Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 6 (6.1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- Seite 94 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6467833-9641057-9626151--0967-9626155- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
94 Gegenwartsgedanken. Höre aut, dich selbst durch das Zerrglas Fremder zu sehen . . . . .... nur in Selbsterkenntnis kannst du gesunden. (Messiasspuren.) Für denjenigen von uns, der eine Juden.frage sieht, ist Palästina die schlechteste wirtschaftliche Lösung dieses Problems. Das sei a priore zugegeben, trotz der Aufklärungs- (lies Verklär ungs) arbeit der zionistischen Presse. Diese Tatsache ist uns keineswegs neu; trotzdem sind manche von uns sehr ängstlich, und verstopfen sich die Ohren, wenn die Wahrheit ordnend in ihre recht zweifelhaften Oedankengänge eingreifen will. Unsere Jugend soll die nackte, ungeschminkte Wahrheit erfahren. Ihre Begeisterung und Opferwilligkeit für Erez Jisroel wird deshalb nicht geringer werden, wenn sie von keinerlei äußeren, periphären Einflüssen eingegeben und bedingt ist. Kann die Hingabe nur mit der Lüge zusammen bestehen, dann mag der eine Teil gleichwertig dem anderen zu Grunde gehen. — Es ist dann beiden Recht geschehen. Wir haben uns in letzter Zeit mehr oder minder bewußt daran gewöhnt, jüdische Dinge durch die zionistische Brille — »in der Verzerrung des Entfremdeten“ — anzuschauen, uns in der Bewertung jüdischer Gesamtheitsaufgaben nach der zionistischen Anschauung zu orientieren. Diesen Zauber wollen wir, soweit uns das heute gelingt, zu brechen suchen. In der Betrachtung jüdischer Dinge dürfen nur jüdische Gesichtspunkte maßgebend sein. Hand in Hand mit einer ganz falschen Wertung Palästinas geht die der Diaspora. Nach zionistischem Maßstab gilt das Goluth nichts — Erez Jisroel alles. Man projiziert gewaltsam die geistigen Produkte unseres größten außerpalästinensischen Zeitabschnitts auf die schmale, verhältnismäßig untergeordnete Periode der Erez-Jisroel-Ebene, und übersieht dabei ganz, daß das Goluth die schöperischste Epoche ist, die das jüdische Volk je erlebt hat. Vor der — vielleicht mitunter unbeabsichtigten — Geschichtsklitterung glaubt man bestehen zu können, die Luft von '"א — man zitiert so gern Talmudverse! —׳ macht ja weise. Wir danken Gott, daß er uns nicht wie die anderen Nationen gemacht hat. In dieser Erkenntnis liegt die ganze Mystik unseres Seins, unserer so merkwürdigen׳ Beschaffenheit. Jeder Vergleich, der zwischen Judentum und dem übrigen Völkertum angestrebt wird, ist schon eine Negierung der Eigenart, eine Preisgabe, ein Verrat an der jüdischen. Sache, der sich in seiner Undurchführbarkeit und seinem unzulängliehen Resultat richtet. Alle Völker gingen dem sicheren Tode mit dem Verlust der sinnlich wahrnehmbaren, nationalen Heimstätte entgegen — die Gesetzesnation erreichte aber ihren Kulminationspunkt im Exil. Die Nationen der Welt schufen nur auf eigenem Boden eine Kultur — das Gesetzesvolk lebte sie vor dem Besitzergreifen seines Landes. Ein wanderndes Volk, ein heimatloser Stamm kennt weder Recht noch Moral — das durch die Wüste ziehende Messiasvolk braucht sich nicht vor Rom, der Verkörperung des Rechts, zu verstecken; es erkannte die Wahrheit und übte die Pflicht, die nach A. v. Humboldt die höchsten Gebote der Sittlichkeit sind. Die Auswirkung der Erkenntnis unseres Andersseins ist eine unübersehbare, folgenschwere. Sie verträgt keinerlei Kompromisse, will restlos durchdacht werden. Dem Genius dieses eigenartigen Volkes war der Palästinas verwandt, zwar nur eine tote Materie, die aber unter seiner Hand zum lebenden Vertrauten gedieh. Sie verstanden sich wie zwei Freunde. Die Liebe zueinander verjüngte sie, und malte