Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 11 (1960)
- Issue
- 235 (3.11.1960)
- Date
- 1960-11-03
- Page
- [Seite 7] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter Bitte, mehr Tuchfühlung! XIX Kleber Leserfreund; Wir Juden sind ein kleines, aber :isehr taetiges und gescheites Volk. Diese Vorzüge haben uns im geschichtlichen Rückblick wenig genützt, im -Gegenteil, man hat uns die jüdische Schaffensfreude verübelt. Antisemitismus war und wird wohl ewig sein —aber dennoch liegt es an uns, diese in Normen zu fassen, die unauffaellig bleiben und nicht schaedigend wirken. Das Judentum hat in der Welt un-;gezaehlte Organisationen, die z.T. auch im “Grossen” Einfluss haben aber deren Wirksamkeit im “Kleinen” erloescht. Die Welt aber besteht aus Einzelteilen, nur wenn man das Kleine besitzt, beherrscht man das Grosse! Wir sind “unter uns” und wollen über die mikroskopische Kleinheit unseres Jischuv ein wenig sprechen und dabei Feststellungen machen, die für uns interessant und wichtig sein •dürften. Das Schlagwort “Propaganda” ist rallumfassend, es ist laengst aus der engen Domaene kommerzieller Werbung entschlüpft. Propaganda ist das, was heute die katholische und evangelische Kirche, die kapitalistische und die sozialistische Politik, die Wissenschaften und die Künste brauchen um zu bestehen und ihre Kraefte zu foerdern. Propaganda ist Erziehung, sie ist Wegweisung zum Wissen, ist im Grossen angewendet eine Massenpsychose, die ganze Erdteile gefangen nehmen kann. Wenn eine religioese oder weltanschauliche Gruppe Propaganda be- •- sonders noetig braucht, so ist es die jüdische. Die Begriffe in weiten •christlichen Kreisen über Judentum sind bis heute noch immer geradezu haarstraeubend. Geheimbündelei, Anspruch au Weltbeherrschung, Ritualschaer.dungen, Kriminalitaet und unvorstellbaren Reichtum wirft man noch heute (!!) dem Judentum vor. Was sich aus diesen “Kenntnissen” entwickelt ist klar; Judenhass, der sich in heimlichen oder weniger heimlichen antisemitischen Aktionen entzündet. Gerade ich als Herausgeber eines unabhaengigen jüdischen Blattes, welches für Sozialismus und Voelkerverstaendigung arbeitet, hat eine Fülle von Zuschriften aus christlichen Kreisen vorliegen, die dankbar sind für unsere journalistische Belichtung der jüdischen Welt. Dieser Kreis ist naturgemaess sehr klein, aber er zeigt immerhin auf, was getan werden sollte, um propagandistisch für das Judentum zu wirken. Es genügt nicht allein für Israel zu werben, gewiss, hier werden jüdisches Leben und jüdische Leistung von achtungsgebietendem Ausmass gezeigt und bewiesen. Aber es gilt auch das Individiuum, den einfachen jüdischen Menschen der grossen christlichen Umwelt vorzustellen und zu zeigen, das “er ist wie du”. Wagen wir uns heran, das “Kleine” zu beeinflussen: den Mann von der Strasse, den Studenten, Repraesentanten der Kirche, Zeitungsleute — ■eben Menschen wie du und ich. Ein Weg dazu kann die Werbung durch das Radio sein. Zu einer guten Zeitstunde sollte in spanisch 1-mal woechentlich ein halbstündiges Programm ablaufen, mit lebendigen, populaer gehaltenen Vortraegen über jüdisches Wollen, über den sittlichen Kern des uralten Volkes der Israeliten, ueber die Verdienste der Juden in Bereichen der Wissenschaften, .der Kunst und des Sozialismus. Der jüdische Wissens, und Taetigkeits-Komptex ist derart weit und reich, dass man in dieser Beziehung keine Themensorgen zu haben braucht. Propaganda ist Beeinflussung. Wir haben es noetig, Menschen zu beeinflussen, aufzuklaeren und zu neuen ■Erkenntnissen zu führen. Unsere Gemeinschaft in La Paz (und auch anderswo in Bolivien) lebt zu sehr für sich, uns fehlt die Tuchfühlung?um christlichen Nebenmann. Diese Reservation führt zur Isolation, die unserer Gemeinschaft schwersten moralisch-geistig-politischen Schaden zufügen kann. Ueber die Radiowerbung hinaus, sollten auch mehr als bisher die christlichen intellektuellen Kreise in Bolivien kultur-politisch und religionsphilosophisch im jüdischen Sinne bearbeitet werden. Es waren einige Anfaenge zu verzeichnen, die aber wieder versandet sind. In den Raeumen des “Circulo” und in andern jüdischen Organisationen haeufen sich in gewaltigen Mengen Broschüren und andere Aufklaerungsliteratur ueber das Judentum, die aber fast niemals den interessierten Leser erreichen. Grosse Betraege, die die juedische Weltgemeinschaft zahlt, werden so sinnlos vergeudet. Es waere hohe Zeit, einmal System in Drucklegung und Zeit - Kommentar DIE RATTEN Am Donnerstag (27.) erhielten wir gegen 11 Uhr vormittags einen Telefonanruf. Der Anruferide sagte ungefaehr folgendes: "Das Echo kann ja immer wundervoll Deutsche angreifen, wir wollen jetzt einmal sehen, was Ihr Blatt nun zu den jüdischen Verbrechern und Schiebern sagen wird". Als wir nach dem Namen des Anrufenden fragten, wurde uns etwas unverstaendlichgenuscheltes mitgeteilt und bevor wir auf die Worte etwas erwidern konnten, wurde die Verbindung unterbrochen. Diesen Anruf finden wir aber immerhin derart interessant, dass hierzu Stellung genommen werden muss. Es dürfte sich u.E. erübrigen, dass "Das Echo" die moralisch© Seite der kürzlich vorgekctmmenen Schmuggelaffairen beleuchtet, da wohl jeder unserer Leser weiss, dass wir solche "Geschaefte" auf das Schwerste verdammen und dass gerade "Das Echo“ mehr als einmal seine Leser auf das Energischste darauf hinwies, auf das Korrekteste bolivianische Gesetze zu achten. Für jeden sauberen und anstaendigen Menschen ist es selbstverstaendliche Bürgerpflicht, einwandfrei zu leben und die staatlichen Anordnungen zu achten. Ganz besonders aber gilt dies fuer "Gringos", fuer Nicht-Bolivianer, die in diesem Lande Gast sind und für die freundliche Aufnahme, die Bolivianer ihnen gewaehrten, dankbar zu sein haben. Aber Dankbarkeit hat auch ihre Grenzen. Wir fordern Recht und Gerechtigkeit, da wir in einem demokratischen Staat leben. Wohl fast taeglich werden Contrabandisten gefasst, in den seltesten Faellen hoert man'davon. Unter diesen Schmugglern befinden sich Angehoerige aller Nationalitaeten, aber kaum wird in den offiziellne Notizen die Nationalitaet des Extranjero angegeben; dies bleibt lediglich bei "Semiten" Vorbehalten. Es gibt unter den Bolivianern gute und miserable Menschen, genau so wie in jeder Nationalitaetenklasse, genau so wie bei den Juden. Diese unfreundlich eingeschalteten Adjektive bei Nennung eines jüdischen Verbrechers sollten bei Meldungen demokratischer Zeitungen wirklich nicht Vorkommen. Aus den Namen ergibt sich ja fast immer der nationale Ursprung des Taeters, wozu noch diese boshaften Diskriminierungen? Um auf das oben angeführte Telefongespraech zurueck zu kommen, so war dieses reichlich dumm und der uns darin gemachte Vorwurf toericht, da wir uns niemals mit privaten und geschaeftlichen Handlungen von "Deutschen" auseinandergesetzjt haben; wir haben in den Spalten dieses Blattes "Deutsch" stets als Politicum behandelt. Im Uebrigen wissen wir, dass das von allen anstaendigen Juden auf das Heftigste verurteilte Verbrechen von Warenschmuggel, für so manche (auch boliv. politische Kreise) ein praechtiges antisemitisches Fressen war. Nach altem Brauch beschuldete man wieder einmal nicht "den" Juden sondern "die" Juden — eine Auslegung, die moralisch oberfaul ist. Juden sind Menschen, sie sind keine Engel. Auch bei Juden gibt es Schwarze Schafe,, die für die jüdische Allgemeinheit eme Belastung darstellen. Unsere zahlreichen christlichen Leser dürfen es uns glauben, dass wir ehrlich und gründlich von diesen Schwarzen Schafen innerhalb unserer Gemeinschaft abrücken und von der bolivianischen Justiz die gerecht© Strafe für die jüdischen Gesetztesuebertreter fordern. Aber wir verlangen Gerechtigkeit — und Gerechtigkeit sollte (sollte!) unteilbar sein! lukusta, Verteilung von Werbeschriften zu bringen. Es ist anderseits dringend notwendig, dass der Juedische Weltkongress seine Werbearbeit erweitert durch gut besprochene Tonbaender, Schallplatten und volkstümlichen (mit Bildern versehene) Werbeblaetter. In La Paz selbst koennte das Radio bedient werden durch den Rabbiner, durch Lehrer der Juedischen Schule, durch judenfreundliche Christen und durch viele andere Menschen die zu dieser juedisch-christlichen Zusammenarbeit aufzurufen waeren. Andere Religionsgemeinschaften organisieren ganz ausgezeichnete Sendungen, nur die jüdische — die es am noetigsten hat — geht an wichtiger Aufklaerungsarbeit vorbei. Der Jischuv Bolivien ist in eine derartige Lethargie verfallen, dass dieser Zustand für juedisch-ver.antwortungsbewusste Menschen beaengstigend ist. Unser Wohlleben bringt schwere Gefahren, es macht schlaefrig und egoistisch. Wir sehen nur die philosemitische Maske, aber erkennen nicht das wahre Gesicht unseres christlichen Mitmenschen. Viele der bolivianischen Christen sind uns zweifelsohne Freund, aber “Viele” sind zu wenig für unsere Sicherheit! Es genuegt nicht, wenn einige unserer Personen Mitglied von christlichen Gesellschaftsclubs sind, es ge- »nuegt nicht, dass wir eine Bolivianisch-israelische Kulturorganisation haben, es genuegt auch nicht, dass wir eine Juedische Schule haben,- die stark von christlichen Kindern besucht wird -- was wir brauchen, ist eine Erfassung der weiten christlichen Kreise, die heute noch ausserhalb einer christlich-juedischen Sympathie stehen und daher aeusserst anfaellig für judenfeindliche Parolen sind. Diese Kreise sollen wir nicht unterschaetzen; wir sollen uns sehr ernsthaft bemuehen, diese Kreise zu konstantfreundschaftlichen Gefühlen für uns zu erziehen. “Das Echo” tut in dieser Hinsicht was es kann — aber es ist ja leider nur ein “Ein-Mann-Betrieb” und daher bleibt sein Aktionsradios begrenzt. Hoffen wir, dass diese Zeilen einigen unserer lokalen “Prominenten” den Weg zu einer inmens wichtigen jüdischen Arbeit weisen werden. Ihnen, lieber und verehrter Echo- Freund, verbleibe ich in freundschaftlicher Verbundenheit als. I h r s ■ B s 8 Im ‘ ECHO: Bericht über den 15. Zionistenkongress und eine interessante Debatte über das aktuelle Thema: IST DER ZIONISMUS UEBERHOLT? IUI S! IW D00A