Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 10 (1959-1960)
- Issue
- 215 (2.12.1959)
- Date
- 1959-12-02
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8. “DAS ECHO“ 2. Dezember 1959. Feuilleton: Ein Rabbi rettete Napoleon TEL AVIV — Als “General Win ter” im Jahre 1812 die Grande Armee I Napoleons dezimiert hatte und sich Bonaparte und die Reste seiner Truppen in wilder Unordnung über die Schneewüsten des westlichen Zarenreiches nach Polen zu retten versuchten, veriiess der Kaiser, nur von wenigen Adjutanten und Gardisten begleitet, seine Truppen und jagte im Pferdeschlitten, der Hiobsbotschaft vom Untergang der Grossen Armee voraus, gen Westen. Ihn trieb die Hoffnung, dass er in Frankreich noch in aller Eile eine neue Armee rekrutieren koennte, ehe der mit Sicherheit erwartete Nachstoss der russisches Armeen den Rhein erreichen würde. So jagte der Kaiser durch die dichtverschneiten Waelder bei Smolensk auf Wilna zu, die Hauptstadt Litauisch - Polens. Am zweiten Tag seiner heimlichen Flucht wurde seine Eskorte von Kosaken überfallen, und der Schlitten mit dem Kaiser konnte nur noch in letzter Sekunde den gefürchteten Reitern des Zaren auf ihren struppigen Pferdchen entkommen. Er flüchtete sich in ein kleines Sfaedtchen, das hauptsaechlich von Juden bewohnt war und dessen Rabbi, Joseph Laurie, ihn in der Synagoge versteckte. Die Kosaken, die den Offizier im Schlitten nur für einen desertierten Untertanen des Korsen gehalten und keine Ahnung hatten, wer ihnen da wirklich entkam, Hessen sich vom Rabbi in eine falsche Richtung weiterschicken, Als die russische Schwadron ausser Sichtweite war, holte der Rabbi den Kaiser und seine Adjutanten aus der Synagoge ,gab ihnen zu essen und zutrinken, versorgte sie mit warmer Kleidung und wies ihnen den Weg nach W.ilna. Der dankbare Kaiser schenkte Rabbi Laurie zum Abschied seine praechtige Uniform. Nur eine oder zwei der vielen Napoleon - Biographien erwaehnen diesen kleinen Zwischenfall etwa mit Worten wie: “Der Kaiser kam mehrmals in Gefechtsberührung mit seinen Verfolgern und entkam ihnen oft nur um Haaresbreite. Einmal verhalf ihm die Bevoelkerung zur Flucht.. Über Rabbi Laurie kein Wort. Dabei haette die Weltgeschichte wahrscheinlich einen sehr viel anderen Verlauf bekommen, wenn der Rabbi nicht so frankophil oder weniger couragiert gewesen waere. Laurie begründete seine Haltung spaeter einmal seinem Sohn gegenüber: “Napoleon war der erste christliche Herrscher in der Geschichte, der die Juden emanzipiert hat und Frankreich das erste Land der Welt, in dem Juden gleichberechtigte Bürger wurden. Es war also nur meine Pflicht den Kaiser zu retten...” ln der nicht ganz unberechtigten Sorge, die Russen würden die ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen und ihre Bewohner deportieren, wenn sie die kaiserliche Uniform im Hause des Rabbis faenden, naehte die Frau des Rabbis in aller Eile aus dem bestickten Stoff eine Decke für den Aron Kodesh (Schrein, in dem die heiligen Gesetzesrollen in der Synagoge aufbewahrt zu werden pflegen). So wurde von Generation zu Generation Schreindecke und Geheimnis weitervererbt, bis der Urenkel des Rabbis Joseph Laurie, Yeschayahu Laurie, die so seltsam verwandelte Reliquie des Korsen nach Israel brachte. Natürlich begegnete man dort der romantisch klingenden Legende um die Kaiseruniform mit wissenschaftlichem Misstrauen. Historiker befassten sich mit den geschichtlichen Grundlagen, Chemiker prüften das Gewebe und stellten fest, dass es tatsaechlich vor etwa 150 bis 200 Jahren in einer Webart hergestellt worden war, wiesie bei den Webern in Lyon, Marseille und anderen Textilzentren im Süden Frankreichs damals gebraeuchlich war. Alle Untersuchungsergebnisse bestaetigten die Echtheit der Laurieschen Angaben. Im Museum von Haifa ist heute die einmalige Schreindeckte aus dein Staatskleid des grossen Franzosenkaisers zu bewundern. Dort soll auch ein weiteres Objekt von grossem historischen Wert für das Publikum zugaenglich gemacht werden, wenn die Experten seine De LA PAZ a LIMA Y CONEXION CON EL NUEVO VUELO LIMA PARIS por la RUTA MAS DIRECTA A EUROPA En un solo avión, con un solo asiento, un solo boleto, una sola noche a bordo.y sin necesidad de visas de tránsito. De París conexiones a toda Europa, Africa, Medio y Lejano Oriente. AIR FRANCE LA RED AEREA MAS EXTENSA DEL MUNDO / / . / /.. Edificio Krsul - 5o piso Avenida Camacho Te!. 11744 lAPAZ / / / r Echtheit bestätigen sollten :die berühmte “Maziejowka” ■ Mütze des Gründers des heutigen Polen, Marschall Josef Pilsudski. Im Sommer des Jahres 1920, auf dem Höhepunkt des sowjetisch - polnischen Krieges, durchbrachen die Kavalleristen des Marschall Budjenny und die Rotgardisten Tuchatschewskis in der Ukraine und Westrussland die polnischen Linien und rückten in Eilmaerschen auf Warschau zu. Ganz aehnlich wie 108 Jahre vor ihm Napoleon, veriiess Marschall Pilsudski mitten in den erbitterten Rückzugsgefechten seine Truppen und eilte in wilder Hast nach Warschau, um dort neue Truppen .auszuheben und eineletzte Auffangstellung vor den Toren der polnischen Hauptstadt aufzubauen. Die rote Kavallerie war dem Marschall dicht auf den Fersen: Als er Baranowitschi, die heute Sowjetweissrussland einverl^ibte ostpolnische Stadt, passieren wollte, musste er feststellen, dass bereits alle Strassen nach Westen und Süden von Sowjettrup—• pen abgeriegelt waren. In der Stadt selbst tobten wilde Strassenkaempfe, sowjetische Kavalleriepatrouillen durchkaemmten die Aussenbezirke. Pilsudskis Adjutant fiel, und der Marschall selbst konnte in hoechster Not gerade noch in das Gewirr des jüdischen Stadtviertels entrinnen. Es war früh am Freitagnachmitttag und die Barbiergeschafte waren noch geoeffnet. Ein jüdischer Friseur erkannte den Marschall an seinem typischen Baertchen und zog ihn am Aermel in das Halbdunkel seines Ladens. Er. riss ihm die auffaellige “Maziejowska”-Müfze vom Kopf und stülpte ihm seine eigene schwarze Filzkappe über. Dann warf er ihm einen Kaftan um,, schob den Marschall auf den Barbierschemel, seifte ihn ein und tat so, als wollte er ihn rajsieren. Das alles war das Werk von Sekunden. Dann stiess auch schon eine sowjetische Kavalleriestreife die Ladentlür auf. “Wir suchen nach einem polnischen Offizier, hast du ihn gesehen?” fragte der Führer der Sowjetpatrouiüle den Juden. Der schüttelte den Kopf: “Nein, Euer Gnaden, ich habe den ganzen Nachmittag lang unsere Leute rasiert. Heute ist doch Freitag, und wir müssen uns beeilen, um noch zur Synagoge zu kommen...’” Der Sowjetsoldat fluchte auf Polen und Juden und stürzte davon. “Wir haben Glück”, laechelte der Barbier dem Alarschall zu, als er ihn vom Seifenschaum befreite, “denn wie leicht haetten die Russen wissen koennen, dass fromme Juden am Freitagnachmittag keinen Bart scheren dürfen”! Bei Einbruch der Dunkelheit führte der Jude den Marschall auf Schleichpfaden aus der Stadt, in der die Sovvjets pliiderten und brachte ihn in ein Nachbardorf, wo er bei einem ihm bekannten jüdischen Gutsbesitzer ein Reitpferd auslieh. Pilsudski konnte nach Warschau entkommen, eine neue polnische Armee aufstellen und im August jenes “Wunder an der Weichsel” vollziehen, das Polen rettete und' die Sowjets über die Grenzen zurückwarf. Übrigens vergass er nie, dass ein Jude ihm das Lebenx gerettet hatte. Seinen Stellvertreter, den General Haller, dessen Truppen bei der Wiedereroberung von Baronowitschi das jüdische Viertel brandschatzten, Hess er absetzen und dem Barbier eine /Staatspensjon zuweisen, die bis zu Pilsudskis Tod im Jahre 1935 auch tatsaechlich zur Auszahlung gelangte. Als Andenken überliess er seinem Lebensretter auch seine “Maziejowskai’-Mütze, die er damals in Baranowitschi getragen hatte. Der Barbier und seine Familie wurden ein Opfer der Judenpogrome, die gerade in Ostpolen unzaehlige Menschenleben forderten. Aber Pilsudskis Mütze wurde von einem entfernten Verwandten in die Partisanenwaelder gerettet und fand nun mit ihm ihren Weg ins ferne Israel. Leo Heiman. 9999999994