Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 10 (1959-1960)
- Issue
- 212 (15.10.1959)
- Date
- 1959-10-15
- Page
- [Seite 7] (sequence 7)
- Language
- German
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15. Oktober 1959. “DAS ECHO” 7. Wenn das Theaterereignis, welches wir dem Gastspiel der “Kammerspiele” (Santiago) verdanken, mehr als vierzehn Tage zurück liegt und daher Kritik nicht mehr ganz aktuell ist, so soll diese dennoch in unserm Blatt erfolgen, da ein grosser Teil der Theaterbesucher daran interessiert ist und auch die, die nicht dabei waren, wissen wollen, “was eigentlich los war”. Wir wollen uns daher auf das Wesentliche dieser Aufführungen beschraenken. Vorerst mochten wir feststelen, dass die Olszewski-Bühne diesesmal — sowohl Reportoire als Ensemble — besonders gut in Form war und auch die Bühnenbilder befriedigten, sodass die Echo-Kritik in dieser Beziehung wohl nicht ganz fruchtlos war. Die Vorstellungsreihe begann mit MARIA STUART ein Werk, welches hohe Ansprüche an Regie und Darstellung erfordert. Diese, von Schiller vor ungefaehr 160 Jahren geschriebene Koenigstragoedie, atmet auch heute noch Gegenw.aertigkeit und laesst manche Parallelen zu auf c*ie Heutzeit. Dieses historische britische Spiel von der kalten, unglücklichen und ach so einsamen Koenigin Elisabeth und der schottischen Koenigin Maria, fand in den Hauptrollen erstklassige Interpreten, sodass schon dadurch der Auffuehrungserfolg gesichert wurde. Diese zwei schwesterlichen und doch extremen Frauennaturen wurden von der Regie (Heinrich Koch) aeusserst fein psychologisch differenziert. Die heroischfranzoesische Maria wurde von Alexandra Weitze mit aristokratischer Noblesse gespielt, mit. Klugheit und echtem Gefühl. Die grosse Rolle der Elisabeth fand in Sylvia Denzler eine hervorragende Darstellung; sie war ganz die puritanischbritische Regentin, wie man sie aus der Historie kennt und wie Schiller sie in seinem Werk zu literarischem Leben formte. Diese beiden Hauptdarsteller fesselten das Publikum von Anfang bis Ende. Der Mortimer des Günther Maflzacher war nicht ganz das, man sich darunter vorstellte; ihm fehlte die heisse Glut Schillerscher Sprache, er war mehr explosiv, als strahlend. In weiteren tragenden Rollen bewaehrten sich Haller (Leicester), Olszewski (Shrewsburry), ‘ Plate (Burgleigh), Clem (Amme) u.a. Die Inscenierung war eindrucksvoll, wenig erfreulich jedoch die “Gartenscene”, deren Dekoration alles andere war als ein “Garten” Die zweite Vorstellung hatte heiteren Charakter, man bot DREI MAENNER IM SCHNEE Erich Kaestner schrieb vor langen Jahren eine Kurzgeschichte, die er “3 iMaenner im (Schnee” nannte, diese gefiel, er machte daraus einen “Heiteren Roman” ,aus diesem entwickelten sich Funk- und Bild-Sendungen, danach wurde diese Story verfilmt und endlich vereinte sich Kaestner mit dem Dramaturgen Robert Neuner, um aus der Idee für eine Kurzgeschichte ein ““Lustspiel in 4 Akten” zu machen. Da das Stück glaenzende Rollen, dialogischen Witz besitzt, blieb Kaestner der Erfolg auch auf der Bühne treu. Trotzdem: wer den Roman kennt, wird das Stück weniger lustig finden, als die Buchfassung - aber es ist immerhin lustiger, amuesanter als viele anderen Lustspiele moderner Autoren. Diese heitere Angelegenheit von dem Millionaer, der das Leben des armen Mannes kennen lernen wollte, wurde beschwingt gespielt, die Regie Neureuther sorgte für eine saubere Komoedienatmosphaere, die Vergnuegen und Lachsalven ausloeste. Den Geheimrat “mit dem moralischen Pessimismus” spielte zum Umwerfen amüsant, Reinh.K.Olszewski; weitere gute Schauspielerleistungen: Malzacher als Dr. Scheinpflug (mit heiserer Bassermann-Stimme), Andree und Plate, und die Damen Zander, Weitze und Clem. Mit grosser Erwartung sah man der Auffuehrung von PROZESS JESU entgegen, ein Spiel von dem Italiener Diego Fabbri, ein Stück welches viel auf deutschsprachigen Bühnen gespielt wird. In dieser “Verhandlung” wird der Fall Jesu aufgerollt, die strittigen Fragen sind: a) Wer war Jesu?, b) Haben die Juden Jesu gekreuzigt? Es ist selbstverstaendlich dass in einem Theaterstück diese menschheitsbewegenden Fragen nicht geloest werden koennen; es wurde lediglich zu diesem Thema diskutiert, der Fall von verschiedenen Seiten beleuchtet, mit juristischen Finessen und menschlichem Gefühl. Die unzaehligen Facetten der Persoenlichkeit Jesu von Nazareth als Aufrührer, Idealist, Gottessohn, als Führer und Verführer gaben breiten Raum für eine theologisch-philosophische Vorlesung, die Fronten der roemischen Gewalt (Pilatus, der Statthalter von Pallaestina) und der hohepriesterliche ISynhedrion, mit der hoechsten Kompetenz religioeser und allgemeiner Gerichtsbarkeit, boten das bewegte und bewegende Pro und Contra zum Leben und Tode von Jesu. Wir freuen uns ,dass die “Kammerspiele” dieses Stück brachten, da es ein tiefdringendes Stueck ist, welches Mut besitzt zur Aussage, ein Werk, gescheit und menschlich mit Reflexionen und moralischen Wertungen bis in die Tage der Nazi-Barbarei. Ein Stück, welches anregt zur eigenen Fragestellung, welches den Besucher noch lange, nachdem der Vorhang gefallen, tief innerlich beschaeftigt. Wolfgang Haller inscenierte dieses antikmoderne Stück mit feinster Einfuehlung. Von den zwanzig Rollen des Stückes, die durchwegs gut besetzt waren, bleiben besonders erwaehnenswerf die Interpretationen von Olszewski und Sylvia Denzler; Frau Denzler zeigte sich in den Rollen der “Maria” und besonders als “Putzfrau” von einer derart erschütternden Tiefe, dass sie in ihrer Darstellung an Schauspielerinen wie Lehmann, Hoeflich und die Thimig erinnerte. Nach diesem gedankenreichen Problemstück, sah man ein Werk, welches man nur kopfschüttelnd betrachtete: MINIATUREN von Curt Goetz. Wie konnte dieser, bisher so witzige Autor, dieser alte Theaterhase derart mit seiner letzten Produktion versagen? Eine Erklaerung hierfür ist der Hinweis im Programm - lieft: Ein neuer Goetz zu seinem 70. Geburtstag (Aha., daher der senile Humor!). Diese drei Einakter: “Rache”, eine ziemlich alberne Anekdote dramatisch aufgezogen; “Herbst”, ein Stück voll Sentimentalitaet (“Jugenderinnerung..”), ertraeglich durch einen polierten Dialog und einer ausgezeichneten Darstellung. Das Schlimmste aber war das Hauptstück “Die Kommode”. Dieses dumme Stück im saechsischen Dialekt war das Farbloseste, was man sich denken kann. Hans Reimann haette wenigstens bessere saechsische Typen schaffen koennen als der Urberliner Goetz es tat. Es war keine Groteske sondern eine Burleske, mit Pointen, die mit Holzhammer serviert wurden. Wo sind die Zeiten hin, wo Goetz “Die tote Tante”, “Hund im Hirn”, “Hokuspokus” und andere Er-Goetzlichkeiten schrieb?.. Diesen vergreisten “Goetz” sollte Olszewski schnellstens absetzen und dafür die einstudierte nette Komoedie “Die Kinder Eduards” (von Bottomly) ansetzen. Der grosse Hoehepunkt des Gastj spiels war j FAUST I. Teil In dieser Aufführung spürte man die aussergewoehnlichen Mühen die aufgewendet wurden, um dieses gewaltige Stück Goethe-würdig herauszubringen. Die “Kammespiele” hatten das Glück den bekannten deutschen Regisseur Heinrich Koch fuer dieses Werk (ebenso wie für “Maria Stuart”) zu gewinnen, der eine grossartige, bewegliche und stark beeindruckende Aufführung inscenierte. “Faust” ist das repraesentative deutsche Drama; hier erlebt man die totale Verdichtung deutschen Wesens, deutschen Traeumens und deutscher Tat. Aber “Faust” ist dennoch mehr: es ist die Kraft des strebenden, mit sich ringenden Menschen, “der Vieles weiss, doch Alles wissen moechte”. Im Jahre 1808 erschien der 1 .Teil der Tragoedie, dem nach langer, langer Pause der 2. Teil der Dichtung folgte, die von der Befreiung Faust vom Pakt mit Mephistopheles berichtet. Die Geschichte vom Schwarzkünstler Doktor Faust ist uralt (sie erschien erstmals 1587) und regte viele grosse Geister (u.a. Goethe und Lessing) zur dichterischen Gestaltung an. Goethes “Faust” ist ein Werk voll dichterischer Schoenheit, von tiefer und edler Philosophie, von einem Universalismus, der nicht erdrückt, sondern | aufrichtet und zum Streben aufruft, i “Faust” (wie “Hamlet” von Shakespeare) ist in erster Linie ein Lesebuch, ein Buch welches man immer und immer wieder lesen sollte, um ganz den Tiefsinn und den dichterischen Reichtum, der diesem gewaltigen Geisterwerk innerwohnt, zu erfassen, um sich daran zu erfreuen und sich daran zu bereichern. Zu der Aufführung: Der ganze Handlungsverlauf spielte in einer Dekoration (die nur gering variert wurde): Gothische Seitenkulissen und Prospekt im Hintergrund; im Mittelpunkt der Scene ein grosses Podium, welches die zentrale Bühne war. Durch diese sparsame, wirtschaftliche, für eine (Wanderbühne ideale Raumgliederung, musste leider manches Requisit wegfallen, welches historischer Bestandteil bei Faust-Inscenierungen wurde. Doch gerade diese Knappheit an Buehnenmitteln konzentrierte die Sprache und die schauspielerische Gestaltung, sodass das Publikum ganz im Banne von Goethe und seinem Werk blieb. Dramaturgisch lwurde grosszügig mit dem Rotstift verfahren, dem wichtige und wertvolle Scenen, manches Wort zum Opfer fiel, welches den Fluss der Handlung manchesmal daemmte. Rethorisch wird es immer schwieriger moderne Schauspieler als Sprecher von Klassik einzusetzen; hier wird oft der strenge Wortrythmus abgewürgt, zu Gunsten der Konversations-Sprache. Olszewski spielte den Faust; er war der leidende Mensch mit faustischem Streben, der die Geisterwelt ¡liebt und in ihr leben wollte, einen Menschen, dem es nach Leben und Erlebnis, nach Wissen und Tat dürstet. Die grosse Charakterrolle des Mephisto spielte Wolfgang Haller, in einer Interpretion, die sehr interessant war, doch sich weit von dem entfernte, was auf deutschen Bühnen üblich ist. Hallers Mephisto ist kalt und intellektuell, sanft und geradezu menschlich; er ist mehr ein verführerischer Harlekin, als eine “Spottgeburt aus Dreck und Feuer”, ln dieser Auffassung spürte man nicht die Krallen, die Faust in die Seele schlagen und ihn zum Gefangenen des Mephistopheles machen. Nichtdestoweniger war die Leistung von Haller ausgezeichnet, sehr impressiv und gerade diese Eigenart seiner Auffassung von Mephisto erwies sich als interessant und anregend. Die doch sehr junge (und daher noch etwas unfertige) Petra Zander spielte das Gretchen, in Scenen die aufhorchen Hessen und ihr gutes Talent bestätigten. Frl. Zander aber fehlt es noch an dramatischer Kraft und an Versenkung, an voelliger Identifikation mit der von ihr darzustellenden Figur. Die Wahnsinn-Scene, war eine hoechst unfertige psychologische Studie; laute Tonne sind noch kein Beweis für glaubwürdigen Ausdruck innerer Erschütterung. Von dieser grossen, schauspielerisch überaus dankbaren Scene, kam von Petra Zander nicht der Ton, der das Publikum zür tiefen Anteilnahme zwang. (Die kleine Zander sollte von der grossen Denzler lernen, wie man Innenleben darstellerisch zum Ausdruck bringt). Gute Leistungen: Danzler (Marthe), Malzacher (Valentin), Weitze (Hexe) und André (Wagner). « Wie stets war das “Instituto Cultural Boliviano Aleman” der Organisator dieser Aufführungs-Serie, dem man fuer die gute Durchfuehrung dieses Gastspieles, zu danken hat. Direktor Olszewski unsern Dank für dieses Gastspiel, welches, die energische Arbeit bewies die an dieser kleinen Bühne geleistet wird, die heute bereits 30 lateinamerikanische Staedte bespielt. Das bei allen Auffuehrungen zahlreiche Publikum dankte an jedem Abend mit herzlichen Beifalls-Ovationen, die davon zeugten, wie theaterfreudig unser Publikum ist, und wie sehr man mit den Leistungen der “Kammerspiele” einverstanden war. Wir freuen uns schon heute, im naechsten September die Olszewski- Truppe hier wieder zu begrüssen. Besonders würde es uns freuen, wenn Sie erneut mit gutem Reportoire kaeme, welches im kommenden Jahr auch “Nathan der Weise” enthalten sollte, wofür sich keine Besatzungsschwierigkeiten ergeben würden. Luis Lagro. Linares berichten über Nordamerika Als treffliche Globetrotter erweisen sich Lisi und Alfred Linares, die uns schon früher ganz ausgezeichnete Reiseberichte (Europa) gaben. Diesesmal wurden wir durch die Linares über die USA informiert, über ein Riesengebiet, angefüllt von sozialen und politischen Problemen. Mit unbestechlichen Journalisten-Augen betrachteten Lisi und Alfred Linares dieses interessamte und erregende Gebiet, mit dem Ergebnis des Zustandebringens einer impressiven und lebendigen Reportage. Frau Linares berichtete über die “Vereinigten Staaten von Nordamerika", von dem Glanz dieser Weltzentrale aber auch von deren Schattenseiten. Fotomeister Alfred Linares bereicherte den Vortrag mit grossformatigen Diapositiven, sodass der akustisch-optische Vortrag das Bild über die USA empraegsam abrundete Herzlicher Beifall des sehr zahlreichen tPublikums dankte den Vortragenden für die Ausführungen die informierten und das Wissen über die USA bereicherte.