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Das Echo · 1959-11-20 · 214 (20.11.1959) · p. [Seite 8]

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Journal
Das Echo
Volume
10 (1959-1960)
Issue
214 (20.11.1959)
Date
1959-11-20
Page
[Seite 8] (sequence 8)
Language
German
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DAS ECHO 20. November 1959. Anstatt wie andere Kinder schreiben und lesen zu lernen, wurde Miriam Schülerin von professionellen Gaunern und Taschendieben. In einem Alter, in dem andere Maedchen die Schule absolviert zu haben pflegen, hatte Miriam schon ein Strafregister, das laenger war als ihr langes schwarzes Haar. Sie war bald bei der israelischen Polizei als “Koenigin der Unterwelt’' und als “groesste Taschendiebin der Wellt” bekannt. Keines ihrer Opfer hatte jemals Verdacht geschoepft, dass di« elegant gekleidete, hübsche junge Dame, die sich im vollbesetzten Omnibus an sie lehnte, sie nur um ihre Brieftaschen erleichtern wollte. Miriam “arbeitete” auch in Postaemtern, auf Bahnhoefen, kurzum überall, wo das Gedraenge ihr dazu üngestoerte Betaetigungs - Moeglichkeiten bot. Sie verbrachte einen grossen Teil ihrer Jugend in Besserungsanstalten für minderjaehrige Delinquenten; aber alle Versuche, sie wieder auf den rechten Weg zu führen, schlugen fehl. Miriam hatte keine Berufsvorbildung und keinerlei Erziehung, aber sie wollte .auch nicht als Verkaeuferin, Fabrikarbeiterin oder Zimmermaedchen arbeiten. “Ich kann in einer Stunde mehr zusammenstehlen als ich in drei Monaten ehrlicher Arbeit verdienen koennte”, erklaerte sie den Polizeibeamten. Im Maerz 1959 kam eine Gruppe britischer Soldaten von Zypern herüber, um in Tel Aviv und Israel ihren Urlaub zu verleben. Unter ihnen befand sich der schlanke, gutaussehende David Eilis, Sohn eines prominenten englischen Geschaeftsmagnaten und Erbe eines mehrfachen Millionenvermoegens. Miriam hatte sich David als ihr naechstes Opfer ausersehen. — Doch dann begegneten sich ihre Blikke — und, wie beide spaeter eingestanden, “irgend etwas schien bum! zu machen, und mit einem Schlage war alles anders!” Anstatt Davids Taschen auszuraeumen, laechelte Miriam ihn an. Er lud sie in einen Nachtklub ein. Sie blieben waehrend Davids Urlaub ununterbrochen zusammen, und als die Stunde des Abschieds gekommen war, und er zu seiner Einheit in Zypern zurückkehren musste, überfiel er Miriam ploetzlich mit der Frage, ob sie ihn heiraten wolle, Natürlich sagte sie ja, aber sie gestand ihm nicht, wer sie wirklich war. Als David nach Zypern zurückflog, waren er und Miriam offiziell verlobt. Um ihn aber nun in Grossbritannien Wiedersehen zu koennen, brauchte Miriam einen Ausreisepass, und um diesen Pass wiederum zu bekommen, brauchte sie ein polizeiliches Führungszeugnis, in dem bescheinigt sein muss, dass der Name des Antragstellers nicht irgendwo in den Polizeiakten zu finden ist. David musste noch einige Monate in Zypern bleiben, bevor er demobilisiert wurde und nach England zu¬ “Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts” u i . * ^as ist die Liebesgeschichte des lahrhunderts” so beschrieben altgediente Offiziere der israelischen Polizei die Hochzeit der 19 Jahre alten Miriam Sasson, der “Koenigin der israelischen Unterwellt” mit dem 2 gelingen David Ellis, einem britischen Millionär. Miriam Sasson eine attraktive schwarzgelockte Schoenheit, ist die Tochter armer marokänischjudischer Einwanderer, die in einem Slum in der Naehe von Teil Aviv hausten. ISie kam also buchstaeblich auf der Schattenseite des Lebens zur Welt und die Armut und die Misere einer von Not und Kriminalitaet gezeichneten Umwelt liessen sie immer weiter vom Pfad der Tugend abweichen. rückkehren konnte, ln der Zwischenzeit musste Miriam das Leben im gleichen Stif fortsetzen, wie sie es bisher gewohnt war um ihre Angehoerigen im Slum zu ernaehren. So stahl sie also weiter und fiel abermals der Polizei in die Haende. Zu ihrem Glück traf sie auf einen weiblichen Richter, Mrs. Ogen, die der phantastisch klingenden Geschichte von Miriams Liebe Glauben und Verstaendnis schenkte. Die Richterin fragte die anwesenden Pofizeibeaniten: ‘jW.as glauben ¡Sie? Ob die Heirat mit diesem Englaender Miriam vielleicht auf den rechten Weg bringen koennte?” — “Wir sind davon überzeugt”, meinte die Polizei. Miriam wurde also nicht zu Gefaengnis verurteilt, und die Polizei wurde Ingeborg wechselte die Lehrer und die Schule hoechst ungern. Trotz allen guten Willens gelangte sie in kein befriedigendes Verhaeltnis zur neuen Schule, weder zum Lehrplan noch zu den Lehrern, waehrend ihr die Verstaendigung mit den Schutkameradinnen in der neuen Stadt ungleich leichter fiel. Bis eines Tages... Ja, da erloeste sie unvermutet ein heiterer Vorfall, der im Grunde genommen durchaus ernst und voellig schulgemaess war, von ihrer Scheu gegenüber der Schulle. Dr. Laechler war schuld! Nicht nur, dass Dr. Laechler sie bisher auffaelliger, als schicklich sein mochte, gemustert hatte —■ sie sah südLaendisch und fremdartig aus, das wusste sie! — er fragte sie auch immer zuerst, weil dies bei Neuen in der Klasse wohl üblich sein mochte. An dem Tage, von dem hier erzaehllt wird, schien er es besonders auf die Neue abgesehen zu haben. Dr. Laechler unterrichtete in mehr eren Faechern. Unmittelbar nach der Stunde, in der Fragen der Ethik behandelt worden waren, hatte er beispielsweise über Erdkunde zu unterrichten. Nach einer knappen Wiederholung der in der vorigen Unterrichtsstunde behandelten früheren Grenzlaender im Osten schien Oberstudierat Dr. Laechler ploetzlich das Thema zu wechseln; denn zur Verwunderung der Klasse sagte er, offenbar zurückgreifersucht, ihr ein Ausreisevisum nach Grossbritanien zu erteilen. “Aber ich gebe Ihnen den guten Rat, mein Kind, jetzt endlich eine neue und saubere Seite in ihrem Lebensbuch aufzuschlagen und Ihrem Verlobten und seiner Familie Ihre Vergangenheit ungeschminkt einzugestehen”, empfahl die salomonische Richterin der traenenvoflreumutigen “Koenigin der israelischen Unterwelt”. So flog Miriam nach London. Am gleichen Tage erfuhren die israelischen Zeitungen von der Affaere und berichteten alle Einzelheiten über Miriams Geschichte und das weise Urteil der Mrs. Ogen. Miriam beichtete in London ihrem Braeutigam und dessen GEOGRAPHIE UND LIEBE end auf die in der vorigen Stunde behandelten Dinge: “Wir wollen von der Liebe sprechen. Was wissen Sie darüber, Ingeborg?” Ingeborg erroetete. Unter dem zwingenden Blick des Lehrers erhob sie sich und hauchte, nach krampfhaftem Ueberlegen: “Liebe... Liebe ist Vertrauen und Zuneigung, ist...” Der Lehrer winkte ab. Restlos fatsche Antwort! Ingeborg setzte sich wie geschlagen, sie war dem Weinen nahe. Mit dieser Art Unterricht hatte sie sich nie befreunden koennen. “Welches ist der hoechste Berg Norddeut-, schlands?” fragte beispielsweise der Oberstudienrat. Der 972 Meter hohe Wurmberg bei Braunlage, wünschte er dann als praezise Antwort. Erika Streber, Ingeborgs Sitznachbarin, erklaerte wortflink als naechste, die sich über die Liebe aeussern sollte: “Liebe ist ein Gefühl, und zwar ein edles, der Gegensatz von Hass”. Dr. Laechler schien auch mit dieser Antwort unzufrieden zu sein, denn wiederum winkte er ab. Familie, dass sie eine Berufsver brecherin sei und die Koenigin der Diebe von Tel Aviv. Davids Familie verlor keineswegs ihre Haltung. Mit unerschütterlicher Noblesse nahm sie zur Kenntnis, dass ihr einziger Sohn. Erbe eines grossen Vermoegens, keine Dame der grossen Gesellschaft, sondern eine Taschendiebin aus Israel heiraten würde und schloss Miriam in die Arme. “Wir sind sicher, dass David und Miriam das glücklichste Paar in der Welt sein werden, wir wünschen ihnen alles Gute. Miriam braucht sich um ihre Vergangenheit nicht mehr zu sorgen, es ist alles vergeben und vergessen”. Miriam lebt nun mit Davids Familie in London. Im September fand die Hochzeit statt. — In Tel Aviv aber fiel den Polizeibeamten ein Stein vom Herzen: “Miriams Hochzeit ist das Beste, was uns passieren konnte. Seitdem sie nach England gegangen ist, laufen bei uns viel weniger Anzeigen über gestohlene Brieftaschen ein”. Die alten Gauner der Unterwelt von Tel Aviv sind dagegen der Meinung, dass ihr Gewerbe lange nicht mehr so amüsant ist, seidem die schoene Miriam ihren Beruf aufgegeben hat. Leo Heiman. Nun kam Hannelore Schrober, die Favoritin der Klasse, zu Wort: “Mit Liebe bezeichnet man die hoechstmoegliche Wertung von Menschen (Mer Dingen, verbunden mit dem Wunsch, das, was man so hoch wertet, auch für sich selbst früher oder spaeter zu besitzen...” Der Oberstudienrat wurde bei diesen gewandten, angelernt klingenden Ausführungen seiner besten Schülerin dunkelrot im Gesicht. Er richtete sich drohend auf und rief mit seiner droehnenden Bassstimme : “Die Liebe ist ein rechter Neben fluss der unteren Weichsel, durchfliesst verschiedene ostpreussische Seen, kommt bei Marienwerder in die Weichselniederung und mündet, als alte Nogat, in die Nogat. Nicht zu verwechseln, meine Damen, mit der Liebe — nein, nicht der Liebe, an die Sie hier im Erdkundeunterricht zu meinem Erstaunen denken — nein, der anderen Liebe in Ostpreussen, die noerdtich Rastenburg in die Guber mündet!” Karl Lütge. 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