Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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21 |p$q Wanderbewegung. Wanderbewegung. fpööl Die Idee der Wanderbewegung ins jüdische übertragen, in unsere jüdische Bewegung hincinversetzt, erscheint hier — seien wir ehrlich — auf den ersten Blick beinahe etwas fehl am Ort. Zunächst wird man vergeblich nach einer äquaten Erscheinung in der jüdischen Vergangenheit suchen, wird überhaupt glauben, nicht ohne Grund von einem „Bitul Seman" sprechen zu können, wenn, ja wenn. — Und das ist vielleicht eine gewichtiger erachtete, weil recht aktuelle Erwägung. Vergegenwärtigen wir uns: die Idee der Wanderbewegung ist, gedenken wir der „Wandervögel", „Jungdeutschland", Wyneckens usw., in einem so ganz unjüdischen Milieu entstanden und in seiner Ausführung, seinen Ideen, den Gedankenkreisen, die ihn umziehen, vielleicht der unjüdischste Weg, den die neuzeitliche Jugenderziehung gewählt hat — und das.will schon etwas heißen —, daß wir tatsächlich einigermaßen Grund hätten, mißtrauisch zu sein. Was diese Bewegung nun aber in „sogenannt jüdischem" Milieu geworden und dort - sagen wir — „geleistet", läßt ein so schwaches Gefühl wie Mißtrauen kaum mehr zu, wenn, ja wenn wir nicht die umformende Kraft in uns fühlten, von jeher jüdischem Stamme eigen, die eine jede entgegenstemmende Kraft, eine jede gegenlaufende Bewegung, wenn ste nutzbringend erschien, so umbiegt, bis sie den jüdischen Weg geht, jüdisch Gewolltes zum Ziele führt. Wenn wir nicht diese unsere Wanderbewegung derart gestalten, derart, daß i h r Wesen der Art aller anderen „gleichgerichteten" Bestrebungen diametral entgegengesetzt ist, wie eben unsere „Welt" der anderer „Welt", wenn wir dies nicht vermöchten, dann hätte unser Bezwecken tatsächlich keinen Raum neben anderer Arbeit. Denn die Wanderbewegung kann nur unter dem Gesichtspunkte vernünftigen Sinn haben, daß ihre Aktivität weltanschauungsbildend sein will. Sofern die jüdische Wanderbewegung den Wanderern nicht eine jüdische Welt zeigt, so ganz anders in ihrem Rythmus, so ganz anders pulsierend, wie jede andere Welt, dann hat sie ihren Zweck —- aber gründlich — verfehlt. Wir können wohl sagen, daß uns in wesentlichen Fällen diese Aufgabe zu lösen gelungen ist. In wesentlichen Fällen, denn von Mal zu Mal heißt es für den Führer neu schaffen. Auch dem gewandtesten und erfahrendsten ist selbst im heimischen Kreise der Erfolg von Heimabend oder Wanberung nicht unbedingt sicher. Will er den Bildungsmöglichkeiten in ihrer Eigenart gerecht werden, welche die Wanderbewegung in sich birgt, so wird der Führer eine gewisse, schöpferische, diese Möglichkeiten gefühlsmäßig beherrschende Auswirkungsfähigkeit haben müssen, die sich einfach nicht erwerben läßt. Und so gibt es denn tatsächlich kein Rezept, nach dem sich die Führer in ihrer Arbeit zu richten vermöchten. Die Frage: Wie veranstaltet man einen Heimabend oder eine Wanderung? wird man besser nicht aufwerfen, da man immer nur solche Fragen stellen sollte, auf die es auch eine Antwort zu geben möglich ist. Wer nicht gewiß ist, daß er die Veranstaltung, die er zu leiten unternimmt, mit dem gewollten jüdischen Fluidum wird erfüllen können, der soll die Hände von unserem Esra oder Jeschurun lassen. Der gute Wille tuts nicht allein. Was wir in dem Rahmen der hiermit eröffneten Rubrik „Wanderbewegung" zu geben vermögen und bezwecken, sind Anregungen und Erfahrungen. Wir wollen in natürlichster Weise Erlebnisse und Eindrücke schildern, an denen sich vielleicht manch guter Wille entzündet. Wir wollen es alle - und dieses alle ist sehr um-