: abstammende:: Volkes sei, bis Gott ihn belehrte, daß es nicht genüge, daß der Vater selbst ein Awrohom sei, wenn die Mutter eine Hogor ist, daß ein jüdisches Volk nur abstammen könne von einem Jitzchok, der nicht nur einen Awrohon: zum Vater, der auch »eine So roh zur Mutter hatte. Wie dies auch in gattet aus gedrückt wird, am awdecho ben amosecho, daß ich mich als Deinen Diener fühlg, der sich in allen Lebenslagen in Deinen Dienst stellen tritt, das *) Ein Bericht über den Bezirkstag erivlgt wegen Rauinmanga erst in nächster Bummer. T. Red. Glätte r." , ist nur dadurch möglich, weil ich bell amosecho, der Sohn Deiner Magd bin, das ist nur möglich, weil ich eure Mutter hatte, die sich selbst stets!als Deine Dienerin fühlte uub ihr Kind in diesen: Sinne erzog. Sagt doch Rab. Jauchanan bei: Sakai von seinem Schüler Jehauschua den Chananjo, Aschrei Jauladcho, Heil der, die ihm geboren, drückt also damit an, daß die Größe des Sohnes durch die Erziehung, durch Vas Beispiel der Mutter bewirkt wurde und wird ja selbst die Geuloh aus Mizrojin: den: S'chus Noschim Zadkoniaus, den: Verdienst der fronnue:: Frauen, die auch iu der furchtbaren Bedrückung Mizroims ihr Bitochon nicht verloren hatten, zugeschrieben. So ließen sich für die Bedeutung der Frau im jüdischen Leben endlose Beispiele anführen, aber dies ist nicht die Aufgabe meines Referates. Wir wollen sehen, wie wir es auch heute versuche:: können, unsere Mädchen so zu erziehen, daß auch ihr Haus ein mit jüdischem Geist gefülltes werde. Man trifft noch immer, Jehudiu:, und manchmal sind dies gerade unsere besten, die diesen neuen „Stuß", daß auch die Mädels lernen wollen, nicht begreifen. Unsere Mütter, oder wir heute, jagen wohl besser, unsere Großmütter haben auch nicht gelernt, und wir könnten schon glücklich sein, wenn mir alle solch! gut jüdische Frauen werde::, die es verstehen, ein Haus in so gut jüdischem Sinne >zu führen, wie sie es waren, wie sie es verstanden. Das ist unbedingt richtig. Dann wäre also mein Referat hiermit beendigt und wir könnten nach Hause gehen und gut jüdische Frauen werden. — Leider leben wir aber nicht mehr in der guten, alten Zeit. Leider sind heute die Verhältnisse andere, ganz andere. Damals war die ganze Atmosphäre des Hauses eine jüdische und nur durchaus jüdische, oas Mädchen kam doch mit anders Gesinnten kaum in Berührung und wenn es auch selbst nicht kernte, im Hause, da lernten der Water, kernten die Brüder, da war die ganze Luft mit dem Gelernten, mit jüdischen Dingen angefüllt und das Mädchen atmete die Jüdischkeit mit der Luft ein. Heute lebt das Mädchen nicht mehr ausschließlich im Hause, ^eute geht es erst mal meistens in die nichtjüdische Schule, ist einen großen Teil des Tages mit Nichtjuden zusammen, hört und sieht sehr viel, was mit dem Jüdischen nicht das Geringste zu tun hat, studiert vielleicht, oder tritt sonst ins Berufsleben, wo sie auch häufig mit anders Gesinnten zusammen kommt. Es lernt die deutsche Literatur kennen, oftmals auch die anderer Länder, es mag vielleicht eine bewußte, begeisterte Deutsche werden. Ob aber das jüdische Gefühl des Mädchens dadurch geweckt und gestärkt wird? Ich wage es mindestens sehr zu bezweifeln. Allein aus diesem Grunde schon, ist es unbedingt notlvendig, daß heute das Mädchen auch: ein gründlicheres jüdisches Wisse:: bekommt, daß ,es auch unsere Schriften kennt, schon als Gegengewicht gegen die größere profane Bildung. Und wenn es für nötig erachtet wird, daß oas Mädchen das kennt und weiß, was man draußen als Bildung betrachtet, dann ist es doch wohl für ein jüoisches Mädchen eine Notwendigkeit, daß es unsere Schriften, aus denen die anderen doch vielfach das Gute, das sie haben, entnahmen, kennt. Und so Vomme ich, Venn zu meinen praktischen Vorschlägen für die Arbeit in den Mädchengruppen. Ich halte mich da in der Hauptsache an die Besprechungen der Mädchentagung, die im Januar in Cöln stattfand und au das von der Thorakommission ausgestellte Lehrprogramm für Mädchengruppen, das auch den Verhandlungen der Mädchentaguug zur Grundlage diente. Ei:: Lehrprogramm aufzustellen, also die Gebiete zu bezeichnen, die in jeder Gruppe behandelt werden müssen, dies ist wohl gut möglich, dagegen wäre es zwecklos, nun auch vorzuschreiben, wie das Programm ausgeführt werden soll, denn das richtet sich nach den lokalen Verhältnissen und das muß man jeder einzelnen Gruppe selbst überlassen. Aus diesem __9. Juni 1921. "runde hat auch die Thorakommission ein Minimal- und ein Maximalprogramm aufgestellt; eben ein Programm, das in jeder Gruppe verwirklicht werden muß und ssins für die Gruppen, die durch Reichtum an geeigneten Dozenten, durch gründlichere Vorbildung und reicheres Wissen der Mitglieder in der Lage sind, mehr zu leisten. Als ersten und wohl auch wichtigsten Punkt, weil auf ihn sich alles aufbaut, führt das Programin den Dinim-Kurs an. Und dieser muß und kann auch in jeder Gruppe, mag sie unter noch so schwierigen Verhältnissen leiden, abgehalten werden. Gruppen, bei denen es nur irgendwie nwglich ist, sollten die Tinim nach dem Kizzur Schulchon Oruch lernen. In Orten, wo es nicht möglich ist, nach den: Kizzur zu lernen, wo man vielleicht nicht mal einen Dozenten finden kann, der einen Dinim- Schiur geben kann, können sich die Mädels selbst helfen, indem sie sich an 5)and deutsch geschriebener Bücher, z. B. dem Chaurew, vorbereiten und vielleicht immer abwechselnd eine der Teil^ nehmerinnen die Stunde leitet,, oder es findet sich vielleicht eine Hausfrau, die mit ihnen die Tinim, die im Haushalt Vorkommen, vielleicht gar praktisch durchnimmt, die den Mädels zeigt, trie man Geflügel, Fleisch etc. koscher macht und was sonst alles Vorkommen mag. Tann schreibt das Minimalprogramm einen T e f i l o h- Kursus vor. Hiermit ist es nun eine eigene Sache, ein Tefilloh-Kursus kann sehr schön, er kann aber auch unbeschreiblich langweilig sein. Kleineren Gruppen, die keinen geeigneten Leiter eines Tefillohkursus finden können, würde ich empfehlen, wie eben von: Tinimkurs gesagt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, sich vorzubereiten und die Tefilkoh übersetzten, möglichst an Hand von Hirschs Erklärungen, ich glaube sogar, daß hierbei mehr herauskommt, als wenn man die schönsten Vorträge stber die Tefilloh mit den herrlichsten Erklärungen hört, denn wenn man felbst vorübersetzen soll, wird man sich 'die Sache so gut ansehen müssen, daß sie auch wirklich fest sitzt, während all die schönen Erklärungen, ja felbst die Uebersetzung, wenn sich die ganze Tätigkeit der Teilnehmerinnen des Schiurs auf das Zuhören beschränkt, von einer beträchtlicheu Anzahl der Mädels, 'sicher bald vergessen sind, und es ist sicher schon sehr viel gewonnen, wenn wir die Uebersetzung, den Inhalt all unserer Gebete kennen, selbst ohne alle Erklärungen. Ueberhaupt halte ich Schiurim, bei denen die Mädels! nicht selbst Mitarbeiten müssen, für nicht sehr empfehlenswert. Gewiß werden in jeder Gruppe einige sein, die auch hiervon sehr viel mit nach Hause nehmen, aber dies sind bestimmt immer nur einige. Das stete Zuhören ermüdet auf die Tauer und man wird leichter durch jede Kleinigkeit abgelenkt. Manche kommt vielleicht nur zum Schiur, weil sie dort ihre Freundinnen trifft und weils nun mal heute zum guten Ton gehört, sie kann dort auch ganz gut dazwischen plaudern, denn der Redestrom des Dozenten plätschert ja doch ruhig weiter und sie felbst hat ja weiter keine sichtbare Aufgabe, als das Lokal zu füllen, man arbeitet dagegen selbst mit, übersetzen die Mädels selbst abwecheslnd, werden die Erklärungen in einer Art Diskussion gegeben, so haben die Mädels, die von vornherein etwas aus dem Schiur mitnehme:: wollen, viel mehr davon, sie wissen die Uebersetzung gut und wenn die Uebersetzung keine Schwierigkeit mehr bietet, haften auch die Erklärungen viel besser im Gedächtnis, und diejenigen, die erst nur so mitgegangen sind, sie werden.bestimmt Freude am Lernen bekommen, während sie bei der anderen Methode ja nie fühlbar aufgerüttelt würden. All das bisher Gesagte gilt auch für den dritten Punkt, den T'nach Schiur-Kursus. .Einer Gruppe, die nur einen Sidroh-Vortrag hat, würde ich unbedingt sagen, sie hat der Forderung des Lernprogramms nicht Genüge getan. Gewißich gebe zu, das sagte ich ja auch vorher, wertes ist ein Aidrohvortrag keinesfalls.es sind einige