Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 5 (10.1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 S. Schachnowiß-Frankfurt / Im Zeichen des Weltkrieges. Herzen, in welche Kultursphäre die offene Türe das polnische Judentum hinausführen mag und ob die Freiheit nicht mit allzu kostbarem Gut erkauft wird; und dann: wessen sich der große Rest unserer wehrlosen, in den Klauen der im Blutrausche schnaubenden russischen Bestie verbleibenden Brüder zu gewärtigen hat. Vorerst schwillt aber das jüdische Herz bei diesem Einströmen von Lust und Licht ins dunkle Gefilde in neuer Hoffnung, und fast glaubt es schon, den hohen ethischen Siegespreis, in Blut und Tränen errungen, ahnend zu erleben. Auch den Juden der anderen kriegführenden Staaten war der Krieg eine Zeit schwerer Prüfung und harter Krafterprobung. Im verbündeten Oesterreich, wo die Dinge ähnlich wie bei uns liegen, und die Juden, schon in Friedenszeiten mehr aktiv in führenden Stellungen des Heeres tätig, wahre Wunder an Heldenmut und Vaterlandsliebe vollbringen, schufen die Flüchtlingsscharen aus Galizien schwere Probleme, die den vielerprobten jüdischen Humanitären und Gemeinsinn in seinem ganzen Glanze zeigten. An erfolgreicher jüdischer Arbeit auf sozial humanitärem Gebiete fehlt es. wie die indirekten Berichte melden, auch in Petersburg, Paris und London nicht. Und wer wollte es den Juden dieser Länder verargen, daß auch sie Liebe zur Heimat bezeugen und ihr mit echt jüdischem Pflichtgefühl kein Opfer an Gut und Blut vorenthalten? In ihrem ausgeprägten Rechtssinne und interessierten Verständnisse für internationale Beziehungen, werden sie im tiefsten Innern den unseeligen Krieg, über dessen wahre Urheber sie nicht im Zweifel sein können — man sehe die Stimmung im jüdischen Amerika — schmerzlich genug empfinden. Und dazu der giftige Stachel des Zusammengehens mit dem Erz- und Erbfeinde aller Kultur und alles Menschenrechts, mit Rußland. Man wird lediglich aus diesem inneren Konflikte zwischen Pflicht- und Schuldbewußtsein heraus manch tragikomische Situation in der jüdischen Welt Englands begreifen müssen, und die Zangwills und Gottheils nicht, wie es jüngsthin Binjamin Segel in einem viel zu dicken Buche getan, gar so ernst nehmen dürfen. All dieses gilt auch von Italien, wo die jüdischen Führer just mit der Iudenfrage in Rußland beschäftigt waren, als die Macher der Politik inzwischen den Handel mit der Treue, ihrer