Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 5 (10.1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
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S. Schachnowitz-Frankfurt Im Zeichen des Weltkrieges. 3 9. Ab" vom jüdischen Standpunkte aus zu werten. Seitdem sind wieder drei Monate des Kampfes und Leides in die Lande gegangen, und wir Klagen mit den Worten des Propheten: „Vorüber ist der Sommer, zu Ende die Ernte, uns aber ist die heißersehnte Hilfe nicht geworden." "Als Nebusaradon im ersten Erobererrausche in die heilige Stadt einzog, so meldet der talmudische Bericht, schoß ihm siedendes Blut entgegen, das nicht zur Ruhe kommen wollte. Es war des ermordeten Propheten Blut, das ungestillt nach Sühne schrie. Erst als durch des Tyrannen Hand die Besten und Edelsten, des Volkes Blüte und Hoffnung, diesem Blute geopfert waren, kam es zur Ruhe. — Wo immer in der Geschichte Verfall und Niedertracht ihren Niederschlag im Meuchelmorde gefunden, hat dieser seinen blutigen Kreis um sich gezogen. Opfer auf Opfer fordert, bereits über ein Jahr, das in den Straßen Serajewos unschuldig vergossene Blut, die Besten und Edelsten, der Völker Blüte und Hoffnung. Und noch scheint die Sühne nicht gegeben, noch ist die Stimme des Blutes nicht zum Schweigen gebracht. Was uns Juden, die im allgemeinen Weltleide von je her ihren eigenen weiten Bezirk haben, der Krieg gebracht und genommen, dieses abschließend zu werten, ist mitten im Sturm und Braus der Umstände noch nicht an der Zeit. Doch hat das Kriegsjahr gleich zu Beginn soviel neue Kräfte geweckt und Werte geschaffen, daß es sich wohl heute schon verlohnt, rückschauend bei den Dingen zu verweilen und an ihnen die möglichen Ausblicke in die Zukunft zu suchen. Ringsum von Feinden umgeben, hatte, durch die heilige Not getrieben, die deutsche Nation gleich in den ersten Augusttagen 1914, nicht zuletzt auf geistig sittlichem Gebiete, Kräfte entfaltet, die seit einem Jahre in ungeschwächter Aktion Freund und Feind in unausgesetztem Staunen halten. Was in jahrzehntelangem Haß und Hader der Parteien an Zerrüttung und Zerrissenheit angerichtet war, es schwand mit dem ersten Not- und Hilferuf des Vaterlandes. Unter dem Zeichen des „geeinten Volkes", in dem der oberste Kriegsherr mit stolzem Worte jedes Hemmnis der Parteigrenze aufhob, nahm Deutschland „Mit Gott" den ihm aufgezwungenen Kampf auf. Für die aus diesem Kaiserworte den Juden Deutschlands erwachsene Pflicht brauchte