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Das Echo · 1960-02-17 · 219 (17.2.1960) · p. [Seite 8]

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Journal
Das Echo
Volume
10 (1959-1960)
Issue
219 (17.2.1960)
Date
1960-02-17
Page
[Seite 8] (sequence 8)
Language
German
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das echo 17. Februar 1960 KULTUR UND TECHNIK Die Bilanz im Weltraum gestaltet sich zur Zeit mehr und mehr zu einer Rechnung, bei der fast ausschliesslich auf der sowjetischen Seite Habenwerte vorhanden zu sein scheinen. Den Wissenschaftlern hinter dem Eisernen Vorhang sind letzthin zwei Würfe von Ausmass gelungen: Der Schuss in den Mond und der Schuss um den Mond. Den Amerikanern sind nach ihrem letzten Vorbei-am-Mond saemtliehe Abschüsse technisch danebengeraten. Das heisst, ob es ihnen moeglich waere, mit der ballistischen Leistung der Moskauer gleichzuziehen, steht nur von einer Seite her zur Debatte: der Seite des Funktionierens ihres Raketenmaterials hinsichtlich Zündung. Abloesung der einzelnen Stufen usw. Es ist besonders wichtig, dies festzustellen, da von verschiedenen Seiten letzthin die mathematisch-teoretische Faehigkeit des USA-Teams in Frage gestellt worden ißt. Man wird gut daran tun, diese Seiten des Problems der Raumforschung klar voneinander zu trennen und aus dieser Trennung die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Das technische Versagen der Amerikaner wird vor allen Dingen die militaerisch interessierten Kreise beschaeftigen, zumal nachdem in Washington von führenden Fachleuten darauf hingewiesen wurde, dass es Leuten, die den Schuss um den Mond zustande brachten, auch jederzeit moeglich sein werde, alle beliebigen Punkte des Erdballs mit genau gezie'ten Raketengeschossen zu belehn. Das hat aber mit genau gezielten Raketenbh tengeschossen zu belegen. Das hat aber mit der wissenehaftlichforscheri^chen Seite der Sache nur indirekt zu tun. In der Sowjetunion ist offensichtlich eine exakte Koordinierung aller Raketennrojekte das Alpha und Omega zur Erklaerung das bis jetzt erzielten aufsehenerregenden technischen Erfolges. Darauf deutet schon die spielerische Leichtigkeit, mit der die enormen SchvjhUvpofte aufgebracht wurden, um gewichtige ballistische Koerper in exakte interplanetarische Bahnen zu dirigieren. Es ist dies die gleiche Beobachtung, die bereits bei den ersten Sputniks zu me-Viop war. Die sowjetischen Raumkoerper haben die Gewichtsklasse mili- Probleme der Raumforschung taerischer Geschosse und übertreffen diese sogar zum Teil. In den USA hatte man es bei Satelliten und sogar bei den Raumfernschüssen fast durchweg mit Koerpern von technischen Bestimmungen zu tun, die gegenüber kriegsstarken Geschossen vielfach geradezu wie Spielzeuge wirken mussten. Bei-anntlich waren die meisten der US4-Projekte zwar mit militaerischen Unternehmungen verknüpft, und die Abschussraketenstufen entsprachen militaeri^ch geeigneten und auch verwendeten Modellen, aber es war einesteils eine enorme Zahl von gesonderten Unternehmungen zu verzeichnen, und die Mehrzahl von ihnen stand andererseits mit den diversen Zweigen der Wehrmacht, wenn überhaupt, dann nur in bedingter Fühlung. Das ist erst kürzlich geaendert worden. Die Sowjets haben das Abschiessen von Erdsatelliten aller Art zugunsten des eigentlichen Raumprogramms seit einiger Zeit voellig vemachlaessigt — was nicht heisst, dass sie es nicht wieder aufnehmen werden. Die Amerikaner haben hingegen das eigentliche Erdsatellitenprogramm noch intensiviert und letzthin insbesondere — mit wechselndem Erfolg — auf die Erkundung der Moeglichkeiten für d;e WVfiereinbringung von im Raum geloesten Kapseln abgestellt. Dass soll natüriVb als Vorgereitung für bemannte Weltraumfahrt angesehen werden. Von den Sowjets weiss man, dass es ihnen mehrmals geglückt ist, Versuchstiere aus dem Raum zurückzubringen: den USA ist ebenfalls bereits der Nachweis gleicher Erfolge zuzuschreiben. Von beiden Seiten werden weitergehende Raumplaene berichtet: Venus und Mars stehen auf der Agenda. Niemand weiss genau für wann, niemand wejss, wer de rErste sein wird, der praktisch an diese Projekte herangehen wird. Indessen haben sich weitere Probleme ergeben, die für künftige Raumfahrt nicht allzu anspornend genannt werden koennen. Einmal hat man in Erdnaehe einen weiteren, dritten, gefaehrlichen Strahlungsgürtel entdeckt, dessen Ueberwindung groesste Aufmerksamkeit und allerhand weiteres Experimentieren erfordern wird, ehe man Meschen ins All zu schiessen in der Lage Pt. Zum Zweiten Pt der M-m dumsegler Lunik III ploetzlich mit der Uebermittlung seiner Signale verstummt, und die einzige bislang vorgebrachte Erklaerung hierfür ist die, das er von einem Meteoriten getroffen worden sei. Die Zahl der im Raum befindlichen und auftauchenden Meteoriten ist voellig unbekannt, und es gibt auch keinerlei Daten,, die eine auch nur irgendwie rationale Errechnung ihrer Zahl moeglich machen koennte. Noch unmoeglicher wird damit die statistische Erfassung eines Wahrscheinlichkeitskoeffizienten für die Gefaehrdung v"" Raumschiffen durch Meteoritentreffer. Aber es gibt ausserordentlich zu denken, das der einzige künstliche Raumkoerper, der sich zur Zeit auf einer Bahn befindet, die jenseits der Mondentfernung und um die Erde führt, ausgerechnet von einem groesseren oder kleineren Meteorstein getroffen worden sein soll, wenn die Zahl der natürlichen Weltraumprojekte nicht erheblich grosser ist, als wir sie nach den in der Erdatmosphaere aufglühenden Schwaermen oder Einzelgaengern und nach den wenigen anderen Angaben annehmen koennen. Das Risiko war bislang als sehr geringfügig angesehen worden. Gibt es keine andere Erklaerung für das Verstummen des Lunik III, dann muss man den Gefahrenfaktor mit anderen Richtlinien berechnen, als es üblich war. Die Einzelheiten der Lunik III-Reise sind ri'-ch a'Pmvenig publiziert, als da" man die technischen Daten seiner Fahrt mit Genauigkeit untersuchen koennte Weder ist über die Schusskurve eindeutiges Material zugaenglich — es ist z B. weder mit Sicherheit feststebbar, oh er gegen die Erdumdrehung oder mit ihr abgefeuert wurde; die sowjetischen I Rildpublikationen deuten auf die erste, 1 die amerikanischen deuteten zunaechri auf die zweite Schussrichtung — noch liegen absolut exakte Angaben über Erdnaehe und Erdferne vor. und auch die Exzentrizitaet der schliesslichen Ellipse ist noch nicht voellig exakt gegeben. Die Amerikaner haben spaeter die sowjetischen Schusskurvenbilder übernommen, ohne jedoch die Antinomie ihrer ersten Errechnungen mit diesen ausdrücklich zur Sprache zu bringen. Die bis zur Stunden vorliegenden Reproduktionen der von der Rückseite des Mondes gelieferten Photos zeigen eine Hoehe der technischen Leistung, die auch die Amerikaner ausserordentlich verblüfft hat und die in der Feinheit der Graduierung die von amerikanPchen Satelliten gemachten Erdaufnahmen nach amerikanischen Angaben bei weitem übertrifft. Abgesehen von diesen kartographischen Feststeüungen sind noch wenig wissenschaftliche Daten geliefert worden. Das Bemerkenswerteste von ihnen ist die Mitteilung, dass der Mond doch ein magnetisches Feld besitze, das allerdings nur 5 v. H. der Staerke des magnetischen Feldes der Erde betrage. Nach den kartographischen Angaben ist die Mondrückseite übrigens erheblich gebirgiger als die uns zugewandte. Darüber hinaus überstürzen sich Meldungen von neuen Theorien über das All. Hinsichtlich des Pflanzenwuchses auf dem Mars will man neue positive Anhaltspunkte gewonnen haben. Die Berechnungen hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit des Bestehens von Menschen bewohnter Himmelskoerner unter den zahllosen Trillionen von Erden in den verschiedenen Milch~trassensystemen haben neue Theorien erbracht. Es bestehen von ernsthafter wissenschaftlicher Seite Plaene für die Erprobung von Signalau"tau"ch mit solchen kosmischen, menschenartigen Geschoepfen. Die Theorien über die chemische Beschaffenheit etwaiger Atmosphaeren auf Koerpern unseres eigenen Systems werden unentwegt Aenderungen unterzogen u=w. — Man wird zu allen diesen Dingen au~führb’ch Stellung nehmen koennen, sobald die ersten wissenschaftlich ein"ehenderen Berichte über den Lunik ITT vorliegen. Sie sind für absehbare Zeit in Aussicht gestellt. 2 5 BUECHER - die das Leben veredeln Charles Van Doren, der junge Profesor der Columbia Universiaet, der sich durch sein erstaunliches enzyklopädisches Wissen in einer Quiz Fernsehsendung ein kleines Vermoegen errang und seither so etwas wie ein Salonloewe ist. hat eben in einer Wochenzeitung mit Millionenauflage einen Artikel veroeffentlicht, der lebhaft besprochen wurde. Van Doren meint da, es gebe verschiedene Ansichten darueber, wozu Erziehung gut sei. Einige sagen, um aufs Leben vorzubereiten, andere, um aus uns gute Staatsbuerger zu machen, andere, um uns zu lehren, was in der Welt vorgehe. Van Doren behauptet nun, noch wichtiger sei, dass Erziehung uns ueber die Vergangenheit und Tradition aufklaere. Die Vergangenheit habe Einfluss auf die Gegenwart und die Zukunft. Und Tradition sei die Summe aller menschlichen Erfahrungen, die in der Welt je geschrieben und gelesen wurden, Es handle sich um die Klassiker, die Buecher, die unsere Welt bilden. Teil unseres Lebens sind . Van Doren, wie man sieht ein Romantiker, Humanist und keineswegs vom Materialismus, Pragmatismus oder gar Nihilismus erfasst, wie so manche seiner jungen Altersgenossen, stellt dann eine Liste von fuenfundzwanzig Buechern zusammen, die seiner Meinung nach wesentlich fuer eine gute Erziehung noetig sind, “um uns das Leben voll gemessen zu lassen”. (Alle Amerikaner suchen, seit Jefferson, “den Weg zum Glueck”) Er schliesst mit der Aufforderung, erst diese fuenfundzwanzig Buecher zu lesen und dann nach anderen zu greifen . Von den fuenfundzwanzig Werken — die Wahl ist auch bemerkenswert, weil Van Doren aus einer bekannten Professoren- und Dichterfamilie stammt — wurden nur drei in englischer Sprache geschrieben, eines davon von einem Amerikaner. (In anderen Laendern wuerde die Liste viel “nationaler” ausgefallen sein). Zwei Werke haben Deutsche zum Verfassesr, eines einen Oesterreicher. Acht Werke sind im alten Hellas entstanden (und es wird kaum jemand geben, der damit nicht einverstanden waere). Hier ist die Liste, die man, ob man nun beistimmt oder widerspricht, schon darum mit Vergnuegen lesen mag, weil der junge Literaturprofessor es verstanden hat, jedes eizelne Buch in einem einzigen oft sehr amuesanten Satz lebendig vor uns hinzustellen. Das ist kein kleines Kunswerk. wenn man es recht ueberlegt . Homer — Ilias: Das bedeutendste Kriegsbuch. Wir werden es vielleicht, erst dann nicht mehr lesen, wenn es keine Kriego mehr gibt. Homer — Odyssees: Das groesste Buch ueber “Heimkehr nach einem Krieg”. Aber wir werden stets nach irgendeinem Abenteuer heimkehren. Aeschylos — Orestie: Die erste und noch immer grossartigste Familientragoedie. Plato — Apologie, Phaedon, Kriton: Diese Essays handeln vom Tod des Sokrates, des weisesten Mannes alter Zeiten. Plato — Die Republik: Sekretes’ Utopie, die einzige, die Sinn hat. Aristoteles — Ueber Poesie: Das kuerzeste Buch in dieser Liste, aber es sagt alles, was man ueber Poesie sagen koennte und auch ueber Geschichte. Aristoteles — Ethik: Das praktischste Buch, das je ueber den Weg zum Glueck geschrieben wurde. Die Bibel: (Van Doren gibt, sehr weise, keine Beguendung). Augustinus — Gestaendnisse: Entbloesst «in grosses Herz. Und behandelt auch Schweigen — etwas was wir nicht mehr besitzen Bddier — Tristan und Isolde: Wiedererzaehlung einer alten Sage, die -choenste aller Liebesgeschichten. Dan- *e — Goettliche Komoedie: Das bedeu- ‘endste Buch ueber Hoelle, Erde und Himmel. Es endet gut — am Ende steht ''er Himmel. Montaigne — Essays: Montaigne war ein grosser Skeptiker. Jede" von uns ist zuweilen ein Skeptiker. Shakespeare — Dramen: Seine Stueke han dein von allen Arten Liebe, die ein Mann *uer einen anderen Mann hat — oder hier eine andere Frau. Cervantes — Don Quichote: Don Quichote war ein Mann der glaubte, wenn man nur die Welt fuer ehrlich haelt, werde sie ehrlich sein. Das Buch ist so heiter, weil er sich im Irrtum befand. Pascal — Gedanken: Das erste bedeutende Werk eines Mannes, der sich fragte, ob es einen Gott gebe. Man kann es deshalb das erste moderne Buch nennen. Voltaire — Candide: Das Buch eines Mannes, der nicht glaubte, diese Welt sei die beste aller Welten. Ist sie es denn? Goethe — Faust: Wiralle glauben heute, dass wir Faust sind, deshalb muss man das Buch lesen. Marx und Engels — Das Kommunistische Manifest: Der Glaube, in dem die andere halbe Welt zu leben vermeint. Tarwin — Entstehung der Arten: Legte den Grund zu unseren Anschauungen ueber die Matur. Dostojewski — Schuld und Suehne: Der Roman handelt von einem jungen Mann, der so eifrig den Glauben suchte, dass er zwei Menschen ermordete, um ihn zu finden. Es gelang ihm, aber ich hoHe, wir folgen nicht seinem Beisniel. Tolstoi — Krieg und Frieden: Das bedeutende Buch ueber die wundervolle morsche Welt, die in der Franzoesischen Revolution ihr Ende fand. Mark Twain — Huckleberry Finn: Der grosse amerikanische Roman. Handelt von Unschuld. der uns Amerikanern eigentuemlichen Eigenschaft. Freud — Psychopathologie des Alltags: Das amuesante Werk ueber alle die Dinge, die wir tun und gar nicht verstehen. Proust — Aufder Suche der verlorenen Zeit: Der Roman ueber den Untergang der alten Ordnung. Man sollte es vielleicht das traurigste aller Buecher nennen . Charles Van Doren fuegt hinzu: Die besten Buecher sind am leichtesten zu lesen, sie sind auch die reichsten, schönsten, humorvollsten, sonderbarsten, ueberraschendsten und verdienen am meisten, immer wieder gelesen zu werden. Wer nicht die besten Buecher lesen will, ist wie ein Mann, der Wasser dem Wein vorzieht — oder sich nicht an seine Liebesaffaeren erinnern will . Gibt es solche Menschen? Auskünfte in Versicherungsfragen / Credinform International, Lo-Paz C. Potosí 1230, Telefon 5623 J

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