Mannheim
Compact Memory

Das Echo · 1960-05-15 · 224 (15.5.1960) · p. [Seite 5]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Echo
Volume
10 (1959-1960)
Issue
224 (15.5.1960)
Date
1960-05-15
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/9620162-9632912-9625874--400-9625879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

50. 15. Mai 1960. ‘DAS ECHO 5. Oie am ¡"Id, ist stung Wafb. “ie mit , Geiw Qua. rfaehigen rarkt im tat na- Schwiebestehen. Offenes die sind, wird wölb. chten: 45 ein Kind, ^rten aus eren auf, Prozent) achen und die Funk- Bewegung an deren Strochangelegte ten, wobei eilen: Psy. Einfluss anzielle Unenschaftliche Bewegung sich jetzt umfassendiesem Gele Förderer Ansicht zum Stesemi •denw*Si Weden iahrei*efl »¡?si OegenO“1 heu «gV ässeni word611- Trotz des jahrelangen Abstreitens and Beschoenigens ist es nicht mehr moeglich, dass Anwachsen einer breiten antisemitischen Stroemung in der Bundesrepublik zu übersehen. Die Symptome mehren sich mit einer be- . aengsiigenden Schnelligkeit und koennten bereits den Inhalt eines neuen “Braunbuchsi1' ausfüllen. Nicht Schweigepflicht ist geboten, sondern . Alarmzustand, die aktive kaempferische Stellungnahme und das ununter, broebene Enthüllen und Aufdecken des Antisemitismus, wo und wie er sich auch versteckt. In einem solchen Augenblick mag es nützlich sein, an die Gedanken zu erinnern, die Jean-Paul Sartre 1945 dem Thema widmete. Es ist nachgerade selbstverstaendlich, dass die “Betrachtungen zur judenfragö“ nichts an Wert oder Aktualitaet eingebüsst haben; am wenigsten in der Bundesrepublik. Dass Buch erschien übrigens vor Jahren in einer deutschen Übersetzung und ist, soweit mir bekannt, heute vergriffen. Eine Neuherausgabe würde sich zwingend ergeben. Es kann sich hier nicht darum han- ■ deln, einen Überblick über die Gesamtheit der von Sartre mit reichem Überfluss vorgetragenen Ideen zu geben, ich moechte mich noch nicht einmal bej der These des franzoesischen Phi. losophen aufhalten, nach der der Antisemitismus durch keine objektive gese'lschaftliche Ursachen, sondern durch ein freie menschliche Entscheidung .hervorgerufen werde. In ihrer Absolut, heit ist sie unhaltbar, als Ergaenzung ist sie jedoch von grossem .Wert. Sartre seflbst macht Einschraenkungen, indem er auf die deutsche Inflation oder darauf verweist, dass der Antisemitismus eine Angelegenheit bürgerlicher Schichten und nicht der Arbeiterklasse sei.Unabhaengig von dieser These ist jedoch der Versuch, die psychologische Mechanik des Antisemitismus zu enthüllen, aeusserst frucht. bar. Der Philosoph entwirft ein psychoanalytisches Portraet des Antisemiten. Und das ist aufschlussreich und überzeugend. Auf diesem wichtigen Gebiet ignorieren wir noch viel, waehr. ■end an oekonomiscb-soziologischen Untersuchungen kein Mangel ist. Der Antisemitismus entstehe unabhaengig von allen objetiven Tatsachen. Der Trugschluss, zu dem er angeblich führte, sei in Wahrheit von Anfang an dagewesen. Zur Beweisführung zitiert der Verfasser eine Reihe von Beispielen, die er seiner persoenlichen Erfahrung entnommen hat (um es Unwissenden zu sagen: Sartre ist kein Israelit). Ein Maler sagte ihm, er lehne die Juden ab, “weil sie mit ihren kritischen Eigenschaften mein Hauspersonal zur Disziplinosigkeit ermutigen”. Ein talentloser Schauspieler, weil die *}uden seine Karriere verhin. dert haetten. Ein Studienkollege beklagte sich, weil er bei den Prüfungen durchfiel. Er war jedoch der Siebenümdzwanzigste auf einer Liste, von der nur zwoelf das Examen bestanden. Selbst wenn man die Juden ausgeschlossen haette, waere er nicht durchgekommen. “Damit sich mein Kollege entrüstete, musste er im voraus eine bestimmte Idee vom Juden, von seiner Natur und seiner gesellschaftlichen Rolle angenommen haben”. Im,Anfang war nicht irgendeine Tatsache (die hier sowieso voellig imaginaer -war, und wie oft trifft das zu!), sondern die antisemitische Entscheidung, Die Frau, die ihren Antisemitismus damit begründet, dass che Kiir. schner ihren Pelz verbrannt haetten, ist nicht anders, Sartre fragt: “Warum entschied sie sich, die Juden zu hassen und nicht die Kürschner? Warum die Juden oder die Kürschner und nicht den besonderen Juden oder den besonderen Kürschner?“ Es handelt sich um keine Meinung, die sich aus einer sorgfaeltigen Der Mitarbeiter der “Anderen Zeitung” (Hamburg) Heinz Abosch beschaeftigte sich kürzlich mit einem Buch, welches der bekannte franzoesische Existenzialphilosoph, Schriftsteller und Dramatiker Jean Paul Sartre im Jahre 1945 schrieb und welches denkscharf die Gründe des Antisemitismus aufzeigt. Wenn wir auch nicht mit aflen Formulierungen von Sartre einverstanden sind, so verdient dennoch diese Schrift Beachtung, weäi sie anregend und zum guten Teil mit einem treffsicheren Urteil ausgestattet ilst Prüfung einer Situation ergibt, sondern um eine Leidenschaft und zwar “die Leidenschaft von Zorn und Hass”. Der Antisemit flieht im Gegenteil das Denken und installiert sich in der Leidenschaft, die er um ihrer selbst willen liebt. Denn um keinen Preis moechte er sich überzeugen Hassen. Er hat sich auf die Insel seiner Leidenschaft, seines Hasses, geflüchtet und ist jeder Vernunft gegenüber immun. Nie wird sich ein Antisemit einem Juden überlegen fühlen :er weiss sich mittelmaessig. Aber das ist seine Staerke, denn nicht als einzelner will er sich bewaehren, durch seine Intel- Vergangenheit. Das ist seine “Groes. se”, die ihm kein Jude streitig machen kann. Aus diesem Grund ist er ihm überlegen. Gegenüber der Intelligenz mobilisiert der Antisemit die Mystik der Vergangenheit, der Geschichte, der “Blut-und-Boden”nRomantik nazistischer Erinnerung. Sartre nennt den Antisemitismus einen “Snobismus des Armen”. Wer sich ihm verschreibt, hat den Eindruck, einer Elite beizutreten, die einer Geburtsaristokratie voellig aehnlich sieht: Ich habe nichts getan, um meine Überlegenheit zu verdienen und ich kann sie auch nicht mehr verlieren. Sie ist £KT^5<^><K><C^(><C^KZ^CKZr>00<C>0(KCr>00<rr>00<^^C)<=>0(}<=>0(><^>0!><Z2 t Bruder - reiche deine Hand,,. v Bruder, reiche deine Hand (] Dem Menschen, der wie du! § Wende dich ihm zu, A Knüpfe neu das Band,, A Gott in dir, g Gott in ihm; jj Das sind wir! 5? Dir geziem' '' Mensch zu sein, Mensch ganz klein. Bist nicht mehr als jener auch, Bruder, den es anders dünkt! Denke, wenn das Grab uns winkt. Sind wir alle nur ein Hauch! EDWIN HALLEligenz oder Leistung, sonder als Gruppe. “Der Satz: “Ich hasse die Juden“ gehoert zu denen, die man in einer Gruppe ausspricht. Indem man das tut, schliesst man sich einer Tradition und einer Gemeinschaft an : denen der Mjttelmaessigen”. Der Antisemit lehnt die Intelligenz ab, die er als jüdisch verschreit. Er glaubt, seine Staerke zu finden in “seinem” Land, in “seiner” tausendjaehrigen Geschichte, in den Sitten “seiner” Ahnen usw. Er braucht nichts selbst zu erwerben, alles wird ihm gegeben, seine Kraft liegt in der mir ein für allemal gegeben: sie ist eine Sache, “‘Alles ist geloest. Er wird selbst eine Sache wie ein Gestein. Um seine eingebildete Überlegenheit zu behalten, benoetigt er den Juden Waeren alle Israeliten ausgerottet, wie er es wünscht, dann, würde er’ sich als Hauswart oder Ladenbesitzer in einer stark hierarchisierten Gesellschaft wiederfinden, wo die Eigenschaft des “wahren Franzosen” (oder “wahren Deutschen”) sehr billig waere, da sie jeder haette... So ergibt sich der Antisemit durchaus nicht als der “starke Mann”, in UrinAÎ ORIGINAL “Eau de Cologne” VON DER AELTESTEN BESTEHENDEN EAU DE COLOGNE — FABRIK! Alleinvertrieb fuer Bolivien: HANSA LTOA. dessen Pose er fortwaehrend erscheinen will. Nichts ist unechter als das. Sie dient ihm dazu, seine eigentliche Schwaeche und Feigheit zu verbergen. Aus diesem Grund lehnt er die Vernunft als Terrain menschlicher Auseinandersetzungen ab und verschanzt sich hinter der “Groesse“ seiner Ahnen, die ihn selbst erheben soll. Dieser Mummenschanz ist gerade die Flucht vor der menschlichen Groesse und vor jeder Verantwortung. Der Antisemitismus entspringt einer vorgeschichtlichen primitiven Mentaütaet, wonach es in der Welt ein gutes und ein boeses Prinzip gebe. Der Jude ist die Verkoerperung des Boesen, der Antisemit des Guten. Zwischen beiden herrscht ein Kampf auf Leben und Tod, der nur mit dem Untergang des einen enden kann. Der Jude ist der Traeger des Boesen, wobei es keine Rolle spielt, dass er einmal zum Schrittmacher des Kapitalismus, ein andermal des Sozialismus ernannt wird. Er traegt das boese Prinzip in sich wie Pestbazillen und deshalb muss man sich vor seiner Berührung hüten, ihn isolieren und schliesslich ausrotten. Und Sarte erinnert daran, dass eine der ersten antisemitischen Massnahmen der Nazis das Verbot für Juden war, oeffentliche Badeanstalten zu benutzen. Der Antisemit prüft nicht die bestehende Gesellschaft und versucht, sie umzugestalten, er will sie vom Boesen, d. h. vom Juden “reinigen”. Für Sartre gibt es keinen anstaendigen” Antisemiten, diese Auffassung schliesst den Mord in irgendeiner Form in sich: “Gewiss, alle Feinde des Juden verlangen nicht seinen Mord am hellichten Tag, aber die von ihnen vorgeschlagenen Massnahmen, die alle seine Erniedrigung, seine Entehrung, seine Verbannung bezwecken, sind Ersatz für den Mord, über den sie in ihrem Innern nachsinnen: es sind symbolische Morde”. Der Antisemit ist ein Verbrecher: “Auch hier flieht er seiner Verantwortung, er hat seine Mordinstinkte zensiert, aber er hat das Mittel gefunden, sie zu befriedigen, ohne sie sich einzugestehen. Er weiss, dass er boese ist, aber da er das Boese für das Gute tut, da ein ganzes Volk von ihm die Befreiung erwartet betrachtet er sich als einen geheiligten Boeseif”. Und er hat die Feigheit gewaehlt, denn er weiss sehr wohl, dass der Jude nicht die gewaltige Übermacht darstellt, von der er schwaetzt, sondern eine schwache Minderheit. “Aber da das Boese sich für den Antisemiten in diesen entwaffneten und so wenig gefaehrlichen Menschen verkoerpert, befindet dieser sich niemals in der peinlichen Lage, heldenhaft sein zu müssen: es ist amüsant, Antisemit zu sein. Man kann Juden ohne Furcht schlagen und foltern”. Sartre beschliesst sein glaenzend gezeichnetes Portraet, indem er sagt: Der Antisemit ist ein Mensch, der Angst hat. “Nicht vor den Juden, gewiss: vor sich selbst, vor seinem Gewissen, seiner Freiheit, seinen Instinkten, seiner Verantwortung, seiner Einsamkeit, vor der Veraenderung, vor der Gesellschaft und vor der Welt, vor allem ausser den Juden. Er ist ein Feigling, der Angst hat, seine Feigheit einzugestehen, ein Moerder, der seine Mordtendenz zensiert, ohne sie unterdrücken zu koennen und der dennoch nur bildhaft oder im Anonymat der Menge zu toeten wagt, ein Unzufriedener, der nicht zu revoltieren wagt aus Furcht vor den Folgen seiner Revolte”. Er überzeugt sich, dass sein Platz in der Welt ein für allemal gegeben sei, “dass er auf ihn wartete und dass er, einer Tradition entsprechend, das Recht habe, ihn zu besetzen. Mit einem Wort ist der Antiseniitimus die Angst vor dem Menschsein. Der Antisemit will unbarmherziger Fels sein, reissender Strom vernichtender Blitz: alles, nur nicht Mensch".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.